Bei nachlassendem Sehvermögen trotzdem den Durchblick behalten!

Neues Beratungsangebot des CDK bei Sehbehinderung bis hin zur Blindheit

Erreichbar unter: pr@sehbeeintraechtigt.de

Wir kennen wohl alle in unserer Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis Menschen, die mit dem Sehen so ihre Probleme haben. Dabei ist die Nachricht, dass man den Führerschein wegen fortschreitender Sehbehinderung abgeben muss, häufig der erste Schreck, der einem in die Glieder fährt. Und dann die bange Frage, was soll bloß werden, wenn das noch schlimmer wird?
Ich darf mich in diesem Zusammenhang aber erst einmal vorstellen: Ich bin Stefan Weiler, verheiratet und habe vier erwachsene Kinder. Seit 1986 beschäftige ich mich mit Computern und tue das bis heute. Außerdem bin ich ehrenamtlich beratend tätig, wenn es um Sehbehinderung und Blindheit geht; dabei bin ich selbst zu 100 % geburtsblind. Wie Sie „sehen“, geht doch so manches, trotz Sehbehinderung und sogar bei Blindheit!

Ich möchte zunächst einige Problemfelder skizzieren, die sich bei einer Sehbehinderung zwangsläufig auftun und einige Lösungswege aufzeigen. Erst einmal aber einige Zahlen: Nach Rücksprache mit Augenärzten, Diabetiker- und Sehbehindertenverbänden der, wie man heute offiziell sagt, „Sehbeeinträchtigten“, gibt es nach meiner vorsichtigen Einschätzung in Deutschland vermutlich mehr als zwölf Millionen sehbeeinträchtigte Menschen; beginnend mit dem Führerscheinverlust, der bei meist um die 70 % Restsehvermögen auf dem besseren Auge inklusive Sehhilfe eintritt, bis hin zur Blindheit. Als sehbehindert gilt man nach dem Gesetz jedoch erst mit weniger als 30 % Restsehvermögen auf dem besseren Auge inklusive Sehhilfe. Finanzielle Hilfe von den Krankenkassen erhält man in der Regel erst bei unter 10 % Restsehvermögen.
Nach Auskunft der Diabetesberater bei den Selbsthilfeverbänden geraten allein wegen Diabetes jährlich etwa 100 000 Menschen in die gesetzlich anerkannte Sehbehinderung. Und die anderen Augenleiden liefern noch einmal so viele Betroffene. Jedoch werden all diese Zahlen statistisch nicht erfasst – beruhen also nur auf vorsichtigen Schätzungen.
In sehr vielen Fällen schreitet nun eine beginnende Sehbehinderung mehr oder weniger langsam fort, was bedeutet, man sollte sich rechtzeitig darauf einstellen. Es eröffnet sich also die Frage, wie das am besten geschehen kann. Anfangs helfen hier sicher Augenarzt und Augenoptiker mit immer stärkeren Sehhilfen weiter und auch ein sogenanntes „Low-Vision-Training“, bei dem man lernt, das noch vorhandene Sehvermögen optimal einzusetzen, kann helfen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem das Lesen immer anstrengender wird, die Orientierung vor allem auf der Straße schwieriger wird und auch die Bedienung von Haushaltsgeräten, der Heizung, Smartphones und anderer Technik Probleme macht. Spätestens jetzt beginnen auch zwischenmenschliche Konflikte, da die zunehmende Sehbehinderung vor allem psychisch verkraftet werden muss. Menschen, mit denen man jahrelang im Kontakt war, ziehen sich zurück und man selbst ist schnell gereizt, wenn etwas nicht so läuft, wie man sich das gedacht hat.
All dies führt nicht selten auch in die Depression, was dann leider gar nicht so selten ausgenutzt wird. Ein Beispiel, das sich in der Praxis in solcher oder ähnlicher Weise ereignet: „Opa sitzt doch nur den ganzen Tag tatenlos im Sessel, während das Vermögen dann doch besser gleich von den Kindern oder Enkeln verwaltet wird.“ Fundierte Aufklärung und Beratung sind daher mehr als nötig. So gibt es für die verschiedensten Anwendungen „sprechende“ Geräte beziehungsweise Displays mit großer Schrift und auch in Sachen selbstständiges Lesen und Mobilität wird viel Nützliches angeboten. Jedes Smartphone besitzt grundsätzlich einen sogenannten sprechenden Screenreader und auch mit dem Computer kann man mittels Großschrift oder Sprachausgabe sehr gut umgehen. Voraussetzung ist dabei allerdings, dass man sich kümmert, die richtigen Hilfen an die Hand bekommt und dass man bereit ist umzulernen!
Leider macht man es aber auch denen, die sich „kümmern“ nicht gerade leicht. So sind viele Haushaltsgeräte, Internetseiten und Apps nicht barrierefrei zu bedienen und erschweren damit das selbstständige Leben ganz erheblich. Die Folge ist dann häufig die nächst höhere Pflegestufe bis hin zur Vollpflege, obwohl das eigentlich lange noch nicht sein müsste. Dennoch kann durch gezielte Maßnahmen in den allermeisten Fällen das selbstständige Leben von Sehbeeinträchtigten erheblich verbessert und verlängert werden.
Welche technischen Möglichkeiten es gibt, welche Programme, Hilfsmittel oder welche Art der Assistenz eine Erleichterung bringen und wie auch diese Menschen mit dem Evangelium erreicht werden können, sind Bereiche, in denen ich im Rahmen des CDK-Angebots für Menschen mit fortschreitender Sehbeeinträchtigung gerne beratend zur Verfügung stehe.


Das Leben danach - Allein als Witwe

Das Sterben eines guten Todes ist wie ein Dank, ein innerer Frieden, eine große Geborgenheit in Gott und hilft, Verzagtheit und Depressionen in der Zeit der Trauer, mal mutig, mal weniger mutig, zu widerstehen. Mein Mann, Manfred Weise, ist in die Geborgenheit Gottes hineingestorben, für mich nur begreifbar durch seine innige Liebe und Hingabe an seinen Herrn Jesus Christus. Ich, seine Frau, nun seine Witwe, blieb zurück am diesseitigen Ufer. Getrennt nach 54 gemeinsamen Ehejahren – allein gelassen, verwundet, mit einer Todessehnsucht, die mir jeden Lebenswillen zu rauben schien. Jesus, der Sohn Gottes, hat alles selbst durchlitten und in seiner Todesstunde für eine neue Heimat seiner Mutter gesorgt.

Sollte Er nicht auch für mich sorgen?

Wie tief getroffen ich mich auch immer fühlte, wie allein gelassen, schweigend, ausgegrenzt. Oder mit wohlmeinenden Ratschlägen an die Seite gestellt, mit einem tiefsitzenden Schmerz. Der fast tägliche Gang zum Grab. Manfreds Lieblingslied auf den Lippen: Wenn Friede mit Gott, meine Seele durchdringt. Und die Gebete und der Segen lieber Menschen. Menschen, die sahen, hörten und halfen. Gläubige Menschen und solche, die fern von Gott waren.
Langsam erwachte mein Lebenswille erneut. Jesus Christus wischt auch schon hier auf der Erde Tränen ab und ich konnte meinen Kummer täglich neu in Gottes Hand legen. Ich fragte nicht mehr: Herr, wie lange soll ich hier noch ausharren? Ich sagte und sage: Herr, Du weißt es und Du leitest mich nach Deinem Rat und Du weißt es, wie ich es meine, und siehe, ob ich auf bösen Wegen bin und leite mich auf ewigen Wegen (nach Psalm 139). „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jesaja 43,1). Ich konnte nach drei Jahren während eines Hauskreis-Gebetsabends in die Gruppe hineinfragen: Hat jemand gemerkt, wie verzweifelt und mutlos ich war, hat jemand gemerkt, dass ich nicht mehr leben wollte? Die Reaktion meiner Brüder und Schwestern aus der Gemeinde, die mich seit vielen Jahren kennen, darauf war diese: Das erschüttert uns, Du, das haben wir nicht gewusst.
Als Witwe trauern, das Leben danach, vor drei Jahren ging mein Mann in die Ewigkeit. Ich konnte nach einem wunderbaren gemeinsam erlebten Tag, einem Sonntag, die Nacht nach Manfreds Heimgang bei ihm wachen, loslassen und ins Gebet versinken, traurig und fröhlich sein, einsam und neu geliebt, wandeln wie im Traum. Bis dann der Traum einer harten Realität wich. Es war so, als ob ich einen Schlüssel brauchte zum Öffnen einer Tür der Einsamkeit. Wer schließt auf? Eines Tages hat mir Gott diese Frage beantwortet: Geh hin, siehst Du nicht die Not und das Leid so vieler Menschen? Helfe, pack zu! Bete für sie und mache, was notwendig ist und setze Deine Fähigkeiten ein: Es gibt so viele kranke und alte Menschen, Alleingelassene, verunsicherte Mütter, Menschen, die einen Kaffee brauchen, ein Mittagessen.
Mein Alltag war plötzlich voller Licht und Segen. Es treten immer wieder neue wunderbare Menschen in mein Leben hinein: Und mir werden auch Zeiten der Muße und Erholung geschenkt. Und Gott meint es gut mit mir. Ich kann noch zu meinen Kindern und Enkeln reisen. Ich habe 16 Enkel, unterschiedlich kleine und große Persönlichkeiten, denen ich Großmutter sein kann.

Ich kann nicht anders als staunen und anbeten: Mein Herr und mein Gott, sei mir gnädig!


Pflegebedürftig! - Wie kann ich mich um Angehörige Kümmern?

Plötzlich oder allmählich kann diese Frage auf uns zukommen. Zum Beispiel soll die 85-jährige Mutter nach einem Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen werden. Sie braucht ab jetzt Hilfe und Unterstützung, kann nicht mehr alleine in ihrem Haus wohnen und sich nicht mehr selbst versorgen. Oder ein jüngeres Familienmitglied leidet an einer chronischen Krankheit, wodurch in absehbarer Zeit Pflege notwendig sein wird. Oft muss schnell eine Entscheidung über die weitere Versorgung getroffen werden, denn die Krankenhäuser sind gehalten, möglichst zügig zu entlassen.
Wie können Angehörige hier zu einer Lösung kommen? Wie finde ich in meiner konkreten Situation eine Antwort? Dazu möchte ich einige Aspekte aufzeigen und am Schluss von meiner eigenen Erfahrung als pflegende Angehörige berichten.

Möglichkeiten der Versorgung & Pflege

1. Vollstationäre Pflege
Der Umzug in ein Pflegeheim oder eine anderweitige Pflegeeinrichtung ist eine gewaltige Umstellung für die meisten Menschen. Manchmal ist es nicht die eigene Entscheidung. Der Gedanke, selbst einmal Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, wird meist verdrängt. Viele haben Angst davor, eines Tages nicht mehr selbstständig, sondern abhängig von fremden Menschen zu sein, sich anpassen und das gewohnte, geliebte Milieu verlassen zu müssen. Oft ist eine solche Entscheidung auch für Angehörige schmerzhaft. Manche werden dann von einem schlechten Gewissen geplagt, wenn die Entscheidung für einen Heimplatz ausfällt. Belastet wird das Gewissen auch dadurch, dass der Ruf vieler Heime schon deshalb nicht gut ist, weil das notwendige Personal fehlt und Zeit und Zuwendung deshalb Mangelware sind. Dabei sind Geborgenheit und liebevolle Zuwendung genau die Dinge, die im Zustand der Hilflosigkeit durch die Betroffenen so ersehnt werden.
Das Gefühl der Fremdheit und die Angst vor Vereinsamung ist gegenwärtig. Es wird oft unterschätzt, welch große Umstellung es für manche Menschen bedeutet, sich an das Leben im Altenheim zu gewöhnen. Selbst wenn sich engagierte Heimleitungen und das Personal um eine gute Versorgung bemühen – ein Heim bleibt eine Institution, die nach verschiedenen Vorgaben geführt werden muss. Einem Gefühl von Zuhause kann es bestenfalls nahekommen, aber es kaum wirklich erfüllen. Doch bei hochgradig pflegebedürftigen Menschen bleibt die vollstationäre Pflege oft die einzig realistische Option. Manche Menschen treffen auch ganz bewusst eine Entscheidung für den Einzug in eine Pflegeeinrichtung und machen gute Erfahrungen damit. Sie erleben, dass es viele engagierte Mitarbeiter gibt, die sich um eine gute Versorgung und Pflege liebevoll bemühen. Leider steigen die Kosten für einen Heimplatz stetig, ohne dass sich dies zwangsweise in einer Zunahme der Betreuungsqualität niederschlagen würde. Manche Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, leiden darunter, dass sie für die Kostendeckung des Heimplatzes Zuschuss vom Sozialamt beantragen müssen.

2. Häusliche Pflege durch Angehörige
Einen Angehörigen zu Hause zu pflegen ist ein Dienst und auch ein gewisses Opfer, weil oft größere Veränderungen und Einschränkungen für den Alltag der pflegenden Angehörigen hinzukommen. Die Entscheidung resultiert aus unterschiedlichen Motiven und Gründen. Für einige ist es selbstverständlich, auch in schweren Zeiten für die kranken Angehörigen da zu sein. Oft sind es die Eltern, Schwiegereltern oder Ehepartner, die Hilfe benötigen. Wenn man bereits miteinander in einem Haus gelebt und eine gute Beziehung gepflegt hat, dann ergibt sich die häusliche Pflege eher. Vertrautheit und Geborgenheit können an keinem anderen Ort besser sein. Auch finanzielle Aspekte können bei der Entscheidung über die Form der Pflege eine Rolle spielen. Denn wenn zum Beispiel der pflegende Angehörige seinen Arbeitsplatz aufgibt, um zu pflegen, dann muss er in der Regel mit weniger Einnahmen als vorher rechnen. Er bezieht Pflegegeld, das im Vergleich zur vorherigen Vollbeschäftigung geringer ausfällt. Unter bestimmten Voraussetzungen können weitere finanzielle Unterstützungen beantragt werden. Manchmal geht der Entscheidung für die Pflege zu Hause ein längeres Abwägen und Durchringen voraus. Es gibt durchaus einiges Weitere zu durchdenken, wie zum Beispiel:
– Ist die Versorgung zu Hause – meist als Laie – überhaupt zu bewältigen oder muss man Überforderung fürchten? Gerade bei sehr umfangreichem Pflegebedarf, zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder beim dementen Angehörigen ist dies eine ernsthafte Frage.
Besonders der an Demenz Erkrankte kann seine Betreuer physisch und psychisch teils auf das Äußerste fordern, wenn er zum Beispiel nachts umhergeht, sich aggressiv verhält oder oft Dinge verlegt, die dann gesucht werden müssen.
– Ist die Wohnsituation geeignet? Müssen Anpassungen vorgenommen werden und welche Folgen hat das für andere Familienmitglieder, wenn zum Beispiel ein Zimmer für die pflegebedürftige Person frei gemacht werden soll?
– Trägt die Familie oder der Partner des pflegenden Angehörigen die Entscheidung und die Veränderung in der Familie mit?
– Ist der pflegende Angehörige gesundheitlich in der Lage, die Pflege zu übernehmen? Kann noch jemand mithelfen und auch einmal ablösen?
– Muss mit der Pflege noch eine Berufstätigkeit vereinbart werden?
Und es entsteht noch eine lange Liste an weiteren Fragen aus der jeweiligen individuellen Situation heraus.

Für viele Hürden und Bedenken finden sich nach gründlichen Überlegungen und dem Einholen von diversen Informationen doch Lösungen, um eine Pflege zu Hause zu realisieren.

3. Häusliche Pflege durch angestellte Betreuungskraft
Es besteht die Möglichkeit eine Pflegekraft beziehungsweise Betreuungskraft selbst anzustellen. Zahlreiche Agenturen in Deutschland vermitteln Betreuungskräfte meist aus dem osteuropäischen Ausland. Dabei handelt es sich nicht um qualifizierte Pflegekräfte, sondern um Personen mit unterschiedlichsten Erfahrungen. Sie sind rund um die Uhr im Haushalt präsent und übernehmen insbesondere hauswirtschaftliche und grundpflegerische Tätigkeiten. Medizinische und behandlungspflegerische Tätigkeiten dürfen sie nicht durchführen.
Die Kosten sind im Lauf der letzten Jahre gestiegen und variieren zum Beispiel nach dem Niveau der Deutschkenntnisse oder dem Vorhandensein eines Führerscheins. Mit mindestens 3000,- € monatlich muss man rechnen. Dieser Betrag kann nicht über die Pflegeversicherung abgerechnet werden.
Nach einem zeitlich verabredeten Einsatzturnus kommt in der Urlaubszeit der Betreuungskraft entweder eine Ersatzkraft oder die Familie übernimmt die Pflege. Man hört von guten und weniger guten Erfahrungen mit Betreuungskräften. Eine große Rolle spielt dabei, inwieweit Vertrauen zwischen pflegebedürftiger Person und der Betreuungskraft entsteht, wächst und wie zuverlässig diese arbeitet. Manche nehmen Abstand von dieser Betreuungsform, weil sie keine fremde Person im Haus wohnen haben möchten. Ist die Betreuungskraft allein mit dem Pflegebedürftigen und kein Angehöriger in der Nähe, der mal „nachschaut“, spielt das Vertrauen in die Qualität der Versorgung und in die Person eine besonders große Rolle.
Der Vorteil für diese Art der Betreuung liegt vor allem darin, in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Bei der Wahl eines bestimmten Betreuungsdienstes ist es von Vorteil, jemanden zu kennen, der diesen schon in Anspruch nimmt und gute Erfahrungen damit macht.
Jegliche häusliche Pflege, egal ob durch einen Angehörigen oder eine Betreuungskraft geleistet, kann durch die Hinzunahme eines ambulanten Pflegedienstes und weiterer Hilfsdienste unterstützt werden – insbesondere dann, wenn fachliche Expertise notwendig ist.

Grundsätzliche Überlegungen für die Entscheidungsfindung

– Was entspricht dem Willen des Pflegebedürftigen?
– Wurde in der Familie bereits vor Eintritt der Pflegesituation über das Thema einer möglichen Pflegesituation und deren Bewältigung gesprochen?
– Was denken die betroffenen Familienmitglieder? Ist die Bereitschaft grundsätzlich da, sich zu kümmern? Oft muss zwischen mehreren Familienmitgliedern gesprochen werden, wenn zum Beispiel mehrere Geschwister oder Kinder da sind: Wer kann und will sich hauptverantwortlich um die kranke Mutter kümmern? Wer hilft in welchem Umfang mit?
– Wie war die familiäre Situation vorher, zum Beispiel die Beziehungen untereinander? Waren sie von einem Miteinander, von Vertrauen und gegenseitiger Fürsorge geprägt? Wenn nicht, kann besonders die Anfangszeit in der häuslichen Pflegesituation schwieriger werden oder Reibungen verursachen, die bewältigt werden müssen.
– Gebet um Wegweisung und Rat ist ganz besonders wichtig. Man muss sich mit der Frage auseinandersetzen wie Gott über das Thema Fürsorge und Pflege in der Familie denkt.
– Praktische Aspekte sollten nüchtern und sachlich angegangen werden. Der pflegende Angehörige muss sich fragen, was sich konkret in seinem Alltag als häusliche Pflegekraft ändert und wie er diese Änderung bewerkstelligen kann beziehungsweise, welche Unterstützungsdienste in Anspruch genommen werden können. An späterer Stelle nenne ich dazu einige hilfreiche Adressen.

Biblische Prinzipien zum Umgang mit kranken und hilfsbedürftigen
Menschen in der Familie

Jesus beschreibt das Doppelgebot der Liebe als das größte Gebot, nämlich Gott als seinen Herrn zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst (Matthäus 22,39). Unsere Familienangehörigen sind unsere Nächsten. Sie zu lieben schließt ein, dass wir uns um eine gute Lösung der Versorgung im Fall einer Pflegebedürftigkeit kümmern. Gott möchte, dass wir füreinander sorgen – insbesondere innerhalb der Familie. Eheleute haben bei der Trauung gelobt, einander zu lieben und zu ehren, in guten wie in bösen Tagen. Gott ist der Schöpfer der Ehe. Er hat Mann und Frau zusammengestellt, um einander zu lieben und zu unterstützen.
Für das Eltern-Kind-Verhältnis gilt: Du sollst Vater und Mutter ehren (Matthäus 19,19).
Dazu finden wir auch direkte Beispiele in der Bibel. Joseph erkundigte sich bei seinen Brüdern nach dem Wohlergehen seines Vaters (1. Mose 43,27). Auch Saul beschäftigte es, dass sich sein Vater um ihn sorgen könne (1. Samuel 9,1ff). Selbst der Herr Jesus regelte vor seinem Tod in seinen schwersten Stunden die Fürsorge für seine Mutter (Johannes 19,26–27). Zum Verhältnis von Schwiegermutter zu Schwiegertochter lesen wir vom guten Vorbild der Ruth, die ihrer Schwiegermutter Naemi eine treue Tochter wurde. (Ruth 1)
Zur Fürsorge von Eltern für ihre Kinder lesen wir von Amram und Jochebed (2. Mose 2,1–4), die ihr Baby weggegeben haben in einer Notsituation, um es vor dem Morden des Königs von Ägypten zu retten. Im Hintergrund aber sind sie wachsam geblieben und haben beobachtet, was mit ihrem Kind geschieht. Dabei haben sie Gott vertraut.
Dass Christen zur Fürsorge ihrer Angehörigen verpflichtet sind, lehrt uns 1. Timotheus 5,8: „Wenn aber jemand für die Seinen, besonders für seine Hausgenossen, nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“
Dieses „Sorgen“ schreibt nicht die Form der Fürsorge vor. Aber die Verantwortung zur Fürsorge als Angehörige tragen wir immer, egal für welche Art der pflegerischen Versorgung wir uns entscheiden.

Wie kann sich Fürsorge praktisch gestalten?

