Was soll meine Seele heilen? Eine Untersuchung zu Psychotherapie und Seelsorge
Was soll meine Seele heilen? Eine Untersuchung zu Psychotherapie und Seelsorge
Autor: Jonas Janik Ralf Koberschinski & Dr. med. Mira Pankratz
Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. 2022 verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse 16 % mehr Krankschreibungen aufgrund seelischer Erkrankungen.1 Folglich rücken Psychopharmaka und Psychotherapie als zunehmend gefragte Heilmittel in den Fokus unserer Gesellschaft. Letzteres wollen wir in diesem Artikel näher untersuchen, da in der Psychotherapie und ihren zahlreichen Schulen eine gute Lösung gesehen wird. Auch in den Gemeinden erfahren wir einen großen Bedarf an Seelsorge. In Anbetracht der gesellschaftlichen Präsenz der Psychotherapie mit ihren zahlreichen Schulen und ihrer (scheinbaren) Professionalität, drängt sich immer wieder die Frage auf, ob die Seelsorge durch psychotherapeutische Methoden bereichert werden sollte. Sind wir mit der Bibel im Einklang, wenn wir als Christen Psychotherapie praktizieren? Verschiedene Stimmen plädieren dafür.2 Einer der Gründe dafür besteht in der ihr zugeschriebenen hohen Wirksamkeit und man meint pragmatisch, dass diese wirkmächtige Methode die Seelsorge ergänze.
1. DIE WIRKSAMKEIT DER PSYCHOTHERAPIE
Dass Psychotherapie eine wirksame Methode zur Behandlung zahlreicher psychischer Erkrankungen ist, wird inzwischen weithin, obgleich nicht ohne Widerspruch, angenommen.3 Mehr als 35.000 Primärstudien4 sprechen dafür. Dazu kommen circa 6000 Metaanalysen.5 In Metaanalysen werden Ergebnisse aus vielen Primärstudien zusammengefasst und nach verschiedenen Schwerpunkten in einem deutlich größeren Datenkontext bewertet. Durch dieses systematische Bündeln vieler Einzelstudien erhöht sich der Evidenzgrad (Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Ergebnis der Wahrheit entspricht) einer wissenschaftlichen Aussage. In Bezug auf die Frage nach der Wirksamkeit einer Intervention, kommen Metaanalysen deshalb eine besondere Relevanz zu.6 Jede Einzelstudie kann nur eingeschränkt und in unterschiedlichem Ausmaß die Wirksamkeit einer Behandlung begründen. 7 In Anbetracht der schieren Datenmenge wird heutzutage allgemeinhin angenommen, dass Psychotherapie wirklich wirkt. Gemeinsame Wirkfaktoren Nun gibt es viele unterschiedliche Psychotherapieschulen (zum Beispiel psychodynamische oder verhaltenstherapeutische Psychotherapie), die in ihrem Problem- und Therapieverständnis stark voneinander abweichen. Hier drängt sich die Frage auf, welche dieser Schulen die am besten wirksame ist. Überraschenderweise sieht sich die Psychotherapieforschung mit der Erkenntnis konfrontiert, dass keine bestimmte Therapieschule der anderen überlegen ist.8 Dieser Umstand wurde bereits 1936 von dem US-amerikanischen Psychologen und Psychotherapieforscher Saul Rosenzweig erwähnt.9 Die Erkenntnis über die Gleichwertigkeit der verschiedenen Psychotherapieansätze (bezogen auf die Wirksamkeit) lässt die Schlussfolgerung zu, dass es gemeinsame Wirkfaktoren geben muss, die zum Erfolg der Psychotherapie im Allgemeinen führen. Das stellt die Unterteilung in Schulen ein Stück weit infrage. Denn die einzelnen Schulen gehen gerade davon aus, dass aufgrund ihrer speziellen Methodik die Behandlung wirksam ist und nicht aufgrund allgemeiner Wirkfaktoren, die, egal welcher Schule man angehört, wirken, sodass die Schulzuordnung letztlich mehr oder minder überflüssig sei. Über die Jahrzehnte wurden verschiedene Modelle entwickelt, die diese gemeinsamen Wirkfaktoren darstellen sollen. Eines dieser Modelle, das Kontextuelle Metamodell, 10 wurde von Wampold et al. konzipiert. Es nimmt an, dass die Psychotherapie ihre Wirkung aufgrund eines bestimmten Kontextes entfaltet, in dem Therapeut und Patient interagieren. Dieser Kontext wird durch drei wesentliche Aspekte geschaffen: Zuerst braucht es eine echte Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Diese Beziehung soll vertraulich, authentisch und über das Pflichtmaß an Freundlichkeit hinausgehend sein. Zweitens müssen sowohl der Patient als auch der Therapeut eine Erwartung an die Therapie haben. Der Patient muss tatsächlich davon ausgehen, dass der Therapeut seine Probleme erklären und passende Lösungsmöglichkeiten anbieten kann. Aber auch der Therapeut braucht eine positive Erwartungshaltung. Er muss davon überzeugt sein, dass die durch ihn durchgeführte Therapie hilft.
Der dritte und letzte Wirkmechanismus umfasst die tatsächliche Durchführung der Therapie durch einen ausgebildeten Therapeuten. Bei der Behandlung selbst wird die Wirkung nicht psychotherapieschulen- spezifischen Faktoren zugeordnet, sondern der Annahme, dass gesundheitsfördernde Verhaltensweisen besprochen und trainiert werden. Dazu gehören Bereiche wie ein verändertes Denken und eine Veränderung der Sicht auf die Welt, eine Erklärung für die bestehenden Probleme zu haben, Selbstreflexion oder auch das Anleiten bei sozialer Interaktion. Außerdem soll ein gestärktes Selbstwertgefühl das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit schaffen. Erzielt der Patient eine Verbesserung in einem dieser Lebensbereiche, so wirkt sich dies positiv auf die anderen beispielhaft genannten Felder aus. Wenn sich die eigentliche Wirksamkeit der Psychotherapie entsprechend des Kontextuellen Metamodells in einer „echten Beziehung“, einer „bestimmten, positiven Erwartung“ und der „Durchführung von geschultem Personal“ finden lässt, kann dadurch auch die Effektivität von Interventions-Apps und Laientherapie erklärt werden.11 Die abstrahierten, gemeinsamen Wirkfaktoren lassen sich teilweise auch in anderen Kontexten wiederfinden, wie zum Beispiel in der Seelsorge. Worin sich Psychotherapie und Seelsorge ähneln und worin sie sich grundlegend unterscheiden, wird im Folgenden am Beispiel der kognitiven Verhaltenstherapie gezeigt.
2. KOGNITIVE VERHALTENSTHERAPIE
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wird hier als ein Psychotherapiekonzept herausgegriffen, das Einzug in die christliche Seelsorge erhalten soll.12 Auf den ersten Blick könnte man meinen, die KVT sei im Vergleich zur von Siegmund Freud begründeten Psychoanalyse weltanschaulich neutral. Kann sie daher problemlos in die Seelsorge integriert oder gar losgelöst von der Seelsorge von Christen angeboten werden? Wir können die Kernfrage unserer Untersuchung zuspitzen: Sollten Christen „Kognitive Verhaltenstherapie“ praktizieren? Lerntheoretische Grundlagen Verhaltenstherapien sind aus den lernpsychologischen Erkenntnissen des Behaviorismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgegangen. Zu dieser Zeit wurden Lerntheorien (zum Beispiel klassische und operante Konditionierung)13 formuliert, die bis heute an den Universitäten gelehrt werden. Die Grundannahme der Verhaltenstherapie ist, dass das Verhalten eines jeden Menschen zu einem Großteil erlernt und in der Konsequenz auch modifizierbar ist. Wir können also neue Verhaltensweisen lernen und alte wieder verlernen. Das Attribut „kognitiv“ wendet die eben genannten Überlegungen auf das Denken an, was bedeutet, dass auch unsere Denkweisen modifiziert werden können. Durch die KVT sollen „falsche“ Überzeugungen oder „nicht dienliche“, die den Patienten belasten, erkannt und verändert werden. Es soll also ein schädliches Gedankenverhalten modifiziert und in produktive Bahnen gelenkt werden. Unser Denken und unser Verhalten haben Auswirkungen auf unser gesamtes Leben. Ständig finden wir uns in verschiedenen Situationen wieder, die wir bewerten und auf die wir reagieren müssen. Diese Reaktionen können gewollte oder ungewollte Gefühle, körperliche Erregungszustände oder Verhaltensweisen sein. Wenn wir infolge einer durch uns als kritisch bewerteten Situation ein bestimmtes negatives Denk- und Verhaltensmuster erlernen, können wir dieses unbewusst auf weniger kritische Situationen übertragen. Die Kopplung von Bewertung und Reaktion führt dann zu unangemessenem Denken und Handeln. Die KVT setzt an dieser Stelle an und möchte die unangemessen negativen Gedanken durch angebrachtere Vorstellungen ersetzen. Durch die Therapie soll der Patient befähigt werden, seine Gedanken besser kontrollieren zu können und zur Bewertung von Situationen Maßstäbe heranzuziehen, die ihn eine Gegebenheit positiver erleben lassen. Die KVT lässt sich auf vier grundlegende Prinzipien reduzieren.15 Erstens ist sie zielorientiert. Sie beschäftigt sich mit der Bewältigung konkreter Probleme. Im Gegenteil dazu versucht die Psychoanalyse zuerst verborgene Traumata zu ergründen, um sie anschließend zu bewältigen. Zweitens ist die KVT im Hier und Jetzt verankert. Änderungen des Denkens und Verhaltens sollen vor Ort und in der Gegenwart vollzogen werden. Drittens ist das handelnde Subjekt der Patient selbst. Der Therapeut gibt lediglich eine Hilfe zur Selbsthilfe (Stichwort: Selbstwirksamkeit). Viertens zielt die KVT darauf ab, negative Gedankenautomatismen zu erkennen und zu durchbrechen. Klinische Anwendung Für die KVT gibt es viele Indikationen: Depression,16 Angststörungen,17 Panik,18 Schlafstörungen,19 Zwangsstörungen, Reizdarm-Syndrom, Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, chronische Schmerzen, Tinnitus, rheumatische Erkrankungen, überaktive Blase, et cetera.20 Ein Vorzug dieser Therapieschule besteht darin, dass bis zum Eintreten einer Besserung der Beschwerden im Durchschnitt weniger Therapiesitzungen benötigt werden als bei anderen Psychotherapieformen.21 Grob skizziert läuft die KVT wie folgt ab: Ein Hilfesuchender sucht einen Therapeuten aus. In ersten Gesprächen wird überprüft, ob zwischen den beiden Parteien die nötige, vertrauensvolle Beziehung hergestellt werden kann (siehe oben). Anschließend wird eine Problem- und Verhaltensanalyse durchgeführt und ein Therapieplan aufgestellt. Dann werden Methoden besprochen, die vom Patienten regelmäßig geübt werden sollen. Hausaufgaben sind Teil der Therapie. Ein Beispiel für eine Technik, die in einer Situation mit destruktiven Gedanken zum Einsatz kommen kann, ist die kognitive Umstrukturierung. Allerlei Gedanken schwirren durch unsere Köpfe und werden selten reflektiert. Dieses Reflektieren ist der Arbeitsauftrag bei der „kognitiven Umstrukturierung“. Der Patient soll Gedanken, die ihn beeinträchtigen, identifizieren, kritisch reflektieren und gegebenenfalls modifizieren lernen. Ein kurzes Beispiel: Ein Patient hat eine Depression.22 Er identifiziert Gedanken nach dem Muster: „Was kann ich eigentlich? Ich bin nutzlos.“ Diese werden beispielsweise umstrukturiert in: „Nein, ich denke, ich bin nutzlos.“ Das Hinzufügen der Einordnung „ich denke“ bewirkt eine bewusste Distanzierung vom eigenen Denken. Erst dadurch wird eine Überprüfung des Wahrheitsgehalts ermöglicht. So kann es gelingen den „Circulus vitiosus“ in einen „Circulus virtuosus“23 zu überführen (von „fehlerhaft“ zu „fähig“). Wenn das erreicht ist und beim Hilfesuchenden zur Gewohnheit geworden ist, hat die KVT ihr Zeil erreicht.
3. BIBLISCHE BEURTEILUNG DER KVT
Diese kurze Übersicht befähigt uns bereits, eine kritische Analyse und Beurteilung dieses Therapiekonzepts im Rahmen des christlichen Weltbilds vorzunehmen. Die eben dargestellte Methode der „kognitiven Umstrukturierung“ und Distanzierung zu akzidentellen Gedankengängen weist positive Elemente auf. Was Paulus Christen aufträgt, klingt ähnlich: „Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Zerstörung von Festungen; so […] nehmen [wir] jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi“ (2. Korinther 10,4). Insofern trägt uns Paulus lange vor der Begründung der KVT in gewisser Weise das Prinzip der „kognitiven Umstrukturierung“ auf. Wir sollen unsere (respektive alle) Gedanken umstrukturieren, indem wir unsere Gedanken anhand der Bibel überprüfen und sie mithilfe der uns zugesprochenen Verheißungen hinterfragen. Dazu schreibt Paulus in Philipper 4,8: „Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob [gibt], das erwägt!“ Die KVT macht sich an dieser Stelle eine gute Methode zu eigen, weil sie unbewusst auf biblische Prinzipien zurückgreift. Neben dieser einen Methode, die wir in der KVT finden und die durchaus biblisch begründbar nachzuahmen ist, treten andere Faktoren hervor, die sich nicht mit dem christlichen Weltbild vereinbaren lassen. Was der KVT den Anschein der Neutralität nimmt, ist das zugrundeliegende Menschenbild. Im gängigen Standardwerk „Lehrbuch der Verhaltenstherapie“ heißt es dazu: „Jeder psychotherapeutische Ansatz – jede Richtung, jede ‘Schule‘ – vermittelt über die eigenen Modellvorstellungen auch ein bestimmtes Bild vom Menschen. Dies wird oft nicht explizit ausformuliert, sondern in den Behandlungsempfehlungen zeigt sich indirekt, welchen Zusammenhängen besonderes Gewicht beigemessen wird.“24 Demgemäß handelt es sich bei der KVT nicht um eine objektive und neutrale Beobachtungsmethode, sondern die gewonnenen Erkenntnisse werden innerhalb der jeweiligen Weltanschauung weiterverarbeitet. Im Fall der KVT handelt es sich um ein materialistisch geprägtes Weltbild, welches sich von geistlichen Realitäten distanziert. Damit zeichnet sich ein erster gravierender Unterschied zur Grundausrichtung der Seelsorge ab. Die Unterschiede lassen sich kategorisch in drei Punkten25 zusammenfassen:
a) Gottlos Die KVT ist gottlos aufgebaut. Gott ist nicht Teil der Gleichung, die zum Ergebnis einer gelungenen Therapie führen soll. Ausgangspunkt und handelndes Subjekt in der KVT ist nicht der heilige und gerechte Gott, wie er in der Bibel in Römer 3 oder Jesaja 6 beschrieben wird. Sondern der Fokus liegt auf menschlichen Gedanken, die für das Leben einer Person zuträglich oder hinderlich sein können. Die KVT kreist von ihrem Wesen her einzig und allein um den Menschen, während die echte Seelsorge um Gott kreist.
b) Relativistisch Die KVT hält sich weder an Gottes Maßstab (die Bibel) noch an irgendein anderes für alle Teilnehmer verbindliches Wertegerüst. Jeder Hilfesuchende muss sich zuerst seine eigene Lebens- und Moralvorstellung konzipieren, um anschließend innerhalb dieser Vorstellungen, die für niemanden sonst eine Verbindlichkeit haben, eine Lösung für seine Probleme finden. Offen bleibt die Frage, woran sich der Patient beim Erstellen seiner persönlichen Maßstäbe orientieren soll. Was ist zuträglich und was ist hinderlich? Es liegt nahe, dass die Bewertung von Patient zu Patient, aber auch von Therapeut zu Therapeut divergieren und sich jederzeit ändern, also relativieren, kann. Seelsorge entscheidet anders. Sie ist in Gottes Wort gegründet und hat damit feste, für jeden anhand der Bibel überprüfbare Werte. Denn nur Gott allein hat das Recht, die Macht und die Weisheit, gute und richtige Maßstäbe festzulegen. Und deshalb orientiert sich der Christ an ihm.
c) Menschenzentriert Weil bewusst keine definierte Transzendenz und insbesondere nicht der Gott der Bibel im Mittelpunkt der Verhaltenstherapie steht, rückt der einzelne Mensch an diesen Platz. Insofern spielen für die KVT grundsätzliche theologische Wahrheiten keine Rolle. Zwei wesentliche konstitutive Merkmale des Christentums sind die Geschöpflichkeit und die Sündhaftigkeit des Menschen, der seinem vollkommenen, heiligen Schöpfer gegenüber steht. Indem die Geschöpflichkeit geleugnet wird, erleidet der Mensch den Verlust entscheidender Bestandteile seines Wertes. Auf welcher Basis soll ich den Gedanken „ich bin wertlos“ umstrukturieren, wenn ich – zugespitzt gesprochen – arm, arbeitslos und in zerrütteten Verhältnissen lebe? Worin kann ich einen Wert finden, der nicht durch mein eigenes Denken oder das Urteilen anderer zunichte gemacht werden kann? Die Seelsorge hat keine Probleme damit, eine feststehende Lösung für diese Gedanken zu bieten, was nicht leugnet, dass es eine Herausforderung ist. Der Mensch hat einen Wert aufgrund seines Schöpfers (1. Mose 1,26). Und diesem Schöpfer sind seine Geschöpfe so viel wert, dass er trotz des Sündenfalls seinen geliebten Sohn Jesus Christus geschickt hat, um Sündern den einzigen Weg zum unverdienten Heil zu ebnen (Johannes 3,16 und 14,6). Nur über diesen gottzentrierten Ansatz kann man dem Menschen gerecht werden und seinem tiefsten Problem – der Verlorenheit vor Gott – begegnen. Die KVT missachtet diese Verlorenheit und kennt auch keine Ewigkeit. Sie verspricht „die Lösung“ von Problemen allein aus menschlicher Kraft mit täuschenden Gedanken, wie „ich bin gut“ oder „ich muss nur mir selbst gefallen“. Solche menschenzentrierten Gedanken verhüllen Hilfsbedürftigen den Blick auf ihre wahre Hilfsbedürftigkeit, die Möglichkeit der Buße und das Heil. Außerdem können sie auch zu direkt spürbaren Schäden führen. Der Berliner Psychiater Prof. Bschor verweist auf weitere, bedenkenswerte Wirkungen der Psychotherapie: „Immer wieder kommt es dazu, dass sich Menschen im Rahmen einer Psychotherapie vom Partner trennen oder die Arbeit kündigen. [...] Auch wurden Psychotherapie- Patienten beobachtet, bei denen sich durch die intensive Beschäftigung mit der eigenen Person ausgeprägte egoistische Züge entwickelt haben.“26 Insofern verliert die KVT die Verlorenheit des Menschen aus den Augen – seine prekäre Situation vor Gott. Indem die Sündennatur missachtet wird, wird der Weg zum Kreuz und zur Buße verbaut, den Gott jedem von uns eröffnet hat. Vermeintlich positive Gedanken, die helfen sollen, den Menschen aus seiner emotionalen Tiefe zu befreien, täuschen ihn vielmehr und verdecken ihm, wie bereits erwähnt, die Sicht auf seine Verlorenheit, seine wahre Hilfsbedürftigkeit und auf das Heil Gottes.
4. FAZIT
Die kognitive Verhaltenstherapie und die biblische Seelsorge27 haben eine nicht miteinander zu vereinbarende Anthropologie. Können Christen dennoch kognitive Verhaltenstherapie praktizieren? Hierauf können wir eine klare Antwort geben: Nein. Denn Christen würden, wenn sie sich der KVT bedienten, eine Methode anwenden, die entgegengesetzt zum christlichen Weltbild konzipiert wurde, auch wenn das nicht immer direkt offensichtliche Konsequenzen haben muss. Eine „normale“ KVT ersetzt und ergänzt keine Seelsorge, weil sie dahin leitet, dass man sich selbst helfen kann und Gott nicht nötig hat. Sie führt weg von der Sündenerkenntnis und arbeitet daher entgegen der Seelsorge. Nur weil Seelsorge, die es schon länger gibt, Prinzipien verwendet, die die KVT ebenfalls anwendet, heißt es nicht, dass man alles andere aus der KVT in die Seelsorge integrieren sollte. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich einst einer solchen Therapie unterzogen hat oder vielleicht gerade unterzieht. Dabei können einem Fragen helfen wie: Welche Denk-Prinzipien bekomme ich vermittelt? Stimmen diese mit der Bibel überein? Wo muss ich Buße tun? Glücklicherweise verlieren wir nichts, wenn wir uns der KVT nicht bedienen. Die oben genannten, allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie lassen sich großteils auch auf eine liebevolle, sorgfältige seelsorgerliche Begleitung im Rahmen der Gemeinde übertragen. Insofern können wir genauso einen wirksamen Kontext schaffen, in dem wir unserem Gegenüber wertschätzend und authentisch begegnen, mit der festen Überzeugung, dass unsere Methodik (Seelsorge) wirksam ist. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.“ (2. Timotheus 3,16–17) Wie Paulus können wir darauf vertrauen, dass Gott dazu fähig ist, durch sein Wort Christen, in egal welcher Lebenssituation sie sich befinden mögen, zu befähigen, ein ihm wohlgefälliges und zugerüstetes Leben zu führen. Jeder Christ steht in der Verantwortung „Seelsorge“ anzubieten, also sich den Problemen seiner Glaubensgeschwister anzunehmen, beziehungsweise jemanden zu suchen, der sich dessen annehmen kann und der einem hilft, die Wahrheit aus 2. Timotheus 3,16–17 auf das eigene Leben anzuwenden. Dabei mag es sicher nicht schaden, wenn der Seelsorger sich theoretisch (und natürlich auch praktisch) darin übt, Hilfesuchende anhand der Bibel und im liebevollen Gespräch zu überführen und zu begleiten. Von der Bibel her findet sich das Konzept des professionellen Seelsorgers nicht. Aber es findet sich, dass die Ortsgemeinde der Ort ist, in dem Seelsorge primär ausgeübt werden soll. Hebräer 10,23–25: „Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten – denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat –, und lasst uns aufeinander achthaben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern [einander] ermuntern, und [das] umso mehr, je mehr ihr den Tag herannahen seht!“ Jeder Christ ist generell angehalten, sich in einer Ortsgemeinde einzubringen. Durch ihren objektiven Wahrheitsgehalt, dadurch, dass sie zu Gott hinführt, dadurch, dass sie Befreiung durch Vergebung bietet und um Ewigkeit bemüht ist, bietet uns die Seelsorge so viel mehr als eine KVT. Und dadurch kann der Christ zu guter Letzt im Gegensatz zum Gottlosen, der allein auf seine Selbstwirksamkeit zurückgeworfen ist, auf Gottes Wirksamkeit hoffen. Hebräer 4,14–16 bestätigt uns dies : „Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“
[Quellen] siehe PDF
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Was sollte bei einer depressiven Symptomatik medizinisch abgeklärt werden?
Was sollte bei einer depressiven Symptomatik medizinisch abgeklärt werden?
Autor: Dr. rer. nat. Martin Schumacher & Dr. med. Matthias Klaus
„Unspezifische Verhaltens- und Stimmungsänderungen sind oft das erste und manchmal für längere Zeit das einzige und ausschließliche Anzeichen für eine unerkannte körperliche Erkrankung. Durch ihre offensichtliche und überzeugende 'psychologische' Natur und Präsentation führen solche maskierten körperlichen Zustände den Arzt häufig in die Irre und verhindern so jede weitere medizinische (das heißt somatische) Untersuchung, was zu Fehldiagnosen und damit zwangsläufig zu einer fehlgeleiteten Behandlung führt.“1
– Erwin Koranyi (1924–2012), kanadischer Psychiatrieprofessor
Eine gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, eine Verminderung des Antriebs und Ähnliches mehr sind häufige Probleme von Menschen, die ärztliche oder seelsorgerliche Hilfe suchen. Wenn mehrere dieser Symptome bei einem Betroffenen länger als zwei Wochen bestehen, rechtfertigt dies gemäß dem gültigen Diagnoseschlüssel ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation2 die Diagnose einer Depression (Diagnosecodes F32-F39). Der Begriff Depression wird dabei nur beschreibend verwendet, das heißt, er fasst mehrere Symptome in einem Begriff zusammen. In diesem Sinn bezeichnet Depression keine Krankheit, sondern das zeitgleiche Auftreten mehrerer Symptome (wie zum Beispiel Fieber und Gliederschmerzen in der somatischen Medizin). Der Begriff Depression umfasst nicht nur verschiedene Schweregrade der Symptomatik (leicht/mittelgradig/ schwer), sondern auch unterschiedliche Typen, wie depressive Episode, reaktive Depression, endogene Depression (Melancholie), Dysthymie (chronische leichte Depression), atypische Depression (vorwiegend Symptome organischer Art), Prämenstruelle Dysphorische Störung (eine schwere Form des Prämenstruellen Syndroms (PMS) mit Depression), Wochenbettdepression und psychotische Depression. Differenzialdiagnostisch muss eine Depression von anderen Krankheitsbildern wie Demenz, Stupor, Delirium, Parkinson oder auch einem Burnout abgegrenzt werden. Außerdem wird die Unterscheidung zwischen einer Bipolaren Störung (früher auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet) und einer Depression oft verfehlt, weil (hypo)manische Phasen des Öfteren nur von kurzer Dauer sind und von den Betroffenen nicht als krankhaft angesehen werden. Aus diesen Gründen wird das Vorliegen einer Bipolaren Störung manchmal erst nach vielen Jahren diagnostiziert, was die Wahl der Pharmakotherapie und den Krankheitsverlauf negativ beeinflusst. Umgangssprachlich wird der Begriff Depression inflationär gebraucht. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass man tatsächlich von einer Volkskrankheit sprechen könnte. Das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Depression (alle Formen) zu erkranken, liegt national wie international bei 16–20 %. Das bedeutet, dass jeder fünfte bis siebte Mensch in seinem Leben die Erfahrung einer Depression macht. Frauen sind dabei etwa doppelt so häufig wie Männer betroffen. Die Häufigkeit einer behandelten Depression (Diagnoseprävalenz) wird stetig größer; von 2009–2017 stieg sie um 26 %.3
1. Depressionstypen
Depressionen können sehr viele verschiedene Ursachen haben. Die Art und auch der Schweregrad der Symptome sind unspezifisch und lassen leider keinen Rückschluss auf die Ursache zu. Sinnvoll ist die Unterscheidung von grundsätzlich drei verschiedenen Depressionstypen, in die die oben genannten verschiedenen Ausprägungen einer Depression eingruppiert werden können. Endogene Depression (Melancholie) Die Melancholie ist eine schwere Erkrankung, die mit einer ausgeprägten somatischen Symptomatik wie beispielsweise einer psychomotorischen Verlangsamung einhergeht. Darüber hinaus zeigt sie einen wiederkehrenden (episodischen) Verlauf und tritt oft familiär gehäuft auf. Oft bestehen auch Wahnideen (zum Beispiel Versündigungswahn, Verarmungswahn) und das Risiko eines Suizids ist erhöht. Beim Auftreten einer endogenen Depression können oft keine auslösenden Faktoren erkannt werden, die Depression beginnt dann wie „aus heiterem Himmel“. Der Anteil dieses Depressionstyps beträgt etwa 10 %. Psychogene (neurotische, reaktive) Depression Bei der psychogenen Depression liegt die Ursache für die depressive Symptomatik in äußeren oder inneren psychischen Faktoren.4,5 Hierzu zählen unter anderem erlittene Traumata, Verluste, Stress und schwierige Lebensumstände. Die psychogene Depression ist mit einem Anteil von etwa 80 % die weitaus häufigste. In diesem Fall ist eine seelsorgerliche Begleitung die „Therapie“ der Wahl. Psychogen verursachte Depressionen haben bei einer Elimination der verursachenden Faktoren eine sehr gute Prognose. Exogene (sekundäre) Depression Dieser Typ umfasst alle Depressionen, die durch physische Faktoren ausgelöst werden. Die Liste der potentiellen Ursachen ist sehr lang und umfasst neben vielen verschiedenen körperlichen Erkrankungen einen Mangel an wichtigen Nährstoffen, Nebenwirkungen von Medikamenten, Drogen und Intoxikationen (Schwermetalle, organische Gifte). Der Anteil dieser Depressionsform beträgt etwa 10–20 %. Auf die Abgrenzung der exogenen Depressionen von den anderen genannten Depressionstypen wird im Folgenden näher eingegangen. Der Begriff Depression umfasst nicht nur verschiedene Schweregrade der Symptomatik (leicht/mittelgradig/ schwer), sondern auch unterschiedliche Typen, wie depressive Episode, reaktive Depression, endogene Depression (Melancholie), Dysthymie (chronische leichte Depression), atypische Depression (vorwiegend Symptome organischer Art), Prämenstruelle Dysphorische Störung (eine schwere Form des Prämenstruellen Syndroms (PMS) mit Depression), Wochenbettdepression und psychotische Depression. Differenzialdiagnostisch muss eine Depression von anderen Krankheitsbildern wie Demenz, Stupor, Delirium, Parkinson oder auch einem Burnout abgegrenzt werden. Außerdem wird die Unterscheidung zwischen einer Bipolaren Störung (früher auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet) und einer Depression oft verfehlt, weil (hypo)manische Phasen des Öfteren nur von kurzer Dauer sind und von den Betroffenen nicht als krankhaft angesehen werden. Aus diesen Gründen wird das Vorliegen einer Bipolaren Störung manchmal erst nach vielen Jahren diagnostiziert, was die Wahl der Pharmakotherapie und den Krankheitsverlauf negativ beeinflusst. Umgangssprachlich wird der Begriff Depression inflationär gebraucht. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass man tatsächlich von einer Volkskrankheit sprechen könnte. Das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Depression (alle Formen) zu erkranken, liegt national wie international bei 16–20 %. Das bedeutet, dass jeder fünfte bis siebte Mensch in seinem Leben die Erfahrung einer Depression macht. Frauen sind dabei etwa doppelt so häufig wie Männer betroffen. Die Häufigkeit einer behandelten Depression (Diagnoseprävalenz) wird stetig größer; von 2009–2017 stieg sie um 26 %.3 Das folgende Flussdiagramm soll dabei helfen, sich im Diagnostikprozess zu orientieren, indem ein schrittweises Vorgehen zur medizinischen Abklärung von Depressionen vorgestellt wird. Die in diesem Artikel genannten Maßnahmen werden in einer übersichtlichen Form dargestellt und konkrete Maßnahmen aufgezeigt. Die im Flussdiagramm häufig erwähnten Basismaßnahmen (BM) sind von fundamentaler Wichtigkeit und sollten nicht vernachlässigt werden. Eine detaillierte Beschreibung findet man im Artikel „Basismaßnahmen Depressionen“ ab Seite 22 in diesem Heft.
2. Exogene Ursachen von Depressionen
Depressionen können durch viele verschiedene Faktoren verursacht werden. Einige davon sind trivial und werden deshalb oft nicht in Betracht gezogen. Einige dieser Faktoren sind beispielsweise:
– Schlafmangel
– übermäßiger Konsum digitaler Medien
– einseitige Ernährung (vegetarisch, vegan, Fastfood)
– rezeptpflichtige Medikamente (Antibabypille)
– körperliche Inaktivität, Übergewicht
– Eisenmangel (häufig bei menstruierenden Frauen; auch ohne manifeste Anämie)
– Borreliose
– Autoimmunkrankheiten (Lupus, Rheumatoide Arthritis, Hashimoto-Thyreoiditis, Sjögren-Syndrom, Diabetes Typ I)
– Medikamente
– Drogen (Kokain, Cannabis)
– Obstruktive Schlafapnoe (unbehandelt)
– Infektionen durch Bakterien, Viren, Protozoen, Würmer oder Pilze
– Erbkrankheiten (Morbus Wilson, Porphyrie, Chorea Huntington)
– Hormonelle Störungen (Fehlfunktion von Schilddrüse oder Nebenniere, Diabetes, Prämenstruelles Syndrom)
– Tumore (Gehirn, Pankreas)
– Allergien/Unverträglichkeiten (Fruktose, Laktose)
– Mangelzustände (Eisen, Vitamine, Mineralien, Spurenelemente)
– Organerkrankungen (Herz, Niere, Leber, Pankreas)
– Neurologische Erkrankungen (Epilepsie, Multiple Sklerose)
– Intoxikationen (Schwermetalle, organische Gifte)
3. Wann ist eine medizinische Untersuchung angezeigt?
In jedem Fall sollte eine medizinische Untersuchung erfolgen. Leider wird diese häufig nicht oder nur unzureichend durchgeführt. In vielen Fällen ist es schwierig zu beurteilen, ob mögliche körperliche Ursachen ausreichend abgeklärt wurden. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit schwerer Depression ist an eine somatische Ursache zu denken.14–16 Im Folgenden soll ein Leitfaden an die Hand gegeben werden, mit dem man überprüfen kann, ob eine ausreichende medizinische Abklärung erfolgt ist, beziehungsweise welche Untersuchungen angezeigt sind. Das Erkennen einer organischen Ursache (zum Beispiel Hirntumor) ist von großer Wichtigkeit und Tragweite, da in solchen Fällen sowohl eine Seelsorge als auch eine medikamentöse antidepressive Therapie die Ursache nicht behandeln können.
4. Medizinische Basisuntersuchungen
Um herauszufinden, welche Ursache zu dem depressiven Beschwerdebild führen, sollten gewisse Untersuchungen immer durchgeführt werden, wir nennen sie daher Basisuntersuchungen. Hierzu gehören:
– umfassende Anamnese
– medizinische Untersuchung (inklusive Vitalzeichen und neurologischem Status)
– Laboranalysen (Blutbild, CRP, BSG, TSH, Elektrolyte, Ferritin, Leber- und Nierenwerte)
– Medikamentenanamnese (auch rezeptfreie Präparate und Nahrungsergänzungsmittel, siehe Infobox „Medikamente als Auslöser von Depressionen‟)
5. MEDIKAMENTE ALS AUSLÖSER VON DEPRESSIONEN
Eine besondere Beachtung als mögliche Ursache einer depressiven Symptomatik verdienen Medikamente und Drogen. Sehr viele Medikamente können Symptome einer Depression hervorrufen, insbesondere wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden (Polypharmazie). Ältere Menschen sind diesbezüglich besonders empfindlich und auch öfters betroffen. Es ist eine gewisse Ironie, dass sogar viele Psychopharmaka psychische Symptome verursachen können, die nur schwer von denen einer psychischen Störung unterschieden werden können.17 Es wurde auch nachgewiesen, dass moderne Antidepressiva sogar Suizide und Gewalttaten auslösen können, vor allem in der ersten Woche nach Medikationsbeginn.24 Die folgenden Medikamentengruppen und Medikamente sind als mögliche Auslöser von Depressionen bekannt. Die angeführten Wirkstoffnamen stellen nur eine Auswahl dar. Es muss betont werden, dass nicht alle Wirkstoffe einer Medikamentengruppe, zum Beispiel Antibiotika, eine Depression auslösen können. Es ist insbesondere darauf zu achten, ob es eine zeitliche Beziehung zwischen der Einnahme eines Medikaments und des Auftretens der depressiven Symptomatik gibt. Hier folgt eine kleine Auswahl von Medikamenten, die depressive Symptome auslösen können:
– Antiepileptika (Topiramat, Phenytoin, Primidon, Phenobarbital)
– Kortikosteroide (Prednisolon, Methylprednisolon)
– Kontrazeptiva (Antibabypille)
– Immunsuppressiva (Azathioprin, Zytostatika, Interferon)
– Antipsychotika (Olanzapin, Amisulprid, Quetiapin, Risperidon, Haloperidol)
– Antibiotika (Fluorchinolone, Ofloxacin, Gyrasehemmer)
– Virostatika (Aciclovir)
– Antihypertensiva (ACE-Hemmer, Betablocker, Calciumkanalblocker)
Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass ein längerfristiger Drogenkonsum häufig depressive Symptome hervorruft. Allen voran ist der Alkoholkonsum zu nennen, dann aber auch Drogen wie Kokain, Amphetamine und Cannabis
6. BESONDERHEIT AUTOIMMUNE ENZEPHALITIS (Gehirnentzündung)
In den vergangenen 25 Jahren wurde die Verursachung von Psychosen, Zwangserkrankungen und affektiven Störungen (Depressionen) durch Autoimmun Enzephalitiden (Gehirnentzündungen) intensiv erforscht. Beim Vorliegen eines oder mehrerer der untenstehenden Anzeichen ist eine Lumbalpunktion und Untersuchung des Liquors angezeigt.20 Allerdings ist es auch möglich, dass eine Autoimmun-Enzephalitis ohne die unten aufgelisteten Anzeichen oder einen positiven Befund der Autoantikörperserologie (Seronegativität) vorliegt. Vorwiegend psychiatrische Symptome und zusätzlich folgende Symptome können Ausdruck einer autoimmunen Enzephalitis sein:
– Krampfanfälle
– Bewegungsstörungen
– Bewusstseins- und/oder Kognitionsstörungen
– Fieber
– fluktuierende psychiatrische Symptome
– Kopfschmerzen
– kürzlich entdeckte Tumore
– neurologische Defizite
– Sprach- und Sprechstörungen
– Therapieresistenz gegenüber einer psychopharmakologischen Standardtherapie
7. Warnhinweise beachten – von versteckten Hinweisen bis zu ernsten Warnzeichen (Red Flags)
Entsprechend des breiten Ursachenspektrums exogener Depressionen ist die Anzahl der möglichen medizinischen Diagnostik sehr groß. Eine umfassende apparative und labormedizinische Untersuchung ist jedoch sehr aufwendig und in den meisten Fällen nicht angezeigt. Erst wenn bestimmte Indikatoren vorhanden sind, sollten weitergehende, über die genannten Basisuntersuchungen hinausgehende Schritte durchgeführt werden.18,19 Folgende Warnzeichen sprechen für eine organische Ursache.3,18-20 Insbesondere wenn die Zeichen oder Symptome in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der depressiven Symptomatik stehen, sind sie ein starker Hinweis hierfür. Eine neue schwere depressive Symptomatik und:
– neurologische Fokalsymptomatik (zum Beispiel Lähmungen, Bewegungs-, Sensibilitäts- oder Sprechstörungen)
– auffällige klinische Veränderungen (zum Beispiel ausgeprägter Gewichtsverlust oder -zunahme, Fieber)
– ausgeprägte Bewusstseins- und/oder kognitive Störungen
– psychotische Symptomatik (optische Halluzinationen, Wahn)
– fehlende Hinweise auf psychosoziale Stressfaktoren und/oder schwierige Lebensumstände des Patienten
– bekannte schwere chronische oder akute somatische Begleiterkrankung
– chronischer Verlauf der depressiven Symptomatik
– Therapieresistenz gegenüber einer psychopharmakologischen Standardtherapie
– erstmaliges Auftreten der depressiven Symptomatik in einem Alter von mehr als 35 Jahren
– regelmäßiger Konsum von Medikamenten, Alkohol oder Drogen
– Kopfverletzung(en)
– ungewöhnliche Kopfschmerzen oder Änderung des Kopfschmerzmusters
– Änderung des Bewusstseins (Bewusstseinstrübung) oder der Persönlichkeit
– plötzliche Todesangst
– kürzlich entdeckte Tumore
– Krampfanfälle (Epilepsie)
– fluktuierende psychiatrische Symptome
8. Zusammenfassung
Depressionen kommen häufig vor und sind oft mit großem Leid verbunden. Dass es verschiedene Ursachen von Depressionen gibt, wird meist nicht beachtet, da die Diagnose ja zuerst einmal deskriptiv, also nur beschreibend ist. Eine depressive Symptomatik kann auch durch eine Vielzahl physischer Faktoren ausgelöst werden. Da die Symptomatik keinen Hinweis auf ihre Ursache erlaubt, ist eine medizinische Untersuchung in jedem Fall angezeigt. Wenn nötig, sollten weitergehende Untersuchungen durchgeführt werden. Ein ausführliches Literaturverzeichnis erlaubt ein vertieftes Studium dieser Thematik.
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Psychopharmaka – Nutzen und Risiken
Psychopharmaka – Nutzen und Risiken
Autor: Dr. rer. nat. Martin Schumacher
Psychopharmaka sind ganz allgemein Stoffe (Chemikalien oder Pflanzenextrakte), die eine erwünschte Wirkung auf die Psyche ausüben. Wikipedia definiert Psychopharmaka folgendermaßen: „Ein Psychopharmakon ist eine psychoaktive Substanz, die als Arzneistoff genutzt wird. Sie beeinflusst die neuronalen Abläufe im Gehirn und bewirkt dadurch eine Veränderung der psychischen Verfassung“.1 Alle Psychopharmaka beeinflussen einen oder mehrere neurochemische Vorgänge im Gehirn. Dieses reagiert, indem es sich an den durch das Medikament hervorgerufenen neuen Zustand anpasst und ihn zu kompensieren versucht. Die Wirkung von Psychopharmaka kann von den Betroffenen durchaus als hilfreich empfunden werden. Diese subjektiv empfundene Wirkung setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Alle Substanzen haben einen beträchtlichen Placeboeffekt und viele psychische Leiden eine natürliche Heilungstendenz, die beide fälschlicherweise auch der Wirkung des Medikaments zugeschrieben werden können.
| Krankheitszentriertes Modell | Wirkstoffzentriertes Modell |
|---|---|
| PP* korrigieren einen unnormalen Zustand des Gehirns. | PP erzeugen einen unnormalen Zustand des Gehirns. |
| PP wirken spezifisch auf Krankheiten. | PP sind unspezifische psychoaktive Substanzen. |
| Die therapeutischen Effekte beruhen auf der Wirkung auf die Pathophysiologie der Krankheit oder dem biologischen Mechanismus, der die Symptome erzeugt. | Hilfreiche Effekte sind das Produkt von wirkstoffinduzierten Veränderungen der normalen Hirnfunktion. |
| PP wirken bei „Kranken“ anders als bei Gesunden. | PP zeigen bei „Kranken“ und bei Gesunden die gleichen Wirkungen. |
| Beispiele: Insulin bei Diabetes, Antibiotika bei bakteriellen Infektionen | Beispiel: Alkohol bei sozialer Phobie |
*PP = Psychopharmaka
In der Tabelle (siehe oben) werden zwei verschiedene Modelle der Wirkungsweise von Psychopharmaka vorgestellt. 2 Das wirkstoffzentrierte Modell beschreibt meiner Meinung nach die wissenschaftlichen Beobachtungen zutreffender.
1. Gegenüberstellung von zwei Modellen der Wirkungsweise von Psychopharmaka
Die Begriffe Antidepressivum und Antipsychotikum (früher: Neuroleptikum) suggerieren, dass diese Medikamente gezielt gegen Depressionen beziehungsweise Psychosen wirken. Dies ist aber nicht der Fall. Sie wirken unspezifisch und auch nicht bei jeder Depression beziehungsweise Psychose (zum Beispiel, wenn diese durch eine körperliche Krankheit verursacht ist). Sie werden auch bei vielen anderen psychiatrischen Krankheitsbildern eingesetzt. Die Entdeckung der Neurotransmitter und das Verständnis der pharmakologischen Wirkmechanismen der Psychopharmaka führten zur Formulierung der Serotonin- Hypothese der Depression und der Dopamin- Hypothese der Schizophrenie, die gerne zur Erklärung dieser psychischen Störungen gebraucht werden. Diese Hypothesen sind jedoch keine wissenschaftlich fundierten Fakten, sondern nur grobe Erklärungsmodelle, die von den meisten Experten nicht mehr vertreten werden. So bezeichnet ein bekannter deutscher Psychiater und Depressionsexperte die Serotonin-Hypothese der Depression als „das Märchen vom Serotoninmangel“.3 Die tatsächlichen Ursachen psychischer Störungen sind offensichtlich wesentlich komplexer als die genannten einfachen Hypothesen und es gibt bis heute keine allgemein anerkannten Modelle und Erklärungen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Psychopharmaka psychische Störungen nicht im Sinne einer heilenden Wirkung beeinflussen, sondern eher eine unspezifische Unterdrückung von Symptomen bewirken. In dieser Hinsicht kann man sie mit Medikamenten wie Aspirin® oder Ibuprofen zur Behandlung von Fieber oder Schmerzen vergleichen.
2. Die Verschreibungspraxis von Psychopharmaka
Im Jahr 2021 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 2,5 Milliarden Tagesdosen Psychopharmaka verordnet.4 Gemessen an der Zahl der Verordnungen (Rezepte) in der Bundesrepublik Deutschland standen diese Präparate im selben Jahr an dritter Stelle. Diese Zahlen deuten auf eine ernsthafte Problematik hin. Wenn man bedenkt, dass es vor 1950 nur sehr wenige Verordnungen von Psychopharmaka gab (alle wichtigen Präparate wurden erst später entdeckt und auf den Markt gebracht), wird der rasante Aufstieg des Gebrauchs der Substanzen deutlich. Der Anstieg der Verschreibungszahlen ist bis heute ungebrochen. An der Spitze stehen die Antidepressiva. Die Zahl der Tagesdosen dieser Medikamente hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verzehnfacht. Wie lässt sich dieser hohe Gebrauch von Psychopharmaka erklären? Als Gründe können unter anderem das gegenwärtig dominierende biologische Modell der psychischen Störungen, die Zunahme der Anzahl der psychiatrischen Diagnosen,5 die sich verändernde Gesellschaft und der Lebensstil, sowie die sinkende Resilienz in der westlichen Welt genannt werden.
3. Einteilung der Psychopharmaka
Grundsätzlich werden Psychopharmaka nach ihrer Indikation in verschiedene Klassen eingeteilt. Allerdings muss man betonen, dass diese Einteilung idealisiert ist und im psychiatrischen Alltag nicht strikt eingehalten wird. Moderne Psychopharmaka, zum Beispiel aus den Gruppen der Antidepressiva und Neuroleptika, kommen häufig bei einer Vielzahl von psychischen Störungen zum Einsatz. In den folgenden Abschnitten werden die verschiedenen Präparate zunächst mit ihrem Wirkstoffnamen und dann in Klammern mit einem oder mehreren gebräuchlichen Handelsnamen aufgeführt. Viele Psychopharmaka sind mittlerweile auch als Generika erhältlich, wobei der Handelsname dann häufig den Wirkstoffnamen erhält (zum Beispiel Quetiapin-ratiopharm®). Zu beachten ist, dass die Handelsnamen von Präparaten mit dem gleichen Wirkstoff je nach Anbieter und Land oft unterschiedlich sind.
4. Antidepressiva
Antidepressiva sind das Flaggschiff der medikamentösen Behandlung psychischer Störungen. Sie kommen nicht nur bei Depressionen zum Einsatz, sondern auch bei vielen anderen Krankheitsbildern wie zum Beispiel bei Ängsten, sozialen Phobien, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Panikstörungen, Zwangsstörungen, Bulimie, Persönlichkeitsstörungen und bipolaren Depressionen. In diesem Sinne werden sie manchmal als regelrechte „Allheilmittel“ selbst bei leichteren psychischen Problemen verschrieben. Bevorzugt werden heutzutage moderne Präparate. Alte Präparate wie die Trizyklischen Antidepressiva (zum Beispiel Amitriptylin (Saroten®), Imipramin (Tofranil®), Clomipramin (Anafranil®)) und die Monoaminoxidase-Hemmer (zum Beispiel Moclobemid (Aurorix®), Tranylcypromin (Jatrosom®)) werden nur noch selten eingesetzt. Bei schweren Depressionen sind sie jedoch wirksamer als die modernen Präparate (Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs)). Im Folgenden sind die wichtigsten modernen Antidepressiva aufgeführt. Sie wurden alle nach 1980 in Deutschland zugelassen. Dies sind: Fluvoxamin (Fevarin®), Fluoxetin (Fluctin®), Citalopram/Escitalopram (Cipralex®, Escitalex®), Sertralin (Gladem®, Zoloft®), Paroxetin (Paroxedura®, Paroxat®, Seroxat®), Vortioxetin (Brintellix®), Venlafaxin (Efexor®, Trevilor®), Duloxetin (Duloxalta®, Cymbalta®), Mirtazapin (Remeron®) und Trazodon (Trittico®). Am beliebtesten sind Citalopram/Escitalopram, Sertralin und Venlafaxin, die zusammen etwa zwei Drittel der verschriebenen modernen Antidepressiva ausmachen. Wie sieht es mit der Wirksamkeit dieser Medikamente bei der Behandlung von Depressionen aus? In einer großen Meta-Analyse aus dem Jahr 2018, in der die Ergebnisse vieler klinischer Studien mit insgesamt mehr als 110 000 Patienten zusammengefasst wurden, zeigte sich eine mittlere Wirksamkeit, die jedoch nur wenig über der eines Placebos (Scheinmedikament ohne Wirkstoff) liegt. In einer großen klinischen Studie (STAR*D) des Nationalen Instituts für seelische Gesundheit der USA (NIMH) mit über 4000 Patienten untersuchte man die Wirksamkeit von Antidepressiva unter sehr realitätsnahen Bedingungen über einen längeren Zeitraum. Dabei erhielten alle Patienten zunächst das bekannte Antidepressivum Citalopram und wurden bei Nichtansprechen in bis zu drei weiteren Schritten auf andere Antidepressiva umgestellt. Oder sie bekamen zusätzlich andere Präparate mit einem unterschiedlichen Wirkmechanismus. Insgesamt zeigten in der ersten Behandlungsstufe (Citalopram) nur 26 % der Patienten eine Remission (Rückbildung) der depressiven Symptomatik. In den weiteren Behandlungsschritten nahm der Anteil der Patienten mit Remission kontinuierlich ab. Auffällig ist auch der hohe Anteil von Patienten, die wegen mangelnder Wirksamkeit oder starker Nebenwirkungen aus der Studie ausschieden, obwohl die Betreuung der Patienten während der Studie ausgesprochen gut war. Untersucht wurde ebenso die Frage, wie stabil die Wirkung über einen längeren Zeitraum ist.
„Alle Substanzen haben einen beträchtlichen Placeboeffekt und viele psychische Leiden eine natürliche Heilungstendenz, die beide fälschlicherweise auch der Wirkung des Medikaments zugeschrieben werden können.“
Am Ende des einjährigen Beobachtungszeitraums zeigten insgesamt nur noch 108 der 4041 Patienten (das heißt 2,7 %), die zu Beginn an der Studie teilgenommen hatten, eine anhaltende Remission. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Wirksamkeit moderner medikamentöser Depressionstherapien unbefriedigend ist. Wie erklärt sich dann, dass viele Menschen mit Depressionen berichten, dass ihnen Antidepressiva geholfen haben? Umfangreiche Studiendaten zeigen, dass sich die Wirkung von Antidepressiva aus mehreren Komponenten zusammensetzt:
– natürlicher Krankheitsverlauf: 24 %,
– Placeboeffekt: 51 % und
– zusätzlicher Medikamenteneffekt: 25 %.
Der tatsächliche Effekt eines Antidepressivums beträgt also im Durchschnitt nur ein Viertel des beobachteten Gesamteffekts.6 Neben dem starken Placeboeffekt der Antidepressiva ist zu beachten, dass die meisten Depressionen einen gutartigen Verlauf haben und nach einigen Wochen oder Monaten von selbst, das heißt ohne Behandlung, aufhören. Verglichen mit einer Psychotherapie sind Antidepressiva ähnlich wirksam. Diese kritische Sichtweise, dass moderne Antidepressiva nur eine geringe Wirksamkeit haben, wird inzwischen auch von zahlreichen Psychiatern geteilt. Bemerkenswert ist, dass die „Leitlinie Unipolare Depression“ der deutschen psychiatrischen Fachgesellschaften zur Behandlung leichter und mittelschwerer Depressionen in erster Linie Psychotherapie empfiehlt.7 Neben ihrer bescheidenen Wirksamkeit weisen die modernen Antidepressiva einen weiteren Schwachpunkt auf: eine ganze Reihe von zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen, die leider oft nicht die erforderliche Beachtung finden und vielen Betroffenen nicht hinreichend bekannt sind.8 Diese Nebenwirkungen sind keine seltenen Ereignisse, sondern treten bei einem beträchtlichen Anteil der Patienten auf. Besonders wichtige potentielle unerwünschte Wirkungen, die jedoch nicht bei jedem Antidepressivum auftreten, sind die Verursachung von Suizid und Aggression (besonders in den ersten Wochen der Einnahme), sexuelle Nebenwirkungen („genitale Anästhesie“), emotionale Abstumpfung, Auslösen einer manischen Phase, Akathisie (Sitz- und Stehunruhe) und das sogenannte Absetzsyndrom.9 Insbesondere Paroxetin und Venlafaxin sind dafür bekannt, dass das Absetzen oft problematisch ist.
5. Neuroleptika/Antipsychotika
Eine bekannte Psychiaterin bezeichnet Neuroleptika als „die bittersten Pillen“.10 Diese Medikamente kann man zu Recht so nennen, denn sie werden wegen ihrer Nebenwirkungen von vielen Patienten nur ungern eingenommen. Dabei ist zu beachten, dass dies nicht für alle Neuroleptika gleichermaßen gilt. Zudem hängt die Ausprägung der Nebenwirkungen stark von der eingesetzten Dosis ab. Die Wirkung der Neuroleptika auf Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Denkstörungen beruht auf einer unspezifischen Symptomunterdrückung und geht mit einer Indifferenz (Gleichgültigkeit) gegenüber Gefühlen, Gedanken und Eindrücken einher. Insbesondere bei quälenden Wahnideen und psychotischen Ängsten kann dies durchaus als hilfreich und erwünscht erlebt werden. Patienten, die Neuroleptika einnehmen, berichten jedoch häufig, dass ihre Wahnvorstellungen oder Halluzinationen nicht völlig verschwinden. Sie werden aber nicht mehr als so belastend und beängstigend empfunden. Außerdem schützen sie vor äußerem Stress und erzeugen gewissermaßen ein „dickes Fell“. Wie stark diese Wirkung ist, hängt vom Präparat und vor allem von der Dosis ab. Sie sollte nur so hoch sein, dass der gewünschte Effekt erzielt wird. Bei einigen Neuroleptika (unten mit einem Stern* gekennzeichnet) treten bei Überschreiten einer bestimmten Dosis „extrapyramidale Symptome“ (EPS) auf, die sehr unangenehm sind. Dazu gehören akute Dystonien (unwillkürliche Muskelbewegungen), Rigor (Muskelsteifheit) und Tremor (Zittern). Diese Nebenwirkungen entsprechen zum Teil dem Krankheitsbild der Parkinson-Krankheit. Eine andere Gruppe von Neuroleptika (unten mit zwei Sternen** gekennzeichnet) verursacht keine oder nur wenig EPS. Dafür treten als unerwünschte Nebenwirkungen oft eine Sedierung und Stoffwechselstörungen auf, die sich in einer zum Teil drastischen Gewichtszunahme, Bluthochdruck und der Entstehung eines Diabetes Typ 2 äußern können (metabolisches Syndrom). Eine wichtige Nebenwirkung vieler Neuroleptika ist das sogenannte „Neuroleptikainduzierte dysphorische Syndrom“. Dabei handelt es sich um einen medikamentös erzeugten Zustand, der leicht mit der Negativsymptomatik einer Schizophrenie oder mit einer Depression verwechselt werden kann. Viele Patienten berichten, dass sie unter der Einnahme von Neuroleptika unter einer belastenden „emotionalen Abstumpfung“ leiden, bei der sie weder Freude noch Trauer empfinden können. In diesem Fall sollte nicht zusätzlich ein Antidepressivum oder ein weiteres Neuroleptikum eingenommen werden, sondern man sollte die Dosis reduzieren, ein besser verträgliches Präparat einnehmen oder das Neuroleptikum nach Möglichkeit ganz absetzen. Gebräuchliche Neuroleptika sind: Risperidon* (Risperdal®), Aripiprazol* (Abilify®, Arpoya®), Olanzapin** (Zyprexa®), Quetiapin** (Seroquel®), Haloperidol* (Haldol®), Cariprazin* (Reagila®), Ziprasidon (Zeldox®), Amisulprid* (Solian®) und Clozapin** (Leponex®). Die heutzutage am meisten verordneten Präparate sind Quetiapin, Olanzapin und Risperidon. Im Folgenden wollen wir einige interessante Ergebnisse der großen klinischen Studie CATIE, in der die Wirksamkeit und Nebenwirkungen von vier neueren „atypischen“ Neuroleptika (Olanzapin, Quetiapin, Risperidon, Ziprasidon) mit einem älteren (typischen) Neuroleptikum verglichen wurden, betrachten. In dieser realitätsnahen Studie erhielten insgesamt 1432 Patienten mit der Diagnose Schizophrenie über einen Zeitraum von 18 Monaten die üblichen Dosen der oben genannten Neuroleptika. Besonders bemerkenswert ist die Beobachtung, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den fünf untersuchten Präparaten gab. Etwa drei Viertel der Studienteilnehmer schieden vorzeitig aus der Studie aus, insbesondere wegen mangelnder Wirkung oder unerwünschter Nebenwirkungen. Darüber hinaus mussten circa 15 % der Teilnehmer trotz der Einnahme der Neuroleptika wegen einer Verschlechterung ihres psychischen Zustandes hospitalisiert werden. Es wird oft behauptet, Neuroleptika würden nicht abhängig machen. Es ist jedoch so, dass viele Menschen nach längerer Einnahme Probleme mit dem Absetzen haben. Ein zu rasches Absetzen führt häufig zum Wiederauftreten psychotischer Symptome, die aber oft nicht Ausdruck der zugrunde liegenden Problematik sind, sondern eine Reaktion des Gehirns auf das plötzliche Fehlen des Neuroleptikums. Das Absetzen sollte daher immer langsam und in kleinen Schritten erfolgen. Eine langfristige Einnahme kann verschiedene schwerwiegende Folgen haben, die oft chronisch und therapieresistent sind. Dazu gehören Spätdyskinesien (das heißt unwillkürliche Muskelbewegungen wie Zucken, Tics, Grimassieren, Herausstrecken der Zunge und so weiter), Akathisie, Diabetes (vor allem bei Clozapin, Olanzapin und Quetiapin) und die sogenannte Supersensitivitätspsychose. Diese geht mit einer Verschlechterung der psychotischen Symptomatik trotz Neuroleptika einher und kann ein Absetzen des Präparates unmöglich machen.10-12 Neuroleptika sollte man nur bei starker psychomotorischer Erregung, Wahn und/oder Halluzinationen („Stimmen hören“) einsetzen. Bei quälenden Wahnvorstellungen, starken psychotischen Ängsten oder großer psychischer Erregung können sie sehr hilfreich sein (eine andere Möglichkeit sind Benzodiazepine). Einzelne Nebenwirkungen werden möglicherweise als psychische Probleme fehlinterpretiert. Die Dosis sollte so niedrig wie möglich sein und die Einnahmedauer so kurz wie nötig. Der Einsatz von Neuroleptika bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen ist problematisch und sollte sehr zurückhaltend erfolgen.