Vor einer Entscheidung, wie die Pflege eines Angehörigen aussehen soll, müssen – wie in der weiteren Ausführung aufgezeigt – vielfältige Informationen zum Thema Pflege und Betreuung gesammelt und ausgewertet werden. Das Internet bietet hier zahlreiche Möglichkeiten. Der Sozialdienst im Krankenhaus ist ebenfalls ein guter Ansprechpartner für die Organisation von Pflege und Hilfsmitteln. Wenn schließlich die Vorstellung reift, dass eine Pflege zu Hause prinzipiell in Frage kommt, werden die Überlegungen und erste Schritte für die Umsetzung konkreter. Gespräche in der Familie sollen klären, zu welchem Verzicht zugunsten der Pflege zu Hause die Familienmitglieder und die Pflegenden bereit sind. Vor allem die eigene Motivation der Entscheidung ist zu überprüfen. Die Pflege zu Hause soll liebevoll und nicht murrend durchgeführt werden. Die Einschränkung der eigenen Bequemlichkeit ist immer wieder neu zu bejahen. Das kann bedeuten, sich seinen Entschluss für eine gute Pflege zu Hause immer wieder vor Augen zu halten und Quellen der Kraft aufzusuchen. Dazu gehört unter anderem, sich persönliche Freiräume zu verschaffen, um die Pflege-Aufgabe ausgeglichen bewältigen zu können.
Wenn eine Pflege zu Hause nicht machbar ist, dann gibt es viele andere Möglichkeiten, sich auch im Heim um seine Angehörigen liebevoll zu kümmern und über deren Betreuung zu wachen. Regelmäßige Besuche und Anrufe gehören dazu. Wer gläubig ist, möchte seinen Angehörigen auch geistlich begleiten, indem er ihn zum Vertrauen auf Gott ermutigt, dazu unter anderem Predigtaufnahmen und gute Literatur mitbringt, ihm zuhört, gegebenenfalls vorliest oder mit ihm singt und betet. Während der Besuche kann man sich ein Bild über die Qualität der Versorgung verschaffen und sich dabei aktiv um die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Pflegeinrichtung bemühen. In Gesprächen mit dem Pflegedienst sollte das Anliegen der guten Betreuung für den Angehörigen und die eigene Mithilfe dazu glaubwürdig herüberkommen. So kann man den Pflegedienst je nach Situation unterstützen, indem man zum Beispiel anwesend ist bei Mahlzeiten oder mit dem Angehörigen spazieren geht. Eine Möglichkeit kann ebenfalls sein, sich für den Heimbeirat aufstellen zu lassen und auf diesem Weg die Arbeit im Heim zu fördern. Auf jeden Fall ist es besser, die Pflege im Heim zu begleiten und zu unterstützen als widerwillig und völlig überfordert zu Hause zu pflegen. Bei Unentschlossenheit oder während des Wartens auf einen Heimplatz kann man die Pflege auch erst einmal zu Hause versuchen. Dann kann sich zeigen, ob die Bedingungen dafür doch gegeben sind und die Aufgabe schaffbar ist. Eine Umstellung auf vollstationäre Pflege ist auch später noch möglich, sollte sich zeigen, dass es zu Hause wirklich nicht geht. Aber der Wille zum Versuch wurde unternommen.
Unsere Angehörigen selbst zu pflegen, zu unterstützen und zu begleiten ist ein gutes Zeugnis für Christen vor der Welt. Der Verzicht auf ein Leben, das nur an die eigenen Bedürfnisse denkt und bestrebt ist, nur diese zu erfüllen, steht im Kontrast zu einem Leben, das im Dienst für Gott und seine Anliegen steht. Wenn wir durch unseren Dienst am Angehörigen auch Gott Ehre machen wollen, wird er uns dafür segnen. Und was ist größer als das?
Auch, wer aktuell keine pflegebedürftigen Angehörigen hat, steht in der Pflicht, Fürsorge zu üben. Gottes Wort lehrt uns mitleidig, brüderlich, barmherzig und gütig zu sein (1. Petrus 3,8) statt gefühllos und unnachgiebig. Wir sollen einander Lasten tragen und Gutes tun. Dabei liegt die Priorität darauf, dies bei Glaubensgeschwistern zu tun (Galater 6,10).
Wer seine Angehörigen pflegt, ist nicht nur für Gebet dankbar, sondern auch für ganz konkrete praktische Unterstützung! Das Besuchen des Gottesdienstes, die Gemeinschaft mit Freunden oder das Ausgehen mit dem Ehepartner sind wichtig, um Kraft zu tanken, aber oft nur realisierbar, wenn jemand anderes für die Betreuung des Pflegebedürftigen einspringt.

Nützliche Hilfen für die Bewältigung einer Pflegesituation

Wenn Pflegebedürftigkeit eintritt, sind viele bürokratische Hindernisse zu überwinden. Überforderung kann schnell eintreten, weil oft nicht bekannt ist, an wen man sich wenden, wer helfen kann und wer zuständig ist. Hier finden sich einige Aspekte und Quellen zur Orientierung:
Pflegegrad: Um überhaupt Leistungen bei der Pflegekasse beantragen zu können, muss vorher eine Einstufung in einen Pflegegrad erfolgen. Dazu ist ein Antrag bei der Pflegekasse zu stellen, die bei der Krankenkasse angegliedert ist.
Pflegestützpunkt: Das ist eine unabhängige, örtliche Auskunfts- und Beratungsstelle für Menschen mit Pflegebedarf beziehungsweise deren Angehörige. Es gibt lokale Sprechstunden und telefonische Beratung.
Pflegehilfsmittel oder Wohnfeldverbessernde
Maßnahmen: Informationen darüber können auf der Homepage der Krankenkassen
eingesehen werden. Ambulante Pflegedienste geben auch gerne Auskünfte
dazu.
Fachliche Beratung, Pflegetipps und Hilfen bei bürokratischen Fragen können über zahlreiche Plattformen im Internet abgerufen werden. Eine Auswahl davon findet sich in der untenstehenden Liste:
www.pflege.de
www.pflegeberatung.de
www.verbraucherzentrale.de
Allgemeines Pflegewissen für pflegende Angehörige und Tipps für die Pflege von Angehörigen zu Hause mit praktischen Anleitungen

www.aok.de
Pflegewissen; Informationen zur finanziellen Unterstützung von pflegenden Angehörigen

www.bundesgesundheitsministerium.de
Informationen zu Pflegegeld, Sachleistungen, Verhinderungs- und Kurzzeitpflege

www.barrierefrei-leben.de
Informationen über Hilfsmittel, Wohnraumanpassung, Bauberatung für Barrierefreiheit

www.pflegelotse.de
www.zqp.de
Plattformen zur Suche von Pflegeangeboten

www.deutsche-alzheimer.de
Professionelle Beratung im Fall einer Demenzerkrankung

www.angehoerige-pflegen.de
Online-Kurse für praxisnahes Wissen rund um die Pflege eines Angehörigen im häuslichen Umfeld (kostenfrei)

www.deutsche-rentenversicherung.de
Informationen zu Rentenansprüchen für pflegende Angehörige

Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige

Der pflegende Angehörige braucht Entlastung und Erholung. Er ist sieben Tage in der Woche für den Pflegebedürftigen verantwortlich, manchmal sogar aktiv in der Nacht. Wenn keiner mithelfen würde, würde das unweigerlich schnell zur Überforderung führen. Insbesondere die Versorgung von schwer erkrankten Menschen muss von mehreren Helfern bewältigt werden.
Im Folgenden nenne ich einige Hinweise, an welche Entlastungen man denken darf:
Als von der Pflegekasse getragene Entlastungsangebote sind für Berufstätige die vollzeitige oder teilzeitige Freistellung für die Pflegezeit von bis zu sechs Monaten unbezahlt möglich. Für diese Zeit kann man ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragen, welches in Raten ausgezahlt wird. Bei einem akuten Pflegefall können bis zu zehn Tage Freistellung in Anspruch genommen werden. Es kann Pflegeunterstützungsgeld beantragt werden, um die Verdienstausfälle zu kompensieren. Pflegende Angehörige brauchen Auszeiten, mal für kurze Dauer wegen eines Termins, mal für längere Zeit wegen einer Krankheit oder um in den Urlaub zu fahren. Dann greift die sogenannte Verhinderungspflege, mit der sich Hauptpflegepersonen vertreten lassen können. Es ist sehr wichtig, Zeiten der Erholung zu planen. Man sollte keine falsche Scheu oder falschen Stolz haben, sich vertreten zu lassen. Gott möchte, dass wir zur Ruhe kommen (Matthäus 11,28–30) und ihm vertrauen, dass er weiß, was wir an Aufgaben tragen können, und dass er dabei hilft (Psalm 68,20). Vertretung darf und soll ohne Weiteres aktiv geplant werden. Dafür kann zum Beispiel auch die Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden, also die kurzzeitige Unterbringung in einem Pflegeheim. Allerdings sind die Wartelisten für einen Platz manchmal recht lang. Man sollte frühzeitig danach suchen. Im Alltag sind kleinere, aber regelmäßige und verlässliche Ruhepausen und Freiräume hilfreich. Angebotene Hilfe sollte auf jeden Fall ohne Zurückhaltung angenommen werden. Genauso ist es richtig, selbst um Hilfe zu bitten. Die vorhandenen Hilfsmittel sollten genutzt werden, um die eigene Gesundheit zu erhalten. Der ambulante Pflegedienst berät gerne, welche Materialien geeignet sein könnten.

Meine persönliche Erfahrung mit Pflege in der Familie – ein Prozess

Im letzten Jahr wurde meine 93-jährige Mutter aufgrund eines Sturzes und eines kurz darauf erlittenen Schlaganfalles von einem Tag auf den anderen pflege- und unterstützungsbedürftig. Vorher war sie selbstständig und konnte ihren Alltag allein bestellen. Ich lebe mit meinem Mann 500 km von ihrem Wohnort entfernt. Im Krankenhaus wurden wir drei Geschwister vom Sozialdienst ziemlich schnell damit konfrontiert, einen Heimplatz für die Mutter zu suchen. Da es erfahrungsgemäß länger dauern würde, einen solchen zu bekommen, würde man sie für die Übergangszeit auf irgendeinen nächst freiwerdenden Kurzzeitpflegeplatz verlegen. Gefühle der Hilflosigkeit, Überforderung und Zurückhaltung zu einem jeweils eigenen Standpunkt kamen bei meinen Geschwistern auf.
Leider hatte sich unsere Mutter nie dazu geäußert, wie sie sich eine Unterstützung im Fall einer Pflegebedürftigkeit vorstellt. Das erschwerte für uns die Entscheidung. Sie lebte allein in ihrem Haus und pflegte auch ihren Garten.
Nun musste ich als Tochter selbst erst einmal lernen, die neue Situation anzunehmen, aber doch gleichzeitig nach einer Lösung suchen, die ich verantworten konnte. Keiner von uns Geschwistern äußerte am Anfang den Gedanken, die Mutter bei sich aufzunehmen. Was mich betraf, deshalb nicht, weil ich nicht damit rechnete, dass meine Mutter von Bayern zu uns nach Baden-Württemberg ziehen würde. Mein Mann und ich hatten sie immer wieder in ihrer Heimat besucht, aber zu uns ist sie nie gekommen.
Schließlich teilten wir unter uns notgedrungen einige Adressen von Pflegeheimen auf, um nachzufragen, ob und wann ein Platz frei sein würde. Die Antworten waren erwartungsgemäß negativ: lange Wartelisten.
Aber ich persönlich konnte mir im Unterschied zu meinen Geschwistern nach wie vor keine Heimunterbringung für unsere Mutter vorstellen. Ich weiß ja, wie wenig Zeit in den Pflegeeinrichtungen ist, um sich um den Einzelnen so zu kümmern, wie es notwendig wäre und wie die Anpassung der Bewohner an die Institution mehr oder weniger erwartet wird. Es ist bekannt, wie einsam die Bewohner trotz vieler Menschen um sie herum dort sein können. Darum begann ich der Möglichkeit nachzugehen, selbst eine Pflegekraft anzustellen, und zwar deshalb, weil ich immer noch annahm, dass es meine Mutter bevorzugen würde, in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung zu bleiben. Ich fand eine wohnortnahe Vermittlungsagentur für Betreuungskräfte und nahm Kontakt auf, der sich als durchaus kompetent und vertrauenswürdig erwies. Die häuslichen Rahmenbedingungen für eine Betreuungskraft hätten wir erfüllen können.
In der gesamten Behandlungszeit im Krankenhaus war es für meine Mutter nicht leicht, ihre hilflose Situation anzunehmen und zu verarbeiten, obwohl sie immer eine realistische Sicht zu ihrem hohen Alter und keine überzogenen Erwartungen an ihren Gesundheitszustand gehabt hatte. Zwar trat nach einigen Wochen in der Reha-Klinik eine gewisse Besserung ihres Zustandes ein, aber klar war, dass sie sich nicht mehr alleine versorgen können würde und nun Unterstützung bei vielen alltäglichen Verrichtungen benötigen würde. Außerdem war die Sturzgefahr sehr hoch und sie brauchte Hilfe bei der Mobilität. Noch saß sie überwiegend im Rollstuhl.
Ich begann behutsam, gleichzeitig offen, mit meiner Mutter über ihre Situation und das Wie nach ihrer Entlassung zu sprechen. Ich musste sie ein Stück weit damit konfrontieren, weil sie ihre Situation eigentlich verdrängte. Es war mir wichtig, dass sie mitentscheidet. Eine Betreuungskraft im eigenen Haushalt zu haben, lehnte sie jedoch sofort ab mit der Begründung, keine fremden Leute im Haus haben zu wollen. So schied diese Form der Versorgung aus.
Mir tat meine Mutter sehr leid, als ich sie so hilflos im Rollstuhl sitzend sah. Jedes Mal, wenn ich sie in der Reha-Klinik besuchte, weinte sie beim Abschied. Das war dann genug Anlass für mich, meinen Mann zu fragen, ob er einverstanden wäre, wenn ich meine Mutter fragen würde, ob sie bei uns einziehen wolle. Ich hielt es für richtig, ihr diese Möglichkeit vorzuschlagen und ihr damit die Wahl anzubieten. So war ich erleichtert, dass mein Mann dieses Anliegen unterstützte. Ohne seine Zustimmung hätte ich es nicht durchgesetzt. Meine Mutter sagte sofort zu, dass sie zu uns kommen wolle! Wie dann alles werden würde, konnte ich mir im Einzelnen noch nicht vorstellen. Aber im Vertrauen auf unseren Gott und Herrn wollten wir diesen Weg Schritt für Schritt, Tag für Tag gehen. Am Anfang war es für uns alle eine große Umstellung, die wir aber im Rückblick auf das inzwischen hinter uns liegende dreiviertel Jahr mit Gottes Hilfe meistern durften. Für mich als ehemals gelernte Krankenschwester war fachlich sicher einiges einfacher als für einen Laien. Trotzdem musste auch ich mich durch den „Dschungel“ der Bürokratie durcharbeiten und in die Umstellung für uns und die tägliche Versorgung einer pflegebedürftigen Person hineinwachsen.
Nach der Bewältigung der Bürokratie, der Anpassung unserer Wohnsituation, der Organisation der Hilfsmittel und der immer noch stattfindenden Therapietermine spielte sich der Alltag für uns immer mehr ein. Inzwischen ist meine Mutter wieder um einiges selbstständiger geworden und braucht meine Unterstützung nicht mehr ganz so viel. Sie wurde uns mit Rollstuhl gebracht. Inzwischen geht sie mit Begleitung am Rollator. Das war nicht absehbar und wir alle freuen uns darüber. Natürlich bin ich nach wie vor zeitlich gebunden und ohne Pflegevertretung können mein Mann und ich nicht länger als einen guten halben Tag abwesend sein. Es fehlt uns auch noch etwas an entsprechender Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld. Doch der Herr weiß darum und auch, dass wir Erholung brauchen. Inzwischen haben wir für den kommenden Herbst zwölf Tage Urlaub geplant. In dieser Zeit werden mein Bruder und meine Schwägerin im Haus bei uns wohnen und sich kümmern.
Seit wir meine Mutter bei uns aufgenommen haben, hat sich natürlich auch für meinen Mann und mich manches geändert. Zum Beispiel ist sie bei allen Mahlzeiten anwesend. Das führt dazu, dass mein Mann und ich uns währenddessen nicht über jedes Thema austauschen wollen. Persönliche Dinge, die nur uns zwei betreffen, verschieben wir dann auf Momente, wenn wir zu zweit sind. Solche Zeiten müssen wir nun bewusster planen als vorher. Seit kurzem besucht meine Mutter an einem Tag in der Woche die Tagespflege. Dieser Tag gehört dann meinem Mann und mir. Das schenkt uns beiden Entspannung, die wir bewusst genießen. In den ersten Monaten konnten wir nicht gemeinsam zum Gottesdienst gehen. Inzwischen ist es aber wieder möglich. Natürlich hätte ich mehr zeitliche Freiheiten, wenn meine Mutter nicht hier wäre. So könnte ich ausschlafen, wenn ich das wollte, denn ich bin ja nicht mehr berufstätig. Nun aber stehe ich jeden Tag zur gleichen Zeit auf, um das Frühstück zuzubereiten und meiner Mutter behilflich zu sein. Das ist ein gewisses Opfer, aber ich dachte auch manchmal: Wie oft ist meine Mutter für mich aufgestanden, als ich klein war? Mein Mann und ich könnten auch jetzt, da wir beide nicht mehr im Berufsleben stehen, öfter länger wegfahren. Das geht unter den aktuellen Umständen nicht mehr so einfach. Ich möchte aber gerne aus Liebe zu meinem Gott und zu meiner Mutter diese Einschränkungen annehmen und dankbar sein.
Dankbar bin ich auch dafür, dass mein Mann die ganze Situation mitträgt und mitunterstützt. Ohne ihn ginge es nicht so einfach.
Außerdem mussten wir einige Änderungen an unserem Zuhause vornehmen, um es für meine pflegebedürftige Mutter herzurichten. Da wir Mieter eines Hauses sind, mussten wir zuerst beim Vermieter erfragen, ob wir meine Mutter bei uns mitwohnen lassen dürften. Seine Antwort war, dass es sich ja um einen Angehörigen handele und es daher in Ordnung sei. Einen Treppenlift hatten wir bereits. Dafür bekamen wir natürlich keinen Zuschuss mehr. Bei vorhandenem Pflegegrad kann sonst bei der Pflegekasse ein Antrag für wohnfeldverbessernde Maßnahmen (bauliche Veränderungen und technische Hilfen) gestellt werden. Bis zu 4000 € können gewährt werden. Wichtig ist, dass man immer vor einer Maßnahme den Antrag stellt. Wir räumten für meine Mutter ein Zimmer frei, das uns bisher als Büro mit Gästebett diente. Ein anderes großes Zimmer wurde nun dafür mit diesem Inventar bestückt. Dieses ist nun voller und die Möbel mussten enger gestellt werden. Seitdem sind wir räumlich etwas eingeschränkter, aber wir haben noch genug Platz für uns und wollen damit zufrieden sein. Wenn wir Übernachtungsgäste haben, dann verzichten wir in dieser Zeit auf die Nutzung dieses großen Zimmers. Mein Mann installierte Handläufe und Bewegungslichter im Flur, damit die Gangsicherheit für meine Mutter unterstützt wird. Im Badezimmer auf der gleichen Wohnebene befindet sich nun über der Badewanne ein drehbarer Duschsitz mit Rückenlehne und Haltegriffe an der Toilette, die bereits an der Sitzerhöhung integriert waren. Wir haben den Vorteil, dass wir zwei Badezimmer haben, so dass eines für meinen Mann und mich allein bleibt.
Alle diese Hilfsmittel, sowie Rollstuhl (den wir nicht mehr benötigen), Rollator und Pflegebett organisierten wir zeitnah vor der Entlassung mit dem Sozialdienst der Reha-Klinik. Ich möchte noch erwähnen, dass die Lieferung dieser Hilfsmittel äußerst knapp vor der Entlassung aus der Reha-Klinik geschah, wirklich gerade noch rechtzeitig. Die Kosten für die Hilfsmittel übernahm die Pflegekasse. Bei manchen mussten wir eine kleinere Zuzahlung leisten. Das Zimmer für meine Mutter richteten wir mit einigen ihrer persönlichen Dinge ein. Darüber freute sie sich und sie fühlt sich wohl darin.
Wir erleben trotz mancher nicht einfacher Tage immer wieder die Hilfe Gottes. Wir erleben auch, wie gut sich eine Umgebung der Geborgenheit und Zuwendung auf das Befinden eines pflegebedürftigen Menschen auswirkt. Gott hat geschenkt, dass sie sich erholen und wieder mehr Selbstständigkeit und damit mehr Freiheit zurückgewinnen durfte. Für meine Mutter wurde seit einem Dreivierteljahr alles neu, sie kannte nur mich und meinen Mann. Das Gefühl von Fremdheit erlebt sie besonders in der Tagespflege. Erschwerend kommt hinzu, dass sie die Leute dort aufgrund ihrer Schwerhörigkeit und auch aufgrund des anderen Dialektes sehr schlecht versteht. Ich bekomme bei dieser und auch bei anderen Situationen deutlich mit, was es an Anstrengung und Belastung bedeuten kann, im hohen Alter mit neuen Erfahrungen umgehen zu müssen. Im Rückblick kann sich meine Mutter nicht mehr gut daran erinnern, wie ich versucht habe, mit ihr über die Entscheidung bezüglich ihrer Versorgung zu sprechen. Sie ist sehr dankbar dafür, dass sie bei uns sein kann. Inzwischen hilft sie sogar nach ihren Fähigkeiten im Haushalt etwas mit.
Das geistliche Leben liegt uns besonders am Herzen. Mein Mann und ich wünschen uns – und dafür beten wir –, dass unsere Mutter zum lebendigen Glauben an Jesus kommt. Die Liebe Gottes zu uns und sein Gebot, die Eltern zu ehren, motivieren uns, für sie da zu sein. Es ist die praktische Umsetzung des Doppelgebotes Jesu für uns. Und solange wir die Kraft vom Herrn dazu bekommen, solange wollen wir diesen Dienst gerne und zur Ehre Gottes tun.