6. Stimmungsstabilisierer/ Phasenprophylaktika
In diesem Abschnitt geht es insbesondere um die medikamentöse Behandlung von psychischen Störungen, die sich in periodisch wiederkehrenden Phasen von Manie und Depression äußern. Früher sprach man von „manisch-depressivem Irresein“ (MDI) und meinte damit wiederkehrende schwere Depressionen (Melancholie) und/oder Manien. Diese Krankheitsbilder waren sehr selten und so schwerwiegend, dass in der Regel eine stationäre Behandlung erforderlich war. Heute werden unipolare und bipolare Verläufe getrennt klassifiziert und meist nur bipolare Verläufe mit sogenannten „Stimmungsstabilisierern“, auch Phasenprophylaktika genannt, behandelt. Mit Ausnahme von Lithium setzt man die Medikamente dieser Gruppe auch zur Behandlung der Epilepsie ein. Die wichtigsten Stimmungsstabilisierer sind Lithium (Quilonum®, Hypnorex®, Lithiofor®), Valproat (Convulex®, Ergenyl®), Carbamazepin (Tegretal®) und Lamotrigin (Lamical®).
Die weitaus größte Bedeutung innerhalb dieser Medikamentengruppe hat Lithium, das in Form eines Salzes verabreicht wird. Bei der medikamentösen Behandlung der bipolaren Depression sollte Lithium das Mittel der Wahl sein. Leider ist dies in der Praxis nicht der Fall und viele Psychiater geben anderen Medikamenten (Neuroleptika und/oder Antidepressiva) den Vorzug. Lithium wirkt sowohl in akuten Phasen als auch prophylaktisch. Bei etwa einem Drittel der Patienten wird langfristig eine vollständige Beschwerdefreiheit erreicht. Bei unzureichender Wirkung oder schweren Nebenwirkungen kann Lithium durch Valproat, Carbamazepin oder Lamotrigin ersetzt werden. Insgesamt werden diese Medikamente zu wenig angewendet. Neuroleptika und Antidepressiva sind keine Stimmungsstabilisierer und sollten nicht die Mittel der ersten Wahl sein. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es einen fließenden Übergang zwischen den beiden Polen Manie und Depression gibt. Einige Menschen, deren psychisches Problem als Depression diagnostiziert wurde, haben auch einen mehr oder weniger großen Anteil an Manie (die sich oft nicht als Euphorie, sondern als Reizbarkeit äußert). In diesem Fall sollten Antidepressiva
vermieden und eine Behandlung mit Stimmungsstabilisierern durchgeführt werden. Lithium und Lamotrigin sind auch zur Behandlung und Prophylaxe von wiederkehrenden rein depressiven Phasen (Melancholie) gut geeignet. Die Behandlung der bipolaren Depression mit Antidepressiva bringt keinen Nutzen, ist aber mit erheblichen Risiken verbunden. Der langfristige Krankheitsverlauf kann negativ beeinflusst und manische Phasen ausgelöst werden.
7. Sedativa/Hypnotika
Die folgenden Arzneimittel werden insbesondere bei Erregtheit und Unruhe, Ängsten, Panikattacken und Schlaflosigkeit eingesetzt. An erster Stelle sind hier die sogenannten Benzodiazepine zu nennen. Dabei handelt es sich um eine alte Medikamentengruppe, die man seit etwa 60 Jahren verwendet. Früher wurden Medikamente wie Valium und Librium („Mutters kleine Helfer“) in großer Zahl zur Behandlung leichterer unspezifischer psychischer Störungen, ausgelöst durch Alltagsprobleme, verschrieben. Dazu gehören psychosomatische Beschwerden („vegetative Dystonie“), Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen. Benzodiazepine sind wirksame Medikamente, die man früher erfolgreich gegen verschiedene Formen von Angst und Depression, die sehr häufig gemeinsam auftreten, einsetzte. In den 80er- Jahren wurde ihr Abhängigkeitspotenzial erkannt und dann an ihrer Stelle die weniger wirksamen modernen Antidepressiva (SSRIs) verschrieben. In den folgenden Jahren ging die Zahl der Verordnungen von Benzodiazepinen stark zurück. Das Absetzen von Benzodiazepinen nach längerer regelmäßiger Einnahme kann sehr problematisch sein. Einige häufig verwendete Benzodiazepine sind Bromazepam (Bromazanil®), Oxazepam (Praxiten®, Adumbran®, Seresta®), Lorazepam (Tavor®, Temesta®), Alprazolam (Tafil®), Chlordiazepoxid (Librium®) und Diazepam (Valium®), wobei Lorazepam und Diazepam am häufigsten verordnet werden.4 Gesunder und ausreichender Schlaf ist für das psychische Wohlbefinden des Menschen sehr wichtig. Länger andauernde Schlaflosigkeit kann zu psychischen Problemen führen. Eine gute Schlafhygiene ist daher unerlässlich. Erst wenn alle Änderungen der Lebensgewohnheiten keinen Erfolg gebracht haben und die Schlafstörungen ein größeres Problem darstellen, sollte man in Absprache mit einem Arzt an eine medikamentöse Behandlung denken. Dem Ausbruch einer schweren psychischen Störung geht oft eine Phase der Schlaflosigkeit voraus. Diese Entwicklung lässt sich möglicherweise durch den kurzfristigen Einsatz von Schlafmitteln aufhalten. Als Hypnotika (Schlafmittel) werden heute meist die sogenannten „Z-Substanzen“ verordnet, zum Beispiel Zolpidem (Stilnox®, Bikalm®) und Zopiclon (Ximovan®, Imovane®). Der biochemische Wirkmechanismus ist der gleiche wie bei den Benzodiazepinen. Das Abhängigkeitspotenzial ist mit dem der Benzodiazepine vergleichbar. Zur Verbesserung des Schlafes werden auch sedierende Antidepressiva wie Doxepin, Mirtazapin, Trazodon oder Trimipramin verschrieben, was durchaus hilfreich sein kann. Sedierende Neuroleptika wie zum Beispiel Quetiapin sind als Schlafmittel nicht zu empfehlen. Eine andere Option ist der Einsatz von sedierenden Antihistaminika, die man meist rezeptfrei in einer Apotheke beziehen kann. Auch diese Präparate sollten nur kurzfristig und im Notfall zur Beruhigung und als Schlafmittel verwendet werden, zum Beispiel Diphenhydramin (Betadorm®, Halbmond®, Benocten®), Doxylamin (Hoggar®) und Hydroxyzin (Atarax®).
8. Alternativen zu Psychopharmaka
Pflanzliche Mittel (Phytopharmaka) wie Baldrian und Passionsblume werden oft als „sanfte“ Mittel zur Beruhigung und Schlafförderung empfohlen.13 Auch Johanniskrautpräparate (zum Beispiel Jarsin®) können bei leichten bis mittelschweren Depressionen hilfreich sein.7 Homöopathische Mittel, Schüssler-Salze und ähnliche Präparate der Alternativmedizin können aus christlicher Sicht nicht empfohlen werden.14 Bei einer saisonal abhängigen Depression („Winterblues“) erwies sich eine Lichttherapie als wirksam. Die entsprechenden Lampen kann ein Arzt verordnen, oder man kauft oder leiht sie in einer Apotheke. Klinische Studien zeigen, dass bei Depressionen und anderen psychischen Problemen Sport hilfreich ist. Eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Schlaf, einer ausgewogenen naturbelassenen Ernährung, körperlicher Betätigung und guten Kontakten mit anderen Menschen tragen zur seelischen Gesundheit bei.
9. Abschließende Bewertung der Psychopharmaka und praktische Ratschläge
Allgemein kann man sagen, dass zu viele Menschen Psychopharmaka einnehmen, weil ihre Wirksamkeit geringer und die Nebenwirkungen und Risiken höher als angenommen sind. Die Dosis sollte immer so niedrig wie möglich und die Einnahmedauer nur so lang wie nötig sein. Die gleichzeitige Einnahme mehrerer Psychopharmaka ist mit erhöhten Nebenwirkungen und Risiken verbunden und nach Möglichkeit zu vermeiden. Der Einsatz dieser Substanzen bei Kindern und Senioren hat besondere Risiken, die sorgfältig abgewogen werden müssen. Die möglichen Langzeitfolgen einer Einnahme von Psychopharmaka sind besorgniserregend15 und dürfen nicht verharmlost werden. Bei psychotischer Angst, längerer Schlaflosigkeit, unerträglicher Niedergeschlagenheit, quälendem Wahn und Halluzinationen und wiederkehrenden Episoden von Depression und/oder Manie sind Psychopharmaka hilfreich und ihre Einnahme angezeigt. Es ist wichtig festzuhalten, dass der Anteil der Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer schweren psychischen Störung („endogene Psychosen“, das heißt Melancholie, Manie, Schizophrenie, Bipolare Störung) erkranken, nur gering ist. Das bedeutet, dass der weitaus größte Teil der psychisch Erkrankten eher an funktionellen Störungen leidet, die keine Krankheit im eigentlichen Sinne darstellen. Da Psychopharmaka oft nicht die erhoffte Wirkung zeigen, wird versucht, durch Wechsel auf andere Präparate der gleichen Gruppe, Erhöhung der Dosis, Kombination mehrerer Substanzen der gleichen Gruppe oder Hinzunahme von Medikamenten aus anderen Gruppen (zum Beispiel Neuroleptika bei Depressionen) doch noch die gewünschte Wirksamkeit zu erzielen. Dieses „Ausprobieren“ kommt in der Praxis häufig vor, hat aber wenig Aussicht auf Erfolg, wie sich bei der Besprechung der Ergebnisse der STAR*D-Studie zeigte. In dem Buch „Antidepressiva – Wie man die Medikamente bei der Behandlung von Depressionen richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte“ von dem Psychiater Prof. Bschor werden die verschiedenen Strategien der Depressionstherapie kritisch diskutiert.3 Mirtazapin und Trazodon wirken in niedriger Dosierung beruhigend und schlaffördernd und sind diesbezüglich hilfreich. Entscheidet man sich für die Medikamente, ist es wichtig, die Einnahme und einen Absetzplan mit dem Arzt zu besprechen. Vor häufigem Wechsel und Kombinationen von Psychopharmaka („Ausprobieren“) muss gewarnt werden. Dies führt meist nicht zum Erfolg. In jedem Fall sollte der Arzt einen sinnvollen Behandlungsplan vorlegen, dem der Patient zustimmen kann. Eine langfristige Einnahme (das heißt über Jahre) bedarf besonderer Gründe und sollte nicht ohne Absetzversuche erfolgen. Das Buch Gott ist mehr als genug von Jim Berg enthält zwei Zeugnisse von gläubigen Frauen, die jahrelang Psychopharmaka eingenommen haben, dann aber einen besseren Weg fanden.16 Dieses Buch möchten wir als seelsorgerliche Hilfe für Betroffene empfehlen. Für Interessierte steht eine ausführlichere Abhandlung (66 Seiten) über Psychopharmaka mit vielen kommentierten Literaturhinweisen zur Verfügung.17
8. Biblisch-seelsorgerliche Aspekte
Psychisches Leiden ist so alt wie die Menschheit und gehört, wie körperliche Krankheit und Tod, zum Leben dazu. Im Wort Gottes finden wir Depressionen, Ängste, psychosomatische Probleme und Wahnsinn (5. Mose 28,28; Daniel 4,29–34; 1. Samuel 21,16). Der von Gott geschaffene Mensch ist eine Einheit von Körper und Geist (oder auch Seele). Zwischen diesen Teilen bestehen enge Beziehungen. So wie ein betrübter Geist körperliche Leiden auslösen kann (psycho-somatisch), ist es auch möglich, dass sich körperliche Krankheiten auf den Zustand des Geistes auswirken (somato-psychisch). Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen. Diese können ganz unterschiedlicher Art und Intensität sein. Seelische Schmerzen können unerträglich stark sein und Menschen in den Suizid treiben. Wie geht man mit solchen Schmerzen in rechter Weise um? Für Christen sollte klar sein, dass alle Umstände des Lebens einen Sinn haben und Teil von Gottes Plan und dem, was er zulässt, sind. Hiob sagte in seinem großen Leid zu seiner Frau: „Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10) Deshalb gilt es, alles Leid in unserem Leben zuerst aus der Hand Gottes anzunehmen und ein Ja dazu zu haben. In dieser Situation ist es wichtig, als erstes nach Gott und seinen Gedanken zu fragen. Von König Asa lesen wir: „Und Asa wurde krank an seinen Füßen im 39. Jahr seines Königreichs, und seine Krankheit war sehr schwer; doch suchte er auch in seiner Krankheit nicht den HERRN, sondern die Ärzte“ (2. Chronik 16,12; vergleiche Lukas 8,43). Asa liebte den Herrn, aber in dieser leidvollen Situation traf er die falsche Entscheidung. Das sollte uns eine Warnung sein. Es ist die Erfahrung vieler Kinder Gottes, dass sie in schwierigen Situationen und in großem Leid Gott in besonderer Weise kennengelernt haben. Gott kann im Leid besonders durch Sein Wort zu uns reden (Psalm 119,143). Das geistliche Leben wird dadurch belebt und gestärkt. Durch das Leid ist uns die Möglichkeit gegeben, uns selbst und unsere Motive, Gott und auch unsere Mitmenschen besser kennenzulernen. Auf die Frage nach dem Warum des Leidens finden wir oft keine Antwort und bei längerer Dauer sind Vertrauen, Hoffnung und Geduld gefragt (vergleiche Lukas 8,43 und Lukas 13,11). In Gottes Plan hat alles seine Zeit (Prediger 3,1–8; 1. Petrus 5,6), auch das Heilen (Prediger 3,3). Wie schön ist es, wenn ein Kind Gottes bekennen kann: „Siehe, zum Heil ward mir bitteres Leid“ (Jesaja 38,17). Selbst erlebtes Leid und erfahrene Hilfe Gottes kann auch für andere zum Segen werden: „Damit wir die zu trösten vermögen, die in allerlei Bedrängnis sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2. Korinther 1,4). Nach Gottes Gedanken soll Sein Kind, das leidet, in der Not nicht allein sein. Dies ist ein Aspekt, der uns die Wichtigkeit der örtlichen Gemeinde vor Augen führt. In Galater 6,2 heißt es: „Einer trage des anderen Lasten, so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen!“ Verständnis, Trost und Ermutigung sind Balsam für die leidende Seele. Der Auftrag Gottes ist klar: „Wir ermahnen euch aber, Brüder: Verwarnt die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen jedermann!“ (1. Thessalonicher 5,14) Unter Kleinmütigen und Schwachen dürfen wir sicher auch Menschen mit seelischen Problemen und Nöten verstehen. In diesem Dienst kommt dem Wort Gottes eine besondere Rolle zu: „Wie gut ist ein Wort, das zur rechten Zeit gesprochen wird!“ (Sprüche 15,23; vergleiche Sprüche 25,11) In der Heiligen Schrift werden mehrfach Ärzte erwähnt. Lukas, der Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte, war Arzt (Kolosser 4,14). Auch von Medizin, zum Beispiel Balsam, ist die Rede (Jeremia 8,22; 51,8). In 1. Timotheus 5,23 wird Timotheus angewiesen: „Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern gebrauche ein wenig Wein um deines Magens willen und wegen deines häufigen Unwohlseins.“ Im Zusammenhang mit unserem Thema kann man Wein auch als sanftes Psychopharmakon betrachten (Sprüche 31,6). Es ist also nicht falsch, zur rechten Zeit einen Arzt aufzusuchen, und es ist auch keine Sünde, Psychopharmaka einzunehmen. Aber letztlich sollen wir unser Vertrauen nicht auf Menschen und Medikamente setzen, sondern auf den lebendigen Gott (Jeremia 17,5; Sprüche 3,5). Gott allein kann heilen – der Arzt und seine Therapien sind nur Hilfsmittel. So wie manche körperlichen Schmerzen auch mit den stärksten Schmerzmitteln nicht verschwinden, so können auch seelische Leiden trotz aller Medikamente, die keine Wundermittel sind und ihre klaren Grenzen haben, bestehen bleiben. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Verheißung des Wortes Gottes: „Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. [...] Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und in Wehen liegt bis jetzt; und nicht nur sie, sondern auch wir, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir erwarten seufzend die Sohnesstellung, die Erlösung unseres Leibes“ (Römer 8,18.22–23). Ja, es wird der Tag kommen, von dem es heißt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,4–5)
[1] Wikipedia, Psychopharmakon (o. J.) https://de.wikipedia.org/wiki/Psychopharmakon
[2] Moncrieff, A Straight Talking Introduction to Psychiatric Drugs. The Truth About How They Work and How to Come Off Them. PCCS Books 2021
[3] Bschor, Antidepressiva. Wie man die Medikamente bei der Behandlung von Depressionen richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte. Südwest 2018
[4] Ludwig, Mühlbauer & Seifert, Arzneiverordnungs-Report 2022. Springer 2023
[5] Frances, Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. DuMont Buchverlag 2014
[6] Kirsch, Listening to Prozac but hearing placebo: A meta-analysis of antidepressant medication. Prevention & Treatment, 1(2): Article 2a (1998) https://pdfs.semanticscholar.org/2e38/26a18b32d3e029400df21eae5298a02d7985.pdf
[7] DGPPN, Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Springer (2015) https://www.leitlinien.de/themen/depression/pdf/depressionvers3-2-lang.pdf
[8] Ansari, Unglück auf Rezept. Die Anti-Depressiva-Lüge und ihre Folgen. Klett-Cotta 2019
[9] Fava, Antidepressiva absetzen. Anleitung zum personalisierten Begleiten von Absetzproblemen. Schattauer 2023
[10] Moncrieff, The Bitterest Pills. The Troubling Story of Antipsychotic Drugs. Palgrave Macmillan 2013
[11] Healy, Psychiatric Drugs Explained. Elsevier 2023
[12] Chouinard, Samaha, Chouinard, et al. Antipsychotic-Induced Dopamine Supersensitivity Psycho-sis: Pharmacology, Criteria, and Therapy. Psychother Psychosom 86(4):189-219 (2017) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28647739/
[13] Wormer, Natürliche Antidepressiva. Sanfte Wege aus dem Stimmungstief. Mankau Verlag 2022
[14] Pfeifer, Gesundheit um jeden Preis? Alternative Medizin und christlicher Glaube. Brunnen Verlag 2008
[15] Whitaker, Anatomy of an Epidemic. Magic Bullets, Psychiatric Drugs, and the Astonishing Rise of Mental Illness in America. Crown 2011 Die deutsche Ausgabe (Titel: Anatomie einer Epidemie) erscheint voraussichtlich im Oktober 2024.
[16] Berg, Gott ist mehr als genug. Grundlagen für eine ruhige Seele. Impact 2018 Die beiden erwähnten Zeugnisse findet man auch hier: https://biblische-lehre-wm.de/wp-content/uploads/Zeugnissevon-Jenny-und-Anne.pdf
[17] Schumacher, Psychopharmaka und Seelsorge. Script 2021 https://biblische-lehre-wm.de/wp-content/uploads/Psychopharmaka-und-Seelsorge-MSchumacher.pdf
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Psychopharmaka – Nutzen und Risiken.pdf
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Basismaßnahmen bei Depressionen
Basismaßnahmen bei Depressionen
Autor: Dr. med. Matthias Klaus
Wer depressiv ist, sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Die Stimmung ist anhaltend trübe, die Motivation und die Freude fehlen. Häufig gesellen sich Schlaflosigkeit und rasche Erschöpfung hinzu. Die Gedanken kreisen – insbesondere in der Nacht – und lassen sich nicht stoppen. Dies sind nur einige der möglichen Symptome, die eine Depression kennzeichnen. Doch wie findet man heraus aus dem tiefen Loch? Wie kann eine Leiter nach oben gebaut werden? Der erste Schritt ist die ärztliche Einordnung, warum diese Symptome auftreten. Liegt eine körperliche Erkrankung oder eine familiäre Belastung vor oder sind die Symptome eine Reaktion auf schwere Lebensumstände? Unabhängig von der sich aus den jeweiligen Ursachen ergebenden spezifischen Behandlung, greifen die in diesem Artikel entfalteten Basismaßnahmen[1] bei jeder Art der Depression und helfen, die Symptome zu lindern oder gar zu überwinden. Die Basismaßnahmen bei Depressionen sind also nicht anstelle der spezifischen ärztlichen oder seelsorgerlichen Behandlung anzusehen, sondern als Grundlage, auf der die spezifischen Interventionen aufbauen.
1. Das vertrauensvolle Gespräch
Die wichtigste Säule bei der Behandlung von depressiven Symptomen ist das Gespräch. Der Betroffene braucht eine Beratung, in der er vermittelt bekommt, dass er mit seinen Beschwerden nicht isoliert dasteht. Die unterschiedlichen Puzzleteile, wie zum Beispiel Schlaflosigkeit, innere Unruhe und starke Stimmungsabsenkung, sind Ausdruck eines Gesamtbilds, nämlich eines depressiven Syndroms.[2] Es gilt, diese Symptome empathisch einzuordnen und in einem zweiten Schritt Hoffnung aufzuzeigen. Die meisten Depressionen klingen nach Wochen bis Monaten von selbst ab, die Prognose ist außerordentlich gut, auch wenn ein langer Atem nötig ist. Die Hintergründe, Symptome und typischen Verläufe einer Depression zu erklären, wirkt bereits therapeutisch (sogenannte Psychoedukation). Der Depressive ist seinen Krankheitszeichen nicht hilflos ausgeliefert, sondern kann ihnen durch wirksame Maßnahmen entgegentreten. Er ist also nicht Opfer einer Erkrankung, die über ihn kommt, sondern kann aktiv an seiner Genesung mitwirken. Das Gespräch muss schließlich den ins Zentrum rücken, der unser Erschaffer und zugleich unser Erlöser ist – Jesus Christus. Durch ihn gibt es tragfähige Hoffnung, die auch in die tiefste Dunkelheit hineinleuchtet. Er ruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28–30) Im Zusammenhang mit einer Depression treten häufig aussichtlose Betrachtungsweisen bis hin zu Selbstmordgedanken auf. Wozu leben? Echte Antworten hierauf bietet allein Jesus Christus: Es lohnt sich zu leben, weil wir nicht nur von unserem Schöpfer gewollt, sondern auch innig geliebt sind. Wer Christus gehört, wer ihn mit Buße und im Glauben annimmt, darf aus den großen Verheißungen der Bibel Trost und Hoffnung schöpfen – und er bekommt täglich Kraft, gegen die Übermacht der lähmenden Gefühle anzukämpfen.[3]
2. Tagesstruktur
Eine wesentliche Basismaßnahme, um depressive Symptome zu bekämpfen, liegt in der Tagesstrukturierung. Aufgrund der raschen Ermüdbarkeit sowie dem fehlenden Antrieb werden häufig natürliche, tagesstrukturierende Elemente wie beispielsweise der Gang zur Arbeit oder zur Schule, sportliche Aktivitäten, Gemeinschaftsaktionen wie Treffen mit Familie und Freunden, Gottesdienstbesuche oder regelmäßige Mahlzeiten aufgegeben. Häufig steht dahinter die Überzeugung, dass die zusätzliche Ruhe und Entlastung zu einer Linderung der Depression beitragen. Leider ist jedoch häufig das Gegenteil der Fall. Beim Aufbau einer gesunden Tagesstruktur ist darauf zu achten, dass der Betroffene nicht überfordert wird. Dies gelingt durch einen schrittweisen Auf- und Ausbau einzelner Elemente im Tagesplan. Hilfreich sind klar definierte, konkrete Aufgaben, die täglich abgehakt werden können (beispielsweise Spaziergänge, regelmäßige Mahlzeiten, im Verlauf Sport, Erledigung von häuslichen Tätigkeiten, überschaubare Hilfeleistungen für Dritte). Geplante häufige Pausen zu Beginn des Strukturaufbaus werden sukzessive verkürzt. Entgegen der Neigung, sich zurückzuziehen, ist eine regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst wichtiger Teil der Strukturierung. Das Ziel dieser Maßnahme besteht nicht darin, wieder das „alte“ Tagespensum zu erreichen. Wenn beispielsweise eine hohe körperliche Belastung, wie etwa das Pflegen von Angehörigen, zur depressiven Symptomatik geführt hat, dann ist an dieser Stelle eine Entlastung und Umstrukturierung der Lebenssituation vonnöten.[4]
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“
Matthäus 11,28–30
3. Sport
Eine der wirksamsten Methoden gegen depressive Symptome besteht in sportlicher Betätigung aller Art. [5] Dabei ist bemerkenswert, dass schon ein täglicher Spaziergang einen langanhaltenden positiven Effekt auf die Stimmungslage und Motivation hat. Wichtig bei der körperlichen Aktivität ist nicht so sehr die Intensität der Bewegung, sondern vielmehr die Regelmäßigkeit und eine ausreichende Dauer (mindestens 30 Minuten pro Tag). Häufig hilft es daher, Sport in einer Gruppe zu betreiben. Wer Sport treibt, verspürt einen nachhaltig stressmildernden Effekt, stärkt das Immunsystem, fördert die Schlafqualität und baut soziale Kontakte aus. Glückshormone werden ausgeschüttet, Stresshormone abgebaut, natürliche Killerzellen (Teil des Immunsystems) produziert und allgemein Herz und Muskeln gestärkt.[6]
4. Schlaf
Fast immer leiden Depressive unter Ein- oder Durchschlafstörungen, Früherwachen, Tagesmüdigkeit oder seltener an einer deutlich verlängerten Schlafdauer von bis zu 14 Stunden. Wer immer wieder erwacht und von Gedankenkreisen geplagt ist, fühlt sich tagsüber nicht erholt. Wenn am Tag versucht wird, den nächtlichen Schlafmangel auszugleichen, verstärken sich jedoch nachweislich depressive Symptome – eine Abwärtsspirale. Die Schlafqualität zu verbessern ist daher eine wesentliche Säule der Basismaßnahmen gegen Depressionen. Dies gelingt mittels konsequenter Schlafhygiene. Die fünf wesentlichen Schritte finden sich in der Infographik „5 Schritte zu einem erholsamen Schlaf‟.
5. Wachtherapie
Die Wachtherapie ist ein effektives Mittel, um kurzfristig und rasch depressive Symptome zu lindern. Hierfür wird eine Nacht lang ganz auf Schlaf verzichtet. Man bleibt also eine Nacht lang wach, macht weder vorher einen Mittagsschlaf noch in der Nacht kurze Nickerchen. Um eine gesamte Nacht wach zu bleiben, braucht es Verbündete, beispielsweise eine weitere Person, mit der man die Nacht über aufbleibt. Unterstützende Maßnahmen, damit es gelingt sind: ein nächtlicher Spaziergang, Bewegung mit Fitnessübungen oder Gesellschaftsspiele. Erst am Folgetag geht man zur üblichen Zeit ins Bett. Viele Depressive berichten, dass sie nach einer durchwachten Nacht bereits am nächsten Vormittag prompt eine verbesserte Stimmung und einen gesteigerten Antrieb verspüren. Dies stimmt hoffnungsvoll, da es zeigt, dass die Betroffenen tatsächlich noch gute Gefühle und Motivation wahrnehmen können. Der Nachteil besteht darin, dass die Wirkung nur von kurzer Dauer ist und meist am Folgetag bereits die depressive Grundstimmung zurückkehrt. Eine Wachtherapie kann beliebig häufig wiederholt werden, einige führen sie einmal pro Woche durch. Nur wenigen Personen ist von einer Wachtherapie abzuraten, hierzu gehören Patienten mit einer Epilepsie oder mit der Diagnose einer bipolaren Erkrankung.
6. Lichttherapie
Für die saisonal betonte Depression eignet sich in vielen Fällen eine Lichttherapie. In den dunklen Monaten kommt es bei einigen Menschen durch die nur kurze Sonnenscheindauer zu einer regelmäßig im Herbst und Winter auftretenden Depression. Der fehlende Sonnenschein wird mit einer speziellen Lichtlampe mit einer Helligkeit von 10.000 Lux ausgeglichen (zu beziehen via Rezept oder frei verkäuflich über eine Apotheke). Hierfür setzt man sich in einem Abstand von circa einem halben Meter von der Lampe entfernt hin, ohne direkt in die Lampe zu blicken. Dies sollte täglich je 30 Minuten lang für mindestens 30 Tage angewandt werden. Anschließend kann beurteilt werden, ob die Lichttherapie wirksam ist und die depressiven Beschwerden gemildert wurden. Bei guter Wirksamkeit sollte die Lichttherapie konsequent während der gesamten Wintermonate fortgeführt werden.
7. Ernährung
Eine gesunde Ernährung fördert das allgemeine Wohlbefinden. Sie sollte praktisch, schmackhaft und sättigend sein. Nicht die zeit- und kostenintensive Diät führt zum Ziel, sondern einfache Schritte: ein hoher Anteil an Gemüse, Obst und gesunden Ölen, sättigende Beilagen, weitgehender Verzicht auf Fastfood, Süßigkeiten oder Knabbergebäck. Außerdem sind regelmäßige Mahlzeiten (drei- bis viermal täglich), am besten in Gemeinschaft dienlich.[7]
8. Fazit
Mit Hilfe der Basismaßnahmen kann der Depressive unter Anleitung und Motivation durch Angehörige, Seelsorger und Ärzte das Heft des Handelns (wieder) in die Hand nehmen.
"Du hast mir meine Klage in einen Reigen verwandelt; du hast mein Trauergewand gelöst und mich mit Freude umgürtet, damit man dir zu Ehren lobsinge und nicht schweige. O HERR, mein Gott, ich will dich ewiglich preisen!"
Psalm 30,12–13
[1] Siehe hierzu Selalmazidou, A.-M. et. al.: Depression: Niedrigschwellige Kardinalmaßnahmen als Basis jeder Behandlung. Fortschr Neurol Psychiatr 2023; 91(12): 523-534. DOI: 10.1055/a-2169-2120
[2] Hier kann nicht genauer darauf eingegangen werden, dass die Psychiatrie vorrangig deskriptiv, also beschreibend vorgeht. Das depressive Syndrom (also das Nebeneinander von verschiedenen charakteristischen Symptomen über mehr als mindestens zwei Wochen) wird als Depression bezeichnet. Dabei meint Depression nicht, dass es sich um eine eigentliche Krankheit handelt, sondern beschreibt lediglich den Zustand des Patienten. Die Ursache ist damit keineswegs geklärt.
[3] In einem zweiten Schritt werden hier spezifische Maßnahmen folgen: Welche Grundüberzeugungen verbergen sich hinter den Depressionen? Welche biblische Wahrheit steht diesen Grundüberzeugungen entgegen? Wie können sie überwunden werden? Vergleiche hierzu Antholzer, R.: Lehrbuch Biblische Seelosrge, Band IV. Hamburg: tredition. 2021. S. 113–154.
[4] Vergleiche hierzu Somerville, R. B.: Christ & depressiv. Wie kann das sein? Dübendorf: Verlag Mitternachtsruf und Christliche Verlagsgesellschaft. 2. Auflage 2019. S. 65–67.
[5] Noetel, M. et al.: Effect of exercise for depression: systematic review and network meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ. 2024 Feb 14; doi: 10.1136/bmj-2023-075847.
[6] Hier sei exemplarisch auf eine Studie verwiesen. Mathot, E. et al.: Systematic review on the effects of physical exercise on cellular immunosenescence-related markers - An update. Exp Gerontol. 2021 Jul 1. doi: 10.1016.
[7] Zur weiteren Lektüre empfohlen: Prock, P.: Welchen Stellenwert hat Lebensstilmedizin in der Seelsorge. Waldems: 3L Verlag. 2019. und Prock, P. u. G.: Essen ist mehr. Ernährung aus biblischer, wissenschaftlicher und praktischer Sicht. Augustdorf: Betanien. 2019.
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STIKO – noch vertrauenswürdig? Ein Kommentar
STIKO – noch vertrauenswürdig?
Autor: Dipl. med. Sabine Kirchner
Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein unabhängiges, ehrenamtliches Expertengremium, das Impfempfehlungen für die Bevölkerung in Deutschland entwickelt. Dabei orientiert sie sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin und berücksichtigt sowohl den individuellen Nutzen für geimpfte Personen als auch den Nutzen für die gesamte Bevölkerung.
Ihre Arbeit wird von der STIKO-Geschäftsstelle im Fachgebiet Impfprävention des Robert Koch-Instituts koordiniert und durch systematische Analysen der Fachliteratur unterstützt. Ziel ist es, die Impfempfehlungen an neue Impfstoffentwicklungen und Erkenntnisse aus der Forschung optimal anzupassen. Die STIKO gibt neben den Empfehlungen zu Standardimpfungen auch Empfehlungen zu Indikationsimpfungen bei besonderen epidemiologischen Situationen oder Gefährdungen für bestimmte Personengruppen. Diese umfassen auch Impfungen aufgrund von beruflichen beziehungsweise arbeitsbedingten Risiken sowie Reiseimpfungen.
Für die Zulassung eines Impfstoffs ist dessen Wirksamkeit (im Vergleich zu Placebo oder einem bereits verwendeten Impfstoff) und Sicherheit (unter anderem Häufigkeit von Impfreaktionen und Nebenwirkungen) relevant. Darauf aufbauend analysiert die STIKO das Nutzen-Risiko-Verhältnis für die zu impfende Gruppe, unter Einbeziehung der Epidemiologie auf Bevölkerungsebene und der Effekte verschiedener Impfstrategien für Deutschland. Außerdem entwickelt die STIKO Kriterien zur Abgrenzung einer üblichen Impfreaktion von einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung. (1)
Neuausrichtung der STIKO
Am 12. Februar 2024 gab Karl Lauterbach die Bildung einer neuen STIKO bekannt: 14 der insgesamt 19 Sachverständigen kamen neu hinzu. Die konstituierende Sitzung fand am 13. und 14. März 2024 in Berlin statt.
Von den bislang 17 Mitgliedern blieben nur 5 in dem Gremium vertreten.
„Die STIKO hat in der Pandemie große Leistungen erbracht“, erklärt Lauterbach.
„Jetzt wird sie mit vielen neuen Mitgliedern aus sehr unterschiedlichen Fachbereichen jünger und noch interdisziplinärer besetzt. Auch wissenschaftliche und praktische Spitzenkräfte bauen das neue Team auf. Auch in Zukunft werden die Impfkampagnen der Bundesregierung auf der Grundlage der STIKO-Empfehlungen beruhen. Die Unabhängigkeit der STIKO von politischer Einflussnahme hat sich bewährt und bleibt weiter bestehen.“
Neben Expertinnen und Experten aus Immunologie, Mikrobiologie, Pädiatrie, Gynäkologie, Allgemein- und Arbeitsmedizin werde die STIKO künftig um Fachkenntnisse in Modellierung und Kommunikation erweitert. So werden ihr die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Constanze Rossman von der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie die Epidemiologin Dr. Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung angehören. Lange ist Leiterin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und Sprecherin des Modellierungsnetzwerkes für schwere Infektionskrankheiten.
Kritiker mahnen an, dass der personelle Austausch von zweidritteln des Gremiums einen erheblichen Erfahrungsverlust bedeute. So äußert sich beispielsweise der Kinderarzt Prof. Dr. med. Fred-P. Zepp, der seit 1998 über zwei Jahrzehnte in der STIKO tätig war: „Die neue STIKO wird wahrscheinlich eine gewisse Zeit benötigen, um sich in die anstehenden Themen einzuarbeiten und belastbare Empfehlungen vorzubereiten Das ist dem Bundesministerium für Gesundheit aber sicher auch bewusst“. (3)
Politische Einflussnahme auf STIKO-Empfehlungen
Doch bleibt die STIKO wirklich frei von politischer Einflussnahme? Dass die STIKO mitnichten ein unabhängiges Gremium, sondern leit- und lenkbar ist, soll das Beispiel der Corona-Impfempfehlungen für Kinder zeigen.
Neben dem bisherigen Vorsitzenden der STIKO Prof. Dr. Thomas Mertens und seiner Stellvertreterin Prof. Dr. Dr. med. Sabine Wicker schied auch der Immunologe Prof. Dr. med. Christian Bogdan, der sich 2021 gegen eine generelle Kinderimpfkampagne aussprach, welche die Bundesregierung an der Ständigen Impfkommission vorbei vorantrieb, aus dem Gremium aus. Es fehle an ausreichend Daten über Nebenwirkungen, so Bogdan. „Eine Impfempfehlung kann nicht einfach deswegen ausgesprochen werden, weil es gerade gesellschaftlich oder politisch opportun erscheint“. Die Wirksamkeit für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren sei zwar nachgewiesen, aber in Sachen Nebenwirkungen fehlen noch ausreichend Daten. Die Immunantwort eines Kindes kann anders verlaufen als bei einem Erwachsenen. Deswegen braucht man da mehr Daten.“ Beim BioNtech-Impfstoff habe das Paul-Ehrlich-Institut beispielsweise „Hinweise für ein erhöhtes Auftreten von Herzmuskelentzündungen im zeitlichen Kontext zur Impfung, vor allem bei jüngeren Männern mitgeteilt. Ich will nicht die Pferde scheu machen. Aber wir brauchen eben Daten und sollten nicht eine generelle Kinderimpfkampagne starten.“
Ziel müsse es sein, in erster Linie diejenigen durch eine Impfung zu schützen, die ein erhöhtes Risiko haben schwer zu erkranken oder sogar zu sterben. „Eine Impfung von Kindern nur zum Zwecke des indirekten Schutzes anderer ist keine ausreichende Impfindikation. Eine Impfquote von 70 bis 80 Prozent, die als Schwelle für eine sogenannte Herdenimmunität gilt, sei auch ohne die umfassende Impfung von Kindern zu erreichen.
Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn begrüßte das grüne Licht der EU-Arzneimittelbehörde EMA für eine Zulassung des ersten Corona-Impfstoffs für Kinder. Es sei „eine großartige Nachricht“, dass das in Deutschland entwickelte Präparat auch sicher und wirksam für Kinder ab zwölf Jahren sei, sagte der CDU-Politiker damals in Pretoria am Rande eines Südafrika-Besuchs. Die EMA hatte am Vortag eine EU-Zulassung des BioNtech-Präparats für Kinder von zwölf bis 15 Jahren befürwortet. (4)
Im August 2021 empfahl die STIKO die Corona-Impfung für alle zwölf- bis siebzehn jährigen Jugendlichen (Epidemiologisches Bulletin 33/2021), im Mai 2022 zusätzlich für alle Kinder von fünf bis elf Jahren (Epidemiologisches Bulletin 21/2022). Im November 2022 kam die Impfempfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen von sechs Monaten bis vier Jahren, die Impfempfehlung für gesunde fünf bis elf Jährige wurde im gleichen Atemzug zurückgenommen (Epidemiologisches Bulletin 46/2022). Im Mai 2023 wurde Gott sei Dank die Impfempfehlung für Säuglinge, Kinder und Jugendliche ohne Grunderkrankungen zurückgenommen, auch angefangene Grundimmunisierungen sollten nicht mehr vervollständigt werden (Epidemiologisches Bulletin 21/2023).
Was gibt es seit März 2024 neues von der STIKO?
Wie die dts-Nachrichtenagentur am 24. März 2024 aus Berlin berichtete, spricht sich der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Klaus Überla für Impfungen in Schulen aus. Um die Impfquote gegen HPV-Infektionen bei Jugendlichen zu steigern, sollten dringend neue Wege bestritten werden. Überla kündigte außerdem eine Impfempfehlung gegen RSV-Infektionen bei Kleinkindern an.
Zum HPV-Schulimpfprogramm gibt es bereits eine Etablierung eines HPV-Schulimpfprojektes in Leipzig und Umgebung.
Mit dem Ziel der Verbesserung der Impfbereitschaft und der Erhöhung der HPV-Impfrate gründete 2018 eine Initiative von Ärzten, Apothekern und Gesundheitswirten in Leipzig das HPV-Schulimpfprojekt. Es beinhaltet die Information und Aufklärung der Eltern über HPV innerhalb der regulär stattfindenden Elternabende und das niederschwellige Angebot der Impfung der Kinder im schulischen Umfeld im Intervall. 87,1 % der Eltern beurteilen die Möglichkeit einer Impfung in der Schule positiv. Zudem äußerten 73,9 % den Wunsch nach weiteren Informationen zur Impfung an Schulen. Zum aktuellen Schuljahr 2023/2024 erhielten 147 von 505 angesprochenen Schülerinnen und Schülern in ausgewählten vierten und fünften Klassen ihre erste Impfdosis. (5)
Erinnerungen…
Unser Bruder im HERRN Nico Rudat aus Schorndorf, der in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurde, berichtete einmal, dass vor seiner Schule ein Bus vorfuhr aus dem zwei Krankenschwestern ausstiegen und nach der Order die Ärmel hochzukrempeln alle Kinder eine Impfung erhielten. Weder er noch seine Eltern wissen bis heute, um welche Impfung es sich dabei handelte.
Das erinnert mich schon an meine Facharztausbildung in einer Kinderklinik in der ehemaligen DDR. Jeder Assistenzarzt hatte nach Zuteilung eine Kinderkrippe zu betreuen. Dort fanden dann einmal wöchentlich „Mütterberatungen“ ohne Mütter statt. Die Erzieherinnen brachten die Kinder, manche noch im Säuglingsalter und nach der Untersuchung erhielten sie die erforderlichen Impfungen. In der DDR gab es nur Pflichtimpfungen. Bei bestimmten Erkrankungen zum Beispiel bei Frühgeborenen oder neurologischen Erkrankungen durften wir eine Impfrückstellung attestieren. Ein Satz einer älteren Kollegin ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Beim Impfen sind wir immer mit einem Fuß im Knast!“ Auch das Gesundheitsamt hat regelmäßig die Schüler in den Schulen geimpft. Ich wünsche mir solche Zustände nicht zurück!
Nach § 223 StGB ist eine Impfung ohne Einwilligung des Impflings beziehungsweise bei Minderjährigen seiner Sorgeberechtigten eine Körperverletzung und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden.
Fazit
Wir leben in einer gefallenen Welt mit Krankheiten und Tod und sind dankbar, dass es für viele schwere Erkrankungen die Möglichkeit einer Impfprävention gibt, die wir auch nutzen sollten. Über viele Jahre stand die STIKO für freie und wirtschaftlich wie politisch unabhängige Empfehlungen. Durch die jüngsten Ereignisse zeigt sich jedoch, dass auch STIKO-Mitglieder stark beeinflussbare Menschen sind. Aus der Corona-Impfmisere sollten wir gelernt haben, STIKO-Empfehlungen nicht unkritisch zu übernehmen. Gott hat uns einen Verstand gegeben oder um es mit Paulus zu sagen: „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest!“ (1. Thessalonicher 5,21)
Leider verfolgen viele Wissenschaftler stur ihr Ziel ohne nach rechts und links zu schauen, aus welcher Motivation auch immer. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die neuesten Empfehlungen sich eher an dem aktuellen politischen Kurs als an medizinischer Maßgabe orientieren.
Wenn wir wiedergeborene Christen sind, ist unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes und Gott ist es nicht egal, wie wir mit unserem Körper – seinem Tempel – umgehen. Wir gehören nicht mehr uns selbst, sondern Gott, deshalb sollen wir ihn mit unserem ganzen „Sein“ verherrlichen. (1. Korinther 6,19-20)
Als Ärzte sind wir verpflichtet unsere Patienten aber auch unsere Geschwister in der Gemeinde, die oftmals medizinische Laien sind, nach bestem Wissen und Gewissen aufzuklären und Impfnebenwirkungen sowie Impfversager an das Paul-Ehrlich-Institut zu melden, auch wenn das alles andere als bequem ist und nicht honoriert wird.
Quellen:
- RKI Stand 29.8.2023
- Express.de 9.12.2021
- FAZ online 12.2.2024
- Weltplus 29.5.2021
- Ärzteblatt Sachsen 4/2024
- https://www.24vita.de
Volkskrankheit Einsamkeit
Volkskrankheit Einsamkeit
Autor: Inge Fischer, im Juni 2024
Scheinbar sind wir Menschen doch eng zusammengerückt seit World Wide Web und social media. In großer Schnelligkeit können wir mit Menschen in der ganzen Welt und zu jeder Zeit kommunizieren. Und doch: die Einsamkeit ist groß, wenn auch (auf den ersten Blick) nicht unbedingt sichtbar.
1. Einsamkeit ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden
Wenn Sven freitagabends am Stammtisch in der Kneipe sitzt, würde kaum einer auf die Idee kommen, dass er sich einsam fühlt. Aber der 49-Jährige sagt: „Meine Einsamkeit sieht man mir nicht an.“ Sogar Freunde wüssten nicht, dass er sich oft einsam fühle. Die 30-jährige Merle hat sich vor Kurzem einen Hund zugelegt. Etwas besser erträgt sie jetzt ihre Einsamkeit, sagt sie. Trotzdem schaltet sie täglich den Fernseher an, um wenigstens eine Stimme zu hören und eine Geräuschkulisse in der Wohnung zu haben. Gerne würde sie etwas mit anderen Leuten gemeinsam unternehmen, aber ihr fällt keiner ein, den sie fragen kann. Im Dezember 2019 berichtete der Deutschlandfunk darüber, dass Großbritannien der Einsamkeit den Kampf ansagen will und ein eigenes Ministerium gegen Einsamkeit gründen wird: Einsamkeit wird sogar Regierungssache. Neun Millionen Briten gelten als einsam.[1]Laut einer Umfrage im Jahr 2021[2] gaben etwa 41% der Menschen in Deutschland an, sich einsam oder sehr einsam zu fühlen. Der bekannte Neurowissenschaftler und Psychiater Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer[3] gab seinem in 2018 erschienenen Buch den Titel „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit“. Einsamkeit ist zur Volkskrankheit geworden.
Vor „Corona“ gaben nur etwa 17% an, sich einsam zu fühlen. Mir fiel in meinen Recherchen auf, dass vor allem seit 2020 bis heute verschiedenste Medien über Einsamkeit berichteten und weiterhin berichten.[4] Der Zusammenhang zwischen den Coronaverordnungen durch die Regierung (2020-2022) und den Auswirkungen wie eben die enorme Zunahme der Einsamkeit lässt sich unschwer erkennen.
Nun will die Bundesregierung gegen Einsamkeit vorgehen.[5]
Im Juni 2024 fand eine Aktionswoche gegen Einsamkeit (vom 17. bis 23. Juni) statt. Zum Auftakt veranstalteten das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) und das Bundesfamilienministerium zum dritten Mal in Folge eine Konferenz zum Problem Einsamkeit.[6] Der 17. Juni 204 wurde als Tag der Einsamkeit deklariert. Bundesfamilienministerin Lisa Paus erklärte ihr Vorhaben, die Öffentlichkeit stärker für das Thema Einsamkeit zu sensibilisieren und es aus der Tabuzone herausholen. „Ob jung oder alt, das Gefühl kann in jedem Alter und in jeder Lebenssituation entstehen“, sagte Paus zum Auftakt der Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“. Das Ziel: Menschen zusammenbringen, Hilfsangebote aufzeigen. Millionen von Menschen in Deutschland seien von Einsamkeit betroffen.
Frau Paus nannte Einsamkeit ein „unterschätztes Phänomen“, das langfristig auch der Demokratie schaden kann. „Wer Vertrauen in die Gesellschaft verliert, verliert auch Vertrauen in die Demokratie, politische Teilhabe nimmt ab, genauso wie die Bereitschaft wählen zu gehen“, sagte die Grünen-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Einsamkeit sei nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO genauso schädlich wie Fettleibigkeit, tgl. 15 Zigaretten Rauchen und Luftverschmutzung.
2. Die Coronamaßnahmen haben zu großer Einsamkeit geführt
Trotz vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnisse setzte die Regierung umstrittene und unwirksame Coronamaßnahmen durch, die viele junge und ältere Menschen einsam werden ließen. Schulschließungen und Kontaktverbote führten zu schweren psychischen Folgen, besonders bei Kindern, Jugendlichen und Alten[7]. Die Folgen reichen noch in die Gegenwart, beispielsweise durch den Anstieg der psychischen Krankheiten. Die Ärztezeitung warf bereits am 19.10. 2020 die Frage auf, ob mit Corona nicht gleichzeitig auch eine Epidemie der Einsamkeit drohe.
Auch das Ministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend (BMFSFJ) gibt zu, dass sich seit der Corona-Pandemie wesentlich mehr Menschen sozial isoliert fühlen: „Wir wissen, dass das während Corona hochgeschnellt ist auf 40 Prozent in Deutschland“, so die Ministerin. Auch nach Corona habe sich das nicht wieder verflüchtigt. „Wir haben nach wie vor hohe Werte, und besonders junge Menschen und sehr alte Menschen sind davon betroffen.“
3. Wen betrifft Einsamkeit?
Es zeigt sich, dass jeder betroffen sein kann, besonders Jugendliche und im Alter mit jeweils anderen Ursachen und Folgen: im Jugendalter gibt es eine besondere Empfindlichkeit gegenüber sozialem Ausschluss und Einsamkeit. Ursachen für Einsamkeit bei den Jugendlichen gehen auf zwei wesentliche Trends zurück: einmal durch die Urbanisierung. Menschen in Städten fehlen oft persönliche Kontakte und ihr Leben wird für sie anonymer. 1900 lebten 13% der Weltbevölkerung in Städten, heute sind es 50%, 2050 werden es voraussichtlich 70 % sein. Und dann kommt die Mediatisierung zum Tragen: Digitalisierung, Internet, social Media[8], Smartphone. Die Kinder und Jugendlichen von heute haben viel weniger reale Kontakte. Junge Menschen halten sich inzwischen mehr in virtuellen Welten als in der Realität unter echten Freunden auf Die Onlinenutzung ist inzwischen ein wesentlicher Teil der Alltagsgestaltung. [9]
Immer mehr Menschen leben im Alter allein (bundesweit 40% der über 65-jährigen, in Großstädten noch mehr), davon 85% Frauen. Besonders gefährdet sind Menschen in Übergangssituationen im Leben, wie dem Einstieg in Studium, Ausbildung, Beruf und Rente oder wenn die Person einen Schicksalsschlag bewältigen muss, etwa eine Trennung oder den Verlust eines geliebten Menschen. Alleinlebende, Alleinerziehende, pflegende Angehörige sowie Menschen mit eingeschränkter Mobilität, gesundheitlichen Problemen, niedriger Bildung oder geringen finanziellen Möglichkeiten sind mit einem erhöhten Risiko, von Einsamkeit betroffen zu sein, behaftet.
4. Was genau eigentlich ist Einsamkeit? (Merkmale/ Definition)
Einsamkeit wird beschrieben als ein empfundener Mangel an engen, emotionalen Bindungen oder weniger Kontakt zu anderen Menschen zu haben, als man es gerne möchte.[10]
Prof. Dr. Luhmann, eine der führenden deutschen Einsamkeitsforscher, definiert Einsamkeit in Anlehnung an Peplau/Perlman (1982) als „eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen“. Dabei ist die Qualität der sozialen Beziehungen wichtiger als die Quantität (Hawkley et al., 2008). „Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, das von den Betroffenen als schmerzhaft wahrgenommen wird. Im deutschen Sprachgebrauch wird Einsamkeit manchmal auch synonym mit Alleinsein verwendet, z. B. wenn man die Einsamkeit in der Natur aufsucht. Diese Art von Alleinsein wird häufig als positiv empfunden, Einsamkeit (im wissenschaftlichen Sinne) ist dagegen immer negativ.“
Problematisch wird Einsamkeit, wenn das Gefühl der Einsamkeit sich verfestigt und mit einem dauerhaften Leidensdruck einhergeht. Chronische Einsamkeit macht nicht nur unglücklich, sondern ist mit einer Vielzahl an körperlichen und psychischen Erkrankungen verbunden.
Einsam ist man also letztendlich, wenn man sich einsam fühlt!
Ist Einsam oder allein sein das gleiche? Nein, sagen Studien und es hängt auch nicht so stark damit zusammen, wie man denken könnte. Einsamkeit beschreibt das subjektive Gefühl, während „alleine sein“ ein objektiv sichtbarer Zustand ist. Zwar tritt beides häufig zusammen auf, ist aber nicht notwendigerweise miteinander verknüpft.
Es gibt verschiedene Arten von Einsamkeit:
So wird am häufigsten unterschieden zwischen:
- „Sozialer Einsamkeit“ (die Einbindung in ein soziales Netzwerk)
- „Emotionaler Einsamkeit“ (die Qualität der Kontakte)
- „Kultureller Einsamkeit“ (man fühlt sich nicht als Teil der umgebenden Gesellschaft)
5. Was sind Ursachen für Einsamkeit?
Um gegen Einsamkeit vorzugehen, sollten die Ursachen dafür herausgefunden und analysiert werden. Nur so können wirksame Lösungen in den Blick genommen werden.
5.1. Mediennutzung
Unsere Kommunikation hat sich im Vergleich zu früher stark verändert. Einige Beispiele: früher war das Einkaufen im Tante- Emma- Laden zugleich eine persönliche menschliche Begegnung. Es kam zu Gesprächen und Austausch. Seit den später entstandenen Supermärkten geht es beim Einkaufen anonymer zu. Ganz zu schweigen vom Online-Shopping. Wir fragen das Navigationsgerät nach dem Weg und regeln die Bankgeschäfte daheim am PC. Diese und andere modernen Kommunikationswege reduzieren den direkten menschlichen Kontakt und machen uns einsamer.
Wer sich früher unterhalten wollte, ging in die Kneipe. Heute sitzen die meisten Leute stattdessen vor dem Fernseher. Der Zusammenhang zwischen TV-Konsum und Einsamkeit ist schon länger kein Geheimnis mehr.
Die menschliche direkte Dienstleistung wird mehr und mehr wegrationalisiert. Wir reden viel weniger von Mensch zu Mensch. Wir erleben telefonische Warteschleifen oder holen uns Informationen an Automaten. Es wird auch überlegt bzw. schon ausprobiert, über digitale Medien mit dem Hausarzt zu kommunizieren, anstatt von ihm persönlich angehört und untersucht zu werden.
Aber es besteht ein großer Unterschied zwischen medialen Kontakten und dem direkten Umgang mit einem anderen Menschen. Ein direkter Kontakt ist durch nichts zu ersetzen! Selbst große Unternehmen, die mit Geschäftspartnern in fernen Ländern kommunizieren, legen Wert auf eine wenigstens initiale reale Begegnung. Bilder können täuschen und zu falschen Eindrücken führen.
- Veränderungen der Familienstruktur und des Familienlebens:
Eine weitere Entwicklung ist es, dass es immer mehr alleinlebende Zeitgenossen gibt. In 2015 zählte man knapp 41 Mio. Haushalte, davon 17 Mio. Singlehaushalte. Der Anteil der klassischen Familie (Eltern und Kinder) nimmt ab. Gemeinsame Zeiten in der Familie werden seltener, wie z.B. die gemeinsamen Mahlzeiten. Scheidungen nehmen zu, dafür steigt die Anzahl der Alleinerziehenden.
- Auswirkungen der Ichbezogenheit und der Omnipräsenz digitaler Informationstechnik:
Auch mancher Erziehungsstil und Einflüsse von Medien leisten dem Entstehen von Einsamkeit Vorschub. Zum Beispiel wird Kindern eine überbordende Selbstbezogenheit anerzogen. In Medien und Castingshows werden Kinder durch teils fragwürdige „Leistungen“ zu angeblichen Stars hofiert. Anerkannt werden nicht mehr erarbeitete Leistungen, sondern eher verrückte, auffällige Eigenschaften, wer am „schönsten“ oder „verrücktesten“ ist, usw. Unrealistische Vorstellungen, ein bequemes Leben ohne Anstrengung führen zu können, werden genährt. Selfies zählen längst als häufige Fotoobjekte, mittels derer man sich regelrecht wettbewerbsverdächtig präsentieren möchte. All das fördert Selbstverliebtheit mit dem Potential zum Narzissmus[11]. Wesentlicher für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist es aber, Empathie zu entwickeln und sich für das Wohlergehen des Mitmenschen zu interessieren. Stattdessen wird maßloser Individualismus und ausgeprägte Ichbezogenheit gefördert. Die heutige Generation, die sogenannten Millennials werden bezeichnenderweise auch als „Generation Ich“/ „Generation Me“ betitelt. Ichbezogenheit ist im Prinzip kein neues Phänomen, aber laut Manfred Spitzer besteht der größte Unterschied im Vergleich zu vor 40 Jahren darin, dass die digitale Informationstechnik[12] omnipräsent ist. Das führte inzwischen zu Veränderungen der Werte, Haltungen, Kommunikation, Aufmerksamkeit und des ganz normalen Handelns im Alltag und ist sehr stark für das Aufkommen von Einsamkeit verantwortlich. Die Veränderungen der Werte zeigen sich beispielsweise darin, dass Mitgefühl und praktische Anteilnahme am Mitmenschen auf der Strecke bleiben.
Inzwischen zeigen Beobachtungen, dass die Digitalisierung die Menschen nicht zusammenbringt, sondern eher eine Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit bewirkt. Insbesondere die Nutzung von sozialen Online-Netzwerken fördert diese Entwicklung.
Ein klarer Zusammenhang zwischen dem Erleben von Einsamkeit und der Nutzung von sozialen Online-Netzwerken wurde nachgewiesen. [13] Es wird auch festgestellt, dass sich Facebook-Nutzung negativ auf das subjektive Befinden auswirkt. Manche werden unzufriedener, werden durch häufiges Vergleichen mit anderen schlechter gelaunt und gefährden sogar ihre realen Beziehungen. „Viele Freunde“ bei Facebook haben und dennoch kann man einsam sein!
Auch das Problem des Cybermobbing mit teils krimineller Ausprägung bis zu Suizidgedanken bei den Betroffenen in der Bevölkerung nicht mehr unbekannt. Jedes 6. Schulkind ist von Cybermobbing betroffen. [14]
6. Auswirkungen der Einsamkeit:
Die Auswirkungen von Einsamkeit sind vielfältig und werden zunächst oft nicht bewusst wahrgenommen.
6.1 Einsamkeit tut weh (neurobiologische Ergebnisse)
Gemeinschaft macht Freude, aber ausgestoßen, von anderen verlassen zu sein und nicht dazu zu gehören, ist schmerzlich. Amerikanische Wissenschaftler haben schon vor über 15 Jahren mittels Nachstellung von Alltagssituationen, in denen eine Person ausgestoßen wird, nachgewiesen, dass dadurch eine gesteigerte Aktivierung in einem bestimmten Bereich des Gehirns messbar ist. (Untersuchungen im MRT). Einsamkeit und Schmerzen werden im gleichen Areal des Gehirns verarbeitet![15]Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Gemeinschaftserlebnis lindert Schmerzen!
6.2 Einsamkeit löst (Dauer-)Stress aus – Gedanken und Gefühle können krank machen
Akuter Stress durch eine Notfallreaktion kann Lebensrettend sein. Zugleich hat er durch die Ausschüttung von Stresshormonen (Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin) aber auch Nebenwirkungen. Dauerstress schädigt das Immunsystem, weil ständig ein Zuviel an Entzündungsstoffen im Körper zirkuliert.
Chronischer Stress ist krankmachend und wird oft nicht bewusst wahrgenommen. Man weiß heute, dass Einsamkeitserlebnisse in der Kindheit (z.B. Vernachlässigung durch die Eltern) sich stärker negativ auswirken als beruflicher Dauerstress! Andersherum gilt: Das Leben in Gemeinschaft senkt das Stressniveau, baut Stress ab.