Kein Weg zurück! - Die deutsche Empfehlung zur Behandlung von Jugendlichen mit Geschlechtsunzufriedenheit

Immer mehr Kinder und Jugendliche hadern mit ihrer Geschlechtlichkeit. Die Zahl der Neubetroffenen steigt rasant an. Zugleich fällt auf, dass, im Gegensatz zu früher, inzwischen insbesondere pubertäre Mädchen betroffen sind. Viele Betroffene weisen bemerkenswerterweise psychische (beispielsweise Depressionen oder Angststörungen) oder neurokognitive Begleiterkrankungen (Autismus-Spektrum-Störung) auf. Einige wollen dem Wunsch, beziehungsweise der Spannung, unter der sie leiden, so dringend Ausdruck verleihen, dass sie tatsächlich hormonelle oder operative Maßnahmen in Betracht ziehen. Die Frage nach den Ursachen scheidet die Geister. Einer der Gründe liegt in der medialen Präsenz durch die sozialen Medien, welche die Transidentität als Ausweg aus dem empfundenen Leid, der Einsamkeit und dem Ausgeschlossensein anbietet. Dies führt wiederum zur sozialen Ansteckung (ähnlich dem Werther-Effekt).
Neben der Problemanalyse besteht die Frage darin, wie den Kindern und Jugendlichen mit einer Geschlechtsidentitätsstörung geholfen werden kann. Eine Antwort formuliert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) mit der neuen S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“. Auf die Veröffentlichung ihres Entwurfs Anfang 2024 folgte eine angeregte, öffentliche Debatte über den Sinn und Nutzen einiger der angedachten Empfehlungen, welche vor allem durch den einige Wochen zuvor final veröffentlichten „Cass Review“ befeuert wurde. In Großbritannien führten die Erkenntnisse aus dem „Cass Review“ dazu, dass das dortige staatliche Gesundheitssystem (National Health Service, NHS) die zum „Gegengeschlecht“ hin bestätigenden Behandlungen deutlich beschränkte. Im Gegensatz dazu steht die neue S2k-Leitlinie unter Verdacht, die Abkehr vom biologischen Geschlecht hin zum „Wunschgeschlecht“ zu befürworten und zu fördern.
Eine Leitlinie ist ein Paket an Handlungsanweisungen, das die medizinische Entscheidungsfindung unterstützen soll. Sie hat über den Empfehlungscharakter hinaus eine gewisse bindende Kraft. Leitlinien sind ein essenzieller Bestandteil der sogenannten evidenzbasierten Medizin. Die Empfehlungen einer Leitlinie können zum Beispiel durch Studien oder Expertenmeinungen begründet werden. Idealerweise gibt es viele hochwertige Studien zu einem Thema. Das Gute an Studien ist, dass sie in gewisser Weise, auch wenn ihre Ergebnisse natürlich ebenfalls gedeutet werden müssen, relativierend auf die Meinung von Experten wirken können. Doch für manche Themen gibt es keine oder nur wenige Studien. Bei unserem Themenfeld ist es kompliziert, weil es zwar Studien gibt, diese aber häufig von niedriger Qualität sind. Wenn es an Studien mangelt, muss man sich vor allem auf Experten verlassen, die einem den Weg weisen. Eine konsensbasierte Leitlinie, also eine, deren Empfehlungen von Experten gemeinsam festgelegt wurden, ohne eine systematische Recherche und Analyse der vorliegenden Literatur (wie im Falle der uns interessierenden Leitlinie), ist in dem Sinne anfälliger für Einflüsse durch die persönlichen Meinungen der Experten. Diese schließen auch die Weltsicht und das Interesse der Experten ein.

Wegweisende deutsche Gesetzgebung

Zum einen muss man die Leitlinienentstehung zur Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen im Lichte der rechtlichen Gegebenheiten sehen. In Deutschland gilt das „Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung vor nicht notwendigen Behandlungen (KonvBehSchG)“. Gemäß § 1 Absatz 1 KonvBehSchG heißt es: „Dieses Gesetz gilt für alle am Menschen durchgeführten Behandlungen, die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind (Konversionsbehandlung).“
Als Konversionsbehandlung gelten jedoch nach Absatz 3 nicht „operative(n) medizinische(n) Eingriffe(n) oder Hormonbehandlungen, die darauf gerichtet sind, die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person zum Ausdruck zu bringen oder dem Wunsch einer Person nach einem eher männlichen oder eher weiblichen körperlichen Erscheinungsbild zu entsprechen.“ Das heißt, dass der Gesetzgeber zwischen zwei Arten von Konversionen (also „Umwandlungen“) unterscheidet: Zum einen Umwandlungen, die den Körper verändern und zum anderen Umwandlungen, die das Denken verändern. Nach § 2 Absatz 1 ist es jedoch „untersagt, eine Konversionsbehandlung an einer Person durchzuführen, die unter 18 Jahre alt ist“, also beispielsweise an Kindern und Jugendlichen, deren „selbstempfundene geschlechtliche Identität“ nicht mit ihrem Körper in irgendeiner Art und Weise übereinstimmt.
Das Denken dieser Person
darf nicht geändert werden, der Körper hingegen schon,
weil damit – gemäß § 1 Absatz 3 – „die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person zum Ausdruck [gebracht] oder dem Wunsch einer Person nach einem eher männlichen oder eher weiblichen körperlichen Erscheinungsbild” entsprochen werde. Durch dieses Gesetz wurde schon eine gewisse Zielrichtung der Behandlungsmöglichkeiten vorgegeben, weil die Behandlung mit der persönlichen Wahrnehmung des Individuums mitgehen müsse und sich ihrer nicht korrigierend entgegenstellen dürfe.
Außerdem steht es in einer Reihe mit dem 2024 in Kraft getretenen Gesetz über die… Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG), welches gemäß § 1 Absatz 1 das Ziel hat, „1. die personenstandsrechtliche Geschlechtszuordnung und die Vornamenswahl von der Einschätzung dritter Personen zu lösen und die Selbstbestimmung der betroffenen Person zu stärken“. § 1 Absatz 2 betont zwar, dass medizinische „Maßnahmen (…) in diesem Gesetz nicht geregelt“ werden würden, jedoch zeigt die aktuelle Gesetzgebung die zeitgeistliche Windrichtung auf, in der die Leitlinienerstellung vollzogen wurde: Der Wille des Geistes hat Vorrang vor der natürlichen Konstitution des Körpers.

Deutschland auf Alternativkurs?

Im März 2024 wurde der Leitlinien-Entwurf öffentlich vorgestellt. Geplant war die Verabschiedung für den Juni 2024. Doch sie verzögerte sich noch ein ganzes Jahr. Das lag daran, dass während der letzten Monate der Fertigstellung und vor allem seit der Veröffentlichung des „Cass Reviews“ Kritik an den intendierten Empfehlungen aufkam. Der „Cass Review“ machte auf die schlechte Datenlage zur Geschlechtsdysphorie aufmerksam.
Den Empfehlungen des „Cass Review“ folgend entschied sich die NHS in England, deutlich restriktiver an den Einsatz von „Pubertätsblockern“ und „Geschlechtsangleichenden Hormonen“ (Cross-Sex-Hormones, CSH) heranzugehen. International sorgte der „Cass Review“ für eine kontroverse Debatte zum Status quo, der sich bis dato zuvorderst an den Empfehlungen der World Professional Association for Transgender Health orientiert hatte.
Diese Entwicklungen konnten auchin Deutschland nicht ignoriert werden und die Anerkennung der mangelhaften Datenbasis führte dazu, dass die am 16.12.2020 als S3-Stufe angemeldete Leitlinie auf S2k herabgestuft wurde. „S3“ hätte bedeutet, dass die Leitlinie mindestens die Hälfte ihrer Empfehlungen evidenzbasiert, das heißt mit Studien, hätte begründen müssen. Dieser hohe Standard konnte nicht gewährleistet werden. „S2k“ bedeutet, dass lediglich eine mehrheitliche Übereinstimmung von Experten für die Empfehlungen nötig ist.

Gesunde Jugendliche unumkehrbar behandeln?

Im Leitlinienreport erklären die Autoren der Leitlinie Folgendes:
„Darin (in der Leitlinienüberarbeitung, Anmerkung des Autors) sollte sich der mit der ICD-11 vollziehende Paradigmenwechsel zur Entpsychopathologisierung (Hervorhebung des Autors) nonkonformer Geschlechtsidentitäten (…)[ausdrücken]“.
Das entscheidende Stichwort ist die Entpsychopathologisierung. Durch sie werden die entscheidenden Wendungen der ICD-11, der internationalen Klassifikation von Krankheiten, gestellt. Gemäß der ICD-11 soll „Geschlechtsinkongruenz“ (GI), das Nicht-Übereinstimmen von biologischem Geschlecht und psychischer Geschlechtswahrnehmung, nicht mehr als psychische Störung gewertet werden, sondern nur noch als „mit der sexuellen Gesundheit zusammenhängende Umstände.“ Auch das DSM 5, das amerikanische psychiatrische Klassifikationssystem, vollzieht einen Wandel und will nun unter einer Geschlechtsdysphorie (GD) ein anhaltendes Leiden infolge einer GI mit Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit verstehen.
Nach der neuen Konzeption ist eine GI per se also keine psychische Erkrankung mehr. Allein die GD als subjektives Leiden an einer GI ist krankheitswertig, obgleich sie natürlich immer noch keine Krankheit sein soll.
Übersetzt heißt das, dass ein Mensch „gesunderweise“ davon überzeugt sein kann, dass sein „eigentliches“ Geschlecht nicht mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmt.
Dieser Denkweise folgend können dann Maßnahmen, die den Körper hormonell oder operativ modifizieren, sinnvoll sein, weil sie dabei helfen würden, die Biologie an die „Realität“ anzugleichen – so die neue Sicht.
Da aber nur eine Krankheit invasiv mit Hormonen und Operationen behandelt werden darf, ist, wenn man dem eben genannten Ansatz folgen will, die Einführung einer „Krankheit“ nötig, die sich dann in einer GD, also einer GI plus Leidensdruck, zeigen soll.

Pubertätsblocker – nur ein Pausenknopf?

Ein probates Mittel zur Behandlung einer GD seien Pubertätsblocker. In der Leitlinie heißt es dazu:
„Die grundlegende Zielführung dahinter ist, den Hauptstressor des geschlechtsdysphorischen Leidensdruckes, also die fortschreitende Maskulinisierung bzw. Feminisierung des körperlichen Erscheinungsbildes, abzumildern. (…) Ein Ziel einer zeitlich begrenzten Pubertätsunterdrückung ist bei Jugendlichen häufig das Gewinnen von Zeit für einen geistigen Reife- und Reflexionsprozess, bevor eine Entscheidung für eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung getroffen werden kann (…).“
Des Weiteren werden Pubertätsblocker als „emotionale Entlastung“ angesehen, die Angst und Depressionen verbessern sollen. Einige gehen sogar so weit, davon zu sprechen, Leben zu retten, weil die Selbstmordrate gesenkt werden würde. Diese Leitlinienempfehlungen wollen wir im Folgenden untersuchen.
1. Unbeständigkeit des Transwunsches
Pubertätsblocker sollen der Leitlinie gemäß nur bei „persistierender“ GI/GD angewendet werden. Das Problem ist, dass offenbleibt, über welchen Zeitraum eine GI/GD anhalten muss, um als solche eingeschätzt zu werden. Sechs Monate? Zwölf Monate? Die Autoren gestehen selbst ein, dass sie sich an dieser Stelle nicht festlegen können.
Der Zeitfaktor ist dabei nur eine Schwäche der Diagnose. Eine weitere ist das Phänomen der „Geschlechtsunzufriedenheit“. Entscheidend für die Anerkennung dieses Phänomens durch die Leitlinienautoren war eine Studie von Rawee et al. (2024), die 2 700 Studienteilnehmer untersucht hat. Sie fanden heraus, dass eine „Geschlechtsunzufriedenheit“ (englisch gender non-contentedness) am häufigsten im Alter von elf Jahren auftritt. Die Häufigkeit nimmt dann im Verlauf des Alters ab. Sollte jemand eine Geschlechtsunzufriedenheit entwickelt haben, kann er drei verschiedene Verläufe nehmen.
1. Die Mehrheit (78 % der Stichprobe) hatte mit zunehmendem Alter keine weitere Geschlechtsunzufriedenheit
2. Die Geschlechtsunzufriedenheit nahm in der Jugendzeit ab – jedoch nicht mehr im Erwachsenenalter.
3. Bei einem sehr kleinen Teil (2 % der Stichprobe) nahm die Geschlechtsunzufriedenheit zu.
Das heißt, nur circa 2 % der untersuchten Kohorte zeigten in dieser Studie eine im Erwachsenenalter noch vorhandene beziehungsweise gesteigerte Geschlechtsunzufriedenheit und 98 % der untersuchten Kohorte zeigten diese Symptomatik im Erwachsenenalter nicht mehr. Die Autoren schlussfolgerten: „Genderinkongruenz, obwohl sie in der frühen Adoleszenz relativ häufig vorkommt, nimmt im Allgemeinen mit dem Alter ab und scheint mit einem schlechteren Selbstbild und einer schlechteren psychischen Gesundheit im Verlauf der Entwicklung verbunden zu sein.“ Diese Ergebnisse waren so überzeugend, dass die Leitlinienverfasser nicht umhin kamen, den Begriff, nachdem er im veröffentlichten Entwurf noch nicht enthalten war, in die Leitlinie mitaufzunehmen und diese Geschlechtsunzufriedenheit von einer „stabilen/persistierenden“ Ge­schlechts­- inkongruenz abzugrenzen.
Letztere komme „deutlich [seltener]“ vor und stelle nur „eine[n] kleinen Bruchteil der berichteten Häufigkeiten von Genderunzufriedenheit“ dar. Aber eben nur dieser Bruchteil der Geschlechtsunzufriedenen solle gegebenenfalls hormonell oder operativ behandelt werden. Problematisch sei nur, dass eine Geschlechtsunzufriedenheit sich mit einer „geschlechtsdysphorie-ähnliche[n] Symptomatik“ äußern könne. Hilfreiche Werkzeuge, wie Geschlechtsunzufriedenheit von einer vorübergehenden GD oder gar einer bleibenden GD abzugrenzen ist, sucht man in der Leitlinie jedoch vergeblich.
Dann gestehen die Leitlinienautoren außerdem ein, dass auch noch sichergestellt werden müsse, dass die Geschlechtsunzufriedenheit nicht von einer anderen Erkrankung (beispielsweise psychischer Genese) mitbedingt werde. Auch hier sucht man vergeblich nach hilfreichen Unterscheidungskriterien.
Doch selbst wenn die Unterscheidung zwischen einer Geschlechtsunzufriedenheit und einer Geschlechtsdysphorie getroffen werden könnte, kann die GD selbst nur vorübergehend sein. Auch hier muss die Leitlinie einräumen, dass „empirisch validierte Einzelkriterien für die Feststellung einer dauerhaften Stabilität/Persistenz der Genderinkongruenz beziehungsweise Genderdysphorie nach der von uns gesichteten Studienlage nicht vorliegen.“
Es liegt also am einzelnen Therapeuten, die Diagnose „persistierende GD“ zu stellen, und damit einhergehend die Transbehandlung unter anderem mit Pubertätsblockern zu beginnen. Da die Leitlinie keine Grenzen zieht oder ziehen kann, kann ein Therapeut potentiell frei handhaben, welche Therapie er einem Patienten mit möglicherweise persistierender GI/GD angedeihen lässt.
Obwohl eine Leitlinie eigentlich „Leitplanken“ für die klinische Praxis bieten sollte, scheinen diese hier so weit auseinander zu liegen, dass großspurig Entscheidungen für hormonelle oder operative Therapieverfahren getroffen werden können. In Anbetracht des weltanschaulichen Drucks in Richtung einer transaffirmativen Behandlung wird die GD wohl nur selten kritisch hinterfragt werden. Zumal bekannt ist, dass Kliniker lieber etwas tun, als nichts zu tun. Dieses Phänomen wird „action bias“ genannt – zu Deutsch: Handlungstendenz. Es ist die Tendenz, lieber „aktiv zu werden, auch wenn Abwarten beziehungsweise Nicht-Handeln eine gleichwertige oder bessere Alternative darstellen würde. Zudem tritt der action bias – im Gegensatz zum Unterlassungsfehler – in eher als unklar empfundenen Entscheidungssituationen auf.“ Die Leitlinienautoren eröffnen für diese Handlungstendenz einen weiten Raum.
2. Evidenzmangel der Transbehandlung
Problematisch ist auch die angenommene Wirksamkeit der Pubertätsblocker. Es gibt zwar Studien, die die Wirksamkeit der Pubertätsblocker untersuchen, doch wenn man diese systematisch zusammenfasst und analysiert, gerade wie es der „Cass Review“ oder Zepf et al. getan haben, fällt auf, dass der Großteil der Studien von sehr schlechter Qualität ist und nur sehr kärgliche Evidenz liefert. Das liegt zum einen daran, dass nicht mit einbezogen wird, wie sich diejenigen, die Pubertätsblocker einnehmen, auf lange Sicht entwickeln (keine „Follow-Up“-Daten). Zum anderen sind viele der Studien, die der Pubertätsblockade vermeintlich positive Wirkungen beziehungsweise wenig Nebenwirkungen bescheinigen, mit einer ganz anderen Zusammensetzung ihrer Untersuchungsgruppen (Population) beschäftigt. Nämlich mit denjenigen, die noch vor wenigen Jahren hauptsächlich eine GD entwickelt haben, nämlich junge, vor-pubertäre Jungen. Doch inzwischen haben wir es größtenteils mit pubertierenden Mädchen zu tun. Diese beiden Gruppen kann man nicht ohne weiteres zusammen betrachten und annehmen, dass beide Gruppen ähnlich auf dieselben Medikamente reagieren. Der „Cass Review“ kommt sogar zu folgendem Urteil:
„Die Rationale für eine frühzeitige Pubertätsunterdrückung bleibt unklar, da es nur schwache Evidenz bezüglich der Auswirkungen auf Geschlechtsdysphorie, psychische oder psychosoziale Gesundheit gibt. Die Auswirkungen auf die kognitive und psychosexuelle Entwicklung sind unbekannt.“
Dieses Problem ist eng verbunden mit dem nächsten Punkt.
3. Schädlichkeit der Transbehandlung
Die Leitlinienautoren führen selbst an, dass die Pubertätsblocker schwerwiegende Nebenwirkungen haben könnten. Sie schreiben: „Erfolgt eine Pubertätssuppression mittels GNRH-Analoga in einem frühen Pubertätsstadium, ist im Falle einer sich später nahtlos anschließenden geschlechtsangleichenden Hormonbehandlung meist eine dauerhafte Infertilität aufgrund ausbleibender Ausreifung der Gonaden und des Reproduktionstrakts die Folge, wobei die Oozygoten-/Spermatogonienreserve erhalten bleibt.“
Zudem haben die Medikamente Auswirkungen auf den Knochenstoffwechsel (Osteoporose-Entwicklung) und eine Untersuchung weist darauf hin, dass Hodenzellen bei Minderjährigen dauerhaft geschädigt werden könnten.
Trotzdem empfinden die Leitlinienautoren grundsätzlich die Pubertätsblocker als probate Mittel, um für Betroffene „Zeit zu gewinnen“, da es nicht nur positive Auswirkungen auf die Psyche der Kinder habe, sondern die Effekte auch reversibel seien, so als könne man die Pubertätsreifung kurz aus- und später wieder anschalten. Wäre der Nutzen nicht das Risiko wert? Ihre Ansicht sehen sie vor allem in einer Studie von de Vries et al. bestätigt, ignorieren jedoch neuere Studien, die den Nutzen infrage stellen oder gar Hinweise liefern, dass eine psychische Verschlechterung bei bis zu einem Drittel der Therapieempfänger eintrete.
Doch es bleibt noch eine Nebenwirkung, die selten als solche benannt wird. Denn verschiedene Studien belegen, dass „die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen, die eine Pubertätsblockade erhalten, ihre Transition später mit einer geschlechtsangleichenden Hormonbehandlung fortsetzen“. Diese erfolgt dann mit sogenannten Cross-Sex-Hormonen. Wer also anfängt, hört höchstwahrscheinlich nicht wieder auf. Das ist vor allem deshalb problematisch, da viele das Fortschreiten auf dem Weg der „Geschlechtsumwandlung“ im Nachhinein bereuen.
„Die möglichen gesundheitlichen Folgerisiken einer von Betroffenen im Nachhinein bereuten Entscheidung für eine medizinische Behandlung oder einer sich aus anderen Gründen als fehlindiziert herausstellenden Behandlung sind demnach gegenüber Gesundheitsrisiken abzuwägen, die sich bei einem Aufschub oder Nicht-Einleiten einer medizinischen Behandlung ergeben können.“ Aber in dieser Hinsicht ist der Therapeut auf sich gestellt. Doch nicht nur der Therapeut, vor allem das Kind, das sich in der Situation entscheiden muss, weil es gefragt wird: „Was wünschst Du Dir?“
4. Zielverfehlung der Transbehandlung
Die Autoren meinen, dass der Nutzen trotzdem die Risiken überwiegen würde und trotz der schlechten Evidenzbasis Schlimmeres verhindert werden könne. Claudia Wiesemann, eine Mitautorin, meint, dass die Verweigerung der Pubertätsblockade „aus Sorge vor Nebenwirkungen, (…) medizinisch und ethisch unangemessen (sei). Im Vergleich zu der Krisensituation sind die Nebenwirkungen einer Pubertätsblockade für die Betroffenen in aller Regel unerheblich.“
Doch ein positiver Effekt der Pubertätsblocker auf die mentale Gesundheit konnte nicht nachgewiesen werden. Aber vielleicht kann zumindest die Suizidalität gesenkt werden – Pubertätsblocker als Lebensretter also?
Nach einer finnischen Registerstudie, die knapp 20 Jahre Daten ausgewertet hat, kann auch davon nicht ausgegangen werden. Die Autoren zeigten, dass medizinische Maßnahmen im Sinne einer „medizinischen Geschlechtsangleichung“ hormoneller oder auch chirurgischer Natur keinerlei Einfluss auf das Suizidrisiko der Betroffenen hatten. Sie stellten vielmehr fest, dass psychiatrische Erkrankungen im Allgemeinen für höhere Sterbe- und Suizidraten im Kindes- und Jugendalter begünstigen, die ja mit dem Auftreten von GI/GD vergesellschaftet sind.
Zu dem gleichen Ergebnis kam auch der „Cass Review“: „Es ist gut dokumentiert, dass Kinder und junge Menschen mit Geschlechtsdysphorie ein erhöhtes Suizidrisiko haben, jedoch scheint das Suizidrisiko mit dem anderer junger Menschen vergleichbar zu sein, die mit ähnlich belastenden psychischen und psychosozialen Herausforderungen konfrontiert sind.“ Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Pubertätsblocker die Problematik nicht verbessern. Im Gegenteil: Sie verstärken das Leid und treiben die Jugendlichen weiter Richtung fortgesetzter Transbehandlung.