Ein zurückgezogenes Leben, sich dauerhaft einsam fühlen, senkt die Lebensqualität und wirkt sich negativ auf die körperliche Gesundheit aus. Das Risiko eines erhöhten Sterbe- und Krankheitsrisikos kann daraus entstehen, wie nachfolgend dargestellt wird.
6.3. Einsamkeit als Krankheitsrisiko
Durch Einsamkeit steigt Wahrscheinlichkeit folgende Krankheiten zu bekommen:
Hypertonie, Stoffwechselstörungen (Übergewicht, Diabetes), Gefäßkrankheiten (Schlaganfall, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt), Schlafstörungen, Depression, Lungenkrankheiten, Infektionskrankheiten (Schwächung des Immunsystems), Krebs.
Einsame Kinder und Jugendliche weisen als junge Erwachsene mehr Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf und haben ein um 37 Prozent höheres Risiko, Herz-Kreislauf- Erkrankungen zu entwickeln, unabhängig von anderen bekannten Risikofaktoren wie Stress durch ungünstige Lebensereignisse, Armut, geringer IQ, Übergewicht als Kind, Bewegungsmangel sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Das Erkrankungsrisiko dieser jungen Erwachsenen (für jegliche Erkrankungen) war gegenüber Studienteilnehmern, die während ihrer Kindheit und Jugend nicht einsam waren, um 158 Prozent erhöht. [16]
Einsamkeit im Alter verstärkt den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit und ein schnelleres Fortschreiten einer Demenz. Bei Menschen, die wenig soziale Kontakte haben und älter als 50 Jahre sind, nimmt die Struktur der grauen Hirnsubstanz im Zeitverlauf stärker ab als bei Personen, die weniger isoliert sind. [17]
- Einsamkeit verstärkt Sucht und viele Psychosen. Das Ziel psychiatrischer Prävention und Therapie ist deshalb die soziale Teilhabe und Gemeinschaft.
- Einsamkeit ist auch oft das Problem psychisch Kranker. Das Suizidrisiko ist hoch.
6.4. Mortalität durch Einsamkeit
Sowohl objektiv bestehende soziale Isolation als auch das Erleben von Einsamkeit gehen mit einem erhöhtem Sterberisiko einher (Studienergebnisse groß angelegter Studien, USA, Schweden, Finnland mit tausenden Teilnehmern)[18]. Forscher der Harbin Medical Universitiy in China werteten 90 Untersuchungen mit mehr als 2,2 Millionen Teilnehmern aus und stellten fest, dass ein Mangel an sozialen Kontakten im Mittel mit einem um etwa 32 Prozent höheren Sterberisiko einhergehe, das Gefühl von Einsamkeit mit einem um etwa 14 Prozent höheren Risiko. [19]
Die negativen Auswirkungen von Einsamkeit und sozialer Isolation auf Gesundheit und Lebenserwartung sind größer als die Risikofaktoren Luftverschmutzung, Bewegungsmangel, mangelhafte Ernährung, Übergewicht, starker Alkoholkonsum![20]
Dass Verheiratete grundsätzlich länger leben würden als Unverheiratete, lässt sich nicht so einfach behaupten. Die Qualität einer Beziehung muss als wesentlicher Faktor dazu kommen. Dabei kommt noch hinzu, dass sich Frauen eher einsam fühlen als Männer, obwohl sie durchschnittlich mehr soziale Kontakte als Männer haben.
7. Auswege aus der Einsamkeit
Aus der Einsamkeit herauskommen, aber wie? Im Folgenden werden verschiedene Wege und Aspekte dargestellt. Ich beginne mit der Darstellung von vier unterschiedlichen Interventionen nach Erhebung einer Metanalyse, die zum Einsatz[21] kamen:
- Die Kontaktmöglichkeiten sollten vermehrt werden. Aber das brachte keine wesentlichen Auswirkungen auf das Erleben von Einsamkeit.
- Soziale Unterstützung minderte zwar die Einsamkeit, allerdings nur mittelmäßig.
- Soziale Fähigkeiten sollten trainiert werden. Aber auch das zeigte keine wesentlichen Auswirkungen auf das Erleben von Einsamkeit.
- Eine Kognitive Verhaltenstherapie zum Erlernen neuer Gedanken zeigte den größten Effekt.
Die Lösung nach den Studien lässt aufhorchen:
Beim einsamen Menschen treten oft automatisch negative Gedanken im Hinblick auf andere Menschen im Allgemeinen und spezielle Kontakte im Besonderen auf. Wie ein unsichtbares Gefängnisgitter umschließt es den Einsamen. Die Lösung bestünde darin, dieses Gefängnisgitter aufzubrechen. [22]
Aber können wir das aus eigener Anstrengung schaffen? „Negative Gedanken“ ändern? Was sagt Gottes Wort dazu?
„Lasst euch umgestalten durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist!“ (Römerbrief, 12,2)
„Jene rühmen sich der Wagen und diese der Rosse; wir aber des Namens des Herrn, unseres Gottes.“ (Psalm 20, 8)
„Meine Seele wird satt wie von Fett und Mark, und mit jauchzenden Lippen lobt dich mein Mund, wenn ich deiner gedenke auf meinem Lager.“ (Psalm 63,7)
„Was wahrhaftig, ehrbar, gerecht, rein, liebenswert, wohllautend, was irgendeine Tugend oder ein Lob ist, dem denket nach!“ (Philipper 4, 8)
Das heißt, Gott möchte unser Herz (unser Innerstes, unser Denken) verändern. Dazu müssen wir ihm unser ganzes Leben anvertrauen und ihn darüber Herr sein lassen. Entscheidend ist dann weiterhin, dass wir uns dazu entscheiden, uns auf das zu besinnen, was ihn ehrt.
Weitere Empfehlungen/ Angebote und Auswege aus unterschiedlicher Literatur:
- Geben: wir sollten lernen zu geben.
Das vermittelt uns längst das Wort Gottes: In Apostelgeschichte 20, 35 lesen wir, dass Geben seliger als nehmen ist und Paulus schreibt, dass Gott einen fröhlichen Geber liebhat. (2. Korintherbrief 9,7)
In Befragungen zeigte es sich: wer erhaltenes Geld (z.B. Bonus) für andere ausgegeben hatte, war danach glücklicher als einer, der es für sich behalten hatte. Mehr Geld bringt nicht mehr Glück! Geben macht glücklich. Egoismus macht nicht glücklich, das zeigte sich bei entsprechenden Versuchen!
- Geld nicht (nur) für Sachen ausgeben, sondern für gemeinsame Erlebnisse.
- Helfen: freiwillige Helfer erleben sich deutlich gesünder als Nicht-Helfer. Wer einem Ehrenamt nachgeht, ist im Mittel so gesund wie jemand, der volle fünf Jahre jünger ist und kein Ehrenamt ausführt. Natürlich spielen die Bedingungen des Helfens eine Rolle, denn ansonsten müssten alle Pflegepersonen glücklich sein.
- Musizieren, singen, tanzen
- Bewegung, wandern, etwas bauen/ sammeln – am besten gemeinsam.
- Singen! Es sollte wieder mehr gesungen werden: zuhause, in den Gemeinden, in den Schulen und den Kindertagesstätten.
Zu den vielfältigen Anregungen wie aus „einsam“ wieder „gemeinsam“ werden kann, sollte man sich vor Augen halten, dass nicht alles, was gut gemeint ist, auch immer funktioniert. Wie ein einsamer Mensch denkt und fühlt, ist für einen Außenstehenden nicht immer nachvollziehbar. Ratschläge wie „Geh doch in die Gruppe XY“, sind nicht immer das, was dem Betroffenen hilft. Manche Kontaktmöglichkeiten überfordern manch einen. Mancher Betroffene ist sehr sensibel und verletzbar. Deshalb reagiert er möglicherweise auf ein Gesprächsangebot mit Rückzug oder Ablehnung.
Zu bedenken ist auch, dass Einsamkeit kein Schicksal ist, denn jeder Einzelne kann sich um einen anderen kümmern und sei dieses Kümmern noch so unscheinbar. Der Anfang kann sein, dass man sich für das Wohlergehen des Nächsten überhaupt interessiert, z.B. danach fragt:
- Gehe ich auf andere zu bzw. helfe ich anderen, kümmere ich mich um andere?
- Habe ich Mitgefühl für sensible Menschen, die Hemmungen haben, zu schüchtern sind, um auf andere zuzugehen?
Jeder kann auch irgendetwas gut. Jeder kann mit seinen Gaben/ Fähigkeiten helfen und anderen Menschen dienen. Warum nicht selber aktiv werden und sich in der Gemeinde um Einzelne praktisch kümmern, besuchen oder mitarbeiten in der Seniorenarbeit oder Familien entlasten. Sich vornehmen, einen bestimmten Menschen regelmäßig anzurufen oder einen anderen, von dem man lange nichts mehr gehört hat.
- Nehme ich die anderen, z.B. die alleinstehenden und einsamen Menschen in meiner Umgebung/ in meiner Gemeinde wahr?
- Wird mein Glaube ganz praktisch, indem ich zum Beispiel Waise und Witwen besuche und ihnen helfe? (siehe Jakobus 1,27)
Statt auf Gemeinschaft lediglich zu warten, ist es viel besser, Gemeinschaft aktiv zu suchen und zu pflegen. Vor allem auch überlegen, wie man Gemeinschaft selber anbieten und mit anderen Menschen Unternehmungen teilen könnte.
Es gibt weitere Anregungen, die in verschiedenen Zeitschriften oder in Mitteilungen des Wohnortes zu finden sind. Solche sind z.B. Generationencafés, Spiel- und Musiknachmittage, Wanderungen, Ausflüge, Repaircafés, Mitfahrgelegenheiten nutzen, Tiere pflegen und hüten, als Lesepate an Schulen helfen, sich um Enkel kümmern, Alltagsbegegnungen nutzen zum Plaudern (Gartenzaun, Wartezimmer), ein neues Hobby, eine neue Sprache lernen. Durch freundliches Interesse werden menschliche Begegnungen zu bereichernden Erlebnissen. Manche sagen dazu, diese sind wie „Kitt“, der zusammenhält.
Das Ausmaß der eigenen Nutzung von Onlinemedien, social media sollte man auch einmal selbstkritisch prüfen!! Ob das vielleicht ein Grund ist, sich einsam zu fühlen? Ist man selbst zu viel online und zu wenig in wirklicher Gemeinschaft? Der Online-Gottesdienst ist nie das Gleiche wie persönlich am Gottesdienst teilzunehmen und mit den Glaubensgeschwistern Gemeinschaft zu pflegen!
Christen sollten nüchtern prüfen, welche der publizierten Anregungen/ Angebote zu einem Leben in der Nachfolge Jesu passen. Dazu gehört es auch zu überlegen, welche zeitliche Priorität diese bekommen sollen.
8. Gemeinschaft und Einsamkeit aus biblischer Sicht:
Gott hat das Bedürfnis nach Gemeinschaft geschaffen:
Er hat uns als Beziehungswesen geschaffen. Wir sind zur Gemeinschaft seines Sohnes, des Herrn Jesus Christus berufen (1. Kor. 1,9), Gott hat die menschliche Gemeinschaft geschaffen (Ehe, Familie, Gemeinde) und wir sollen sie mit seiner Hilfe zu Seiner Ehre gestalten.
Seit dem Sündenfall empfinden wir allerdings schmerzliche Lücken und manches Versagen. Die Gemeinschaft unter uns ist durch die Auswirkungen des Sündenfalls beschädigt. Das erschwert es uns, in ungetrübte Gemeinschaft mit anderen zu kommen.
Deshalb dürfen und sollten wir Gott um Hilfe bitten, wenn wir (gute) Gemeinschaft vermissen, ob allein, verheiratet, geschieden, verwitwet.
Als Christ allein
Manche Christen leben allein, weil sie ledig, geschieden oder verwitwet sind. Manche stehen allein mit dem Glauben an Jesus. Das kann in Ehe und Familie, am Arbeitsplatz, am Studienort oder Ausbildungsplatz oder am Wohnort sein. Durch Verfolgung und Gefängnisstrafen gehen manche Glaubensgeschwister in der ganzen Welt ihren Weg allein.
Man kann als Christ auch die Erfahrung machen, innerlich allein zu sein, weil Keiner in der Nähe ist, der im Wort Gottes geübt oder gewachsen ist, der gelernt hat zu unterscheiden und „feste Speise“ verträgt (s. Hebräerbrief 5, 11-14).
Paulus beschreibt die traurige Erfahrung, dass er niemanden von gleicher Gesinnung hat und dass alle nur für ihre eigenen Anliegen sorgen (Philipperbrief 2,19-21). Er kannte Verlassenheit: „Bei meiner ersten Verantwortung vor Gericht stand mir niemand bei, sondern alle verließen mich; es sei ihnen nicht zugerechnet! Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich…“ (2. Tim. 4,16-17)
Elisa betet für den verängstigten Diener, der sich dem syrischen Heer ausgeliefert und verloren sieht: „Herr, öffne ihm doch die Augen, dass er sehe!“ Was soll er sehen? „Derer, die bei uns sind, sind mehr, als derer, die bei denen sind!“ (2. Könige 6,15-17).
Jeremia, unverstanden von einem unbußfertigen Volk, angefeindet und gehasst, leidet für das Wort, bleibt trotzdem furchtlos und treu. „Ich bin der Mann, der tief gebeugt worden ist durch die Rute seines Zorns… „(Klgl. 3, 1 ff.) Ab V.21: „Dieses aber will ich meinem Herzen vorhalten, darum will ich Hoffnung fassen:…V.26: „gut ist‘s, schweigend zu warten auf das Heil des Herrn.“
Wir können daraus lernen: in Zeiten der Bedrängnis, in denen das Alleinsein sogar bedrohlich werden kann, sollen wir unser Vertrauen weiterhin unerschütterlich auf Gott setzen, der sich der Seinen annimmt und auf seine Weise zur rechten Zeit helfen wird.
David gibt uns in einigen seiner Psalmen Einblick in seine eigene Not und Einsamkeit, z.B. Psalm 31 (s. V. 11,12, 13). Er entschließt sich dann aber, seinem Gott zu vertrauen: „Aber ich vertraue auch dich, o Herr; ich habe gesagt: Du bist mein Gott! In deiner Hand sind meine Zeiten;“ er gewann wieder Aufblick ab V. 15)
Samuel Lamb, China, konnte nach 20 Jahren Haft (Straflager und Gehirnwäsche) wegen seines Glaubens sagen: „Niemals allein“[23]. Er vertraute seinem Gott unerschütterlich.
9. Einsamkeit suchen kann auch mal geboten sein!
Einsamkeit ist nicht immer negativ, denn wir brauchen auch manchmal einen bewussten Rückzug. Zum Beispiel nach einem anstrengenden Tag, wenn man sich ausgelaugt und gestresst fühlt.
Möglichkeiten dazu gibt es ja viele. Verbunden mit Bewegung und Sport am besten hinaus ins Grüne oder ins Blaue gehen. Der Aufenthalt in der Natur wirkt sich positiv auf Körper und Seele aus. Ein 90-minütiger Spaziergang soll das Grübeln reduzieren, Ängste und negative Gedanken mindern und die Kreativität fördern.
Wir dürfen über die einzigartige und wunderbare Schöpfung Gottes staunen und uns darüber freuen: über den Sternenhimmel, über Wasserfälle, Berge, Täler, Blumen und vieles mehr. Darüber hinaus können wir zur Anbetung Gottes kommen.
Das iPhone hat leider dazu geführt, dass Kinder heute viel zu wenig draußen sind. Wir können sie dazu anleiten und sie dadurch vor Einsamkeit schützen.
10. Abschließende Gedanken
- Die Gefahr des Narzissmus als eine wesentliche moderne Ursache für Einsamkeit!
- Selbstprüfung und lernen von dem Jünger Johannes
- Nie allein: mit Jesus Christus Einsamkeit bewältigen aufgrund seiner Verheißungen und meines Platzes in Seiner Nähe
Narzissmus ist eine der modernen wesentlichen Ursachen dafür, an Einsamkeit zu leiden bzw. dafür gefährdet zu sein – Narzissmus im Licht des Wortes Gottes:
Wie bereits aufgeführt, kann der vor allem zeitlich intensive Umgang mit den modernen Onlinemedien und deren Plattformen dazu führen, sich viel zu viel mit sich selbst zu beschäftigen und dadurch unempfindlich für die Situation der Mitmenschen zu werden. Eine permanente Selbstbetrachtung bleibt nicht folgenlos: statt zufriedener zu werden, werden viele Zeitgenossen unzufriedener und auch einsamer. Das eigene Nabelschauhalten und das (vielleicht unbewusste) Suchen nach Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein führt in die Sackgasse.
Was können wir aus Gottes Wort gewinnen, wenn wir uns die Frage stellen, wo wir Zufriedenheit finden und wie wir dahin kommen, dass wir uns nicht ständig mit uns selbst beschäftigen müssen oder uns in Konkurrenz zu anderen sehen?
Ich lese über den Jünger Johannes. Er schreibt über sich selbst: „Einer seiner Jünger aber, den Jesus liebte, hatte bei Tisch Platz an der Seite Jesu.“ (Johannesevangelium 13, 23; „er lehnte sich an die Brust Jesu“, V. 25). Etwas später schreibt er, wie im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu, Maria Magdalena zu Simon Petrus läuft und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte.. (Joh. 20,2) -s. auch Joh. 19,26; 21,7. Er stellt sich also vor als „der Jünger, den Jesus liebte“ und als „der andere Jünger“.
Ich habe mir einmal die Frage gestellt: Hatte Jesus denn nur den Johannes lieb oder ihn sogar lieber als die anderen Jünger?
Nein, das kann nicht sein! Denn „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ (Joh. 13,1). Er liebte alle die Seinen!
Aber Johannes lebte in engster Gemeinschaft mit dem Herrn. Er konnte sich deshalb „zurücknehmen“ (bis in seine Selbstbezeichnung hinein), weil er sich von Jesus geliebt wusste und das genügte ihm! Das prägte sein „Selbstbild“ und dann seine (Glaubens-)Praxis! Er musste sich nicht anderweitig Anerkennung verschaffen, nicht von sich reden, sich nicht in den Mittelpunkt stellen, sich nicht mit anderen vergleichen und wetteifern und zum selbstverliebten Egoisten werden. Denn das macht einsam!!
Es genügte ihm, sich als Schreiber des Johannesevangeliums „nur“ so zu nennen: „der andere Jünger“, „der Jünger, den Jesus liebhatte“. Die Nähe Jesu und das Wissen um seine Liebe reichten ihm aus.
Wenn ich mich nun selbst prüfen will, kann ich mir diese Fragen stellen:
- Wie ist das bei mir?
- Welche Nähe zu Jesus habe ich denn?
- Welchen (vertrauten) Umgang mit ihm pflege ich?
Brauche ich (so viel) Anerkennung von anderen, sogar aus dem weltweiten Netz, aus dem Vergleichen mit den anderen in ihrem „Status“, ihren Profilbildern, ihrer Anzahl der „Freunde“, der „Followers“, der „Likes“, usw.? Bin ich damit so beschäftigt, dass es mich daran hindert, um selbst Gemeinschaft zu suchen oder anzubieten?
- Bin ich zur Ruhe gekommen, weil meine Identität in Jesus gegründet ist, der mich wirklich liebt?
- Könnte ich mit dem Psalmisten sagen: „Mir aber ist die Nähe Gottes köstlich; ich habe Gott, den Herrn, zu meiner Zuflucht gemacht.“ (Psalm 73,28)
- Kann ich deswegen „los sein von mir selber“ und bereit sein zum Dienst, zur Gemeinschaft?
Unser Herr Jesus Christus – Verlassen von Menschen und von Gott:
Der Herr Jesus kennt Verlassenheit. In schwersten Stunden verließen ihn seine Jünger (Joh. 19, 25/ Markus 15,40).Unter dem Kreuz Jesu standen nur noch wenige Frauen und der Jünger Johannes. Bei der Gefangennahme Jesu flohen alle Jünger (Matthäus 26, 56). In Gethsemane während des Gebetskampfes Jesu schlafen alle Jünger ein (Matthäus 26, 36 ff.).
Und schließlich muss Gottes Sohn sogar die Gottverlassenheit in seinem Todeskampf erleiden! (Matthäus 27, 46).
Nie allein: Gottes zuverlässiger wahrer Zuspruch
Einsamkeit bei Christen? Ja, das ist möglich, denn Menschen können uns verlassen oder enttäuschen (und umgekehrt sind wir leider selbst in der Lage dazu, treulos oder feige zu sein), aber wir sind niemals von Gottverlassen!
Die Gottverlassenheit, wie sie der Herr Jesus Christus für uns Sünder in seinem Sterben erlitten hat, müssen wir niemals erleben. Dagegen sprechen die Zusagen, die Gott in seinem Wort garantiert. Denn er selbst hat gesagt:
„Ich will dich nicht verlassen noch versäumen!“ (Hebr. 13,5c)
„Jesus Christus ist gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!“ (Hebr. 13,8)
„Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe nie den Gerechten verlassen gesehen,
oder seinen Samen um Brot betteln.“ (Psalm 37,25)
Gott wird dich tragen (F. J. Crosby 1820-1915)[24]
Gott wird dich tragen, drum sei nicht verzagt,
treu ist der Hüter, der über dich wacht.
Stark ist der Arm, der dein Leben gelenkt,
Gott ist ein Gott, der der Seinen gedenkt.
Gott wird dich tragen, wenn einsam du gehst;
Gott wird dich hören, wenn weinend du flehst.
Glaub es, wie bang dir der Morgen auch graut,
Gott ist ein Gott, dem man kühnlich vertraut.
Gott wird dich tragen durch Tage der Not;
Gott wird dir beistehn in Alter und Tod.
Fest steht das Wort, ob auch alles zerstäubt;
Gott ist ein Gott, der in Ewigkeit bleibt.
Gott wird dich tragen mit Händen so lind.
Er hat dich lieb wie ein Vater sein Kind.
Das steht dem Glauben wie Felsen so fest:
Gott ist ein Gott, der uns nimmer verlässt.
[1] Deutschlandfunk, 23.12 2019
[2] Laut dem Sozio-ökonomisches Panel (SOEP), einer unabhängigen forschungsbasierten Infrastruktureinrichtung, 2021; zitiert in einer Meldung des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen, 17.06.2024
[3] In meiner Bearbeitung des Themas bezog ich mich wesentlich auf das Buch von Manfred Spitzer, Einsamkeit, die unerkannte Krankheit, 2018. Spitzer ist Psychiater und einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher. In seinem Buch bezieht er sich auf eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten. Er betont, dass diese Studien eine hohe methodische Strenge aufweisen würden.
[4] Beispiele: Ärztezeitung, Droht mit Corona auch eine Pandemie der Einsamkeit? 19.10. 2020; Stern, Einsamkeit im Corona-Lockdown, 1.7. 2020; Frankfurter Rundschau; Depression und Einsamkeit, 7.11. 2023; GEO, Einsame Menschen haben ein höheres Sterberisiko, 19.6. 23; Neue Westfälische Rundschau, Bielefelder Projekt will einsame Menschen aus ihrer Isolation holen, 11.6. 2023; WDR, Einsamkeit der Jugend – was kann die Landesregierung tun? 29.11. 2023; ARD alpha, Die Zahl einsamer Menschen in der BRD steigt, 13.12. 23; Deutschlandfunk Kultur, Was tun gegen Einsamkeit? 18.6. 2024; Tagesschau, Corona hat einsamer gemacht – vor allem Jüngere, 30.5. 2024
[5] Tagesschau, 13.12. 2023: Die Bundesregierung will gegen Einsamkeit vorgehen
[6] www.bundesregierung.de, 12.06. 2024
[7] In der Sendung „Nachtcafé“ am 21.06. 2024 mit dem Thema „Was von Corona bleibt“ berichtete ein betroffener Vater, dass eins seiner Kinder aufgrund der Schulschließung und der Kontaktverbote eine Depression entwickelte und magersüchtig wurde.
[8] Dazu zählen: Facebook, Twitter, WhatsApp, Youtube, Instagram, Snapchat
[9] Spitzer, 2018, S. 17 ff.
[10] Lt. dem Kompetenznetz Einsamkeit (KNE)
[11] Narzissmus: maßlose Ichbezogenheit, Selbstverliebtheit
[12] Spitzer, Einsamkeit, Die unerkannte Krankheit, S. 21 f.
[13] Veröffentlichte Studie im American Journal of Preventive Medicine, 2017, auf der Grundlage einer für die USA repräsentativen Studie von 1787 Erwachsenen im Alter von 19-32 Jahren. Es wurde darin der Zusammenhang zwischen dem Erleben von Einsamkeit und der Nutzung von Onlinemedien untersucht -zitiert in: Spitzer, 2018, S. 133
[14] Das Deutsche Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung veröffentlichte am 2.4.2024 aus einem Bericht der WHO (veröffentlicht Ende März 2024), dass jedes 6. Schulkind von Cybermobbing betroffen ist.
[15] Spitzer, 2018, S. 46 f.
[16] Sozial isolierte Kinder“, eine Neuseeländische Längsschnittstudie (Herbst 1972-Frühjahr 1973): in einer Stadt wurden alle Neugeborenen erfasst (1037 Babys). Bis zu ihrem 26. Lebensjahr wurden diese im Rahmen einer Studie in Abständen von einigen Jahren immer wieder aufgesucht, befragt und teilweise untersucht, um festzustellen, wie es ihnen geht und wie sich ihr Leben entwickelt- zitiert in: Spitzer, 2018, S. 150-151
[17] Factum 5/ 2023, S. 31, Schwengeler Verlag AG
[18] Soziologen House/ Landis, beide University of Michigan, Soziologin Umberson, University of Texas: Social Relationships and Health, veröffentlicht im Fachblatt Science, 1988; zitiert in: Spitzer, Einsamkeit, die unerkannte Krankheit, 2018, S. 161
[19] factum 5/ 2023, S. 31, Schwengeler Verlag AG
[20] S. Spitzer, 2018, S. 166
[21] s. Spitzer, 2018, S. 194-196
[22] s. Spitzer, 2018, S. 195
[23] Ken Anderson, Niemals allein, clv Verlag
[24] Fanny Crosby erblindete als Kind. Ihr Anliegen war es, Gott mit ihrem Leben zu dienen. Sie schrieb viele Gedichte und Lieder bis ins hohe Alter. Sie ging oft in Gefängnisse. „Gott wird dich tragen“, das war ihre eigene Erfahrung. Darum konnte sie für andere da sein.
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Foto von Oleksandra Petrova auf Unsplash
Körperliche Ursachen psychischer Störungen
Körperliche Ursachen psychischer Störungen
Unspezifische Verhaltens- und Stimmungsänderungen sind oft das erste und manchmal für längere Zeit das einzige und ausschließliche Anzeichen für eine unerkannte körperliche Erkrankung. Durch ihre offensichtliche und überzeugende „psychologische“ Natur und Präsentation führen solche maskierten körperlichen Zustände den Arzt häufig in die Irre und verhindern so jede weitere medizinische (d.h. somatische) Untersuchung, was zu Fehldiagnosen und damit zwangsläufig zu einer fehlgeleiteten Behandlung führt.
Erwin Koranyi (1924 – 2012), kanadischer Psychiatrieprofessor
Depressionen, Psychosen, Zwänge, Ängste und Panik – was ist die Ursache all dieser und anderer psychischen Störungen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht so eindeutig, wie viele es sich wünschen würden. Manche sind überzeugt, dass die Ursache psychischer Probleme in den Sünden der Leidenden oder ihrer mangelhaften Gottesbeziehung liegt, andere orten sie in unverarbeiteten Konflikten der Kindheit, erlittenen Traumata, negativen Einflüssen der Umwelt, den Genen oder in einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter.
Der Mensch ist ein komplexes Geschöpf, der zudem auch noch Teil sozialer Systeme wie Familie und Gesellschaft ist. Er ist eine Einheit aus Körper und Geist-Seele (1Mo 2,7), die sehr eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Diese einfachen Feststelllungen deuten schon darauf hin, dass es viele verschiedene mögliche Ursachen psychischer Störungen gibt. Der Einfluss der Seele (gr. Psyche) auf den Körper (gr. Soma) ist den meisten gut bekannt und wird auch in der Bibel bezeugt (z. B. Spr 17,22; Ps 32,3). Mit dieser Thematik beschäftigt sich die medizinische Fachrichtung der Psychosomatik. Es gibt jedoch in umgekehrter Richtung auch den Einfluss des Körpers auf den Geist, der weniger gut bekannt ist. Dieser spezielle Zusammenhang und sein Einfluss auf die seelische Gesundheit soll der Gegenstand dieses Artikels sein.
Mögliche Ursachen psychischer Störungen
Über die Ursache(n) psychischer Probleme gibt es unter Christen sehr unterschiedliche Meinungen. In der modernen Psychiatrie dominiert ein biologisches Modell psychischer Störungen. Dieses Modell konzentriert sich auf die Gene, die Morphologie und die Neurochemie des Gehirns („Ungleichgewichte“ von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und Glutamat). Jedoch haben weder das Humangenomprojekt (1990-2003), die Dekade des Gehirns (1990-1999), noch die Einführung moderner bildgebender Verfahren (MRI/MRT, PET, SPECT) das Rätsel der Ursachen psychischer Störungen lösen können.
Der amerikanische Psychiater Dr. Thomas Insel war von 2002 bis 2015 Direktor des Nationalen Instituts für seelische Gesundheit der USA (NIMH), der weltweit grössten Forschungsorganisation für psychische Erkrankungen. In einem Interview im September 2015 sagte er: „Ich habe 13 Jahre am NIMH verbracht, um die Neurowissenschaften und die Genetik psychischer Störungen voranzubringen, und wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass es mir zwar gelungen ist, eine Menge wirklich cooler Publikationen von coolen Wissenschaftlern zu veröffentlichen, und das zu ziemlich hohen Kosten – ich glaube, 20 Milliarden Dollar -, aber ich glaube nicht, dass wir die Nadel bei der Reduzierung von Selbstmorden, der Verringerung von Krankenhausaufenthalten und der Verbesserung der Genesung von Millionen von Menschen mit psychischen Erkrankungen bewegt haben.“ Das ist ein ziemlich ernüchterndes Fazit. Tatsächlich gibt es bis heute keine biologischen, chemischen oder physikalischen Tests, die eine psychische Störung mit ausreichender Zuverlässigkeit diagnostizieren können. In der Praxis ist es daher üblich, dass ein Psychiater aufgrund eines Gesprächs eine Diagnose stellt. Umfangreiche Laboruntersuchungen, bildgebende Verfahren, genetische Analysen usw. werden in der Regel nicht durchgeführt.
Das triadische System der deutschen Psychiatrie teilt die psychischen Störungen nach den folgenden drei möglichen Ursachen ein:
1. Endogen („im Inneren erzeugt“, bisher unbekannte Ursache, genetische Komponente wird vermutet)
2. Psychogen („in der Psyche begründet“, oft auch neurotisch oder reaktiv genannt)
3. Exogen („durch äussere Einflüsse entstehend“, körperlich/somatisch/organisch bedingt)
Zur ersten Gruppe gehören die endogenen Psychosen (melancholische Depression, Manie, bipolare Störungen und Schizophrenien), deren Ursachen noch nicht bekannt sind, man aber von einer organischen Erkrankung ausgeht.
Störungen mit einer exogenen Ursache beruhen auf körperlichen Erkrankungen (nicht nur des Gehirns). Dies ist der Fokus dieses Beitrags. In der Geschichte der Psychiatrie waren die Entdeckungen zur Neurosyphilis grundlegend, da dadurch erstmals eine psychische Krankheit auf eine somatische Ursache (nämlich der Infektion des Gehirns mit dem Bakterium Treponema pallidum) zurückgeführt werden konnte. Eine weitere wichtige Entdeckung auf diesem Gebiet war die Verursachung einer Psychose durch den Mangel eines Vitamins (Niacin/Vitamin B3), der sog. Pellagrapsychose. In dem von der WHO herausgegebenen und bei uns verbindlichen Diagnosemanual ICD-10 werden im Kapitel V, Gruppe F00-F09 (besonders F06 und F07, siehe auch die Einträge unter F02.8), „Organische psychische Störungen“ vorgestellt, die für uns von Interesse sind und eine passende Diagnose bzw. Klassifizierung erlauben. Das Wissen über die körperlichen Ursachen ist also vorhanden, kommt jedoch in der Praxis oft nicht zur Anwendung.
Die psychogenen Ursachen seelischer Störungen sind sehr vielfältiger Natur (z. B. eine schwierige Kindheit, belastende Lebensumstände, Stress, Verluste, Beziehungsprobleme, erlittene Traumata). Die Persönlichkeit/das Temperament der Betroffenen spielt auch eine wichtige Rolle. Auch Auswirkungen der modernen Gesellschaft wie fehlende Beziehungen und Einsamkeit, übermässige Beschäftigung mit elektronischen Medien, ungesunde Ernährung („Fastfood“) oder Schlafmangel sind mögliche Gründe. Das Aussehen solcher psychogen verursachter Störungen umfasst die ganze Breite der psychiatrischen Krankheitsbilder. Zu dieser Gruppe gehört die Mehrzahl der auftretenden psychischen Störungen.
Sogar schizophrenieähnliche Krankheitsbilder können psychogen verursacht werden. In der Regel treten diese Krankheitsbilder spontan auf, dauern nur wenige Wochen und haben bei Elimination der auslösenden Faktoren eine gute Prognose.
In der Psychiatrie hat man vor etwa 40 Jahren die Diagnose psychischer Störungen auf das Vorhandensein bestimmter Symptome (ohne Berücksichtigung der Ursache) umgestellt. Dies ist mit verschiedenen Risiken verbunden, da psychiatrische Symptome unspezifisch sind. So können ganz verschiedene Ursachen wie z. B. ein Karzinom, ein Vitaminmangel oder der Tod eines Kindes das gleiche Krankheitsbild einer Depression hervorrufen. Auf der anderen Seite ist es so, dass eine bestimmte Ursache, z. B. Syphilis, ganz verschiedene psychiatrische Krankheitsbilder verursachen kann. Dies deutet schon die Wichtigkeit einer sorgfältigen internistisch-neurologischen Untersuchung zur Abklärung der möglichen Ursache an.
Eine Fallgeschichte
Um die Relevanz und Wichtigkeit des Erkennens der wahren Ursache einer psychischen Störung besser zu verstehen, wollen wir uns nun eine wahre Krankengeschichte vor Augen führen (Lamparter 2018). Ein verheirateter 40-jähriger Verkaufsleiter leidet seit 15 Jahren an ausgeprägten Kopfschmerzen, zeitweisem Schwindel und seit 5 Jahren an einer Abgeschlagenheit, die ihn bei der Ausübung seines anspruchsvollen Berufs behindert. Seine Stimmung ist ängstlich-depressiv. Der Patient ist als Einzelkind, dessen Eltern sich im Alter von 4 Jahren scheiden liessen und ist unter schwierigen Umständen aufgewachsen. In der Berufswelt hatte er wiederholt Probleme mit Autoritätspersonen. Eine internistische Abklärung ist ohne Befund. Von einem Neurologen, der seine Kopfschmerzen erfolglos behandelt hat, wird er zur Psychotherapie überwiesen, die er jedoch nach 9 Sitzungen abbricht. Die Diagnose lautet „Chronische Kopfschmerzsymptomatik bei Autonomiekonflikt und selbstunsicherer Persönlichkeit“. Eine weitere, später durchgeführte erfolglose Psychotherapie wird nach 22 Sitzungen vom Patient abgebrochen. Starke einschiessende Schmerzen wurden vom Psychotherapeuten als „Aufschrei der Seele“ interpretiert. Der Chefarzt einer Schmerzklinik stelle aufgrund einer „bizarren Schmerzschilderung“ gar die Diagnose einer Schizophrenie. 8 Jahre nach dem ersten Arztbesuch hat sich die gesundheitliche Situation körperlich und psychisch sehr verschlechtert. Der Patient ist bettlägerig und berentet. Eine erneute umfassende medizinische Untersuchung zeigt nun die Ursache all der verschiedenen körperlichen und psychischen Symptome: Neurosyphilis. Nach all den Leidensjahren, von denen er die meisten auf der „Psychoschiene“ war, starb der Patient an seiner Syphilisinfektion. Diese wäre in den ersten Jahren seiner Erkrankung sehr gut behandelbar gewesen.
Wie obige Fallgeschichte zeigt, kann die Fehldiagnose einer körperlichen Erkrankung als psychogen („Psychogener Fehler“) schwerwiegende Folgen haben.
Mögliche körperliche Ursachen psychischer Störungen
Im Prinzip kann jede Krankheit oder Substanz, die im Gehirn einen pathologischen Zustand erzeugen kann, eine psychische Störung hervorrufen.
Wie die untenstehende Auflistung andeutet, gibt es eine sehr grosse Zahl an möglichen körperlichen Ursachen psychischer Probleme. Fast alle Medikamente (insbesondere wenn man mehrere gleichzeitig nimmt) können bei prädisponierten Menschen psychische Probleme verursachen, dies gilt insbesondere für Ältere. Unter den Medikamenten sind diejenigen mit einer anticholinergen Wirkung besonders problematisch (es ist eine gewisse Ironie, dass auch manche Psychopharmaka zu dieser Gruppe gehören). Auch viele „normale“ Erkrankungen können psychische Störungen verursachen. Nun werden sich sicher manche die Frage stellen, warum diese Krankheiten nicht behandelt werden und dadurch die psychischen Probleme gar nicht erst entstehen oder wieder verschwinden. Oft ist es so, dass psychische Symptome die ersten Anzeichen sind und die eigentliche körperliche Erkrankung mit ihrer typischen Symptomatik sich erst viel später manifestiert. Hausärzte haben oft eine nicht ausreichende Kenntnis auf dem Gebiet der somato-psychischen Medizin. Dadurch werden wichtige Labortests und andere Untersuchungen nicht angefordert und so das grundlegende Problem nicht erkannt. Psychiater und Psychotherapeuten führen in der Regel keine körperlichen Untersuchungen durch und vertrauen darauf, dass alles Nötige schon vom Hausarzt oder dem überweisenden Arzt abgeklärt wurde. Auch legen sie ihr Hauptaugenmerk auf die psychiatrischen Symptome, die jedoch leider keinen Rückschluss auf die Ursache zulassen. Die ausgeprägte Spezialisierung in der Medizin (statt einer gesamtheitlichen Betrachtung des Menschen) und die jetzige Situation in der medizinischen Versorgung mit langen Wartezeiten und einem zeitlich nur kurzen Kontakt mit dem Arzt tragen zu dieser Misere bei.
Körperliche Erkrankungen, die psychische Störungen hervorrufen können
Die untenstehende Auflistung zeigt eine Übersicht der möglichen Ursachen psychischer Störungen mit einigen Beispielen. Weitere körperliche Krankheiten und die am häufigsten von ihnen verursachten psychischen Symptome werden im Anhang gezeigt. Die Anzahl der möglichen Ursachen ist sehr gross und füllt ganze Bücher. So wurden z. B. für die Symptomatik einer Depression hunderte möglicher körperlichen Ursachen beschrieben.
– Hirntumore, Hirnabzess, Schädel-Hirn Trauma
– Epilepsien (Temporallappenepilepsie)
– Endokrine Erkrankungen (Schilddrüse, Nebenschilddrüse, Nebenniere)
– Gehirnentzündungen (Bakterien, Viren, Pilze, Protozoen, Würmer, Autoimmun)
– Erbkrankheiten (Chorea Huntington, Morbus Wilson, Porphyrie)
– Elekrolytstörungen (Hyponaträmie)
– Krebs (Pankreas, Lunge, Brust, Eierstock, Prostata, Hypophyse)
– Mangelzustände (Eisen, B-Vitamine, Mineralien, Spurenelemente)
– Intoxikationen (Schwermetalle, Organische Gifte)
– Medikamente (Fluorchinolon-Antibiotika, Isoretinoine, Kortison, „Antibabypille“)
– Autoimmunerkrankungen (Lupus, Multiple Sklerose, Hashimoto, Diabetes Typ I, Zöliakie)
– Allergien/Unverträglichkeiten (Fruktose-, Laktoseintoleranz)
– Organerkrankungen (Herz, Niere, Leber, Pankreas)
– Neurologische Erkrankungen (Multiple Sklerose, Parkinson, Demenz)
– Infektionen (Influenza, Syphilis, Borreliose, HIV, Herpes-Viren, Toxoplasmose)
In den letzten Jahren wurde die Wichtigkeit von Autoimmun-Gehirnentzündungen (Enzephalitiden) ohne begleitende neurologische Auffälligkeiten als Ursache von schwerwiegenden Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen, Bipolaren Störungen und Zwangsstörungen erkannt und erfolgreich mit immunsuppressiven Therapien behandelt.
Für das Krankheitsbild einer Schizophrenie wird eine Vielzahl organischer Ursachen beschrieben (Tebartz van Elst 2021), was für Betroffene ganz neue Möglichkeiten der Behandlung und ursächlichen Heilung aufzeigt. Auch Infektionen des Gehirns mit allen möglichen Erregern können die verschiedensten psychischen Störungen hervorrufen (Niehaus 2021), die dann nicht mit Psychopharmaka, sondern mit Antibiotika, Virostatika u. ä. behandelt werden sollten. Hier sollte z. B. an eine Borreliose und an Syphilis, die wieder auf dem Vormarsch ist, gedacht werden.
Wie gross ist das Ausmass dieser Problematik?
Die Psychiater Koranyi & Potoczny haben 1998 eine Übersichtsarbeit publiziert, in der sie 21 Studien über die Häufigkeit körperlicher Erkrankungen bei Psychiatriepatienten aus den Jahren 1937 bis 1991 ausgewertet haben. Bei insgesamt 9200 Patienten wurde bei einer unabhängigen Untersuchung bei 50% eine körperliche Erkrankung festgestellt. Bei 58% dieser Patienten war die Diagnose vorher nicht bekannt und bei 27% hatte die körperliche Erkrankung eine direkte Beziehung zum psychiatrischen Krankheitsbild. Es bestand also bei ca. 14% (dieser Wert umfasst bei den o. g. 21 Studien den Bereich von 7 bis 37%) der psychiatrischen Patienten eine körperliche Erkrankung, die nachträglich als Ursache des psychiatrischen Krankheitsbildes identifiziert wurde. Die meisten dieser Patienten waren stationär in psychiatrischen Kliniken untergebracht. Unter Beachtung der Tatsache, dass früher moderne bildgebende Verfahren (MRT, CT) und manche Labormethoden noch nicht verfügbar waren, ist die mittle Häufigkeit von 14% wohl nach oben zu korrigieren. Auch ist zu berücksichtigen, dass die Verursachung psychiatrischer Krankheitsbilder durch Autoimmun-Entzündungen des Gehirns erst im Jahr 2007 entdeckt wurde. In diesem Sinn wird der Anteil körperlich bedingter psychischer Störungen immer grösser und aus psychiatrischen „Fällen“ werden solche für die Neurologie oder Innere Medizin.
Hinweise auf eine körperliche Ursache
Wenn mit dem Auftreten von psychischen Symptomen die folgenden Beobachtungen oder Bedingungen vorhanden sind, oder diesen vorausgehen, sollte immer an eine körperliche Ursache der psychischen Störung gedacht werden und eine entsprechende medizinische Untersuchung veranlasst werden.
– Optische/visuelle Halluzinationen
– Erhöhte Körpertemperatur
– Neurologische Symptome (Bewegung, Sprache, Kognitive Probleme, Bewusstseinstrübung)
– Höheres Alter (ohne frühere psychische Probleme)
– Einnahme von Medikamenten oder Drogen
– Einseitige Ernährung (vegetarisch, vegan, „Fastfood“)
– Ungewöhnliche Kopfschmerzen
– Plötzliche Verhaltensänderung
– Steifer Nacken
– Geschmacksverlust
– Plötzliche Angst vor Auslöschung der Existenz
Häufige Ursachen psychischer Störungen
Es gibt einige körperliche Ursachen, die relativ häufig vorkommen und mit wenig Aufwand und Kosten abgeklärt werden können. Der Hausarzt kann die entsprechenden Laboruntersuchungen veranlassen. Triviale Faktoren wie Schlaf- und Bewegungsmangel, Übergewicht, übermässiger Konsum von koffeinhaltigen oder alkoholischen Getränken, usw. sollten nicht vergessen werden.
Ein Eisenmangel kommt, insbesondere bei menstruierenden Frauen, relativ häufig vor. Solch ein Eisenmangel darf nicht mit einer Anämie (Hämoglobinwert/Hb erniedrigt) verwechselt werdet, die einen schwerwiegenderen Zustand darstellt. Eine Anämie kann verschiedene Ursachen haben, die immer abgeklärt und entsprechend behandelt werden sollten. Bei einem Eisenmangel können psychische Symptome auftreten, obwohl der Hb-Wert noch im Normalbereich liegt. Laboranalytisch sollten der Ferritinwert (Soll: > 80 µg/l) und die Transferritinsättigung (Soll: >30 %) bestimmt werden. Des Weiteren ist eine gute Funktion der Schilddrüse für die psychische Gesundheit von grosser Wichtigkeit. Sowohl eine Unter- (Hypothyreose) als auch eine Überfunktion (Hyperthyreose) gehen oft mit psychiatrischen Symptomen einher. Hier bringen die Laborwerte TSH (Soll: 0.4 – 2.5 mU/l), fT3 und fT4 Klarheit. Auch die Funktion der Nebenniere sollte überprüft werden. Dies geschieht am besten mit einem Cortisol-Tagesprofil, das einfach mit 3-4 Speichelproben erstellt werden kann. Zur Abklärung von (unerkannten) Autoimmunerkrankungen sollten ein ANA-Test (Antinukleäre Antikörper) gemacht werden. Weiterhin werden Laboranalysen der B-Vitamine (insbesondere B1, B3, B6, B12 und Folsäure) empfohlen. Routineuntersuchungen wie das Blutbild, Elektrolyte, Gesamteiweiss, Nieren- und Leberwerte und CRP/Blutsenkung stellen eine notwenige Ergänzung dar.
Was ist zu tun?
Wenn eine psychische Störung so schwerwiegend ist, dass eine stationäre Behandlung nötig ist, mit grossem Leid verbunden ist, oder hartnäckig über längere Zeit bestehen bleibt, sollte eine umfassende somatische Untersuchung veranlasst werden. Dies ist auch bei jedem erstmaligen Auftreten einer Psychose angezeigt.
Neben einer ausführlichen Anamnese sollte eine körperliche Untersuchung, umfassende Laboranalysen von Blut und Liquor (Nervenwasser), ein MRT (oder CT) des Kopfes, und ein EEG gemacht werden.
Wir wollen dabei nicht aus den Augen verlieren, dass in den meisten Fällen von psychischen Problemen psychogene, und nicht endogene oder körperliche Ursachen vorliegen.
Literaturverzeichnis
Tebartz van Elst, Vom Anfang und Ende der Schizophrenie. Eine neuropsychiatrische Perspektive auf das Schizophrenie-Konzept. Kohlhammer 2021
Eine ausführliche Buchrezension findet man hier:
https://biblische-seelsorge.org/2019/02/22/rezension-vom-anfang-und-ende-der-schizophrenie/
Bock, Das entzündete Gehirn – wenn der Körper die Seele krank macht. Die versteckte Ursache von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen verstehen und behandeln. Riva 2022
Bullmore, Die entzündete Seele. Ein radikal neuer Ansatz zur Heilung von Depressionen. Goldmann 2019
Lamparter & Schmidt, Wirklich psychisch bedingt? Somatische Differenzialdiagnosen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Schattauer 2018
Morrison, Der zweite Blick: Psychische Störungen als Symptome somatischer Krankheiten. Hogrefe 2000 (nur noch über Fernleihe erhältlich, englisches Original siehe nächster Eintrag)
Morrison, When Psychological Problems Mask Medical Disorders. Guilford Publications 2015
Welch, Ist das Gehirn schuld? 3L-Verlag 2004
Kasten, Somatopsychologie. Körperliche Ursachen psychischer Störungen von A bis Z.
Ernst Reinhardt Verlag 2010
Kapfhammer, Depression, Angst, traumatischer Stress und internistische Erkrankungen. Eine psychosomatische und somatopsychische Perspektive. Springer 2023
Niehaus & Pfuhl, Die Psycho-Trojaner. Wie Parasiten uns steuern. Hirzel 2021
Dilling, Mombour & Schmid, Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD–10 Kapitel V (F). Hogrefe 2015
Eine Onlineversion kann hier eingesehen werden:
https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2020/chapter-v.htm
In englischsprachiger Sprache gibt es eine umfassende und detaillierte Literatur zu dieser Thematik. Empfehlungen auf Nachfrage.
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Was gibt dem Menschen Würde?
Lebensqualität oder die Heiligkeit des Lebens?
Im Jahr 2001 meldete Die Rheinpfalz[1]: „Junge erhält für seine Geburt Entschädigung – Umstrittenes Urteil zu Behinderten in Frankreich. Die französische Justiz hat ihre heftig kritisierte Rechtsprechung zu Behinderten bestätigt. Der Kassationsgerichtshof sprach einem sechs-jährigen Jungen mit Down-Syndrom einen Anspruch auf Entschädigung zu, weil er nicht abgetrieben wurde. Der Generalstaatsanwalt hatte vergebens vor ‚einem Recht‘, nicht geboren zu werden gewarnt. Behinderten-verbände reagierten mit Empörung.“
Bereits ein Jahr zuvor hatte das höchste Zivilgericht einem 17 Jahre alten schwer Behinderten eine Entschädigung zugesprochen, weil er geboren und nicht abgetrieben wurde. Was war hier geschehen? Die Rheinpfalz informiert weiter: „Die Eltern des sechsjährigen Jungen hatten geltend gemacht, der Frauenarzt hätte die Trisomie 21 in der Schwangerschaft erkennen müssen. Der Generalstaatsanwalt mahnte in seinem Plädoyer, ein solches Urteil verletze die Würde des Jungen, Mensch zu sein. Er warnte vor einer ‚Eugenik als Vorsichtsmaßnahme‘, die um jeden Preis die Geburt eines behinderten Kindes vermeiden wolle.“
Die Unsterblichkeit wohnt im Menschen wie ein unauslöschliches Feuer, das Gott durch seinen Atem verliehen hat. Er hauchte den Lebensodem in die Nase.
Dieses Urteil liegt nun über 20 Jahre hinter uns. Der Druck auf die Würde des Menschen ist seitdem keines-falls geringer geworden. Die Würde des Menschen steht heute noch viel mehr unter Druck. Das zeigen gerade auch manche Auswüchse in dieser so genannten Corona- Pandemie. Das Thema „Was gibt dem Menschen Würde – Lebensqualität oder die Heiligkeit des Lebens?“ ist hochaktuell und der Lauf der Zeit gibt ihm unverhofft weitere Brisanz. Einige Zitate mögen das noch unterstreichen[2] „Menschliches Glück und gewiss menschliche Fruchtbarkeit sind nicht so wichtig wie ein wilder und gesunder Planet: einige unter uns können nur darauf hoff en, dass das richtige Virus vorbeikommt.“ David Graber, Biologe, National Park Service „Wenn ich wiedergeboren werden könnte, würde ich als Killervirus wiederkommen, um die menschlichen Bevölkerungszahlen zu verringern.“ 9. April 2021), Schirmherr des World Wildlife Fund. „Das Christentum ist unser Feind. Wenn die Rechte der Prince Philip – Duke of Edindinburgh (10. Juni 1921–9. April 2021), Schirmherr des World Wildlife Fund. „Das Christentum ist unser Feind. Wenn die Rechte der Tiere vorankommen sollen, müssen wir die Jüdisch-Christliche-Tradition zerstören.“
Peter Singer, Professor für Bioethik an der Princeton University. „Die Erde ist eine Moschee.“ Ibrahim Abdul-Matin, muslimischer Umweltschützer. Die Absicht solcher Umweltschützer ist klar gegen das jüdisch-christliche Menschenbild gerichtet. Es triff t in die Mitte dessen, was Gott und auch uns Christen heilig ist! Naturschutz ist Gott wichtig, davon legt die Bibel Zeugnis ab. Aber der Mensch darf dabei nicht unter die Räder kommen.
1. Einige biblische Grundlagen zum Thema
Beim Thema „Würde und Heiligkeit des Menschen“ ist es wichtig, sich an den Anfang zu erinnern, den Gott gemacht hat. Das Leben kommt aus Gottes Hand. Es kam durch sein Wort: 1. Mose 1,1: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“[3] So beginnt die Heilige Schrift. Der Schöpfungsbericht informiert uns, wie Gott an sechs Tagen die Welt erschuf. Er sprach und es geschah. Der Mensch ist die Vollendung und Krone der Schöpfung Gottes. Das menschliche Leben ist einzig-artig und steht mit seinem biblischen Konzept von der Unsterblichkeit über den später aufgekommenen heidnischen Konzepten. Die biblische Offenbarung über das menschliche Leben ist einzigartig im Vergleich zu den heidnisch mesopotamischen Vorstellungen vom Leben bis hin zu den vermeintlich modernen Vorstellungen unserer Zeit. Die biblische Unsterblichkeit ist keine bloße Anschauung vom Überleben der Seele, sondern die eines voll erfüllten Lebens des ganzen Menschen in Körper und Seele.
Der Mensch ist und bleibt eine lebendige Seele
„Ich habe erkannt, dass alles, was Gott tut, für ewig sein wird: Es ist ihm nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen; und Gott hat es [so] gemacht, damit man sich vor ihm fürchte.“ (Prediger 3,14) Die Unsterblichkeit wohnt im Menschen wie ein unauslöschliches Feuer, das Gott durch seinen Atem verliehen hat. Er hauchte den Lebensodem in die Nase. „Und Gott, der HERR, bildete den Menschen, Staub vom Erdboden, und hauchte in seine Nase [den] Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebendige Seele.“ (1. Mose 2,7) Man kann wohl behaupten, wir haben im Alten Testament keine detaillierte ausgestaltete Lehre von der Unsterblichkeit. Aber wir haben Unsterblichkeit von Beginn an – denn weil der Mensch ein Gebilde aus Gottes Hand ist und ihm zum Ebenbild erschaffen wurde, so wurde er auch zur Unsterblichkeit geschaffen. Eine wichtige und wesentliche Übereinstimmung mit Gott liegt gerade in der Eigenschaft der Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Adam und Eva waren mit ihrer Erschaffung lebendig und damit zugleich unsterblich. Alle Atheisten, die sich wünschten, dass ihre Asche über das Meer verteilt würde, werden einst auferstehen.
Zum Leben bestimmt
Die Menschen sind zum Leben und nicht zum Tod bestimmt. Gott wollte die Unsterblichkeit des Menschen in dessen Wesen als Person mit Leib, Seele und Geist. Das ist der Ausgangspunkt und der Zielpunkt der göttlichen Schöpfung. Ja, wir wissen um die Tragödie des Sündenfalls. Wir lernen aus der Heiligen Schrift, dass der Tod durch die Sünde eine besondere Macht über den Menschen hat. Aber das tiefe Tal des Todes mitsamt den Leiden, in dem sich die Menschheit seit dem Sündenfall befindet, hat nicht das letzte Wort in der Geschichte der Menschheit. Es gibt eine Hoffnung der Auferstehung, die die Juden und die Christen vereint. Und so tödlich die Sünde auch wütet und den geistlichen und physischen Tod bewirkt – sie hat nicht die Macht, die Seele mitsamt ihrer Unsterblichkeit auszulöschen. Der Annihilationismus (Auslöschungslehre) lehrt, dass ein Teil der Menschen aufhören würde zu existieren. Dies ist nicht mit dem biblischen Befund vereinbar. Tod meint in der Bibel Trennung – nicht aber Auslöschung.
Kontroverse Ansichten über den Tod
In Mesopotamien wurden die Menschen gelehrt, dass sie als Sterbliche erschaffen wurden, sodass der Tod die natürliche Folge ihrer Beschaffenheit, also ihrer Existenz war. In Israel glaubte man hingegen, dass man für ein nie endendes Leben erschaffen wurde. Darum war der Tod etwas Unnatürliches. Es ist erstaunlich, dass weder die Aufzeichnungen der Babylonier noch die der Assyrer etwas von einer Auferstehung offenbaren, obwohl doch die Auferstehung so klar bei Daniel und Jesaja dargelegt ist. Der Assyrologe und Bibellehrer Heidel schlussfolgert dazu: „Diese Unterschiede trennen die Eschatologie der Mesopotamier von der der Hebräer so weit wie der Osten vom Westen entfernt ist.“[4]
Krebsgeschwür oder Krone der Schöpfung?
Dieser Hinweis auf Mesopotamien oder Babylon ist in-sofern wichtig, da die heutige so modern scheinende grüne Bewegung mit ihrer ökologischen Doktrin sich letztlich auf uralte heidnische Religionen zurückführen lässt. Es ist dabei erstaunlich, dass der Mensch als Krebsgeschwür und nicht als Krone der Schöpfung verstanden wird (Club of Rome). Mark Musser zeigt in seinem Buch „Nazi Ecology: The Oak Sacrifice of the Judeo-Christian Worldview in the Holocaust“ (Nazi Ökologie: Das Eichenopfer der jüdisch-christlichen Weltsicht im Holocoust), in welch alten heidnischen Quellen die Weltanschauung der Nazis verwurzelt ist. Nach Mussers Auffassung führten die Nazis ihr Vernichtungsprogramm als modernisierte Form von Menschenopfern unter ökologischer/biologischer Tarnung aus. Ihre Ideologie war in der „eichenopferlichen Bildsprache des antiken Heidentums verwurzelt“. Er betont: „Das Wort Holocaust selbst bedeutet ‚ganzes Brandopfer‘.“ Der Sozialdarwinismus, der Grundlage für die Nazis und den modernen Umweltschutz ist, hat seine Wurzeln in heidnischem Denken. Dieser Hintergrund ist hier wichtig. Denn für die von Gott gegebene Würde des Menschen ist in dieser heidnischen Weltanschauung kein Platz. Paulus erklärt im Römerbrief in Kapitel 1, wie der Mensch durch seine aktive Verwerfung von Gott als dem Schöpfer zur Verfinsterung kommt. Das wiederum führt zur „Entherrlichung“ und Entehrung Gottes und endet in der Verherrlichung und Verehrung der Schöpfung. Das Leben und die Würde des Menschen sind mit dem Heidentum aus den Angeln gehoben. Über das Leben, das aus Gottes Hand entstand, müssen wir biblisch denken. Denn bis heute stehen andere Vorstellungen über Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens im Raum. Sie schweben nicht harmlos in einer theoretischen Sphäre oder Blase, sie greifen unser Leben und dessen Würde an. Der Bibel völlig entgegengesetzte Anschauungen und deren aggressive Vertreter sind aktiv dabei, das biblische Grundverständnis vom Leben und dessen Würde aus den Angeln zu heben.