Weg zum „Gegengeschlecht“?

Als nächsten möglichen Schritt der „Behandlung“ bei GI/GD empfiehlt die Leitlinie eine „geschlechtsangleichende Hormonbehandlung“ – wie sie es nennen. Damit sind CSH gemeint. Der Begriff „geschlechtsangleichend“ suggeriert, dass die Hormone (und auch spätere operative Eingriffe) das „eigentliche“ Geschlecht enthüllen könnten, das real – wenn auch nur unter dem Mantel des „zugewiesenen“ Geschlechts verborgen – vorliegt und nicht imaginiert wird.
Die S2k-Autoren werfen einen trügerischen Wortmantel um
die faktische Überflutung eines biologisch gesunden Körpers
mit gegengeschlechtlichen
Hormonen.
Zudem sind CSH nicht einfach eine weitere Option, sondern quasi der logische nächste Schritt nach der Pubertätsblockade, der von einem großen Teil derjenigen gegangen wird, die zuvor mit Pubertätsblockern begonnen haben.
An sich gilt für CSH auch das, „was im Artikel bereits für Pubertätsblocker dargestellt wurde – vor allem die schlechte Evidenzbasis. Obwohl sie einige Studien diskutieren und darauf verweisen, dass diese positive Effekte von CSH bestätigen würden, lassen sie neuere systematische Übersichtsarbeiten aus, die diese Effekte anzweifeln. Auch hier fehlt es schlicht und ergreifend an Evidenz. Dies bestätigt die im Mai 2024 abgehaltene Versammlung der Bundesärztekammer, die erfreulicherweise zu folgendem Urteil über Pubertätsblocker und CSH kommt. Diese Aussage trifft den Kern:
„Die aktuelle medizinische Evidenzlage besagt klar und eindeutig, dass pubertätsblockierende Medikamente (PB), gegengeschlechtliche Hormonbehandlungen (mit sog. Cross-Sex-Hormonen, CSH) und auch geschlechtsverändernde Operationen (z. B. Mastektomien) verbessern bei Minderjährigen mit GI/GD nicht die GI-/GD-Symptomatik und auch nicht die psychische Gesundheit. Es handelt sich um irreversible Eingriffe in den menschlichen Körper bei physiologisch primär gesunden Minderjährigen, die hierfür bei fehlender Evidenz für derartige Maßnahmen kein informiertes Einverständnis geben können. (…) Bei der bestehenden Evidenzlage zur Behandlung der GI/GD muss die Sorge um das Kindeswohl überwiegen.“
Deshalb empfiehlt die Bundesärztekammer, Pubertätsblocker und CSH erst „nach abgeschlossener medizinischer und insbesondere psychiatrischer Diagnostik und Behandlung eventueller psychischer Störungen“ zu gestatten.

Fazit

Durch die Ausführungen haben sich zwei Kernprobleme der Leitlinie herauskristallisiert. Die Leitlinie verfügt weder über Evidenz noch über Konsens! Symbolisch für den Mangel an Evidenz steht die Abstufung des Leitliniengrades auf S2k, da für die Kategorie S3 50 % der Empfehlungen evidenzbasiert hätten sein müssen. Wenn es keine Evidenz gibt, bleibt nur der Konsens. Das Problem des Konsenses: Er kann von der uns (noch) unbekannten Realität abweichen, der wir uns mit Evidenz versuchen anzunähern. Doch die deutsche konsensbasierte Leitlinie hat noch ein weiteres Problem mit dem Konsens. International wird inzwischen unterschiedlich auf die Frage des Umgangs mit dem Problem der Geschlechtsunzufriedenheit geantwortet. Es gibt also keinen umfassenden Konsens – weder national noch international – was die verschiedenen Ansätze zur Behandlung geschlechtsunzufriedener Kinder zeigen.
Deshalb fordern wir als CDK die Ärzteschaft auf, wieder zum bewährten Grundsatz zurückzukehren: Zuerst nicht schaden! Oder mit der berühmten lateinischen Sentenz: Primum non nocere! Umso erschreckender ist der Fakt, dass eine solche Leitlinie überhaupt formuliert wird. Es zeigt einmal mehr, dass an dieser Stelle nicht primär vorurteilsfrei und wissenschaftlich abgewogen wird, sondern ideologische Vorstellungen Einzug erhalten.
Doch welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Als Christen stehen wir dafür ein, die Geschlechtlichkeit des Menschen als intimste Seinsbeschaffenheit zu betrachten, die Gott selbst ihm zugewiesen hat (vergleiche Psalm 139,13–18). Als Eltern stellt uns das in die Verantwortung, unsere Kinder vor diesem zerstörerischen Trend zu schützen, indem wir síe umstandslos lieben und beständig für sie beten. Dafür ist es unerlässlich, dass unsere Kinder einen großen Teil unserer Zeit und Aufmerksamkeit bekommen. Es ist unerlässlich, dass wir ihnen ein gesundes Verhältnis zur Verwendung digitaler und sozialer Medien lehren und ihnen Leitplanken setzen, sodass sie nicht sich selbst überlassen sind. Insbesondere sollten wir ihnen einschärfen, dass das Internet aufgrund seiner übersexualisierten bis hin zu pornografischen Inhalte großes Gefahrenpotential mit sich bringt, welches wir nicht unterschätzen dürfen. Als Eltern sind wir der optimale Halt für unsere Kinder, um ihre psychische Gesundheit zu bewahren. Doch nicht nur wir, auch die Gemeinde, die ein von Gott genial erdachtes schützendes Umfeld für Kinder bietet, in dem sie mit Gleichaltrigen aufwachsen können und in dem sie sich gegenseitig biblisch ermutigen und beistehen können, ist ein wichtiger Anker.
So können wir vorbeugen, dass unsere Kinder jemals in eine Situation kommen, in der sie denken, dass sie ihre Geschlechtlichkeit hinterfragen müssten. Sollte diese Situation bei dem einen oder anderen vorliegen, ist es unerlässlich, dem betroffenen Kind realitätsbezogen beizustehen, indem auf Gott, den Geber aller guten Gaben (vergleiche Jakobus 1,17), auf seinen guten Plan hin- und von der individuellen Problemsituation weggewiesen wird (vergleiche Psalm 4). In den meisten Fällen verflüchtigt sich der Transwunsch mit Ende der Pubertät, vorausgesetzt, es wird keine medizinische „Behandlung” begonnen. Hier sei auch auf den Blog „Transteens-Sorge-berechtigt“ zur differenzierten Lektüre verwiesen. Er stammt von einer Interessengemeinschaft von Eltern mit genderunsicheren oder -dysphorischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, der sich kritisch mit den genderaffirmativen Tendenzen des Zeitgeistes auseinandersetzt.
Gott möge uns bei dieser herausfordernden Aufgabe beistehen.

[1] C. J. Bachmann, Y. Golub, J. Holstiege und F. Hoffmann, „Gender identity disorders among young people in Germany: prevalence and trends, 2013–2022. An analysis of nationwide routine insurance data“, Dtsch. Ärztebl. Int., Mai 2024, doi: 10.3238/arztebl.m2024.0098; N. M. De Graaf, G. Giovanardi, C. Zitz und P. Carmichael, „Sex Ratio in Children and Adolescents Referred to the Gender Identity Development Service in the UK (2009–2016)“, Arch. Sex. Behav., Bd. 47, Nr. 5, Art. Nr. 5, Juli 2018, doi: 10.1007/s10508-018-1204-9.
[2] R. Kaltiala-Heino, M. Sumia, M. Työläjärvi und N. Lindberg, „Two years of gender identity service for minors: overrepresentation of natal girls with severe problems in adolescent development“, Child Adolesc. Psychiatry Ment. Health, Bd. 9, Nr. 1, Art. Nr. 1, Dez. 2015, doi: 10.1186/s13034-015-0042-y.
[3] A. Korte und V. Tschuschke, „Sturm und Drang im Würgegriff der Medien – Die Leiden der jungen Generation am eigenen Geschlecht“, Z. Für Kinder- Jugendpsychiatrie Psychother., Bd. 51, Nr. 5, Art. Nr. 5, Sep. 2023, doi: 10.1024/1422-4917/a000944.
[4] Ebd.
[5] H. Cass, „Independent review of gender identity services for children and young people: Final report“. 2024. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/
[6] AWMF, „Deutsches Instrument zur methodischen Leitlinien-Bewertung (DELBI). Fassung 2005/2006 + Domäne 8 (2008)“. 2008.
[7] F. D. Zepf, „Gemeinsame Kommentierung des aktuellen Entwurfs der neuen S2k-Leitlinie ‚Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter‘“. [Online]. Verfügbar unter: https://www.zi-mannheim.de/fileadmin/user_upload/downloads/forschung/KJP_downloads/Gemeinsame_Kommentierung_Leitlinienentwurf_S2k-240521.pdf; Bundesärztekammer, „Änderung der Geschlechtsidentität bei Minderjährigen“. 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://segm.org/sites/default/files/BIc128.pdf; Bundesärztekammer, „Behandlung einer Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen“. 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://128daet.baek.de/data/media/BIc48.pdf; A. Korte, Hinter dem Regenbogen: Entwicklungspsychiatrische, sexual- und kulturwissenschaftliche Überlegungen zur Genderdebatte und zum Phänomen der Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen, 1. Aufl. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2024.
[8] Deutsches Ärzteblatt, „Neue S2k-Leitlinie zu Geschlechts­inkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter vorgestellt“, Deutsches Ärzteblatt. Zugegriffen: 30. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/news/neue-s2k-leitlinie-zu-geschlechtsinkongruenz-und-dysphorie-im-kindes-und-jugendalter-vorgestellt-44b85ae7-29c6-4569-bcd5-aa3bb37c432a
[9] G. Romer und M. Wiech, „Leitlinienreport Zur AWMF-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“. 2025. Zugegriffen: 30. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014m_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche-Diagnostik-Behandlung_2025-03_1.pdf, S. 7.
[10] WHO, „Gender incongruence and transgender health in the ICD“. Zugegriffen: 1. Juni 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.who.int/standards/classifications/frequently-asked-questions/gender-incongruence-and-transgender-health-in-the-icd
[11] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf, S. 241.
[12] Ebd., S. 178.
[13] P. Rawee, J. G. M. Rosmalen, L. Kalverdijk, und S. M. Burke, „Development of Gender Non-Contentedness During Adolescence and Early Adulthood“, Arch. Sex. Behav., Bd. 53, Nr. 5, Art. Nr. 5, Mai 2024, doi: 10.1007/s10508-024-02817-5.
[14] Ebd.
[15] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf, S. 74.
[16] Ebd., S. 100.
[17] Ebd., S. 51.
[18] Ebd., S. 196.
[19] Ebd., S. 74.
[20] Ebd., S. 188.#
[21] M. Wirtz, „action bias im Dorsch Lexikon der Psychologie“. Zugegriffen: 31. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/action-bias
[22] SEGM, „Deutsche Leitlinie für die Diagnose und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“. 2025. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://transteens-sorge-berechtigt.net/images/pdfs/20250326_SEGM-Analyse_S2k-LL_GI-GD.pdf, S. 8.
[23] H. Cass, „Independent review of gender identity services for children and young people: Final report“. 2024. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/
[24] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf, S. 243
[25] Ebd., S. 247.
[26] V. Murugesh u. a., „Puberty Blocker and Aging Impact on Testicular Cell States and Function“, 27. März 2024. doi: 10.1101/2024.03.23.586441
[27] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf, S. 195
[28] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf.
[29] W. C. Hembree u. a., „Endocrine Treatment of Gender-Dysphoric/Gender-Incongruent Persons: An Endocrine Society* Clinical Practice Guideline“, J. Clin. Endocrinol. Metab., Bd. 102, Nr. 11, Art. Nr. 11, Nov. 2017, doi: 10.1210/jc.2017-01658.
[30] F. D. Zepf u. a., „Beyond NICE: Aktualisierte systematische Übersicht zur Evidenzlage der Pubertätsblockade und Hormongabe bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie“, Z. Für Kinder- Jugendpsychiatrie Psychother., Bd. 52, Nr. 3, Art. Nr. 3, Mai 2024, doi: 10.1024/1422-4917/a000972, S. 167–187; J. Taylor u. a., „Interventions to suppress puberty in adolescents experiencing gender dysphoria or incongruence: a systematic review“, Arch. Dis. Child., S. s33–s47, Apr. 2024, doi: 10.1136/archdischild-2023-326669; A. Miroshnychenko u. a., „Puberty blockers for gender dysphoria in youth: A systematic review and meta-analysis“, Arch. Dis. Child., Bd. 110, Nr. 6, Art. Nr. 6, Juni 2025, doi: 10.1136/archdischild-2024-327909.
[31] P. Carmichael u. a., „Short-term outcomes of pubertal suppression in a selected cohort of 12 to 15 year old young people with persistent gender dysphoria in the UK“, PLOS ONE, Bd. 16, Nr. 2, Art. Nr. 2, Feb. 2021, doi: 10.1371/journal.pone.0243894; S. McPherson und D. E. P. Freedman, „Psychological Outcomes of 12–15-Year-Olds with Gender Dysphoria Receiving Pubertal Suppression in the UK: Assessing Reliable and Clinically Significant Change“, J. Sex Marital Ther., Bd. 50, Nr. 3, Art. Nr. 3, Apr. 2024, doi: 10.1080/0092623X.2023.2281986
[32] AWMF, „Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Registernummer 028-014)“. 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-014l_S2k_Geschlechtsinkongruenz-Geschlechtsdysphorie-Kinder-Jugendliche_2025-06.pdf, S. 163.
[33] Ebd. S. 34.
[34] Deutsches Ärzteblatt, „Neue S2k-Leitlinie zu Geschlechts­inkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter vorgestellt“, Deutsches Ärzteblatt. Zugegriffen: 30. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/news/neue-s2k-leitlinie-zu-geschlechtsinkongruenz-und-dysphorie-im-kindes-und-jugendalter-vorgestellt-44b85ae7-29c6-4569-bcd5-aa3bb37c432a
[35] S.-M. Ruuska, K. Tuisku, T. Holttinen, und R. Kaltiala, „All-cause and suicide mortalities among adolescents and young adults who contacted specialised gender identity services in Finland in 1996–2019: a register study“, BMJ Ment Health, Bd. 27, Nr. 1, Art. Nr. 1, Jan. 2024, doi: 10.1136/bmjment-2023-300940.
[36] H. Cass, „Independent review of gender identity services for children and young people: Final report“. 2024. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/, S. 186.
[37] D. M. Tordoff, J. W. Wanta, A. Collin, C. Stepney, D. J. Inwards-Breland, und K. Ahrens, „Mental Health Outcomes in Transgender and Nonbinary Youths Receiving Gender-Affirming Care“, JAMA Netw. Open, Bd. 5, Nr. 2, Art. Nr. 2, Feb. 2022, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2022.0978; D. Chen u. a., „Psychosocial Functioning in Transgender Youth after 2 Years of Hormones“, N. Engl. J. Med., Bd. 388, Nr. 3, Art. Nr. 3, Jan. 2023, doi: 10.1056/NEJMoa2206297.
[38] J. F. Ludvigsson, J. Adolfsson, M. Höistad, P.-A. Rydelius, B. Kriström, und M. Landén, „A systematic review of hormone treatment for children with gender dysphoria and recommendations for research“, Acta Paediatr., Bd. 112, Nr. 11, Art. Nr. 11, 2023, doi: 10.1111/apa.16791; F. D. Zepf u. a., „Beyond NICE: Aktualisierte systematische Übersicht zur Evidenzlage der Pubertätsblockade und Hormongabe bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie“, Z. Für Kinder- Jugendpsychiatrie Psychother., Bd. 52, Nr. 3, Art. Nr. 3, Mai 2024, doi: 10.1024/1422-4917/a000972; J. Taylor, A. Mitchell, R. Hall, T. Langton, L. Fraser, und C. E. Hewitt, „Masculinising and feminising hormone interventions for adolescents experiencing gender dysphoria or incongruence: a systematic review“, Arch. Dis. Child., Bd. 109, Nr. Suppl 2, Art. Nr. Suppl 2, Nov. 2024, doi: 10.1136/archdischild-2023-326670; A. Miroshnychenko u. a., „Gender affirming hormone therapy for individuals with gender dysphoria aged <26 years: a systematic review and meta-analysis“, Arch. Dis. Child., Bd. 110, Nr. 6, Art. Nr. 6, Juni 2025, doi: 10.1136/archdischild-2024-327921.
[39] H. Cass, „Independent review of gender identity services for children and young people: Final report“. 2024. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/
[40] Bundesärztekammer, „Behandlung einer Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen“. 2024. [Online]. Verfügbar unter:https://128daet.baek.de/data/media/BIc48.pdf; Deutsches Ärzteblatt, „Einsatz von Pubertätsblockern und Hormontherapien stärker abwägen“, Deutsches Ärzteblatt. Zugegriffen: 21. November 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/151391/Einsatz-von-Pubertaetsblockern-und-Hormontherapien-staerker-abwaegen
[41] ebd.
[42] AWMF, „Systematische Evidenzbasierung: Einführung | Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.“ Zugegriffen: 1. Juni 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/regelwerk/systematische-evidenzbasierung-einfuehrung
[43] F. D. Zepf, „Gemeinsame Kommentierung des aktuellen Entwurfs der neuen S2k-Leitlinie ‚Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter‘“. [Online]. Verfügbar unter: https://www.zi-mannheim.de/fileadmin/user_upload/downloads/forschung/KJP_downloads/Gemeinsame_Kommentierung_Leitlinienentwurf_S2k-240521.pdf; Bundesärztekammer, „Änderung der Geschlechtsidentität bei Minderjährigen“. 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://segm.org/sites/default/files/BIc128.pdf; Bundesärztekammer, „Behandlung einer Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen“. 2024. [Online]. Verfügbar unter: https://128daet.baek.de/data/media/BIc48.pdf; A. Korte, Hinter dem Regenbogen: Entwicklungspsychiatrische, sexual-und kulturwissenschaftliche ÜberleguWngen zur Genderdebatte und zum Phänomen der Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen, 1. Aufl. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2024
[44] H. Cass, „Independent review of gender identity services for children and young people: Final report“. 2024. Zugegriffen: 23. Juli 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://cass.independent-review.uk/home/publications/final-report/
[45] Transteens-Sorge-berechtigt, „BLOG – TransTeens · Sorge · berechtigt (TTSB)“. Zugegriffen: 31. Mai 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://transteens-sorge-berechtigt.net/


Osteopathie im wissenschaftlichen Diskurs

Die Osteopathie erfreut sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und Europa zunehmender Beliebtheit. Während sie von vielen Patienten als sanfte und ganzheitliche Heilmethode geschätzt wird, sehen viele Mediziner die Praxis mit Skepsis. Vor allem der Mangel an standardisierter Ausbildung, die unklare Studienlage und das kommerzielle Potenzial werfen einige kritische Fragen auf. Doch was sind die Ursprünge und Überzeugungen dieses Behandlungskonzeptes?

Historische Entwicklung und Philosophie

Die Osteopathie wurde 1874 von Andrew Taylor Still in den USA begründet. Sie betrachtet den Körper als funktionelle Einheit, in der der körperliche Aufbau (Muskeln, Sehnen, Knochen) und die Funktionen (Beweglichkeit, Durchblutung) untrennbar miteinander verbunden sind. Still entwickelte die Osteopathie als Reaktion auf die damalige medizinische Praxis, die er als ausgebildeter Landarzt als unzureichend empfand. Die damalige Medizin agierte im Sinne der Humorallehre und konnte in vielen Fällen gar nicht oder nur ungenügend Krankheiten heilen und Beschwerden lindern. Meist wurden Aderlässe oder die Einnahme von Mineralien zum Ausgleich der „pathologischen Körperchemie“ empfohlen.
Still hingegen postulierte, dass der Körper nicht auf externe Hilfe angewiesen sei, sondern über Selbst­heilungskräfte verfüge. Mit diesen sind geistige Kräfte gemeint, die mittels bestimmter Techniken im Körper mobilisiert werden sollen. Die Osteopathie umfasst in der Lehre von Still manuelle Techniken wie beispielsweise Massagen oder spezielle Handgriffe, die Blockaden lösen sollen. Still war etwa davon überzeugt, dass das Haarwachstum durch Bestreichen der Wirbelsäule angeregt werden kann oder sich Krankheiten wie Diabetes mellitus und Malaria durch Manual-Therapie heilen lassen., Dieser Ansatz, den er als ganzheitlich bezeichnet, unterscheidet sich von der traditionellen Schulmedizin, die kausal und symptomorientiert arbeitet. Still distanzierte sich zeitlebens von Louis Pasteurs und Robert Kochs Forschungen zu Mikroorganismen als Auslöser von Krankheiten. Er vertrat die Ansicht, dass Körpersäfte durch Blockaden an Nerven oder durch anatomische Fehlstellungen in ihrem Fluss gehindert werden. Wenn man diese Blockaden manuell bekämpfe, käme der Körper in seinen gesunden Zustand zurück. Die Osteopathie beansprucht, ganzheitlich vorzugehen und die Behandlung nicht auf einzelne Symptome zu reduzieren. Dass die Schulmedizin lediglich Symptome lindern würde, ist der ihr bis heute entgegengebrachte Vorwurf. Ganzheitlich vorzugehen bedeutet also aus der Sicht des Osteopathen, dass stets der gesamte Körper betrachtet wird, nicht nur das betroffene Areal. Die Ganzheitlichkeit impliziert dabei ein nicht wissenschaftliches Konzept, bei dem der Körper in seinen Strukturen und Funktionen durch „falsche“ Körpersäfte und Blockaden krankhaft verändert sei.
Die Begriffe „Osteopathie“ und „Chiropraktik“ werden oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche therapeutische Ansätze repräsentieren. Die Osteopathie basiert auf der Annahme, dass der Körper in der Lage ist, sich selbst zu heilen. Die Chiropraktik hingegen wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Daniel David Palmer entwickelt und fokussiert sich insbesondere auf Störungen der Wirbelsäule. Obwohl beide Therapieformen manuelle Techniken einsetzen, unterscheiden sie sich in ihrer Philosophie und Methodik. Die Osteopathie verfolgt einen esoterischen Ansatz, während sich die Chiropraktik stärker auf biomechanische Korrekturen konzentriert.

Hohe Nachfrage – trotz geringer wissenschaftlicher Fundierung

In Deutschland haben laut einer Forsa-Umfrage 27 % der Bevölkerung bereits osteopathische Behandlungen in Anspruch genommen, die meisten aufgrund chronischer Rückenschmerzen. Ein Behandlungserfolg über den Placebo-Effekt lässt sich lediglich für Kreuzschmerzen verzeichnen, die jedoch oft nicht somatischer Genese sind. Das bedeutet, dass keine körperliche Ursache hinter den Beschwerden steht, sondern zum Beispiel Stress. Ähnliche Erfolgsraten berichteten Dal Farra et al. in ihrer kontrollierten Studie aus dem Jahr 2021. Für andere Indikationen wie Säuglingskoliken, Asthma oder Migräne ist die Evidenzlage hingegen sehr schwach. Eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration von Franke et al. fand keine ausreichende Evidenz zur Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Säuglingen. Auch ein Review von Guillaud et al. wies auf die geringe methodische Qualität vieler Studien hin. Insbesondere kleine Stichprobengrößen und fehlende Verblindung werden bemängelt.

Patienten erhoffen sich von der Osteopathie vor allem Schmerzlinderung, Verbesserung der Beweglichkeit und eine ganzheitliche Behandlung. Die individuelle Zuwendung und die Zeit, die Osteopathen für ihre Patienten aufbringen, werden dabei oft als besonders positiv wahrgenommen.

Ausbildung und Regulierung – ein zentrales Problem

Im Gegensatz zu approbierten medizinischen Berufen ist der Begriff „Osteopath“ in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Jeder Heilpraktiker oder Physiotherapeut darf sich nach einer Fortbildung als Osteopath bezeichnen. Das Deutsche Ärzteblatt kritisiert in einem Artikel aus dem Jahr 2020 diese rechtliche Grauzone, da Patienten kaum nachvollziehen können, auf welcher Grundlage ihr Behandler arbeitet. Der Berufsverband der Osteopathen Deutschland (VOD) fordert zwar seit Jahren eine staatliche Anerkennung mit standardisierter Ausbildung, bislang jedoch ohne Erfolg. In Ländern wie Frankreich oder Großbritannien ist die Osteopathie hingegen stärker reguliert, was zumindest einen gewissen Qualitätsstandard gewährleistet. Auch die Chiropraktik ist in Deutschland nicht eigenständig gesetzlich geregelt. In anderen Ländern hingegen sehr wohl – dort erfolgt die Ausbildung an medizinischen Hochschulen oder Universitäten mit Abschluss eines Doctor of Chiropractic.

Kommerzialisierung und Fehlanwendungen

Ein weiteres Problem: Die Osteopathie ist ein lukratives Geschäft. Behandlungen kosten zwischen 80 und 150 Euro pro Sitzung, oft werden fünf bis zehn Sitzungen empfohlen – auch ohne klare medizinische Indikation. Private Krankenkassen und einige gesetzliche übernehmen Teile der Kosten, obwohl der Nutzen in vielen Fällen nicht wissenschaftlich belegt ist.
Die Bundesärztekammer warnt wiederholt vor der osteopathisch manipulativen Behandlung bei Kindern, da Risiken wie Frakturen oder neurologische Schäden bei unsachgemäßer Technik auftreten können. Ich selbst kenne mehrere Patienten, die aufgrund mangelnder Fachkenntnis von Osteopathen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Ein Schicksal ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Eine junge Mutter wollte sich beim Chiropraktiker aufgrund ihrer Nackenschmerzen behandeln lassen. Beim „Einrenken“ kam es zu einer Dissektion einer hirnversorgenden Arterie, weshalb die Patientin einen schweren Schlaganfall erlitt und bis heute mit neurologischen Ausfällen zu kämpfen hat.
säkulare Vor- und Nachteile der Osteopathie

Vorteile Nachteile
sanfte, manuelle Behandlungsmethode
(im Gegensatz zur Chiropraktik)
fehlende wissenschaftliche Evidenz für viele
Anwendungsgebiete
individuelle Betreuung des Patienten hohe Kosten, oft nicht vollständig von
Krankenkassen übernommen
viel Zeit pro Behandlungseinheit Risiko von Fehlbehandlungen
keine gesetzlich geschützte
Berufsbezeichnung in Deutschland

Osteopathie – eine Option für Christen?

Die Bibel warnt deutlich vor Praktiken, die sich auf verborgene „Kräfte“ oder energetische Prinzipien berufen, ohne sich auf Gott zu stützen. Die christliche Ethik verlangt eine kritische Unterscheidung: Unterstützt eine Methode den Heilungsprozess des Individuums auf Grundlage naturwissenschaftlicher Prinzipien oder bewegt sie sich im spirituellen Rahmen, der den Gott der Bibel ausklammert?
In der Bibel ist Heilung letztlich immer Gnade – ein Geschenk Gottes. Jesus heilte Kranke nicht durch Techniken, sondern durch göttliche Autorität. Die Bibel macht deutlich, dass sie medizinische Behandlungen an sich bestätigt. Dort, wo jedoch Heilungskräfte aus dem spirituell-esoterischen Bereich postuliert werden, ist für Christen eine klare Grenze überschritten. Des Weiteren widerspricht der sogenannte ganzheitliche Ansatz der Osteopathie der biblischen Lehre. Die Osteopathie suggeriert, dass Heilung durch Aktivierung verborgener Kräfte erreichbar ist. Das Heilungsverständnis der Homöopathie nach Hahnemann weist an dieser Stelle einige Parallelen auf. Ein solches Verständnis widerspricht dem biblischen Zeugnis. Ganzheitliche Heilung schließt Versöhnung mit Gott, geistliche Erneuerung und Gemeinschaft mit dem Schöpfer ein – nicht nur körperliche Wiederherstellung. Zuletzt haben wir als Christen den Auftrag, für die Wahrheit einzustehen. Auch auf naturwissenschaftlicher Ebene ist das Osteopathie-Konzept nicht schlüssig. Ein Behandlungskonzept, das Krankheit als Blockade von Körpersäften voraussetzt und diese Blockaden durch bestimmte manuelle Techniken lösen will, lässt sich definitiv nicht in die Erkenntnisse der aktuellen naturwissenschaftlichen Forschung einordnen und sollte daher nicht unterstützt werden.

[1] Die Humorallehre versteht sich als medizinisches Behandlungskonzept des 19. Jahrhunderts, bei der man die Entstehung von Krankheit auf eine Dysbalance der körpereigenen Säfte zurückführte.
[2] https://www.rancholoscerritos.org/medicine-and-health-from-the-mid-19th-to-early-20th-century/ zuletzt abgerufen am 21.07.2025
[3] Mit Selbstheilungskräften können einerseits physiologische Vorgänge im Körper beschrieben werden, die jederzeit aktiv sind, um beispielsweise Infektionen zu bekämpfen oder geschädigtes Erbgut zu reparieren. Meist werden jedoch, wie bei der Osteopathie, geistige Kräfte gemeint.
[4] Still, A.T. (1899). The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy.
[5] Andrew Taylor Still: Autobiography of Andrew T. Still: With a history of the discovery and development of the science of osteopathy, together with an account of the founding of the American School of Osteopathy. 1897, S. 181.
[6] Andrew Taylor Still: OSTEOPATHY, Research and Practice. 1910.
[7] Dieser Vorwurf kann bei genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten werden. Ein guter Arzt beachtet die Zusammenhänge unterschiedlicher Körperfunktionen und handelt, wann immer möglich, kausal. Er strebt also danach, die Ursache der Symptome zu finden und zu beheben.
[8] Chila, A.G. (2011). Foundations of Osteopathic Medicine. 3. Auflage.
[9] Gatterman, M.I. (2005). Foundations of Chiropractic. Mosby.
[10] Johnson, C. (2008). Comparing chiropractic and osteopathy: What are the differences?
[11] Forsa-Umfrage im Auftrag des VOD (2018). https://www.osteopathie.de/up/datei/forsa_umfrage_osteopathie_2021.pdf zuletzt abgerufen am 21.07.2025
[12] Licciardone, J.C. et al. (2013). Osteopathic manipulative treatment for low back pain: A systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskelet Disord. 14: 265.
[13] Dal Farra, F. et al. (2021). Osteopathic manipulative treatment in patients with chronic low back pain: A randomized controlled trial. Complement Ther Med. 58:102686.
[14] Franke, H. et al. (2014). Osteopathy for children: A systematic review. Cochrane Database Syst Review.
[15] Guillaud, A. et al. (2016). Osteopathic manipulative treatment for chronic nonspecific low back pain. BMJ Open, 6(5): e010512.
[16] Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin (DGOM). Ausbildungsrichtlinien.
[17] Deutsches Ärzteblatt (2020). Berufsbild Osteopath: Zwischen Anspruch und Realität.
[18] World Federation of Chiropractic (WFC). Educational Guidelines.
[19] Stiftung Warentest (2017). Osteopathie – was bringt sie wirklich?
[20] Bundesärztekammer (2020). Stellungnahme zur Anwendung von OMT.
[21] Eine Dissektion bezeichnet den Einriss einer Schicht der Gefäßwand, weshalb es zur Verlegung und damit zum unterbrochenen Blutfluss im Blutgefäß kommt.
[22] Siehe 5.Mose 18,10–12.
[23] Siehe dazu auch den Artikel „Homöopathie“ auf Seite 05


Ist die Schulmedizin überholt?

Die Ärzteschaft befindet sich spätestens seit den Corona-Maßnahmen in einer Vertrauenskrise. Die Maßnahmen wurden als einzig mögliche und medizinisch untermauerte Vorgehensweise deklariert, die tödliche Erkrankungsverläufe verhindern sollte. Die RKI-Files zeigen, dass die nach außen propagierte medizinische Notwendigkeit und Alternativlosigkeit dieses Vorgehens die Folge politischer Vorgaben war. Einige Mediziner des RKIs waren zu Recht kritisch, leider jedoch auch nicht mutig und entschlossen genug, diese Position öffentlichkeitswirksam zu vertreten.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass dort, wo im Namen medizinischer Rahmenbedingungen mit dem Ziel gehandelt wird, das „Beste für die Gesundheit des Patienten zu bewirken“ nicht unbedingt von medizinisch wissenschaftlichen Grundlagen, sondern höchst politisch motivierten Grundsätzen ausgegangen wird, ist die neue Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter. Viele Länder ziehen beim Einsatz von Pubertätsblockern die Notbremse, indem sie diese entweder verbieten oder zumindest stark einschränken. Sie tun es, weil Studien zeigen, dass die Pubertätsblocker nicht den erhofften positiven Effekt erbrachten. Vielmehr sind sie mit zahlreichen und mutmaßlich unumkehrbaren Nebenwirkungen behaftet. Die deutsche Leitlinie empfiehlt die Pubertätsblocker im Gegensatz zum ausländischen Vorgehen nicht nur an sich als großartige Möglichkeit, Leiden zu lindern. Sie heben sogar jegliche Altersgrenze für deren Einsatz auf. Die Leitlinie liest sich wie ein Echoraum der Genderideologie statt einer klaren medizinisch-naturwissenschaftlichen Empfehlung.
Auch die Erfahrung im Sprechzimmer von Ärzten geht häufig mit dem Erleben einher, als Patient lediglich auf körperliche Symptome reduziert zu werden. Wer beispielsweise über Schlafstörungen klagt, erhält häufig nach kurzer Zeit ein Rezept mit Schlafmedikamenten und allgemeine Ratschläge zur Schlafhygiene, mit denen man die Praxis verlässt. Genauere Ursachen, die zur Schlafstörung führen können, werden selten erörtert. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Beschwerden wird – auch in Anbetracht des Zeitdrucks, unter dem der Arzt zu arbeiten hat – selten angestrebt.
Die Antwort auf diese Entwicklungen in der Medizin besteht mehrfach darin, sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Das Versprechen: Zeitintensive und ganzheitliche Betrachtung der jeweiligen Beschwerden und eine den gesamten Menschen umfassende Therapie. Sind die Grundlagen der Schulmedizin nicht mehr als plausible Erklärungsmuster anzuerkennen und müssten durch einen anderen, ganzheitlicheren medizinischen Ansatz überholt oder ersetzt werden? Dieser Frage soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden. Dazu müssen wir zunächst betrachten, woher der bisherige medizinisch wissenschaftliche Ansatz stammt und worin er ideengeschichtlich seinen Ursprung hat. In einem zweiten Schritt wird dann der Frage nachgegangen, ob sich dieser Grundsatz mit dem biblischen Verständnis von Naturwissenschaft deckt und welche Konsequenzen dies für uns als Christen im Umgang mit Medizin und Alternativmedizin hat.

Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung

Ein Blick in die Ursprünge der naturwissenschaftlichen Forschung gibt erste Antworten auf die Frage, warum wir Medizin so wie bisher betreiben. Der Beginn der naturwissenschaftlich-systematischen Grundlagenforschung fällt in die Zeit der Reformation und des Humanismus. Dieser Zeit war die Forderung des Philosophen Roger Bacon (ca. 1220–1292) vorausgegangen, „nach einer Wissenschaft und Philosophie [zu streben], die sich unter Zurückweisung jeder anderen Autorität allein auf unmittelbare Erfahrung und Beobachtung der Natur gründet, [sie ist] ein Fanfarenstoß, der das gewaltige Drama der Entfaltung moderner abendländischer Naturwissenschaft einleitet.“ Der deutsche Universalforscher, Mathematiker und evangelische Theologe Johannes Kepler (1571–1630) fasst es mit folgender Formel zusammen: „Ubi materia, ibi geometria“ – wo Materie ist, da ist Mathematik und „formuliert damit zum ersten Mal das für alle folgende Naturwissenschaft bestimmende mathematische Erkenntnisideal.“
Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind dann im weiteren Verlauf die Basis für die moderne Medizin.
Was befeuerte die naturwissenschaftliche Forschung ab dem
16. Jahrhundert? Es war die tiefe Überzeugung, dass die Welt durch einen intelligenten und überaus weisen Schöpfer ins Dasein gerufen wurde.
Hinzu kam die Überzeugung, dass es Regelmäßigkeiten und mathematisch erfassbare Gesetzmäßigkeiten zu entdecken gibt. Eine Vielzahl der Forscher war der Ansicht, dass die Natur-Erforschung denjenigen ehrt, der die Schöpfung kreiert hat, nämlich Gott selbst. Der englische Philosoph und Arzt Thomas Browne formuliert es im 17. Jahrhundert folgendermaßen: „Die Weisheit Gottes erfährt geringe Ehre von solch gewöhnlichen Köpfen, die ordinär herumstarren und sich über Seine Werke mit dörflicher Plumpheit wundern: jene aber verherrlichen Ihn, deren besonnene Untersuchung Seiner Taten und bewusste Erforschung Seiner Kreaturen ihm die Pflicht gottesfürchtiger und gebildeter Bewunderung wiederzugeben.“ Genauso, wie die Bibel studiert und verstanden werden kann, so liegt auch das Buch der Natur offen da: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündigt das Werk seiner Hände.“ (Psalm 19,2) Ursache-Wirkungs-Prinzipien hinsichtlich der Erforschung der Natur sind deshalb zielführend, weil Gott die Welt den Gesetzen der Logik folgend erschaffen hat. Die Eigenschaften der Logik sind abstrakt, immateriell, universell, unveränderlich und ausnahmslos. Diese Eigenschaften sind nur unter der Annahme eines ewigen Absolutums möglich. Mit anderen Worten: Logik lässt sich nur begründen, wenn Gott existiert.
Gesetzmäßigkeit bedeutet außerdem Uniformität in der Natur. Weil Gott die Welt in einer geordneten, gesetzmäßigen Weise erschaffen hat, läuft sie nach den immer gleichen Gesetzmäßigkeiten ab und kann daher verstanden und beschrieben werden, ja sogar vor­hergesagt werden. Die Überzeugung, dass alles einer einheitlichen Gesetzmäßigkeit gehorcht, bewegte beispielsweise Johannes Kepler „bei allen seinen Entdeckungen, man kann geradezu sagen, dass diese geboren sind aus dem Bestreben, seine metaphysische Überzeugung von der harmonischen Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit alles Geschaffenen exakt zu begründen.“ So nutzte Kepler seine neuesten Erkenntnisse, um zukünftige Planetenkonstellationen exakt vorhersagen zu können.
Zudem unterstützte die wiederentdeckte theologische Erkenntnis, dass der Mensch in Sünde geboren ist, die naturwissenschaftliche Forschung. Sünde bedeutet, dass der Mensch fehlerhaft ist. Er ist für das ewige Leben auf Rettung angewiesen und im alltäglichen Leben bedarf er ständiger Korrektur und Hilfsinstrumente. Wissenschaft war fortan ein ständiges Suchen und Revidieren von Hypothesen, ein Optimieren von Hilfsinstrumenten, ein Verwerfen alter Überzeugungen. Mit diesem erkenntnistheoretischen Hintergrund wurden alte Denkmuster revidiert und unter anderem folgende Theorien entwickelt: Die Erde als Kugel (und nicht als Scheibe), die nicht sichtbare Gravitationskraft nach Newton, die Relativitätstheorie nach Einstein, die Heisenbergsche Unschärferelation, der Welle-Korpuskel-Dualismus des Lichts, das menschliche Genom als komplexe Informationsverarbeitung. Damit waren entscheidende Weichenstellungen für die systematische Erforschung der materiellen Welt gestellt. Francis Bacon (1561–1626) fasst die Arbeitsweise der empirischen Wissenschaft wie folgt zusammen: „Arbeitshypothese als Ausgangspunkt; Sammeln einschlägiger Erfahrung mittels des zweckmäßig angeordneten Experiments; Ziehen der Folgerungen und Formulierungen allgemeiner Sätze, Nachprüfung dieser durch erneute Experimente usw.“ Nachdem wir diese grundsätzlichen Ansätze zur naturwissenschaftlichen Forschung nachvollzogen haben, soll anscheinend gefragt werden, welche weiteren Herausforderungen hinzukommen, wenn der Mensch nun zum Mittelpunkt von wissenschaftlichen Untersuchungen wird.

Grundlagen medizinischer Forschung

Wird die Krone der Schöpfung zum Forschungsobjekt, tun sich einige Herausforderungen auf, die wir in den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern der Physik und Chemie nicht vorfinden. Der Mensch ist mehr als nur Materie und kann nicht im Labor mittels Experiment erforscht werden. Der Mensch ist nach biblischem Zeugnis sowohl Leib als auch Seele, sowohl materiell als auch immateriell. Der sichtbare Leib kann entsprechend seiner Gesetzmäßigkeiten naturwissenschaftlich erforscht werden. Die Pumpleistung des Herzens kann nach physikalischen Grundsätzen erklärt werden. Die Aktivitäten der Neuronen lassen sich elektrisch und chemisch genauer nachvollziehen. Das sich in unseren Genen befindliche hochkomplexe Informationssystem kann ebenso naturwissenschaftlich untersucht werden.
Im Wissen darum, dass der Mensch mehr ist als nur Materie, soll hier bewusst der Bereich der materiellen Seite des Menschen, also sein Körper, ausführlich thematisiert werden. Beispiele für naturwissenschaftliche Erklärungen von somatischen (körperlichen) und somato-psychischen (durch körperliche Ursachen verursachte psychische Erkrankungen) sind Folgende:

  • Genetische Erkrankungen (vererbt, erworben)
  • Infektionskrankheiten (Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten)
  • Autoimmunerkrankungen (Immunsystem richtet sich gegen körpereigene Zellen)
  • Mechanische Einwirkungen (Unfälle, Verletzungen)
  • Chemische oder physikalische Einwirkungen (Vergiftungen, Verätzungen, Verbrennungen)
  • Mangelzustände (Vitamine, Mineralstoffe)
  • Degenerative Erkrankungen (Abnutzung von Organen, Zellen)
  • Tumorkrankheiten (Zellen entarten und wachsen unkontrolliert)
  • Iatrogene Erkrankungen (durch ärztliche Behandlung verursacht)

Die medizinische Forschung unterliegt dabei einigen Besonderheiten, die sie von den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern abgrenzt. Einige Erkenntnisse in der Medizin haben eine kurze Halbwertszeit, die Empfehlungen ändern sich laufend und es kommt zu einer raschen Weiterentwicklung von Medikamenten und Medizintechnik. Der Mediziner William Osler sagte zu seinen Medizinstudenten zugespitzt: „Meine Herren, ich muss ein Geständnis bei Ihnen ablegen. Die Hälfte dessen, was wir Ihnen beigebracht haben, war falsch. Aber wir wissen nicht, welche Hälfte.“ Die kurze Halbwertszeit der medizinischen Erkenntnisse ist zu einem großen Teil durch das Forschungsobjekt bedingt. Der Mensch kann nicht einfach in seine Einzelbestandteile zerlegt und dann erforscht werden. Dies führt dazu, dass bei der medizinischen Forschung und den pharmakologischen Studien unzählig viele Parameter den Ausgang der Ergebnisse beeinflussen können. Während bei einem physikalischen oder chemischen Experiment im Labor die einzelnen Einflussfaktoren gut voneinander getrennt werden können, funktioniert dies beim lebendigen Menschen nicht. Hier spielen unzählige physikalische, chemische, elektrische, biochemische, umweltbedingte Prozesse und Reaktionen hinein, die nicht voneinander separiert werden können. Kurz gesagt, lässt sich der Mensch nicht in ein Reagenzglas stecken. Um dieser Problematik Herr zu werden und dennoch eine möglichst hohe Aussagekraft zu erreichen, ist es wichtig, Studien durchzuführen, die einen hohen Grad an Gewissheit und Vorhersagekraft ermöglichen. Hierfür sind hohe Qualitätsanforderungen einzufordern. Leider erfüllen insgesamt betrachtet nur wenige Studien die hohen Qualitätsanforderungen, die für eine aussagekräftige Ergebnislage nötig wären.
Eine weitere Besonderheit der medizinischen Forschung liegt darin begründet, dass sie von moralischen Leitplanken begrenzt ist. Medizinische Forschung an Kindern, Schwangeren oder Embryonen ist nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Aussagekräftige Studien für dieses Patientenkollektiv lassen sich demnach schwerlich durchführen und finden.
Um eine wissenschaftliche Vorgehensweise in der Medizin zu untermauern, hat sich in der medizinischen Forschung das Prinzip der Falsifikation bewährt. Das Prinzip wurde dank des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper zum Goldstandard. Eine medizinisch-wissenschaftliche These grenzt sich demnach von einer nicht-wissenschaftlichen These dadurch ab, dass sie widerlegbar, also falsifizierbar ist. Ein klassisches Beispiel einer nicht-wissenschaftlichen These ist die psychotherapeutische These, dass „die aktuell empfundene Angst durch eine Kindheit bedingt ist, in der negative Erfahrungen ins Unterbewusstsein verdrängt wurden.“ Diese Aussage lässt sich prinzipiell nicht mittels Untersuchungen oder Studien widerlegen und ist daher nicht falsifizierbar. Die These „das Medikament X senkt den Blutdruck bei regelmäßiger Einnahme um 20mmHg innerhalb von einem Monat“ ist falsifizierbar. Die Falsifizierbarkeit einer These ist das entscheidende Kriterium, um wissenschaftliche von nicht-wissenschaftlichen medizinischen Erklärungen und Therapieansätzen zu unterscheiden.