Hoffnung trotz Vergänglichkeit
Bevor wir nun weiter in das Thema eintauchen, möchte ich noch den hoffnungsvollen Rahmen aufzeigen, in dem wir uns mit dem von Gott geschaffenen Leben befinden. Wir erinnern uns an die perfekte Schöpfung. Gott schuf den Menschen. Er wollte ewiges Leben für den Menschen. Der Sündenfall führte zur Trennung von Gott und zum geistlichen Tod, dem folgte später der physische Tod. Nach dem Sündenfall lesen wir in 1. Mose 3,9: „Und Gott, der HERR, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?“ Gott trat schon hier als Retter in Erscheinung. Nur Gott kann uns aus der Todeszone der Sünde retten. Er kümmert sich um die Menschheit, während sie in dieser Weltgeschichte durch das lange Tal des Todes und Leidens schreitet. Er sendet sein Licht durch das Evangelium. Er stellte mit seinem Sohn Jesus Christus das Kreuz der Versöhnung auf.
Als Folge des Sündenfalls hat Gott die Schöpfung der Nichtigkeit oder Vergänglichkeit unterworfen. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat – auf Hoffnung hin, dass auch selbst die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit freigemacht werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Römer 8,20–21).
Paulus macht hier deutlich, dass die Krise der gesamten Schöpfung mitsamt dem Leben der Menschen nicht hoffnungslos ist. Es gibt Grund zur Hoffnung, weil der souveräne Gott die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreien wird. Und hier nennt Paulus das Ziel: Es geht Gott um die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Das kommende Leben in der ewigen Herrlichkeit befreit von der Vergänglichkeit. Das ist das Ziel Gottes mit den Seinen. Dieser große, hoffnungs-volle Rahmen muss uns vor Augen stehen, wenn wir nun weiter über die Würde, Lebensqualität und Heiligkeit des Lebens nachdenken. Gottes Plan begann in der Ewigkeit vor Raum und Zeit und führt uns auch wieder in die Ewigkeit. Seine hoffnungsvolle Heilsgeschichte ist eingebettet in seine Ewigkeit.
2. Was dem Menschen würde gibt
Der Frage nachzugehen, was dem Menschen Würde gibt, hat mit der Frage zu tun, die eingangs schon angesprochen wurde. Es ist die Ursprungsfrage. Die Frage nach der Herkunft des Menschen. Wo kommt er her, was macht den Menschen aus, wozu ist er überhaupt da? Dazu wollen wir auf einige Bibeltexte hören, um das biblische Bild vom Menschen vor Augen zu haben. Daraus leiten wir dann kurz und knapp die Menschenwürde für uns ab.
1. Mose 1,27–28: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie [euch] untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ Der Mensch ist Geschöpf Gottes, nach seinem Bild er-schaff en, männlich und weiblich. Der Mensch ist gesegnet und berufen mit seinem Leben durch seine Familie die Erde zu füllen und sie sich untertan zu machen und zu herrschen. Der Mensch ist Krone der Schöpfung und ist beauftragt, die Tierwelt zu beherrschen. Das weist ihm Verantwortung für die Schöpfung zu und schließt jede Ausbeutung aus. Beachten wir hier, dass der Mensch über dem Tier steht. Auch wenn Yuval Noah Harari, ein populärer Frontmann des Transhumanismus, die Menschen als hackbare Tiere[5] oder der Physiker und Nobelpreisträger Reinhard Genzel den Menschen als Tier bezeichnet[6]. Heute erhalten Küken eine größere Beachtung als ungeborene Menschen. Seit dem Jahr 2022 ist das Töten von geschlüpften Eintagsküken in Deutschland verboten. Die Tötung ungeborener Mitmenschen geht erbarmungslos weiter.
Was ist der Mensch?
Psalm 8 zeigt uns seine besondere Stellung in der Schöpfung:
1 Dem Chorleiter. Nach der Gittit. Ein Psalm. Von David.
2 HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gelegt hast auf die Himmel!
3 Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet um deiner Bedränger willen, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rachgierigen. 4 Wenn ich anschaue deine Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: 5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst?
6 Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel,
mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn.
7 Du machst ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt:
8 Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes,
9 Vögel des Himmels und Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchzieht.
10 HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf
der ganzen Erde!
David blickt als Geschöpf auf den HERRN, er sieht seine Herrlichkeit und Hoheit. Der Kontrast zu dieser unfassbaren Hoheit wird unterstrichen durch die Worte der Kinder und das Brabbeln der Säuglinge. Jesus bezog sich in Matthäus 21,16 darauf: „Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du ein Lob bereitet.“ Schon hier erkennen wir erneut die Größe Gottes, dass er die kleinsten Menschenkinder würdigt, ihm Lob bereiten zu dürfen. Das hätte er nicht nötig, aber er hält es für nötig. So wunderbar ist unser Gott!
Gottes Größe und Stärke zeigt sich im Umgang mit den Kleinen und Schwachen. Und ihre Würde zeigt sich wiederum darin, dass er sie seiner Annahme und Liebe würdigt. Der nächste Kontrast in Psalm 8 liegt darin, dass David wieder mit dem Himmel anfängt (V. 4) und dann die Frage stellt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst?“ (V. 5) Gott denkt an den Menschen, er kümmert sich um sein Leben. Das haben wir schon bei Adam gesehen, wie Gott nach ihm fragt und sich um ihn in seiner Sündennot kümmert. Auch darin zeigt Gott, dass er den Menschen als sein Geschöpf seiner Würde entsprechend behandelt.
Auf wunderbare Weise erschaffen
In Psalm 139,13–17 lesen wir:
13 Denn du bildetest meine Nieren. Du wobst mich in meiner Mutter Leib.
14 Ich preise dich darüber, dass ich auf eine erstaunliche, ausgezeichnete Weise (Hervorhebung durch den Autor) gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt es sehr wohl.
15 Nicht verborgen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewoben in den Tiefen der Erde.
16 Meine Urform sahen deine Augen. Und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden, als noch keiner von ihnen [da war]. 17 Für mich aber – wie schwer sind deine Gedanken, o Gott! Wie gewaltig sind ihre Summen!
Jeder Mensch ist auf eine erstaunliche, ausgezeichnete Weise gemacht (V. 14). Er ist im Verborgenen gewoben (V. 15). Unser einzigartiges Erbgut und unsere Würde kommen aus Gottes Hand. Gott sieht den Menschen vom Anfang seiner Zeugung an. Er blickt auf ihn als sein Geschöpf. Die Tage eines jeden Lebens sind eingeschrieben und damit individuell festgelegt (V. 16). Das Leben des Menschen ist also in jeder Hinsicht göttliche Maßarbeit und ein ausgezeichnetes wunderbares Werk. Was für ein Reichtum an Eindrücken geben uns allein diese drei Kardinalstellen der Heiligen Schrift über den Menschen. Was dem Menschen Würde gibt, können wir damit klar beantworten: Gott selbst, seine Schöpfermacht, seine Herrlichkeit, aber auch seine Absicht, sich um die Kleinen und Großen aktiv zu kümmern. Der Mensch ist auf Gott hin angelegt und angewiesen. Sinn und Ziel seines Lebens ist es Gottes Abbild zu sein und zu spiegeln. Der Begriff von der Würde des Menschen fand Eingang in das deutsche Grundgesetz. Und die Väter und Mütter des Grundgesetzes hatten eine christlich geprägte Vorstellung von Gott und den Menschen. Was die heutige Politik und Rechtspraxis angeht, müssen wir einen Trend weg vom biblischen Gott und Menschenbild feststellen. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland setzt die Verantwortung vor Gott an den Anfang. So heißt es in der Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, […] hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Artikel 1 Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt[…].“ Artikel 1 Absatz 3 lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ In Artikel 3 Absatz 3 heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“[7] Wir erkennen vor dem Hintergrund der biblischen Aussagen, dass die Interpretation des Grundgesetzes dem Trend unterliegt, sich dem Zeitgeist anzupassen. Im Grundgesetz ist nur von Mann und Frau und von deren Geschlecht die Rede. Und doch bildet in Deutschland seit 2018 der Geschlechtseintrag „divers“ eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“. Das Grundgesetz sagt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Und doch steht die vorgeburtliche Auslese behinderter Kinder dazu im krassen Widerspruch.
3. Was ist Lebensqualität?
Lebensqualität ist ein Begriff , der stark von der zugrundeliegenden Lebensphilosophie geprägt ist. Lebensqualität hat zunächst zweierlei Fundamente: Für entschiedene Christen, die ihr Leben mit Gott leben wollen, besteht Lebensqualität darin, im Willen Gottes zu leben, zu lieben und geliebt zu werden. Das heißt z. B. zu einer Gemeinde zu gehören, dort zu dienen und auch geistlich zu wachsen. Dann auch in Familie und Beruf seinen von Gott gegebenen Platz einzunehmen. Das ist sehr verkürzt ausgedrückt, was für Christen Lebensqualität ist. Das Haus auf dem Felsen!
Menschen leben heute in vielen Vorstellungen vom idealen Leben. Das geht vom Traum über das Leben auf der einsamen Insel bis hin zu Reichtum und völliger Freiheit über Karriere im Beruf. Lebensqualität ist für viele nur dann gegeben, wenn das Leben möglichst plan-bar, ohne böse Überraschungen oder Krisen verläuft. Selbstverwirklichung, Karriere, trautes Heim, gesunde Kinder und Familie. Das sind manche der gängigen Stereotypen.
Dass plötzlich eine Krankheit, ein Krieg oder eine Katastrophe ins Leben hereinbricht, daran denkt man nicht. Unsere Eltern oder Großeltern haben noch einen Krieg erlebt. Und wir sind in dieser Zeit mit einem Krieg in Europa konfrontiert. Wie würden Kriegsopfer Lebensqualität definieren? Ein Leben, das diese Welt liebt, nach dem Motto „ich will viel haben, viel tun und groß sein“ entspricht dem Zeitgeist. Nicht aber dem Geist Gottes. Gottes Wort sagt: „[…] was unter den Menschen hoch ist, ist ein Gräuel vor Gott.“ (Lukas 16,15b)
Wir neigen dazu, das Leben unter den Aspekten von Wert, Nützlichkeit und Brauchbarkeit zu taxieren. Ein wertvoller Mitarbeiter arbeitet doppelt so schnell wie ein anderer. Darum ist er in den Augen der Firma wertvoller als andere. Eben dies ist aber nicht gleichzusetzen mit Würde. Denn der fleißige Mitarbeiter kann durch einen Unfall an einer bleibenden Behinderung leiden und ist darum als Mensch trotzdem wertvoll. Seine Würde behält er, zumindest nach christlichem Menschenbild. Es ist wohl wahr, dass genau hier zwei Welten aufeinander-prallen. Solange man funktioniert, ist man geachtet und wertvoll. Aber wehe man kränkelt und die Leistung lässt nach. Dann bekommt man sehr schnell mit, wie es in der Welt zugeht. Schwache und Kranke werden ausgemustert. Gott sei Dank gibt es da aber auch rühmliche Ausnahmen. Lebensqualität nach dem Lauf dieser Welt orientiert sich nicht an Gottes Maßstäben. Das Argument für aktive Sterbehilfe lautet oft, dass es ein unwürdiges Leben sei, wenn Menschen an schweren Erkrankungen leiden. Hier ist aber nicht die Krankheit in der Lage ein Leben unwürdig zu machen. Tödliche Leiden sind hart, bedrückend und schrecklich, aber sie machen nie das Leben des Menschen unwürdig! Mitunter erleben Kranke eine unwürdige Behandlung, davon wusste auch schon Hiob zu berichten (Hiob 30,15). Der Zustand des Menschen ist erbarmungswürdig und er mag in den letzten Zügen liegen. Trotzdem verliert ein Mensch in seinem Leiden nie seine Würde. Er soll bis zu seinem Lebensende mit Würde und Respekt behandelt werden. Und selbst den Körper eines Verstorbenen behandeln wir respektvoll. Im § 168 des Strafgesetzbuchs unter „Störung der Toten-ruhe“ ist der Rechtsbegriff für Leichen- und Grabschändung geregelt. Ein Versuch ist strafbar! Wir ehren Menschen ob tot oder lebendig.
4. Was das Leben heilig macht
Die Zeit nach der Sintflut: Nachdem Gott aufgrund seiner Heiligkeit die Menschen durch die Flut wegen ihrer Sünde verurteilte, ordnet er das zivile Leben. Dabei gibt Gott eine eindeutige Anordnung und Warnung! Er erinnert an die Bedeutung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.“ (1. Mose 9,6) Gott ordnet hier aufgrund der Gottebenbildlichkeit des Menschen die Bestrafung eines Mörders durch Menschen an. Gott, der Allmächtige, mit seiner ultimativen legislativen Gewalt betont hier die menschliche Gottesebenbildlichkeit und dessen Würde. Darum legt er die judikative (rechtsprechende) und exekutive (ausführende) Gewalt in die Hände der Menschen. Menschen sollen ein Kapitalverbrechen beurteilen und die Täter verurteilen, welche gegen Gottes heilige Gebote verstoßen. Darin werden sie Gott in einem weiteren Schritt ähnlich. Wie? Indem die Menschen nun verpflichtet sind, und nicht Gott, das Urteil zu vollstrecken. Mörder müssen sterben, weil der Mensch in Gottes Bild geschaffen ist.
Jeder Mensch hat Würde
Gott vermittelt die Heiligkeit des Lebens durch das Gesetz: „Du sollst einem Tauben nicht fluchen und vor einen Blinden kein Hindernis legen, und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der HERR.“ (3. Mose 19,14) und „Verflucht sei, wer einen Blinden auf dem Weg irreführt! Und das ganze Volk sage: Amen!“ (5. Mose 27,18) Nach diesem Prinzip gehört auch ein pauschaler „Maskenzwang“ auf den Prüfstand. Lungen-kranken raubt er buchstäblich den Atem, da vielfach ihre medizinisch begründete Maskenbefreiung ignoriert wird. Gott gewährt den Behinderten einen besonderen Schutz, nicht um sie zu bevorzugen. Sondern um ihre Würde als Menschen zu schützen und die Heiligkeit eines jeden Menschen – ob behindert oder nicht behindert – zu unterstreichen. Heiligkeit ist hier nicht unter dem Aspekt von Makellosigkeit oder Sündlosigkeit zu verstehen, sondern unter dem Aspekt der Unantastbarkeit, weil alles Leben Gott gehört!
Gott gab seinen Sohn für uns
Das wunderbare am Evangelium ist doch, dass Gott Sünder sucht und heilig macht. Für Gott war das Leben der unheiligen Sünder immer noch so „heilig“ im Sinne von würdig, dass er seinen Sohn dahingab. Unser himmlischer Vater hätte es nicht tun müssen. Aber er tat dies aus Liebe. Der Vater gab seinen Sohn dahin, damit Jesus am Kreuz zur Sünde wurde, sein Blut vergoss und starb, damit alle, die an den Sohn glauben, augenblicklich zu Heiligen werden und in der Heiligung leben können. Wir wissen, dass der Mensch durch die Sünde völlig verdorben ist. Aber er ist immer noch ein Mensch mit Würde, dessen Leben heilig ist, weil er Geschöpf Gottes ist. Für Gott ist es möglich, auch Säuglinge einfach zu sich in den Himmel zu nehmen. Er hat dafür einen Weg, den wir nicht ergründen können. Aber sind sie nicht alle Sünder? Geborene wie Ungeborene? Gewiss und doch ist das Leben der Ungeborenen in gewisser Weise „heilig“, also im Sinne von ganz für Gott abgesondert. Denn David hatte die Hoffnung, dass er einst zu seinem verstorbenen Sohn gehen wird (2. Samuel 12,32).
Die besondere Stellung des Lebens – ob geboren oder ungeboren
Unsere deutsche Rechtsordnung anerkennt Ungeborene als vollwertige Personen, denn sie sind nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch erbfähig. Ein Ungeborenes kann demnach als Erbe eingesetzt werden. Damit muss klar sein, dass über das Leben Ungeborener auch keinerlei Verfügbarkeit besteht. Lebensrecht und Erbrecht Ungeborener sind hierbei unmittelbar verwoben: Bürgerliches Gesetzbuch[8] § 1923 Erbfähigkeit (1) Erbe kann nur werden, wer zur Zeit des Erbfalls lebt. (2) Wer zur Zeit des Erbfalls noch nicht lebte, aber bereits gezeugt war, gilt als vor dem Erbfall geboren. (Bürgerliches Gesetzbuch, Buch 5 – Erbrecht (§§ 1922–2385) / Abschnitt 1 – Erbfolge (§§ 1922–1941))
5. Ein Fazit
Jesus erinnerte einst seine Jünger an ihren Wert: „Aber selbst die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. [So] fürchtet euch nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge.“ (Lukas 12,7) Diese Erinnerung ist auch für uns heute wichtig. Die Unantastbarkeit bzw. Heiligkeit der menschlichen Würde ist in der Gottebenbildlichkeit des Menschen verankert. Die Berufung der Christen liegt darin, die Heiligkeit und Würde des menschlichen Lebens zu bezeugen, nach ihr zu leben und sie zu verteidigen. „Mose erkannte seine Berufung und lebte entsprechend: Aus Glauben zog es Mose vor mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung.“ (Hebräer 11,25–26) Das Leben in zeitlicher Lebensqualität als Sohn von Pharaos Tochter – als Ägypter – wurde, um der Perspek-tive der Ewigkeit wegen, von Mose verworfen. Also um Christi und der Belohnung wegen. Der zeitliche Genuss der Privilegien als Sohn der Tochter Pharaos hätte für Mose Sünde bedeutet. Seine Zugehörigkeit und Identität galten dem Volk Gottes und damit Christus. Eine ägyptische Lebensweise, mitsamt ihren heidnischen Göttern, hätte nicht seiner Identität und seinem Glauben entsprochen. Bei Mose machte die aus dem Glauben gekommene Entscheidung den Unterschied zwischen zeitlichem Lebensgenuss (vergänglicher Lebensqualität) unter Pharaos Ägypten und ewiger Lebensperspektive unter Christus. Auch heute wird uns der Glaube an Gott und die Heiligkeit des Lebens zum Ziel bringen, wenn wir am Bekenntnis der christlichen Hoffnung festhalten (Hebräer 10,23) und durch entschlossenes Vertrauen voran gehen, wie durch einen Korridor der uns trotz Enge, Bedrängnis, und Leiden als Christi Zeugen sicher an das Ziel bringt. Engpässe, Bedrängnisse und Ängste kennen wir, davon sprach Jesus, aber er sprach auch von seinem Trost. Dieser Korridor oder Engpass ist Leidensweg und Zeugnis-kraft zugleich. Die Frage ist, was fürchten wir mehr, Repressalien, Schmach und Schande wegen Jesus oder fürchten wir, in der Versuchung oder Bedrängnis Gottes Heiligkeit und die Heiligkeit des Lebens zu verleugnen? Hier wird der wahre ungeheuchelte Glaube in einem reinen Herz den Unterschied machen in Wort und Tat. Glaube muss erprobt werden und er wird erprobt werden.
Grundgesetz und Menschenwürde unantastbar
Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier schreibt[9]: „Die Garantien, auf denen unser freiheitlicher Rechtstaat beruht, sind im Grundgesetz in den Artikeln 1 und 20 für unantastbar erklärt. Sie dürfen folglich nicht einmal durch qualifizierte Mehrheiten im Parlament, also auch nicht durch eine formel-le Grundgesetzänderung, angetastet werden. Das bezieht sich zuallererst auf die Erklärung der Unantastbarkeit der Würde des Menschen in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes, aber auch auf den zweiten Absatz des-selben Artikels, der lautet: ‚Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.‘“ Damit unterstreicht Hans-Jürgen Papier, dass die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die für Christen in der Schöpfungsordnung verankert und an die Gottebenbildlichkeit des Menschen gebunden ist, dem Grundgesetz als fundamentale unverrückbare und unveräußerliche Grundlage gilt.
Was auf dem Spiel steht
Das grundgesetzliche Recht hinsichtlich der Würde des Menschen zu haben und dieses Recht auch persönlich zu erfahren sind in dieser Welt bekanntlich zweierlei Dinge. Denn die deutsche Rechtsprechung zeigt eine fortschreitende Abkehr von der Würde des Menschen. Totalitäre Tendenzen in der Politik sind erkennbar und der Transhumanismus verfolgt das Ziel, den Menschen grundlegend zu verändern. Hannah Arendt weist auf das eigentliche Ziel totalitärer Ideologie hin. Es sei „[…] die Transformation der menschlichen Natur selbst, [… ] Was in der totalen Herrschaft auf dem Spiele steht, ist wirklich das Wesen des Menschen.“[10] Obwohl das Recht dem Schutz der Schwachen dienen sollte, hat es sich gegen Schwache gewandt. Für diesen Missstand sind vor allem die Richter vor Gott verantwortlich. Der zu beklagende Notstand und die damit verbundenen Sorgen sind groß. Diese Not und Sorgen dürfen wir im Gebet vor den Thron der Gnade zu Christus bringen. Christus unser Schöpfer hört, sieht und handelt. In seinen Augen hat jeder Mensch Würde. Weil er sein geschöpfliches Ebenbild ist.
Der Apostel Paulus spricht im Römerbrief Kapitel 8 Vers 22 vom sehnsüchtige Harren der Schöpfung, von Seufzen und Geburtswehen. Christen werden durch Gottes Gnade von der Knechtschaft der Vergänglichkeit erlöst werden. Die Geburtswehen, unter denen wir seufzen, sind hoffnungsvolle Vorboten. Gottes Ziel ist die end-gültige Freiheit, welche die Kinder Gottes besitzen, wenn sie verherrlicht sind. Gottes genialer Plan wird verwirklicht werden. Er hebt sich in jeder Hinsicht von der Utopie und Agenda einer den Menschen verachtenden trans-humanistischen Ideologie ab. Jesus Christus dürfen wir völlig vertrauen.
Dass wir in einer Welt voller Falschheit leben, der wir im Gegensatz zu Christus nicht restlos vertrauen können, unterstreicht die Bachkantate
„Falsche Welt dir trau ich nicht!“
Gott ist getreu!
Er wird, er kann mich nicht verlassen;
Will mich die Welt und ihre Raserei
In ihre Schlingen fassen,
So steht mir seine Hilfe bei.
Auf seine Freundschaft will ich bauen
Und meine Seele, Geist und Sinn
Und alles, was ich bin,
Ihm anvertrauen.
Christen können sich dem treuen Gott ganz und gar anvertrauen und das Böse mit Gutem überwinden. Wir Christen dürfen gewiss sein: Unser Leben mit seiner Würde hält Gott allen Stürmen zum Trotz in seiner guten Hand.
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Was gibt dem Menschen Würde?.pdf
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1 Die Rheinpfalz, Ausgabe Nr. 277 am 29.11.2001. .
2 Mark R. Musser, Nazi Ecology: The Oak Sacrifi ce of the Judeo-Christian Worldview in the Holocaust, Dispensational Publishing House, Inc. 2018, S. 414-416.
3 Bibelstellen zitiert aus Elberfelder Bibel, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal © 2006; Die Heilige Schrift, CSV Hückeswagen © 2003; Lutherbibel, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart © 1984.
4 Alexander Heidel, The Gilgamesh Epic an Old Testament Parallels, pp. 137-223, Chicago University Press, 1946, quoted in The Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible “Life” pp. 927 -928.
5 “But soon at least some corporations and governments will be able to systematically hack all the people. We humans should get used to the idea that we are no longer mysterious souls – we are now hackable animals. That‘s what we are.“ in How to Survive the 21st Century,
Vortrag am 21.01.2020 World Economic Forum, https://www.weforum.org/agenda/2020/01/yuval-hararis-warning-davos-speech-future-predications/In Hararis Buch Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen (C.H.Beck, 13. Aufl age 2020) fi ndet sich im Register kein Eintrag zu Menschen oder Mensch, allerdings 27 Verweise zum Tier und auf S. 117 die Aussage: „Gegenwärtig sind mehr als neunzig Prozent aller großen Tiere der Welt (die also mehr als ein paar Kilogramm wiegen) entweder Menschen oder domestizierte Tiere.“ 6 hr-iNFO Das Interview am 3.6.2022/ https://www.ardaudiothek.de
7 Grundgesetz (GG) für die Bundesrepublik Deutschland mit Nebengesetzen, Aktuelle Gesetze, 8. Aufl age 2020, © 2020 Harwardt.
8 https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/BGB.pdf
9 Hans-Jürgen Papier, Freiheit in Gefahr – Warum unsere Freiheitsrechte bedroht sind und wie wir sie schützen können, S. 281, Wilhelm Heyne Verlag München, 2021.
10 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 940-941, Piper Verlag GmbH, München, 23. Auflage 2021.
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Unerträgliches Leid
Problematik eines Kernbegriffs für die aktive Sterbehilfe
Seit Jahrzehnten werden Fragen rund um Sterbehilfe kontrovers diskutiert.[1] Zuletzt bekam die Debatte durch die Entscheidung zur Legalisierung des assistierten Suizids Aufwind für die Sterbehilfsorganisationen. Während das Bundesverfassungsgericht über die Autonomie des Menschen argumentiert (dazu später mehr)[2], wird allgemein hin über das Leiden der Patienten argumentiert. Dieses Leiden, so die Befürworter der aktiven Sterbehilfe, sei unerträglich und müsse daher – aus Liebe zu den Patienten – aktiv beendet werden. Jeder wünscht dem Anderen (und genauso sich selbst), dass er eines Tages im hohen Alter zu Hause „ruhig einschlafen“ wird. Friedlich soll der Tod sein. Dem gegenüber steht der einsame, unerträglich qualvolle Tod in einem sterilen Krankenhaus, bei dem keine palliativmedizinische Intervention mehr Linderung verschaffen kann. Wer möchte dem nicht vorsorglich entgegen wirken? Der Verein DIGNITAS schreibt in seiner Informationsbroschüre: „Im Fall von ärztlich diagnostizierten hoffnungslosen oder unheilbaren Krankheiten, unerträglichen Schmerzen oder unzumutbaren Behinderungen bietet DIGNITAS seinen Mitgliedern die Möglichkeit eines begleiteten Freitods an.“[3] Die Niederlande oder Österreich knüpfen den Zugang zum assistierten Suizid an das Vorliegen eines solchen unerträglichen Leides. Doch es gibt einige Gründe, warum diese Bedingung als Gradmesser für die gesellschaftliche Akzeptanz des Suizids unzureichend ist. Diese sollen nun herausgearbeitet werden.
Definition „Leid“
nach Prof. Eric J. Cassel: „Ganz allgemein lässt sich Leiden als ein Zustand schwerer Not definieren, der mit Ereignissen einhergeht, die die Unversehrtheit der Person bedrohen.“
Definition „unerträgliches Leid“
nach Prof. Dr. phil. Claudia Bozzaro: „Die individuelle und subjektiv empfundene Intensität von Symptomen oder Situationen, deren andauerndes Empfinden bzw. Erleben so belastend ist, dass sie von einem Patienten nicht akzeptiert werden kann.“
Die Mehrdimensionalität des Leids
Zuerst müssen wir ein Schlaglicht auf den Begriff „Leid“ werfen, um sein Bedeutungsspektrum zu verstehen. Der Arzt Prof. Eric J. Cassel definierte Leid im New England Journal of Medicine wie folgt: „Ganz allgemein lässt sich Leiden als ein Zustand schwerer Not definieren, der mit Ereignissen einhergeht, die die Unversehrtheit der Person bedrohen.“[4] In einem Artikel arbeitet der Autor anhand vieler Beispiele heraus, dass Leid mehr umfasst als nur körperliches Leid. Leid ist auch nicht mit Schmerzwahrnehmung identisch, obgleich diese durchaus eine Teil-menge des wesentlich umfassenderen Begriffs „Leid“ beansprucht. Leid und Schmerz müssen nicht unbedingt zusammenfallen. Der sprichwörtliche „Herzschmerz“ zielt gerade auf diese geistige/seelische Dimension (Psyche) des Leidens ab, die sich nicht zwingend auf den Leib (Physis) auswirken muss – aber kann. Auf der anderen Seite kann diskutiert werden, ob ein kurzer, leichter (körperlicher) Schmerz wirklich Leid (je nach Definition des Leidensbegriffs) verursacht. Nach der oben angeführten Definition würde der geneigte Leser zustimmen, dass ein akzidenteller Tritt gegen den Türrahmen nicht zwingend die Unversehrtheit einer Person bedroht. Der Grund des Leidens muss auch nicht zwingend in der leidenden Person selbst liegen. Eine Witwe, die gerade ihren Ehemann verloren hat, kann durchaus stark leiden, auch wenn sie selbst körperlich gesund ist. Es ist naheliegend, dass auch die möglicherweise vorangegangene Krankheitsbegleitung starkes Mit-Leiden verursachen kann. Leid überfällt den (Mit-)Leidenden also nicht nur von innen, sondern kann auch von außen (z. B. durch die Angehörigen) über ihn gebracht werden. Diese Vielschichtigkeit des Leid-Begriffs[5] erschwert die Erfassung durch eine umfassende Begriffsdefinition. Das tut dieser Untersuchung keinen Abbruch, denn das Ziel besteht nicht in einer feinkörnigen Austüftelung des Leidens-Begriffs. Es soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass „Leid“ über die leibliche Dimension (u. a. Leiden durch Krankheit) hinausgeht. Daraus ergibt sich schon jetzt, dass die Beurteilung eines individuellen Leidens erschwert wird. Mit diesem weiten Leidensbegriff im Blick müssen wir uns jetzt der „Unerträglichkeit“ zuwenden.
Die Problematik der Unerträglichkeit
Unerträgliches Leid steht erträglichem Leid gegenüber. Wenn also Leid auch erträglich sein kann, wirft das unmittelbar die Frage auf: Wann ist Leid unerträglich? Und: Wie viel Leid kann man ertragen? Diese Grenzziehung ist zentral, wenn man sie – wie z. B. in den Niederlanden – zur Legitimation assistierten Suizids gebrauchen will. Die Medizinethikerin Prof. Dr. phil. Claudia Bozzaro führt in ihrer Ausarbeitung über den Leidens-Begriff eine der wenigen auffindbaren Definitionen über unerträgliches Leiden an. Es sei „die individuelle und subjektiv empfundene Intensität von Symptomen oder Situationen, deren andauerndes Empfinden bzw. Erleben so belastend ist, dass sie von einem Patienten nicht akzeptiert werden kann.“[6] Durch diese Definition wird die Subjektivität der Beurteilung eines Leidens als „unerträglich“ sehr deutlich.