Alternative Erklärungsansätze

Wer wissenschaftliche Erklärungen von Krankheiten ablehnt, stützt sich häufig auf eigene Erklärungsmuster. Ich nenne sie isolierte Erklärungsansätze, auch Laienätiologie genannt. Dies sind Erklärungen, die jeder für seine eigenen Beschwerden automatisch erstellt, bevor eine reflektierte naturwissenschaftlich fundierte Überprüfung durchgeführt wird. Hierzu gehört beispielsweise die Überzeugung, dass Verdauungsbeschwerden von zu vielen giftigen Lebensmitteln verursacht werden. Oder die Überzeugung, dass Schielen durch eine Fehlstellung der Halswirbelsäule entstehe. Hierfür lässt sich neuroanatomisch keine Erklärung finden.
Die Antwort auf die eingangs erwähnte Vertrauenskrise in Bezug auf die Schulmedizin besteht häufig darin, alternative Behandlungen aufzusuchen. Dahinter steckt selten eine reflektierte Ablehnung der Grundannahmen der Schulmedizin, sondern häufiger negative Erfahrungen im Arztkontakt oder auch Erfahrungen mit eingenommenen Medikamenten, die nur unzureichend wirkten, dafür aber zahlreiche Nebenwirkungen hervorriefen. So wird in einem ersten Schritt zunächst auf Schulmedizin verzichtet, beispielsweise auf Vorsorgeuntersuchungen oder kurative Chemotherapien, und dann in einem zweiten Schritt eine alternative Behandlungsmethode (durch Internet-Recherche oder persönliche Weiterempfehlung) gesucht. Der oftmals als sehr hoch empfundene eigene Leidensdruck ist dabei ein Faktor, der eine objektive Einschätzung der alternativen Methode erschwert und eine hohe Bereitschaft bewirkt, auch ungewöhnliche, wenig erforschte Ansätze in Betracht zu ziehen.
Von der Laienätiologie abzugrenzen sind nicht-naturwissenschaftliche Erklärungsansätze, die monokausal arbeiten. Das bedeutet, dass sämtliche unterschiedliche Beschwerden und Symptomkomplexe auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden. Der Klassiker hierfür ist die Ernährung. Für die unterschiedlichsten Beschwerden wird eine falsche Ernährung als Ursache angeführt. Zum Beispiel werde der Mensch durch eine falsche Ernährung übersäuert, wodurch dann entsprechende Symptome aufträten. Die monokausalen Erklärungsansätze simplifizieren die hochkomplexe Welt des menschlichen Körpers und kreieren so eine vermeintlich einfache Lösung.
Ein weiterer großer Bereich alternativer Erklärungen von somatischen und psychischen Beschwerden, die sich bewusst von einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise distanzieren, sind metaphysische Erklärungsansätze. Hierzu zählen unter anderem die Homöopathie und die Anthroposophie, die Erkrankungen als Energiestörung deuten, und viele weitere. Die Gedankengebäude der metaphysischen Erklärungsansätze widersprechen biblischen Grundaussagen. Unter Berufung auf andere Kräfte (in der Homöopathie die vis vitalis) oder Seins-Zustände (in der Anthroposophie die sogenannten Wesensglieder) werden immaterielle Wirkprinzipien aufgerufen, die nicht mit dem biblischen Verständnis von der Zweiteilung der Welt zwischen Schöpfer und Geschöpf vereinbar sind. Die biblische Lehre von der geschaffenen unsichtbaren Welt kennt neben den Engel- und Dämonenwesen keinen dritten Bereich.

Fazit

Ist die Schulmedizin angesichts dieser beschriebenen Vertrauenskrise also reformbedürftig oder vielleicht sogar bereits überholt? Wir haben im Verlauf feststellen können, dass die naturwissenschaftliche Methodik auf biblischen Grundprinzipien basiert.
Die Schulmedizin ist die einzige Denkrichtung innerhalb der
Medizin, die im Sinne der ausgeführten biblisch begründeten Grundannahmen arbeitet.
Sie ist dennoch wenig überraschend äußerst fehleranfällig und damit auf ständige Korrektur angewiesen. Entsprechend sollten wir keine falschen und zu hohen
Erwartungen an sie haben. Und doch sind die Grundannahmen der Schulmedizin der beste Weg, um in einer Welt, die von Sünde, Leid, Krankheit und begrenztem Wissen gezeichnet ist, den Leib des Menschen zu versorgen und zu behandeln. Auch innerhalb der Schulmedizin müssen die Kosten der Nebenwirkungen und der Nutzen der Behandlung immer wieder gut abgewogen und überdacht werden – hier gibt es keine leichten Patentantworten. Sich als Folge der eigenen frustrierenden Erfahrungen im Bereich der Schulmedizin den beschriebenen alternativen Behandlungsmethoden unhinterfragt auszusetzen, ist jedoch für Christen keine Lösung. Wie dargelegt wurde, sind hier oftmals bereits die Grundannahmen fehlgeleitet und gegen die Bibel gerichtet, sodass sie von vornherein abzulehnen sind.
Auch in der Schulmedizin wird es immer Grenzen und Fragestellungen geben, die nicht einfach aufzulösen sind. Leider steht die tägliche medizinische Praxis in großen Interessenskonflikten. Der Arzt steht durch die zunehmende Ökonomisierung unter ständigem wirtschaftlichem Druck. Durch die zunehmende Spezialisierung hat er sich vielfach von einem empathischen Begleiter zu einem Dienstleister gewandelt. Eine weitere grundsätzliche Grenze der Schulmedizin besteht darin, dass sie keine validen Antworten auf seelische Nöte geben kann. Die unsichtbare Seele lässt sich nicht naturwissenschaftlich erfassen. Woher kommt das Leid? Was kommt nach dem Tod? In welcher Relation steht der Mensch zu seinem Schöpfer? Diese Fragen sind dem naturwissenschaftlichen Zugang prinzipiell verwehrt, da sie sich auf Fragen des immateriellen Menschen beziehen. Wer auf diese Fragen echte Antworten in medizinischen Lehrwerken sucht, wird enttäuscht werden. Wer sie jedoch bei dem sucht, der den Leib und die Seele ins Dasein gerufen hat, wird fündig werden. Jeder Körper wird einmal aufhören zu leben, keine medizinische Intervention kann den Tod endgültig aufhalten. Aber es gibt Hoffnung. Jesus verheißt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Johannes 11,25) Darin liegt die große Chance von Christen im Gesundheitswesen. Sie sehen den Menschen in seiner gesamten Dimension, in seiner leiblichen und seiner seelischen. Nicht nur die leiblichen Nöte, sondern auch und vor allem die seelischen wollen in den Blick genommen werden.

[1] Vgl. https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fuenf-gruende-die-rki-files-nicht-zu-ignorieren/ abgerufen am 21.07.2025
[2] Vgl. https://www.die-tagespost.de/leben/familie/kritik-an-neuer-transgender-leitlinie-art-261407 abgerufen am 21.07.2025 Zur inhaltlichen Auseinandersetzung u. a. zum Thema Pubertätsblocker s. den Artikel „Kein Weg zurück!“ auf Seite 39 in dieser CDK-Magazin Ausgabe
[3] Hinzu kommt die sich aktuell zuspitzende Problematik der Ökonomisierung und der Kassenfinanzierung, die ebenfalls ein wichtiger Faktor ist, jedoch nicht Gegenstand dieses Artikels sein soll und an anderer Stelle weiter zu behandeln ist.
[4] Hans Joachim Sötrig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer. 6. Auflage 2011. S. 317.
[5] Ebd. S. 320.
[6] Zitiert und übersetzt in Birkett, Kirsten: Das Verhältnis von Reformation und Wissenschaft. Konkurrenz oder Symbiose? https://www.iguw.de/textsammlung/2017/das-verhaeltnis-von-reformation-und-wissenschaft/ abgerufen am 20.05.25; S. 8.
[7] Damit sind kausalanalytische Grundannahmen gemeint.
[8] Vgl. Jason Lisle: Eine Frage der Logik und die Frage nach dem Ursprung. Bielefeld: CLV. 2022. S. 83ff.
[9] Hans Joachim Sötrig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer. 6. Auflage 2011. S. 320
[10] Ebd. S. 348.
[11] William Osler, Aequanimitas (1904), zitiert in: Harvey Cushing, The Life of Sir William Osler (1925), und zitiert von Kenneth M. Ludmerer, Time to Heal: American Medical Education from the Turn of the Century to the Era of Managed Care (1999).
[12] Hierzu gehören unter anderem eine hohe Probandenzahl, ein hochwertiges Studiendesign (Goldstandard doppelt-verblindet und randomisiert), ein ausreichend langer Beobachtungszeitraum.
[13] Karl R. Popper: Die Logik der Forschung. Tübingen: J. C. B. Mor (Paul Siebeck). 6. Auflage. 1976. S. 15.
[14] Vgl. hier den Artikel „Sauer macht krank?“ auf Seite 26.
[15] s. Artikel „Homöopathie“ auf Seite <?>; zudem https://cdkev.de/alternativmedizin.
[16] Hier sind die somato-physischen Genesen ausgenommen.


Homöopathie – sanfte Medizin

Die Homöopathie ist eine heute weit verbreitete Heilmethode, die dem Spektrum der Alternativmedizin zugerechnet wird. Ihr Ansatz gilt so manchem als harmlos, schonend und doch wirksam. Dabei sind das Wirkprinzip und die Hintergründe dieser Methode vielen Zeitgenossen unbekannt. Von Verfechtern werden oft individuelle positive Erfahrungen als Argument für die Homöopathie angeführt. Gerade der angeblich natürliche und ganzheitliche Ansatz mit wenigen Nebenwirkungen vermag es, Begeisterung zu erwecken.

Ursprung der Homöopathie

Begründet wurde die Homöopathie von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843). Neben seinem Arztberuf war er als Naturforscher und begabter Übersetzer tätig. Als Arzt kritisierte er zunehmend die Schulmedizin seiner Zeit und entwickelte mit der Homöopathie eine eigene Krankheitslehre. Er nahm die Missstände der damaligen Medizin deutlich wahr und distanzierte sich aus tiefer Unzufriedenheit zunehmend von der Schulmedizin und der Mehrheit seiner Kollegen. Aus heutiger Sicht ist Hahnemanns Kritik an der damaligen ärztlichen Kunst durchaus nachzuvollziehen. Er lebte in einer Zeit, in der die Schulmedizin noch lange nicht so weit fortgeschritten war wie heutzutage. Die ärztlichen Behandlungen jener Zeit bestanden zu großen Teilen aus Aderlässen und anderen ausleitenden Verfahren wie der Gabe von Brech- und Abführmitteln. Das Krankheitsverständnis beruhte noch auf der Lehre der Körpersäfte, die von griechischen Denkern wie Galenos von Pergamon (ungefähr 129–199 n. Chr.) formuliert wurde. Man war der Ansicht, Krankheiten würden durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte wie Blut, Galle oder Schleim entstehen. Die Aufgabe des Arztes war es, dieses angebliche Ungleichgewicht durch Arzneimittel, spezielle Diäten oder chirurgische Maßnahmen wieder auszubalancieren. Oft waren solche Maßnahmen aber eher kontraproduktiv und bewirkten eine Zustandsverschlechterung des Patienten. Beispielsweise führten strenge Diäten zu Schwächezuständen und Aderlässe zu Blutarmut. Nicht wenige fanden durch solche Behandlungen den Tod. Ein prominentes Beispiel hierfür finden wir in Kaiser Leopold II., der nicht zuletzt aus dem Grund starb, weil seine Ärzte ihm vier Mal hintereinander einen Aderlass verordnet hatten. Heute gilt die Körpersäftelehre als überholt und unwissenschaftlich. Seine eigens entworfene Methode der Homöopathie bezeichnete Hahnemann als einzig gültige alternative Heilmethode. Sein Hauptwerk ist das „Organon der Heilkunde“, welches auch heute noch als das Grundlagenwerk der Homöopathie angesehen wird. Obwohl einige Grundprinzipien der Homöopathie in abgewandelter Form schon früher in der Medizingeschichte propagiert wurden, muss Hahnemanns Heilverfahren doch als eigenständige Behandlungsmethode eingeordnet werden.

Grundlagen der Homöopathie

Am Anfang von Hahnemanns Ausführungen steht das Konzept der Lebenskraft. Mit Lebenskraft meint Hahnemann das Innerste des Menschen, das seinen materiellen Körper belebt. Hahnemann hat seine Vorstellung so ausgedrückt: „Während der Gesundheit belebt eine geistartige Kraft (Lebenskraft) den Organismus und hält ihn in harmonischer Ordnung. Ohne diese belebende, geistartige Kraft ist der Organismus tot.“ Laut Hahnemann sorgt die Lebenskraft also für eine Aufrechterhaltung der körperlichen und seelischen Funktionen und der Gesundheit. Im Gegenzug verursache eine gestörte Lebenskraft eine Krankheit. Materielle Ursachen für Krankheiten, beispielsweise auf Molekülebene, lehnt Hahnemann strikt ab. Stattdessen betont er, dass Krankheiten „einzig geistartige (dynamische) Verstimmungen der den Körper bestimmenden Lebenskraft sind.“ Um einen Kranken zu heilen, müsse man zwingend die geistartige Lebenskraft wieder ins Gleichgewicht bringen. Auf der Hypothese, dass Krankheit immer vom geistigen, immateriellen Bereich des Menschen ausgeht und sich dann nach außen ausbreitet, baut auch der Heilansatz der Homöopathie auf. Es ist zu beachten, dass es sich bei der Lebenskraft um ein eigens geschaffenes Konzept Hahnemanns handelt, das sich von der biblischen Sicht auf den Menschen unterscheidet.

Das Simile-Prinzip

Ein grundlegendes Prinzip in der Homöopathie ist das Simile-Prinzip oder auch Ähnlichkeitsprinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man eine Krankheit mit dem Medikament behandeln soll, bei einem gesunden Menschen die gleichen Symptome hervorruft, die im Rahmen der Krankheit auftreten. Dass man Gesundheitsleiden (altgriechisch páthos) mit einer Arznei heilt, welches die gleichen (altgriechisch homóios) Beschwerden wie die Krankheit selbst verursacht, schlägt sich auch im Namen der Homöopathie nieder. Hahnemann entwickelte dieses Prinzip aufgrund eines medizinischen Selbstversuches. Im Jahr 1790 experimentierte er mit Chinarinde. Dieser Baum enthält den Wirkstoff Chinin. Hahnemann sagt über seinen Versuch: „Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedes Mal vier Quäntchen gute China ein; die Füße, die Fingerspitzen und so weiter wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls wurde hart und geschwind.“ Er deutete seine Symptome als Schüttelfrost, Anstieg der Körpertemperatur, Anstieg der Herzfrequenz und somit als typische Fiebersymptomatik. Auch zu damaliger Zeit war jedoch schon bekannt, dass die Chinarinde bei Fieberkranken eingesetzt werden konnte, beispielsweise gegen das Malaria-Wechselfieber. Jahrzehntelang war Chinin sogar Mittel der Wahl gegen Malaria, bis Mitte des letzten Jahrhunderts wirksamere Medikamente verfügbar wurden.
Hahnemann interpretierte seinen Versuch dahingehend, dass das eingenommene Chinin in ihm eine Fieberkrankheit hervorgerufen habe. In Verbindung mit der Beobachtung, dass Fieberkranke hingegen gesunden, wenn sie mit Chinin behandelt werden, formulierte er eine Regel, die er auf alle seine Arzneimittel ausweitete: „Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigener Krankheit. Man […] wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche künstliche Krankheit zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden; Similia similibus (Ähnliches mit Ähnlichem).“ Ein wahres Medikament zeichnet sich Hahnemann zufolge also dadurch aus, dass es einen Krankheitszustand im Patienten auslöst. Dadurch werde die Lebenskraft gezwungen, gegen diesen herbeigeführten Krankheitszustand „eine erhöhte Energie zu richten“, wodurch die ursprüngliche Erkrankung geheilt werde.
In der Praxis angewendet, bedeutet dies, dass ein Patient mit Fieber ein Arzneimittel verabreicht bekommen soll, das bei einem Gesunden Fieber auslöst. Laut Hahnemann war das Chinin. Einem Patienten, der von einer Biene gestochen wurde, wird Bienengift gegeben. Bei jemandem, der nicht schlafen kann und innere Unruhe hat, kommt ein anregendes Mittel zur Anwendung, zum Beispiel Kaffee. An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Hahnemanns Beobachtung so nicht bestätigt werden konnte. Chinin löst im Allgemeinen bei Gesunden nur selten Fieber aus. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass nur eine von 1000 Personen mit fieberähnlichen Symptomen auf Chinin reagiert. Meist handelt es sich hierbei um allergische Reaktionen auf diesen Stoff. Höchstwahrscheinlich war eine allergische Reaktion auf Chinin ebenfalls der Grund für Hahnemanns Symptomkomplex. Es muss Hahnemann zugutegehalten werden, dass er beobachtende Wissenschaft betreiben wollte. Besonders die Prüfung von Arzneimitteln an Gesunden, die damals keinesfalls üblich war, zeugt von Hahnemanns fortschrittlichem Denken und ist heute Standard in klinischen Phase-I-Studien. Allerdings sind die Interpretationen seiner Beobachtungen aus heutiger Sicht nicht nachzuvollziehen. Nach weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich das Simile-Prinzip auch nicht bestätigen.

Die Potenzierung

Es muss klargestellt werden, dass in der Homöopathie Mittel in besonderen Dosierungsformen angewendet werden – und zwar in potenzierter Form. So würden auch homöopathisch tätige Ärzte einem Patienten nicht empfehlen, vor dem Einschlafen einen Kaffee zu trinken, wenn dieser unter Schlaflosigkeit leidet. Man würde auch nicht reines Bienengift verabreichen, um einen Insektenstich zu kurieren. Stattdessen werden vielmehr verdünnte Formen dieser Stoffgemische angewendet. Dabei ist aber wichtig zu verstehen, dass die Homöopathie davon ausgeht, dass Arzneimittel umso stärker wirken, je stärker sie verdünnt werden. Wie bereits erwähnt, war Hahnemann davon überzeugt, dass eine Krankheit nur vollständig geheilt werden könne, wenn man eine Arznei verwende, die eine künstliche, stärkere Krankheitsaffektion im Menschen auslöse. Die zu heilende Krankheit bezeichnet er als schwächere Krankheit, die durch das Medikament künstlich erzeugte Krankheit als stärkere Krankheit: „Eine schwächere dynamische Affektion wird im lebenden Organismus von einer stärkeren dauerhaft ausgelöscht, wenn diese jener sehr ähnlich in ihrer Äußerung ist. So werden auch physische Affektionen und moralische Übel geheilt.“ Laut Hahnemann ist die Wirkpotenz eines homöopathischen Medikamentes umso stärker, je höher es verdünnt wird. Wie nun aber werden homöopathische Arzneien verdünnt? Die Herstellung eines homöopathischen Medikamentes beginnt mit einer sogenannten Urtinktur. Diese kann ein Wirkstoffextrakt pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder ein anorganischer Stoff wie Quecksilber sein. In den nachfolgenden Schritten wird diese Tinktur wiederholt verdünnt. Der Vorgang dieser Verdünnungsschritte wird Potenzierung genannt, da die Wirkpotenz mit jedem Verdünnungsschritt gesteigert werden soll. Üblich sind beispielsweise mehrere Verdünnungsschritte vom jeweiligen Verhältnis 1:10. Dabei wird ein Teil der Tinktur mit neun Teilen eines reinen Lösungsmittels wie Wasser oder Alkohol vermischt. Diese Art der Verdünnung wird aufgrund ihres Aufbaus in Zehnerschritten auch Dezimalverdünnung genannt. Aus dem ersten Verdünnungsschritt ergibt sich die erste Potenzstufe, die dann D1 genannt wird. Um die nächste Potenzstufe D2 zu erreichen, wird ein Teil der Potenz D1 wieder mit neun Teilen reinen Lösungsmittels vermischt. Dieses Prozedere kann etliche Male wiederholt werden, bis man Potenzen wie D30 erhält. Im Laufe seines Lebens arbeitete Hahnemann mit immer größer werdenden Verdünnungsschritten von 1:100 (C-Verdünnung) bis zu 1:50 000 (LM-Verdünnung).
Zur Veranschaulichung der Wirkstoffkonzentrationen der verschiedenen Potenzen kann folgendes Beispiel dienen: Wenn man ein Gramm Kochsalz (also ungefähr einen Teelöffel) im Wasser des Bodensees auflöst, entspricht das bezüglich der Wirkstoffkonzentration in etwa der Potenzierung von D12. Eine Potenz von D20 entspräche der Menge von einem Gramm Kochsalz aufgelöst im Wasser des Atlantiks. Ab einem bestimmten Verdünnungsschritt (D24) ist dann in der Lösung nahezu kein Wirkstoffmolekül mehr vorhanden. Eine Wirkung auf biochemischer Ebene ist spätestens ab diesem Punkt nicht mehr plausibel. Wie oben erwähnt, war es aber auch nicht die Absicht Hahnemanns, eine Heilung auf materieller, stofflicher Ebene herbeizuführen. Vielmehr soll die Heilung auf immaterieller, geistartiger Ebene der vermeintlich gestörten Lebenskraft erfolgen. Entgegen manchen zeitgenössischen Vorstellungen beansprucht die Homöopathie also gar nicht für sich, auf einer nachweisbaren biochemischen Ebene zu wirken.
Hahnemann hat es so ausgedrückt: „Die Lebenskraft kann nur durch geistartige Einwirkung der Arzneien wieder zur Gesundheit hergestellt werden.“
Die einer Arznei innewohnende Kraft muss Hahnemann zufolge erst durch eine bestimmte Prozedur aktiviert werden, die sich Dynamisation nennt. Diese Dynamisation geschieht durch mehrmaliges Verschütteln der Lösung während des Verdünnens, beispielsweise durch das Schlagen auf ein Lederbrett. Der Schritt der Dynamisation sei dabei unabdingbar. Nicht dynamisierte, verdünnte Arzneien sah Hahnemann als wirkungslos an. Moderne Homöopathen sprechen teilweise anstelle von einer geistartigen Kraft eher von Information, die beim Potenzieren übertragen wird. Allerdings gibt es kein nachweisbares Korrelat für diese angeblich durch Verschütteln übertragene Information auf biochemischer Ebene.

Bewertung der Homöopathie

In der Einordnung der homöopathischen Methode sollen im Folgenden zunächst naturwissenschaftliche Aspekte und Argumente betrachtet werden. Zuerst muss klargestellt werden, dass es sich bei der Homöopathie nicht um eine naturheilkundliche Medizin handelt, da sie auf einem geistartigen Wirkprinzip beruht. Naturheilkunde hingegen beruht auf physikalischen Verfahren oder pflanzlichen Wirkstoffen. Ein erster Kritikpunkt betrifft die potenzielle Schädlichkeit mancher homöopathischer Medikamente. Dies betrifft vor allem Mittel, die Schwermetalle wie Quecksilber oder Blei in niedrigen Potenzierungen, also verhältnismäßig hoher Dosierung, enthalten. Die Einnahme von Schwermetallen kann zu ernsthaften Vergiftungen führen.
Ein anderer Aspekt betrifft die Versuche, die Hahnemann an sich selbst und einigen Studenten durchführte. Wie bereits erwähnt, testete Hahnemann seine Medikamente an gesunden Probanden in der Überzeugung, dass die Homöopathika künstliche Krankheiten hervorrufen würden. Nach Einnahme von homöopathischen Medikamenten wurde jedes kleinste Symptom notiert und als Reaktion auf das Medikament gedeutet. Hahnemann war der Überzeugung, dass jedes subjektive Symptom während des Untersuchungszeitraums auf das Medikament zurückzuführen sei. Zu Belladonna (Tollkirsche) hielt Hahnemann ganze 1422 Prüfungssymptome fest. Dabei ging jeder Kopfschmerz, jedes Hautjucken, Gliederzucken oder auch psychische Verstimmung als unmittelbare Arzneimittelwirkung in die Wertung ein. Auf Basis dieser Symptome wurden dann die Listen der Krankheiten erstellt, gegen die die Mittel wirken sollen. Dass nicht jedes subjektive Empfinden im Untersuchungszeitraum kausal auf die Medikamentengabe zurückzuführen sein muss, ist offenkundig. Eine Versuchsperson Hahnemanns erhielt einmal ein Homöopathikum aus Schwertlilienextrakt und klagte während des Frühstücks über Schmerzen in einem rechtsseitigen, hohlen Zahn. Eine Reizung liegt hier als wahrscheinlichste Ursache nahe. Da die Schmerzen aber im Versuchszeitraum auftraten, wurden sie als Arzneiwirkung gedeutet, sodass noch heute in manchen homöopathischen Verzeichnissen die Schwertlilie als besonders rechtsseitig wirksames Medikament, beispielsweise gegen Kopfschmerzen, gilt.
Die Homöopathie differenziert nur unzureichend zwischen verschiedenen körperlichen Ursachen für ein Symptom. So kann Kopfschmerz beispielsweise durch Migräne, Bluthochdruck, eine Hirnhautentzündung oder durch einen Hirntumor bedingt sein. Da die Homöopathie im Kern aber symptomorientiert aufgebaut ist, käme für die verschiedenen Erkrankungen potenziell das gleiche Medikament in Frage, wobei sich die Auswahl eines Homöopathikums im individuellen Fall sehr komplex gestaltet. Obwohl also die klassische Homöopathie beansprucht, den Menschen ganzheitlich mit Körper und Geist behandeln zu können, fragt sie nicht nach der Ursache einer Erkrankung, sondern achtet vielmehr bloß auf Symptomkonstellationen.
Ein weiteres logisches Problem betrifft das Prinzip der Potenzierung. Innerhalb der Homöopathie geht man davon aus, dass nur die eigentlich erwünschte Wirksubstanz bei jedem Verdünnungsschritt potenziert wird. Wirkstofflösungen enthalten aber immer auch kleinste Verunreinigungen, die von Anfang an in viel niedrigeren Konzentrationen vorliegen als die eigentliche Wirksubstanz. Wendet man die Prinzipien der Homöopathie aber konsequent an, dann müsste die Wirkung der Verunreinigungen die der eigentlichen Wirksubstanz deutlich übersteigen, wenn sie mitpotenziert werden.
Es ist zudem zu beachten, dass Homöopathika oft bei Erkrankungen eingesetzt werden, die eine hohe Neigung zur Spontanheilung aufweisen wie Erkältungen, Schlafstörungen oder Beschwerden des Verdauungstrakts. Für die Einordnung von individuellen Berichten über eine homöopathische Heilung ist dies nicht ganz unerheblich.
Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneimitteln untersucht haben. Besonders bedeutsam sind sogenannte Metaanalysen. Bei diesen werden viele einzelne Studien zu einem gemeinsamen Thema analysiert. Diese Studien und Analysen kommen durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einigen Studien haben homöopathische Heilmittel einen signifikanten Effekt für verschiedene Indikationen gezeigt, der über den Placebo-Effekt hinausging., Es ist allerdings oft bemängelt worden, dass Studien zum Thema Homöopathie mit signifikanten Ergebnissen häufig Endpunkte enthielten, die subjektiv und schwer zu quantifizieren waren. Beispielsweise sind Schmerzen, Lebensqualität oder Symptome wie Harndrang Endpunkte, die starken intraindividuellen Schwankungen unterliegen und von der Tagesform und anderen Faktoren abhängen. Zudem handelt es sich bei vielen Untersuchungen um Studien mit einer relativ kleinen Stichprobengröße und schlechter methodischer Qualität., , Andere Analysen, die homöopathische Medikamente mit schulmedizinischen Arzneien verglichen, kamen zu dem Schluss, dass die Wirkung von Homöopathika maßgeblich auf dem Placebo-Effekt beruht.
Bislang besteht ein großer Mangel an verlässlichen, methodisch korrekten Studien zu homöopathischen Medikamenten. Vom Standpunkt der evidenzbasierten Medizin reichen die Daten aus den vorhandenen Studien zum derzeitigen Zeitpunkt nicht aus, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch in der deutschen Ärzteschaft ist die Homöopathie ein viel diskutiertes Thema. So plädierte der 128. Deutsche Ärztetag im Mai 2024 für eine Streichung der Abrechnungsziffern für homöopathische Leistungen in der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), allerdings nur mit knapper Mehrheit. Auch als Kassenleistung sollen homöopathische Behandlungen nicht mehr zur Abrechnung kommen. Als Begründung wurde vorgebracht, dass eine Anwendung der Homöopathie mit den Prinzipien evidenzbasierter Medizin nicht vereinbar sei.
Eine alleinige medizinisch-naturwissenschaftliche Bewertung der Homöopathie greift jedoch zu kurz, da wissenschaftliche Maßstäbe für Hahnemann zweitrangig waren. Für ihn war, wie für viele Menschen heutzutage, vor allem der therapeutische Erfolg von Bedeutung.
Der Bibel nach kann Heilung entweder durch den Gebrauch von Heilmitteln geschehen, die auf naturwissenschaftlichen Prinzipien (Jesaja 1,6; Jeremia 8,22; Lukas 10,34) beruhen, oder aber durch das direkte Eingreifen Gottes in seine Schöpfung (Lukas 4,39; 5,12–13). Die Bibel macht außerdem deutlich, dass nicht nur Gott übernatürlich in die Gesundheit eingreifen kann, sondern in bedingtem Maße auch böse Mächte Wunder vollbringen können (2. Mose 7–8; Matthäus 7,22; 24,24; 2. Thessalonicher 2,9). Eine auf übernatürlichem Wege entstandene Heilung ist nie ein automatischer Beweis für ein Eingreifen Gottes. Zahlreiche Berichte zeugen von Heilungserfahrungen durch Wege und Methoden, die nicht unter Gottes Legitimation stehen wie zum Beispiel Schmerzfreiheit nach Anwendung schamanischer Bräuche, Reiki oder Yoga. Christen müssen eine Heilung immer nach ihrem Ursprung und dem dahinterstehenden Wirkprinzip beurteilen. Das gilt auch für die Homöopathie. Eine körperliche Heilung durch geistliche beziehungsweise übernatürliche Kräfte darf ein Christ nur von Gott erwarten und nicht von anderen geistlichen Mächten. Obige Ausführungen haben gezeigt, dass die Homöopathie nicht auf den naturwissenschaftlichen Wirkprinzipien, die Gott in seine Schöpfung gelegt hat, basiert. Kann eine Heilung auf naturwissenschaftlicher Ebene weitgehend ausgeschlossen werden, wie dies bei Homöopathika der Fall ist, besteht entweder die Möglichkeit, dass eine Heilung über den Placebo-Effekt oder über die propagierte immaterielle, übernatürliche Wirkung zustande kommt. Es wäre sicher nicht haltbar zu behaupten, dass jemand prompt unter den Einfluss okkulter Mächte gerät, sobald er Homöopathika einnimmt. Eine immaterielle, geistartige Heilung, wie sie der klassischen Homöopathie zugrunde liegt, ist aus christlicher Sicht jedoch entschlossen abzulehnen.
Der bedachte Leser sollte argwöhnisch werden ob des Absolutheitsanspruchs Hahnemanns für seine Heil­methode, nannte er sie doch sogar „göttlich“. Hinter Hahnemanns Gottesvorstellung verbirgt sich allerdings nicht der Gott der Bibel, sondern eher ein deistischer, mystischer Gott, den er als Mittel zum Zweck für eigene intellektuelle Erleuchtung versteht. Mit dem christlichen Glauben konnte er nicht viel anfangen, hat er doch Jesus einmal als den „Erzschwärmer“ bezeichnet. Er kam zudem früh mit der Bewegung der Freimaurer in Kontakt und war ein glühender Verehrer von fernöstlicher Philosophie, besonders von Konfuzius. Und auch wenn man die Homöopathie nicht als „konfuzianistische Medizin“ darstellen kann, prägte dieser Einfluss nachweislich Hahnemanns Denken. Beispielsweise gab es schon in der alten chinesischen Medizin eine Art Simile-Prinzip: Man solle Krankheiten des Gehirns mit Walnüssen behandeln, da die Oberfläche des Gehirns der Walnuss ähnele. Für eine biblische Bewertung muss daher berücksichtigt werden, dass die Homöopathie eine Heilmethode ist, die auf anderen Grundannahmen beruht als auf dem biblischen Menschenbild. Es liegt nahe, dass Hilfesuchende bewusst oder unbewusst mit der Philosophie der Homöopathie in Berührung kommen und davon beeinflusst werden. Eine mögliche Gefahr der Homöopathie liegt sicherlich in der schleichenden Übernahme des zugrundeliegenden Gedankengutes und einer sich entwickelnden Akzeptanz für spirituelle Wirkprinzipien. So hat beispielsweise Patric Warten in einer Umfrage unter christlichen Ärzten festgestellt, dass viele über die Jahre die Idee von einer geistartigen Heilung übernommen hatten. An dieser Tatsache lässt sich erkennen, dass die homöopathische Methode Patienten sowie Ärzte vom christlichen Krankheits- und Glaubensverständnis wegführen kann. Wenn Christen sich auf eine solche geistartige Heilung berufen, handeln sie im Widerspruch zu Gottes Maßstäben von Heilung. Aus den obigen Darstellungen lässt sich für Christen keine Empfehlung für homöopathische Medikamente aussprechen, vielmehr deutlich davon abraten.

Foto von Nataliya Vaitkevich: https://www.pexels.com/de-de/foto/blumen-medizinisch-wissenschaft-behandlung-7526061/

[1]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 135, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[2]Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte, Medizingeschichte – Eine Einführung, S. 66, 2. Auflage, Böhlau Verlag, Köln, 2014
[3]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 7, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[4]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 133, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[5]Ebd., S. 8
[6]Ebd., S. 3
[7]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 19, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[8]Ebd., S. 22
[9]Jutta Hermann, Chinarinde – Eine historische Reise um die Erde, abrufbar unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-18-2001/, zuletzt abgerufen am 12.05.2025
[10]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 20, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[11]Ebd., S. 22
[12]Klaus Stemmler, Homöopathie – Religion der sanften Macht, S. 80, 2. Auflage, Verlag 7000, Marienheide,1996
[13]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 108, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[14]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 9, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[15]Klaus Stemmler, Homöopathie – Religion der sanften Macht, S. 74, 2. Auflage, Verlag 7000, Marienheide,1996
[16]Ebd., S. 75; Ulrike Schlüter, Iris versicolor in der Homöopathie, abrufbar unter: https://www.hallo-homoeopathie.de/mittel/iris-versicolor, zuletzt abgerufen am 15.05.2025
[17]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 79, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[18]Ebd., S. 87
[19]Hamre HJ, Glockmann A, von Ammon K, Riley DS, Kiene H. Efficacy of homoeopathic treatment: Systematic review of meta-analyses of randomised placebo-controlled homoeopathy trials for any indication. Syst Rev. 2023 Oct 7;12(1):191. doi: 10.1186/s13643-023-02313-2. PMID: 37805577; PMCID: PMC10559431
[20]Ghosh P, Ganguly S, Mukherjee SK, Dutta S, Shaikh AR, Ali SS, Singh NK, Bhattacharya P, Koley M, Saha S. Individualized Homeopathic Medicines in Treatment of Hyperuricemia: Evaluation by Double-Blind, Randomized, Placebo-Controlled Trial. Homeopathy. 2023 May;112(2):85-96. doi: 10.1055/s-0042-1751272. Epub 2022 Sep 19. PMID: 36122588
[21]Chattopadhyay A, Koley M, Saha S. Clinical trials of homeopathy in urological disorders: a systematic review. J Complement Integr Med. 2020 Jul 14;18(1):23-28. doi: 10.1515/jcim-2020-0068. PMID: 32663171
[22]Wagenknecht A, Dörfler J, Freuding M, Josfeld L, Huebner J. Homeopathy effects in patients during oncological treatment: a systematic review. J Cancer Res Clin Oncol. 2023 May;149(5):1785-1810. doi: 10.1007/s00432-022-04054-6. Epub 2022 Jun 22. PMID: 35731274; PMCID: PMC10097733
[23]Merrell WC, Shalts E. Homeopathy. Med Clin North Am. 2002 Jan;86(1):47-62. doi: 10.1016/s0025-7125(03)00071-3. PMID: 11795090
[24]Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet. 2005 Aug 27-Sep 2;366(9487):726-32. doi: 10.1016/S0140-6736(05)67177-2. PMID: 16125589
[25]Ärzteblatt, Ärztetag plädiert für Einschränkung der Homöopathie, abrufbar unter:
https://www.aerzteblatt.de/news/aerztetag-plaediert-fuer-einschraenkung-der-homoeopathie-46b80a4f-43ad-4a14-84a9-dfdbcdd213a1, zuletzt abgerufen am 18.07.2025
[26]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 78, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[27]Els Nannen, Akupunktur aus wissenschaftlicher und biblischer Sicht, S. 15., CDK e.V., 1996
[28]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 133, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[29]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 36, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[30]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 91, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[31]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 39, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[32]Patric Warten, Naturheilverfahren biblisch hinterfragt, S. 54, Rechte beim Verfasser, 1. Auflage, Oberstenfeld, 2013


Verstrahlt oder verunsichert?

Verstrahlt oder verunsichert?

„Was elektromagnetische Strahlung mit uns macht – und was wir daraus machen“

Im südöstlichen Frankreich gelegenen Departement Drôme scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch im bergigen Osten des verschlafenen Departements hat sich eine eigentümliche Gemeinschaft gebildet. Mitten im Wald leben in Zelten und Wohnwägen etwa ein Dutzend Menschen völlig abgeschottet vom Rest der Zivilisation. Jean Revillard hat die Gruppe in seinem Fotoprojekt „Ondes“ thematisiert. Zu ihrer Ausrüstung gehören weder Telefon noch Kühlschrank. Sie besitzen keinen Zugang zum Internet und wärmen das Essen des letzten Tages nicht in der Mikrowelle auf. Spartanisch, möchte man meinen, doch das Exildasein dieser Gruppe, von denen es in den Alpes-Maritimes noch einige weitere mit etwa 50 Bewohnern geben soll, ist eine Flucht vor quälenden Symptomen. All diese Menschen bezeichnen sich als elektrosensibel, berichten also, auf die elektromagnetische Strahlung ihrer Umwelt so heftig zu reagieren, dass die normale gesellschaftliche Teilhabe nicht mehr möglich ist. Strombetriebene Geräte sollen für den sogenannten schädlichen Elektrosmog verantwortlich sein. Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt die Zahl Elektrosensibler auf etwa ein Prozent der Bevölkerung[i], wobei die Ausprägung der Symptome und der Leidensdruck ein großes Spektrum darstellen. Die Erhebung dieser Zahl basiert vor allem auf subjektiven Angaben – wie stark jemand Symptome erlebt, ist schwer objektivierbar.

Alles strahlt

Das Beispiel aus Drôme verdeutlicht: Elektrosensibilität kann Menschen derart belasten, dass sie sich selbst grundlegender Annehmlichkeiten, wie der Elektrizität, völlig entziehen. Doch bevor wir uns den möglichen Ursachen der Elektrosensibilität zuwenden, lohnt es sich, kurz zu verstehen, was Elektrosmog eigentlich ist und wie Strahlung grundsätzlich wirkt. Elektromagnetische Strahlung (EMS) gehört ganz natürlich zu unserer Umwelt und ist auch aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Es handelt sich um eine Form der Energie, die sich mit Lichtgeschwindigkeit wellenförmig ausbreitet. Dabei sind masselose Teilchen, sogenannte Photonen, die Energieträger. Eine Unterscheidung der einzelnen Strahlungsarten wird durch die unterschiedlichen Wellenlängen und die Energie der Photonen möglich. Extrem kurzwellige und hochenergetische Strahlung ist dabei besonders gefährlich, da sie direkt schädigenden Einfluss auf das Erbgut haben kann. Deshalb gelten im Zusammenhang mit der Nutzung dieser sogenannten ionisierenden Strahlung, zum Beispiel im Rahmen der Röntgendiagnostik, auch strenge Grenzwerte. Doch nicht alle Strahlungstypen sind ionisierender Natur. Je höher die Wellenlänge und je weniger energetisch das Photon, desto geringer ist der direkt zellschädigende Effekt. Sichtbares Licht hat vor allem eine photochemische Wirkung, verursacht also beispielsweise Sonnenbrände. Alle Strahlungsarten haben auch die Fähigkeit, Stoffe zu erwärmen, wie es sich etwa bei Mikrowellenstrahlung zur Erwärmung von Speisen zunutze gemacht wird. Zu beachten ist ebenso, dass durch entsprechende Schutzmaßnahmen, vor allem Abstand, aber auch Abschirmung und Zeitminimierung, die schädigende Wirkung ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung fast komplett verhindert werden kann. Darüber hinaus besitzt der menschliche Körper ein komplexes Reparaturprogramm für geschädigte Zellen, egal ob durch Erbgut- oder Hitzeeinflüsse.