Eine objektive Bewertung eines subjektiven Leidens ist kaum möglich.
Hinzu kommt nach Bozzaro die „fehlende Eindeutigkeit“, weil unklar ist, „welche Symptome oder Situationen als unerträgliche Leiderlebnisse zu fassen sind. Analog zur Indikation für einen ärztlich assistierten Suizid und der Tötung auf Verlangen ist auch in der palliativmedizinischen Praxis seit einigen Jahren ein Trend der Verschiebung und Erweiterung zu verzeichnen: von der Indikation aufgrund körperlicher Symptome (Dyspnoe, Delir, Schmerz, Übelkeit) hin zu psychosozialen und existentiellen Leiderlebnissen. Unter psycho-existentiellen Leiderlebnissen werden dabei in der Literatur u. a. angegeben: ein Gefühl von Sinnlosigkeit, die Angst, anderen zur Last zu fallen, Abhängigkeit, Angst vor dem Tod, der Wunsch, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen, Kontrollverlust und Einsamkeit sowie ein Gefühl von Isolation […].“[7]
Nun wird die oben genannte zentrale Grenzziehung in der Praxis problematisch und herausfordernd. Diese wäre aber notwendig, wenn Außenstehende in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden.
Die konsequente Fortführung der Idee, dass es ein Subjekt ist, das – individuell eingeschätzt – „unerträglich“ leidet, lässt unvermeidlich folgenden Schluss zu: Der assistierte Suizid kann nicht auf „todkranke“, alte Patienten beschränkt sein. Denn es ist ja nicht von vornherein auszuschließen, dass ein junger Mensch sein Leid als ebenso unerträglich einschätzt. Liebeskummer zum Bei-spiel kann durchaus höchst leidvoll sein. Die Endstrecke des Argumentationswegs über das „unerträgliche Leid“ führt unmittelbar über den Suizid schwerkranker, physisch Leidender hinaus. Dann wird – zugespitzt formuliert – die Sterbehilfe für alle geöffnet, die unbedingt sterben wollen (wie es bspw. am Präzedenzfall der Beneluxstaaten erkennbar ist[8]).
Das Bundesgesundheitsministerium öffnet daher in seinem „Entwurf […] der freiverantwortlichen Selbsttötungsentscheidung den assistierten Suizid für jede Person, die a) volljährig ist oder die Genehmigung des Familiengerichts eingeholt hat.‘“[9] Der assistierte Suizid soll also jeder Altersgruppe unabhängig von den Umständen ermöglicht werden. Das führt einem erneut vor Augen, wie weit-reichend das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 war. Mit ihrem Urteil öffneten die Verfassungsrichter auf einen Schlag die Tür für den gesellschaftlich akzeptierten und geschäftsmäßig geförderten Suizid aller Menschen, jeder Altersgruppe, solange der jeweilige Mensch sich nur autonom dazu entschließt. Deshalb soll es nach diesem Gesetzesentwurf in § 217 heißen, dass: „1. die zur Selbsttötung entschlossene Person c) ihren Willen frei und unbeeinflusst von einer akuten psychischen Störung gebildet hat und nach dieser Einsicht handeln kann.“[10] Sobald das sichergestellt wird, ist assistierter Suizid erlaubt. Der Staat muss also nur noch gewährleisten, dass die Entscheidung des suizid-willigen Individuums wirklich autonom getroffen wurde: „Diese Gefahren aufgreifend werde ein legislatives Schutzkonzept unterstützt und die Bedeutung der Suizidprävention, der Palliativ- und Hospizversorgung und der Vermeidung von sozialem Druck herausgestellt.“[11] Zusammenfassend muss der suizidwillige Mensch nur noch zweierlei sein: Autonom und entschlossen. Folglich geht die Diskussion von den unerträglichen Leidensumständen eines schwerstkranken Menschen aus und endete schließlich ohne dieselben. Und dies wird dann zu guter Letzt auch noch als Schutzkonzept deklariert – aber nicht für das Leben, sondern für die Autonomie. Dadurch wird der Staat zunehmend zum Protektor einer verabsolutierten Autonomie und opfert dafür den Schutz des Lebens.[12]
Die Fokusverschiebung der Debatte
Die Diskussion um die aktive Beendigung des Lebens aufgrund unerträglichen Leids mündet also zwangsläufig in die Autonomie des Einzelnen. Grund dafür ist, dass das Argument, man wolle den unerträglich leidenden Patienten erlösen, nicht herhalten kann, um assistierten Suizid zu begründen. „Unerträgliches Leid“ funktioniert nicht als Maßstab für die Regulierung des geschäfts-mäßigen[13], assistierten Suizids. Dieses „Ursprungsargument“ ist nicht brauchbar, da es bei genauerer Analyse (wie oben gezeigt) viel zu vage ist und gezielte Fragen nicht beantworten kann. Deshalb kann und sollte dieser Maßstab nach der Legalisierung des geschäftsmäßigen Suizids nicht in die allgemeine Gesetzgebung mit ein-bezogen werden. In der öffentlichen Debatte ging es aber um die sterbenskranken Menschen.[14] Es ging ursprünglich nicht darum, dass gesunde Menschen, wenn sie sich dazu autonom entscheiden, sich das Leben nehmen können. Darum geht es aber nun im letztlich entscheidenden Urteil des BVerfG. Dieses argumentiert über die Wahrung der Autonomie des Menschen. Entsprechend kann der Zugang zum assistierten Suizid nicht auf eine ausgewählte Gruppe beschränkt bleiben. Deshalb wird der assistierte Suizid konsequent für alle geöffnet. Die Ursprungsargumentation hat für die praktische Gesetzgebung ihre Relevanz verloren.
Es geht in der Umsetzung dann nicht mehr um das Leid des Einzelnen, sondern nur noch um die autonom beschlossene Sterbewilligkeit. Und wem mag man absprechen, wenn das Individuum so autonom dasteht, dass es unerträglich leidet? Darf man den Einzelnen dann überhaupt noch ermutigen, dass es sich lohnt weiter gegen das Leid zu kämpfen? Denn so nimmt man bereits wieder Einfluss auf den Einzelnen. An diesem Punkt sucht man verzweifelt nach einer Antwort auf die Frage: Wann lohnt es sich überhaupt noch zu leben und Leid zu er-tragen? Dabei muss auch die Frage gestellt werden, wie weit die Autonomie des Einzelnen reicht. Eine Person steht im Leben nicht für sich allein, sondern ist eingebettet in einen Lebenskontext, mit dem sie eng verwoben ist. Inwiefern ist der Einzelne autonom? Wovon ist er denn eigentlich unabhängig? Nur vom Einfluss anderer? Ist er vielleicht auch unabhängig von der Verantwortung im Leben anderer? Ist der Mensch wirklich so frei, wie es in unserer Zeit angenommen wird?
Das höchste Gut des Lebens scheint damit nicht mehr das Leben, sondern die Freiheit zu sein. Dr. med. Mira Pankratz fasst es treffend zusammen: „Das Gut der Selbstbestimmung wird höhergestellt als das Gut des Lebens.“[15]
Die Verantwortung der Christen
Im Rahmen eines christlichen Weltbilds ist Suizid zwingend abzulehnen.[16] In dem Wunsch nach Suizid steckt die Hoffnung, dass nach dem Tod und ohne Leid alles besser wird.[17] Das gilt aber nur für Christen (Joh 3,16–18). Der Mensch ohne Christus stirbt ins Gericht hinein (Hebr 9,27) und darauf folgt ewiges Leid in der Trennung von Gott (Jes 66,24; Dan 12,2). Insofern muss der Irrtum benannt und aufgedeckt werden: Mit dem Tod ist das Leiden nicht beendet. Wir müssen also evangelisieren und uns gegen den assistierten Suizid einsetzen, auch wenn unsere Argumente nicht immer eingesehen werden. Dabei lässt sich nicht verhindern, dass es auf einige so wirkt, wie der DIGNITAS-Gründer Ludwig A. Minelli es wahrnimmt: „Die Gegner (d. assistierten Suizids, Anm. d. Autors) wollen ihre weltanschauliche Sicht mithilfe des Staates anderen aufzwingen.“[18] Wenn sie es ablehnen, dann zumindest mit dem Hören auf die Warnung: „Warnst du aber den Gottlosen und er kehrt doch nicht um von seiner Gottlosigkeit und von seinem gott-losen Weg, so wird er um seiner Missetat willen sterben; du aber hast deine Seele gerettet!“(Hes 3,18–21, vgl. auch Hes 33,2–9)
Der Mensch ist nicht so autonom, wie er im Rahmen eines atheistischen Weltbilds denken mag. Die Folge der Ignoranz ist schwerwiegend, wie Dr. Matthias Klaus feststellt: „Wer die Autonomie des Menschen von Gott loslöst, zerstört den Menschen. Dieser Kultur des Todes hält die Bibel entgegen, dass Gott allein es ist, der über Anfang und Ende des Lebens befindet. Was (nicht nur) schwer kranke und lebensmüde Menschen brauchen, ist eine lebendige Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Diese Hoffnung findet sich alleine in Jesus Christus, der über sich sagt: ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt‘ (Joh 11,25). In Jesus Christus findet sich eine Antwort, die mitten in die Leid- und Notsituation hineinspricht und Hoffnung bietet, auch über den Tod hinaus.“[19] Wenn jemand diese Wahrheit annimmt, wird er den Trost bei dem finden, der in Mt 11,28 spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“
Der autonome Mensch mag autonom sterben, aber auch sehr einsam. Und dann steht er vor dem Richter. Der Christ hingegen stirbt nicht allein, sondern sein Gott ist bei ihm in jeder Lebenslage (vgl. Ps 125,2). Nur Christen können deshalb Hoffnung im Sterben haben und auch auf Hoffnung hin schwere Leiden ertragen.
Der Theologe Adolf Schlatter schreibt: „Die Gewissheit Gottes gibt uns auch gegenüber dem schwersten Druck und Schmerz die Willigkeit, zu tragen, was uns zugemessen wird, auch gegenüber der schwersten Schuld die Bereitschaft, ihre Folgen zu übernehmen und Gottes Vergebung zu suchen. Die Ziffer der Selbstmorde muß freilich wachsen, wenn zahlreiche Volksgenossen nicht mehr durch eine sichere Autorität an Gott erinnert und nur noch von der Natur und der Welt bewegt werden. Dann müssen sich die Momente häufen, in denen uns das Leben unerträglich scheint.“[20]
Deshalb müssen wir leidende, gottlose Menschen weiter-hin durch die Verkündigung des Evangeliums an Gott erinnern. Für Christen kann der assistierte Suizid kein Weg aus dem Leid sein. Zu guter Letzt ist die Assistenz beim Suizid auch nicht die einzige Möglichkeit, einem Leidenden zu helfen. Auf diese kann der Christ verweisen, da der Suizid keine Möglichkeit der Leidensminderung darstellt.[21]
Das Potential der Palliativmedizin
Sterbehilfe-Organisationen meinen trotzdem, dass Suizidassistenz eine legitime Möglichkeit und vor allem die Ultima Ratio bei schweren Leiden sei. Der Verein Sterbehilfe findet folgende Antwort: „Macht die Palliativmedizin eine Suizidassistenz überflüssig? Nein. Die Palliativmedizin hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte in Schmerzbekämpfung gemacht, jedoch kann sie nicht jedem Patienten helfen.“[22]
Doch dem treten Palliativmediziner entschieden entgegen, so wie der einstige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Prof. Radbruch: „Es gibt keine Situation, in der die Palliativmedizin nichts mehr anzubieten hat. […] Den sehr wenigen Patienten, bei denen keine ausreichende Symptomlinderung erreicht werden kann, bleibt die palliative Sedierung als Option, um unerträgliches Leid zu lindern.“[23] Der assistierte Suizid ist also im Ernstfall nicht das einzige Mittel gegen „sinnlos gewordene […] Leidensverlängerung“[24]. Es gibt sehr wohl Möglichkeiten Schwerkranken zu helfen, ohne sie zu töten.[25] Das heißt aber leider nicht, dass diese Möglichkeit überall gegeben wird. Deshalb sollte in Deutschland vielmehr darauf hingearbeitet werden, die Palliativmedizin flächendeckend in höchster Qualität zur Verfügung zu stellen, damit jedem die beste Palliativmedizin ermöglicht wird, anstatt ihm einen verfrühten Tod schmackhaft zu machen.[26] So mündet die Debatte letztlich in die Frage, was uns als Gesellschaft das Leben des Einzelnen wert ist.
An dieser Stelle wundert es einen nicht, dass viele Palliativmediziner klare Worte gegen die Suizidassistenz finden, weil sie auch von dem Potential der Palliativmedizin wissen. So können die Herausgeber des Lehrbuchs „Palliativmedizin“, Dr. med. Stein Husebø und Univ. Prof. Dr. Gebhard Mathis, nicht anders, als ihr Kapitel über die Ethik mit folgenden Worten zu schließen: „Eine Gesellschaft, in der der Arzt, aus welchen Motiven auch immer, nicht mehr das Leiden bekämpft, sondern den Leidenden tötet, ist auf dem besten Weg zu einer Menschenfeindlichkeit, die im ‚Kranken‘ und im ‚Leiden‘ nur noch das Unnütze sieht, das durch die Euthanasie beseitigt werden soll. Der Wert, den ein Mensch seinem Leben beimisst, hängt entscheidend von dem Wert ab, den andere seinem Leben beimessen. Seine Würde hängt wesentlich vom Ansehen ab, das er in den Augen der Umwelt hat. Wenn wir ihm zu verstehen geben, dass wir sein Leben so wenig achten, dass wir bereit sind, ihn zu töten, nehmen wir bereits im Voraus seiner Existenz Würde und Wert. Nicht mehr die Erlösung des anderen, sondern die Erlösung vom anderen würde angestrebt. […] Aktive Lebenshilfe ist die Aufgabe und der fachliche und menschliche Inhalt der Palliativmedizin. Das Hauptargument der Palliativmediziner gegen eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe beruht auf der Befürchtung, dass diese Legalisierung der aktiven Sterbehilfe von der heute noch immer nicht ernst genommenen Aufgabe der Ärzte und der Gesellschaft ablenkt, schwer kranken Menschen ein würdevolles Leben bis zu ihrem Tode zu ermöglichen.“[27]
Wie viel mehr müssen wir Christen uns prinzipiell gegen eine Todeskultur stellen, weil wir dem Schöpfer allen Lebens dienen.
„Eine Gesellschaft, in der der Arzt, aus welchen Motiven auch immer, nicht mehr das Leiden bekämpft, sondern den Leidenden tötet, ist auf dem besten Weg zu einer Menschenfeindlichkeit, die im ‚Kranken‘
und im ‚Leiden‘ nur noch das Unnütze sieht, das durch die Euthanasie beseitigt werden soll.“
Dr. med. Stein Husebø & Univ. Prof. Dr. Gebhard Mathis
¹ 2011 änderte der 114. Deutsche Ärztetag seine Berufsordnung in § 16 „Beistand für Sterbende“ wie folgt: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ Vgl.: (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte – MBO-Ä 1997 – in der Fassung der Beschlüsse des 114. Deutschen Ärztetages 2011 in Kiel, in: Deutsches Ärzteblatt, Bd. 108, Nr. 38, 2011, https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=106362 (abgerufen am 28.07.2022), S. A 1984–A 1992. Das Ärzteblatt kommentiert es als einen „vorläufigen Schlusspunkt“ (jedenfalls für die Ärzteschaft) hinter der Debatte über den assistierten Suizid im Jahr 2011. (Oduncu, Fuat S./Hohendorf, Gerrit: Assistierter Suizid: Die ethische Verantwortung des Arztes, in: Deutsches Ärzteblatt, Bd. 108, Nr. 24, 2011, https://www.aerzteblatt.de/archiv/93852/Assistierter-Suizid-Die-ethische-Verantwortungdes-Arztes (abgerufen am 28.07.2022), S. A 1362–4.) Gesellschaftlich wurde die Debatte fortgeführt. Sie mündete schließlich 2015 in die Etablierung des § 217 StGB, der ein Verbot über die „Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ verhängte. Fünf Jahre nach der Etablierung des § 217 StGB erklärt das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 den „Sterbehilfeparagrafen für nichtig“. (Bundesverfassungsgericht erklärt Sterbehilfeparagrafen für nichtig, in: Deutsches Ärzteblatt, 2020, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/109605/ (abgerufen am 28.07.2022).)
² BVerfG: Urteil des Zweiten Senats vom 26. Februar 2020 – 2 BvR2347/15 -, Rn. 1-343, http://www.bverfg.de/e/rs20200226_2bvr234715.html (abgerufen am 28.07.2022). Vgl. Paul, Philip: Suizid ein Menschenrecht?, in: CDK-Rundbrief, Nr. 85, 2021, https://www.cdkev.de/app/download/25615111/Suizid_+ ein+Menschenrecht+_+Philip+Paul.pdf (abgerufen am 28.07.2022), S. 42-48.
³ Hervorhebung des Autors; DIGNITAS: Informations-Broschüre, in: DIGNITAS, o.D., http://www.dignitas.ch/images/stories/pdf/informations-broschuere-dignitas-d.pdf (abgerufen am 28.07.2022).
⁴ Cassel, Eric J.: The nature of suffering and the goals of medicine, in:The New England Journal of Medicine, Bd. 306, Nr. 11, 1982, doi:10.1056/NEJM198203183061104, S. 639-645. (Original: „Most generally, suffering can be defined as the state of severe distress associated with events that threaten the intactness of the person.“) Anm. d. Autors: Der Artikel ist hilfreich in seiner vielfältigen Ausarbeitung der Leidensmöglichkeiten von Personen und der zahlreichen Einflüsse. Er ist aber unzureichend in seiner theologischen und diskussionswürdig in der philosophischen Einordnung.
⁵ ebd., Eric Cassel räumt die Möglichkeit ein, dass Leid widerstanden, ja, getrotzt werden könne. Dadurch bestünde potentiell die Möglichkeit, Leid in Stärke umzukehren (Resilienz). Doch auch hier stellt sich die brisante Frage, wann nicht mehr?
⁶ (Hervorhebung des Autors); Bozzaro, Claudia: Der Leidensbegriff im medizinischen Kontext: Ein Problemaufriss am Beispiel der tiefen palliativen Sedierung am Lebensende, in: Ethik in der Medizin, Bd. 27, Nr. 2, 2015, doi: 10.1007/s00481-015-0339-7, S. 93–106.
⁷ ebd.
⁸ Klaus, Matthias: Kultur des Todes, in: Factum, Nr. 2, 2022, https://www.cdkev.de/app/download/25847027/fac02_2022_S56_57.pdf (abgerufen am 01.08.2022), S. 56-57.
⁹ Diskussionsentwurf – Entwurf eines Gesetzes zur Neufassung der Strafbarkeit der Hilfe zur Selbsttötung und zur Sicherstellung derfreiverantwortlichen Selbsttötungsentscheidung, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/S/Diskussionsentwurf_Suizidhilfe_Gesetz.pdf (abgerufen am 28.07.2022), S. 4.
¹⁰ ebd.
¹¹ ebd., S. 13.
¹² Äquivalent und fortgeschrittener ist die Situation in der Abtreibungsdebatte, wo die Autonomie der Mutter über das Leben des Kindes gestellt wird. Auch hier wurde ein sogenanntes Schutzkonzept gesetzlich verankert, welches das ungeborene Leben schützen sollte. Das Ergebnis sind 100.000 Abtreibungen jährlich. (Siehe: Klaus, Matthias: Risikogruppen schützen, in: CDK-Rundbrief, Nr. 84, 2020, https://www.cdkev.de/app/download/25110699/Risikogruppen+schützen.pdf (abgerufen am 01.08.2022), S. 4-5.)
¹³ Dies meint im Prinzip nicht eine auf Regelmäßigkeit, finanzielle Zugewinne oder ähnliches hin angelegte Suizidassistenz.
¹⁴ „Mund auf, Knarre rein, abdrücken“, in: DER SPIEGEL, 31.03.2018, https://www.spiegel.de/spiegel/schwerstkranke-kaempfen-fuerdas-recht-auf-sterbehilfe-a-1200672.html (abgerufen am 01.08.2022). »Wir sind nicht Christus«, in: DER SPIEGEL, 09.11.2014, https://www.spiegel.de/politik/wir-sind-nichtchristus-a-43321e08-0002-0001-0000-000130223268 (abgerufen am 01.08.2022). Suizid auf Rezept, in: DER SPIEGEL, 22.06.2020, https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sterbehilfe-wissenschaftler-wollen-suizid-auf-rezept-gesetzlich-regeln-a-8fd1fb29-4158-47bf-a77c-22aeb-6975fe9 (abgerufen am 01.08.2022).
¹⁵ Pankratz, Mira: Leben und Sterben in Deutschland 2021 – Gedanken zu einer paradoxen Entwicklung, in: CDK, 2021 https://www.cdkev.de/ethik-am-lebensende/leben-und-sterben-in-deutschland-2021/ (abgerufen am 28.07.2022).
¹⁶ Koberschinski, Jonas: Assistierter Suizid & Menschenwürde – Eine biblisch-theologische Einordnung, in: CDK-Rundbrief, Nr. 85, 2021, https://www.cdkev.de/app/download/25615118/Assistierter+Suizid++Menschenwürde_+Eine+biblisch-theologische+Einordnung_+J.+Koberschinski.pdf (abgerufen am 28.07.2022), S. 49-53.
¹⁷ vgl. Pankratz, Mira: Leben und Sterben in Deutschland 2021 – Gedanken zu einer paradoxen Entwicklung, in: CDK, 2021, https://www.cdkev.de/ethik-am-lebensende/leben-und-sterben-in-deutschland-2021/ (abgerufen am 28.07.2022).
¹⁸ Stoffel, Deborah: «Unser Ziel? Irgendwann zu verschwinden», in: Landbote, 2017, https://www.landbote.ch/front/unser-ziel-irgendwann-zu-verschwinden/story/25591753 (abgeru-fen am 28.07.2022).
¹⁹ Klaus, Matthias: Kultur des Todes, in: Factum, Nr. 2, 2022, https://www.cdkev.de/app/download/25847027/fac02_2022_S56_57.pdf (abgerufen am 01.08.2022), S. 56-57.
²⁰ Schlatter, Adolf, „Die christliche Ethik“, 5. Aufl., Stuttgart, Deutschland: Calwer Verlag, 1986, S. 391f.
²¹ siehe in diesem Magazin, S. 67: Markus Vogel, „Palliativmedizin – eine echte Alternative“
²² Häufige Fragen, in: Verein Sterbehilfe, o.D., https://www.sterbehilfe.de/haeufige-fragen/ (abge-rufen am 28.07.2022).
²³ Urban & Vogel: Palliativmedizinische Maßnahmen ausschöpfen, in: Pflegemagazin, Bd. 66, Nr. 12, 2014, doi: 10.1007/s00058-014-1026-7.
²⁴ Über uns, in: Verein Sterbehilfe, o.D., https://www.sterbehilfe.de/ueber-uns/ (abgerufen am 28.07.2022).
²⁵ Das entspricht dem Auftrag der Ärzte. E. Cassel erinnert daran: „Die Genesung vom Leiden ist oft mit Hilfe verbunden, so als ob Menschen, die Teile ihrer selbst verloren haben, durch die Persönlichkeit anderer gestützt werden können, bis ihre eigene wiederhergestellt ist. Dies ist eine der verborgenen Funktionen von Ärzten: Kraft zu geben.“, Cassel, Eric J.: The nature of suffering and the goals of medicine, in: The New England Journal of Medicine, Bd. 306, Nr. 11, 1982, doi: 10.1056/NEJM198203183061104, S. 639-645. (Original: „Recovery from suffering often involves help, as though people who have lost parts of themselves can be sustained by the personhood of others until their own recovers. This is one of the latent functions of physicians: to lend strength.“)
²⁶ Günstig würde das natürlich nicht werden. Prof. Dr. med. Christoph von Ritter (Internist) wies in der Tagespost auf den damit zusammenhängenden weiteren ungenannten Grund für den assistierten Suizid hin: Den Kostenfaktor. „Natürlich spielen ökonomische Aspekte in der Diskussion eine Rolle. Die meisten Kosten in der Krankenversicherung fallen in den letzten drei Lebensmonaten vor dem Tod an (Zweifel et al., Health Econ 8: 485 ff., 1999). Eine verkürzte Lebensdauer setzt also Rationalisierungspotenziale frei. Nietzsches „Stirb zur rechten Zeit“ bedeutet in diesem Zusammenhang, den Einzelnen davon zu überzeugen, sich tunlichst „freiwillig“ durch Suizid aus den Sozialsystemen zu entfernen, sobald er die Pflichten als Beitragszahler nicht mehr erfüllen kann und nur noch (ein, Anm. d. Autors) schwer erträglicher Kostenfaktor ist. Da macht es Sinn, anstatt für Verbesserungen bei der Versorgung zu kämpfen, Angst und Schrecken vor Krankheit, Altern, demenzieller Entwicklungen und Verlust der Selbstständigkeit durch Pflegebedürftigkeit zu schüren. Zusammen mit demographischen Horrorszenarien ist es gelungen, eine kollektive Paranoia zu verursachen. Als Ausweg aus den Schrecken des Alterns wird der frühzeitige, „selbstbestimmte“ Tod propagiert.“ In: Christoph von Ritter, Suizidalität ist eine heilbare Krankheit, Die Tagespost, 2014, https://www.die-tagespost.de/politik/suizidalitaetist-eine-heilbare-krankheit-art-152515 (abgeru-fen am 28.07.2022).
²⁷ Husebø, Stein (Hrsg.)/Mathis, Gebhard (Hrsg.): Palliativmedizin, 6. Aufl., Springer, Berlin, Hei-delberg, doi: 10.1007/978-3-662-49039-
6_2, S. 75.
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INTERVIEW: Und trotzdem Hoffnung?
Hilfe nach einer Abtreibung
Patricia Nestvogel
ist seit 1987 mit Dr. Wolfgang Nestvogel verheiratet und unterstützt ihn als Ehefrau im Gemeindedienst. Sie erfreuen sich an 2 Kindern mit Schwiegerkindern und 2 kleinen Enkeln.
Birgit Karahamza
ist verheiratet mit Dündar Karahamza, einem ehemaligen Moslem aus der Türkei, der zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gekommen ist. Sie haben 4 Kinder. Frau Karahamza leitet eine Zweigstelle der Lebensrechtsorganisation „KALEB e. V.“ in Hannover-Langenhagen.
Patricia Nestvogel:
Liebe Frau Karahamza, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit zu diesem Interview nehmen, denn ihre Tage sind immer sehr ausgefüllt, auch als Leiterin der Kaleb-Zweigstelle. Was ist das größte Problem für eine Frau, die eine Abtreibung hinter sich hat?
Birgit Karahamza:
Es ist wichtig, geduldig zu sein und da, wo es geht, Verständnis zu signalisieren. Oftmals werden Frauen, die abtreiben, auch von anderen Personen dazu gedrängt oder falsch beraten. Man muss sich Zeit zum Zuhören nehmen, damit die Frauen das Geschehene zusammen mit der Vorgeschichte erzählen können. Diese Gespräche können zum Teil Stunden dauern. Es muss der betroffenen Frau versichert werden, dass sie sich zu jeder Zeit wieder melden darf und man für weitere Gespräche gern zur Verfügung steht. Sie sollte aber nicht gedrängt werden.
Patricia Nestvogel: Wie kann man taktvoll mit der Schuldfrage umgehen?
Birgit Karahamza:
Meine Erfahrung ist es, dass Frauen häufig die Schuldfrage von selber ansprechen. Aber dies geschieht meist nicht gleich in den Erstgesprächen, sondern später. Wenn ein gewisses Vertrauen vorhanden ist, kann man dieses Thema der Schuld auch ansprechen.
Patricia Nestvogel: Welche Hilfestellung können wir vom christlichen Glauben her geben?
Birgit Karahamza:
Schuld kann nicht wegtherapiert werden, Schuld muss vergeben werden. Das kann nur der allmächtige Gott. Dieser hat Vergebung ermöglicht durch den Glauben an die stellvertretende Erlösung seines Sohnes Jesus Christus am Kreuz. Viele Frauen berichten auch, dass sie eine sehr schwere Last durch diese Schuld mit sich getragen haben und nach der Vergebung erst wieder richtig leben konnten. Weitere seelsorgerliche Begleitung und Kontakt zu einer bibeltreuen Gemeinde sind wichtig.
Patricia Nestvogel: Kennen Sie ein Beispiel, wo eine Frau nach einer geschehenen Abtreibung die Tragweite erkannt hat und schließlich auch zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist?
Birgit Karahamza:
Ja, eine solche Frau ist mir gut bekannt. Weil sie ihre beruflichen Vorstellungen verwirklichen wollte, hat sie das Kind abgetrieben. Im Krankenhaus lagen bei ihr im Zimmer auch Frauen, die ein Baby bekommen haben. Das hat sie aufgerüttelt. Als sie zurück nach Hause kommt, unternimmt sie einen Selbstmordversuch, der daran scheitert, dass die Nachbarin rechtzeitig vorbeischaut. Danach erhält sie eine Arztdiagnose, dass sie nie mehr Kinder bekommen kann. Sie lernt Christen kennen und darf zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden. Dann heiratet sie auch und bringt 5 Kinder zur Welt. Sie setzt sich nun selber im Lebensschutz ein und in der Seelsorge.
Hilfe für Schwangere und Mütter in Not:
www.CDKev.de oder
www.kaleb.de/gruppe/region-hannover-langenhagen/
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