Harter Weg zu harten Antworten

„Elektrosmog“ bezeichnet meist elektromagnetische Felder großer Wellenlängen und verschiedener Frequenzen – von Hochfrequenz (Mobilfunk, WLAN) bis hin zu Niederfrequenz (Stromleitungen). Elektrosmog umfasst also ausschließlich nicht-ionisierende Strahlung, die wie alle Arten der Strahlung thermische Wirkungen auf den Organismus haben. Die oftmals diffusen Symptome wie Schwitzen, Schwindel, Übelkeit und Schmerzen, die Elektrosensible beschreiben, sollen auf sogenannten athermischen Effekten beruhen, also der nicht erwärmenden Wirkungen von Strahlen. Bezüglich der Existenz athermischer Effekte entbrannten in den letzten Jahrzehnten hitzige Debatten. Postuliert werden hierbei beispielsweise Effekte auf die Melatoninsynthese und -freisetzung, etwa durch Russel J. Reiter[ii] oder Barry W. Wilson[iii]. Aber auch genomschädigende Effekte, wie sie Franz Adlkofer[iv] oder Henry Lai und Narendra Singh[v] beschreiben, sind immer wieder Diskussionsgrund. All diese Effekte treten mit teils erheblicher Latenz nach mehreren Jahren auf. Zu den thermischen und athermischen Wirkungen der EMS existiert eine Fülle an Primärliteratur, die allen voran in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts publiziert wurde und die Regulationsmaßnahmen beim Umgang mit elektromagnetischer Strahlung maßgeblich beeinflusst hat.[vi] Denn eine potenziell schädigende Wirkung der EMS hat auch Konsequenzen für den Bevölkerungsschutz, müssen doch Grenzwerte definiert und Schutzmaßnahmen formuliert werden, wenn ein gefährlicher Einfluss nicht auszuschließen ist.[vii]

Doch eine große Menge an Primärliteratur führt noch längst nicht zum abschließenden Urteil. Jede einzelne Arbeit muss nicht nur in Bezug auf ihr Ergebnis, sondern auch auf ihre Fragestellung, die Methodik, ihren Umfang, ihre Aussagekraft und ihre Reproduzierbarkeit hin bewertet werden. Den Goldstandard stellen hier hochwertige randomisierte kontrollierte Studien dar. Nur ist die Durchführung dieser Studien extrem aufwendig und auch ethisch nicht vertretbar. Wie randomisiert und verblindet man beispielsweise Menschen bezüglich ihrer Strahlenbelastung? Die Effektgruppe kann unmöglich sozial abgeschnitten in einem Funkloch isoliert werden. Ist es legitim die Probanden potenziell gesundheitsschädigenden Bestrahlungen auszusetzen? Auch das ist nicht vertretbar. Also muss man auf andere Studiendesigns zurückgreifen, die in ihrer Aussagekraft eingeschränkt sind. Studien können von verschiedenen zeitlichen Beobachtungsstandpunkten aus konzipiert werden und bestimmte Sachverhalte an unterschiedlichen Orten analysieren. In prospektiven Studien untersucht man einen Zeitraum, der in der Zukunft liegt. Sie eignen sich schlechter für das Untersuchen seltener Erkrankungen, wie sie in der Diskussion um EMS oft thematisiert werden. Bei retrospektiven Analysen wird auf bereits vorhandene Datenmengen zurückgegriffen, die rückblickend analysiert werden. Leider neigen sie zur Anfälligkeit für unbekannte Störfaktoren. Dies sind jegliche Einflüsse, unter denen die Probanden während des Beobachtungszeitraumes standen und sie können im Nachhinein nicht mehr herausgefiltert werden. In der Elektrosmog-Thematik wären dies beispielsweise die unterschiedliche natürliche Strahlenexposition sowie eine gegebenenfalls berufliche Strahlenexposition, die nicht mehr quantifiziert werden können. Außerdem zeigen Studienergebnisse, die in Tierversuchen gewonnen wurden, oft eine mangelnde Übertragbarkeit auf die menschliche Physiologie. Die vorliegenden Studien müssen also kritisch und im Dialog gelesen und gewertet werden und die Ergebnisse müssen reproduzierbar sein. Bloß weil eine Studie eine Korrelation, also einen Zusammenhang, feststellt, bedeutet das noch längst keine Kausalität, sprich die gegenseitige ursächliche Bedingung der beobachteten Faktoren. Beispiele zum kritischen Hinterfragen von Studienergebnissen finden sich in der Tabelle unten. Endgültige Antworten sind demnach schwer zu formulieren. Jedoch steht fest: Bis zum heutigen Tage ist die athermische Wirkung niedrigenergetischer elektromagnetischer Strahlung nicht nachgewiesen.[viii] Da es sich aber um eine potenzielle Gesundheitsbedrohung von Millionen von Menschen handelt, werden regelmäßig Grenzwerte zur Nutzungsdauer von und zum Abstand zu elektromagnetischen Strahlungsquellen definiert. Außerdem unterliegt elektromagnetische Strahlung einer kontinuierlichen Risikobewertung, unter anderem durch das nationale Bundesamt für Strahlenschutz oder die Internationale Kommission für den Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung. Die Vorsicht, mit der hier agiert wird, zeigt sich beispielsweise in der von der Internationalen Agentur für Krebsforschung vorgenommenen Einstufung von EMS als „potenziell krebserregend für Menschen“ (Gruppe 2b). Diese Einstufung stützt sich auf eine limitierte Beweislage der Karzinogenität beim Menschen und eine nicht als ausreichend zu bezeichnende Förderung der Tumorentwicklung im Tiermodell.[ix] In derselben Gruppe finden sich, nebenbei bemerkt, auch Nickel, Aloe Vera, Abgase von Benzin-Motoren und nach asiatischer Art fermentiertes Gemüse. Auch Kaffee wurde zum Zeitpunkt der Einstufung 2011 noch als potenziell krebserregend eingeordnet, ist aber inzwischen durch weitere Forschung in dieser Hinsicht rehabilitiert. Und auch bezüglich elektromagnetischer Strahlung sind seit der Erstklassifizierung viele neue Bestätigungsstudien erschienen. Eine Reevaluation ist in den nächsten Jahren zu erwarten.

Furcht und Finanzen

Während also in Bezug auf die Wissenschaft ein fortwährend abwägender und vorsorglicher Weg eingeschlagen wird, scheint die Angelegenheit für manche Blogschreiber, wie etwa auf der einladend daherkommenden Website von „diagnose:funk“, deutlich geradliniger: Elektrosmog sei der Auslöser für eine riesige Palette an Symptomen und Erkrankungen. Angefangen bei Krebs sei EMS für Bluthochdruck, ADHS, Depressionen, Impotenz, Multiple Sklerose, Tinnitus und frühzeitige Geburten verantwortlich. Nicht selten finden sich in der Websuche auch grauenvolle Darstellungen in Bild und herzzerreißende Krankheitsgeschichten in Wort wieder, etwa bei dem amerikanischen Truther David Dees. Betroffene berichten von schicksalshaften Tumorerkrankungen bei Kindern nach der Installation eines Funkmastes und manch einen Elektrosensiblen treibt die EMS bis zum Suizidversuch. Doch die Lösung findet sich für die meisten Betroffenen nicht wie bei den Exilanten von Drôme im Rückzug in die Natur. Das erkennen auch die vielen einschlägigen Websites an. Um diesen Spagat zwischen sozialer Teilhabe mit dem Komfort der EMS-emittierenden Geräte und der geschürten Angst zu bewältigen, findet sich ein ebenso vielfältiges Angebot an Schutzartikeln – manchmal sogar im websiteeigenen Shop: ein Entstörungsaufkleber für digitale Harmonie – 23 € pro elektrisches Gerät, ein stylischer Abschirm-Ring rabattiert für nur 164 €, sogar mit der Möglichkeit für Ratenzahlung, oder für den Komplettschutz eine mit 24 Karat beschichtete und mit Edelsteinen ausgestattete Eliminationsstation für das ganze Haus, die eine „vielschichtige transformatorische Entgiftung“ ermöglicht und zum schlappen Preis von 5 100 € zu haben ist. Häufig anzutreffende Baubiologen arbeiten mit fragwürdigen Messgeräten und raten zu oftmals kostspieligen Umbaumaßnahmen. Ein physikalisch begründetes Wirkprinzip findet man bei all diesen Gerätschaften nicht. Vielmehr soll man sich auf die wagen Formulierungen, esoterisch anmutende Erklärungen und höchst zufriedene Kundenstimmen verlassen. Für die Produzenten und Vertreiber solcher Produkte sind Menschen mit Angst und Beschwerden in Bezug auf elektromagnetische Strahlung nur eines – ein profitables Geschäft.

Sensibel sein – sensibel bleiben?

Welche Möglichkeiten gibt es also, um in diesen belastenden Situationen Hilfe zu erfahren und zu geben? Zunächst müssen Betroffene von Elektrosensibilität ernst genommen werden. Die Symptome, die sie äußern, sind oft sehr diffus und belastend: Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindel, Schwitzen und Schlafprobleme werden häufig genannt, bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt eines großen Spektrums. Die Exilanten in Drôme zeigen eindrucksvoll, welches Ausmaß die Leiden in seltenen Fällen annehmen können. Um dies zu verhindern, gehört zunächst eine fundierte Befunderhebung und Untersuchung Betroffener dazu. Andere möglicherweise zugrunde liegende körperliche Erkrankungen sollten zunächst ausgeschlossen werden. Des Weiteren müssen Überschneidungen aus dem Formenkreis der psychosomatischen Erkrankungen, sowie die Beeinflussung durch geschürte Ängste mit in Betracht gezogen werden, da auch bei diesen Krankheiten unspezifische, plagende Symptome ein häufiges Merkmal sind. Auch die ehrliche Aufklärung über den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist Teil der Betreuung dieser Patienten. Elektrosensibilität ist aus guten Gründen nicht als selbstständige Erkrankung anerkannt. Bis heute fehlen systematische Beweise, dass Elektrosensible zweifelsfrei elektromagnetische Strahlung identifizieren können. Im Gegenteil – in Übersichtsarbeiten, sogenannten Metaanalysen, die Studien zusammenfassen, konnten keine konstanten Effekte durch EMS bei Elektrosensiblen beobachtet werden[x]. Auch fehlt die physiologische Erklärung zur Wahrnehmung der EMS.

Eine erste Hilfe können beruhigende niederschwellige Basismaßnahmen (WLAN-Router aus dem Schlafzimmer entfernen, Smartphone im anderen Zimmer laden et cetera) sein, auch wenn es für diese keine Evidenz gibt. Sie wirken ausschließlich beruhigend. Außerdem sind die symptomatische Behandlung (beispielsweise Schmerzmittel, Stressreduktion) und die Aufklärung vor allem bezüglich der unbegründeten Ängste vor schädlicher Wirkung und die intensive Begleitung essenziell für den Behandlungserfolg. Letztere muss für Christen im Rahmen einer seelsorgerlichen und gemeindlichen Einbindung erfolgen. Ein Leben, das von Angst und möglicherweise Rückzug geprägt ist, schadet nicht nur der körperlichen und geistigen, sondern auch der geistlichen Gesundheit, indem sie die gemeinschaftliche Auslebung des Glaubens schier verunmöglichen. Eindrücklich ruft der Autor des Hebräerbriefes auf, die gemeinschaftlichen Zusammenkünfte nicht zu versäumen, um gegenseitige Korrektur zu erfahren (Hebräer 10,24-25). Das Schriftzeugnis anerkennt die Ängste, die unser Leben begleiten und zeigt gleichzeitig auf, die Lösung nicht in fadenscheinigen, hochpreisigen Präventionsartikeln oder sozialer Absonderung zu suchen, sondern in dem, der gemäß Johannes 16,33 „die Welt überwunden hat“. Dieser Sieg über die Macht der Sünde darf uns getrost machen und Frieden schenken in den Ängsten, die jeden Einzelnen ganz individuell beschäftigen – auch bezüglich elektromagnetischer Strahlung.

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Quellen-Nachweis

[i] http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0221-201108036032 S. 58, letzter Zugriff am 20.07.2025

[ii] Reiter, R.J. (1995): Reported biological consequences related to the suppression of melatonin by electric and magnetic field exposure in Integrative Physiological and Behavioral Science

[iii] Wilson B.W., Chess E.K., Anderson L.E. (1986): 60-Hz electric-field effects on pineal melatonin rhythms: time course for onset and recovery in Bioelectromagnetics

[iv] VerUm-Stiftung (Hrsg.). (2004). Risk Evaluation of Potential Environmental Hazards From Low Energy Electromagnetic Field Exposure Using Sensitive in vitro Methods (REFLEX): Final Report. Europäische Union, 5. Forschungsrahmenprogramm, Vertrag QLK4-CT-1999-01574

[v] Lai, H.; Singh, N.P. (1995): Acute low-intensity microwave exposure increases DNA single-strand breaks in rat brain cells. in Bioelectromagnetics

[vi] Die ICNIRP (International Comission on Non-Ionizing Radiation Protection) veröffentlichte erstmals 1998 Guidelines, auf denen die meisten nationalen und internationalen Grenzwerte basieren. Allen voran wurden hier zunächst die thermischen Effekte einbezogen. In den konstanten Updates werden auch neuere Arbeiten zu sogenannten athermischen Effekten mit einbezogen. Siehe ICNIRP (2020) Guidelines for Limiting Exposure to Electromagnetic Fields (100kHz to 300 GHz) und ICNIRP (2025) Gaps in Knowledge Relevant to the “Guidelines for Limiting Exposure to Electromagnetic Fields (100kHz to 300 GHz)” als kritische in-house Debatte mit den eigenen Richtlinien

[vii] In der 26. Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz ist mehrfach novelliert festgehalten, welche Grenzwerte bei elektromagnetischen Feldern einzuhalten sind. Sie umfassen einen Sicherheitsfaktor von 50. Das bedeutet, dass die niedrigste nachgewiesen schädliche Dosis elektromagnetischer Strahlung noch um das 50-fache unterschritten werden muss.

[viii] Ein zentrales Problem liegt hier in der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Karipidis et al. ist als eine der neuesten Übersichtsarbeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass, auch wenn es Studiendaten zu erhöhten Raten von verschiedenen Tumoren gibt, diese nicht konstant nachweisbar sind. Karipidis et al. (2024) The effect of exposure to radiofrequency fields on cancer risk in the general and working population: a systematic review of human observational studies – Part I: Most researched outcomes. Auch Feychting et al. (2024) in der prospektiven Kohorten-Studie COSMOS sehen aktuell keinen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Krebs-Inzidenz und Handynutzung. Hier reihte sich Anthony Swerdlow bereits 2011mit seiner Übersichtsarbeit ein: Swerdlow et al. (2011) Mobile Phones, Brain Tumors, and the Interphone Study: Where Are We Now? In einer Meta-Analyse, die auch die experimentelle Forschung mit beachtet, kommt Xavier Bosch-Capblanch zu folgendem Resümee: die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass elektromagnetische Strahlung unter den gängigen Grenzwerten keine Symptome hervorrufe. Bosch-Capblanch et al. (2024) The effects of radiofrequency electromagnetic fields exposure on human self-reported symptoms: A systematic review of human experimental studies. Dass solche Grenzwerte in aller Regel eingehalten werden, untersuchte beispielsweise Ramirez-Vazquez et al. (2024) Systematic Review of Exposure Studies to Radiofrequency Electromagnetic Fields: Spot Measurements and Mixed Methodologies

[ix] In diese Einschätzung flossen beispielsweise die INTERPHONE-Studie und die Dänische Kohortenstudie ein, die im Info-Kasten näher beleuchtet werden. Auch die Arbeiten von Lennart Hardell haben die Entscheidung zu dieser Einstufung maßgeblich mit beeinflusst. Siehe hierzu beispielsweise Hardell et al. (2013). Use of mobile phones and cordless phones is associated with increased risk for glioma and acoustic neuroma

[x] Rubin, G. J., Nieto-Hernández, R., & Wessely, S. (2005). Electromagnetic hypersensitivity: a systematic review of provocation studies. Occupational and Environmental Medicine.

Bild von Sergio Cerrato – Italia auf Pixabay


Screentime statt Greentime – der Verlust der spielenden Kindheit und die Folgen

Screentime statt Greentime – der Verlust der spielenden Kindheit und die Folgen

Autoren: Alexander und Liane Blank

Ich (Alexander) war fünf Jahre alt, als ich mit meinem achtjährigen Bruder beim Spielen in Schwierigkeiten geriet. Wir wuchsen im Zentrum einer deutschen Großstadt auf, aber unsere Eltern trauten uns zu, draußen alleine zurechtzukommen. Wir fuhren mit dem Aufzug aus dem Hochhaus in die Fußgängerzone, nahmen die Rolltreppe hinaus aus dem Zentrum, überquerten eine Brücke über den Fluss und dort begann unser Abenteuer. Wir schauten über das Brückengeländer und sahen unten ein dichtes Gebüsch. Es war dunkel und dicht, aber wir entdeckten einen freien Platz, der irgendwie gemütlich wie ein Nest aussah. Also hüpften wir über das Geländer, ließen uns an der Betonwand herunterhängen, ein Sprung und dann saßen wir in unserer „Höhle". Der Bewegungsraum war ziemlich begrenzt und wir hatten nicht darüber nachgedacht, wie wir wieder herauskommen würden. Die Betonwand bot keinen Halt und das Gebüsch war zu dicht und stachelig, um hindurch zu klettern. Also machte ich eine Räuberleiter und schob meinen Bruder hoch. Er konnte nach dem Geländer greifen und sich hochziehen. Er war wieder auf der Brücke, aber ich saß fest. Mein Bruder lief nach Hause und holte unseren Vater zu Hilfe. Auch über 30 Jahre später erinnere ich mich gut daran, wie ich ununterbrochen nach oben schaute, nur ein kleiner Fleck Himmel über mir, und auf Rettung wartete.

1. Vom Spielen zum Glotzen

Eine Kindheit, wie wir sie in den 90er Jahren erlebten, ist heutzutage für die meisten Kinder in Städten und Vororten sehr weit von der Realität entfernt. Eltern bevorzugen es, ihre Kinder in professionelle Obhut zu geben oder zu Hause mit digitalen Medien zu beschäftigen. Im letzten Jahrzehnt haben Gesundheit und Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen in fast allen Bereichen abgenommen. Das Übergewicht hat um 50 % zugenommen. Die psychische Gesundheit der jungen Generation ist so stark beeinträchtigt, dass von einer Krise gesprochen wird: Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) werden häufiger diagnostiziert, Ängstlichkeit und die Suizidrate bei Jugendlichen steigen an. Depressionen haben sich bei 15- bis 19-Jährigen in Deutschland im Zeitraum von 2009 bis 2017 verdoppelt. Auch die kognitiven Leistungen sind beeinträchtigt. Der Intelligenzquotient nimmt in den westlichen Staaten ab, und laut PISA-Studie werden Lese- und Rechenfähigkeiten schlechter. Die Ursachen dafür sind bisher nicht vollständig verstanden, aber da diese Entwicklungen so rasant voranschreiten, geraten Umweltfaktoren der letzten 10 bis 15 Jahre in den Blick: Das Internet wurde um die Jahrtausendwende für den Normalbenutzer zugänglich, kurz darauf entstanden die großen Social-Media-Plattformen. Das iPhone wurde 2007 vorgestellt, und 2010 wurde die Frontkamera für Selfies eingeführt. Und obwohl die noch jüngeren Kinder meistens kein eigenes Gerät besitzen, sind sie täglich digitalen Medien ausgesetzt. Manche Eltern halten es bereits im Alter von wenigen Monaten für eine gute Idee, ihre Kinder mit Medienkonsum zu beruhigen, oder besser gesagt zu sedieren. Die Sicherheit der Mediennutzung für die physische und psychische Gesundheit sowie die Entwicklung wurde vor der Einführung nicht systematisch oder experimentell untersucht, wie es beispielsweise bei Medikamenten, Chemikalien oder technischen Geräten üblich ist. In den letzten Jahren häufen sich jedoch Hinweise auf negative Folgen.

2. Wieso sind digitale Medien so erfolgreich?

Die ständige Verfügbarkeit eines Geräts in der Hosentasche, das sofort einsatzbereit ist und keine Hürden bei der Nutzung aufweist, ist ein verlockender Grund dafür, dass Eltern es in herausfordernden Situationen als Babysitter verwenden und bereits Säuglingen und Kleinkindern anbieten. Die Wahrnehmung anderer Eindrücke, auch negativer, nimmt messbar ab. In der Medizin wird dieser Effekt beispielsweise genutzt, um Patienten bei schmerzhaften Interventionen abzulenken. Es funktioniert hervorragend als „Stillhalter“. Wird dem Kind der Bildschirm angeboten, können sich die Erwachsenen plötzlich in Ruhe unterhalten. Diese „positiven“ Erfahrungen üben auf beide Seiten, bei Eltern und Kindern, einen starken Wiederholungsreiz aus. Wenn Kinder selbstständig beginnen, mit Smartphones und Tablets zu interagieren, haben sie bei digitalen Geräten ein intensives, unmittelbares Erleben und nur ein geringes Frustrationsrisiko. Während beim Spielen mit Bausteinen der Turm immer wieder bei Ungeschicklichkeit zusammenfällt, rufen die intuitiv gestalteten Basisfunktionen von Smartphone und Tablet schnelle Erfolgserlebnisse hervor. Das digitale Spielen übt einen noch größeren Reiz aus, weil die Erfahrungen von Macht, Schönheit und Größe in der realen Welt in diesem Alter nicht zu erleben sind. Ein behüteter Alltag, der zunehmend als langweilig empfunden wird, wo Kinder natürlicherweise mit Frust, Niedergeschlagenheit und Hilflosigkeit zurechtkommen müssen, ist eine schwache Alternative. Die negativen Gefühle aus der Realität können am digitalen Gerät herabreguliert werden, da großartige Erfahrungen schnell erreicht werden. Unangenehme Dinge werden durch digitales Erleben schnell vergessen gemacht. Dies führt zu selbstverstärkendem Verhalten. Kinder fühlen sich nur noch wohl, wenn sie vor dem Gerät sitzen.

3. Freies und riskantes Spiel ist gesund

In den ersten drei Lebensjahren durchläuft das kindliche Gehirn wesentliche Prozesse der neuronalen Reifung und Strukturierung, die in vielen Bereichen, insbesondere in der sensomotorischen Entwicklung, abgeschlossen werden. Kinder benötigen daher umfassende Gelegenheiten, sich kreativ in der dreidimensionalen Welt zu betätigen und vielfältige reale Erfahrungen mit allen Sinnen zu sammeln. Die Effekte des zunehmenden digitalen Medienkonsums und des Verlusts von freiem Spiel sind schwer voneinander zu trennen, da sie sich gegenseitig bedingen. Unstrukturiertes und unbeaufsichtigtes Spiel wird zusätzlich durch professionelle Betreuung und ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis der Eltern reduziert. Freies Spiel ist jedoch für die Entwicklung von Kindern sowie für ihre körperliche, geistige und soziale Gesundheit essenziell. Der Drang, auf riskante Weise zu spielen, ist für Kinder entscheidend, um Mut, Selbstvertrauen und körperliche Fähigkeiten zu entwickeln. Mit diesem Wissen können sie die Herausforderungen und Notfälle des Lebens meistern. Diese Fähigkeit wird als Resilienz bezeichnet. In den letzten Jahrzehnten wurde Kindern im Westen zunehmend die Freiheit genommen, auf eigene, selbstbestimmte und riskante Weise zu spielen, fernab der Kontrolle durch Erwachsene. Dies liegt zum Teil daran, dass Sicherheitsmaßnahmen darauf abzielen, alle spielbezogenen Verletzungen zu verhindern, anstatt sich auf ernsthafte und tödliche Verletzungen zu konzentrieren. Langfristig sind Kinder jedoch einem größeren Risiko ausgesetzt, wenn wir ihnen riskantes Spiel vorenthalten, als wenn wir es zulassen. Das Verletzungsrisiko unstrukturierten Spiels ist niedriger als bei Sportarten, die von Erwachsenen angeleitet werden, zum Beispiel beim Fußballtraining. Während Eltern, Pädagogen und Ärzte in den letzten Jahren immer mehr und sehr erfolgreiche Regeln zur Risikoreduktion vor Verletzungen eingeführt haben, wurde der Medien- und Onlinebereich, wo es viele Gefahren für Kinder gibt, vernachlässigt. Ein 14-jähriges Mädchen beschrieb im Rückblick ihre unbeaufsichtigte Onlinezeit als Zehnjährige in einem Essay für eine amerikanische Zeitung folgendermaßen: „Wo war meine Mutter? Im Raum nebenan, und sorgte dafür, dass ich täglich neun unterschiedlich gefärbte Früchte und Gemüsesorten aß. Sie war aufmerksam, fast eine Helikoptermutter, aber trotzdem stieß ich im Internet zufällig auf Pornographie. Meine Freunde auch.“ Dies ist ein Beispiel für den beschriebenen Sachverhalt, dass wir unsere Kinder in der realen Welt zu sehr schützen, während wir es online zu wenig tun.

4. Die negativen Effekte von audiovisuellen Medien

Der Unterschied zwischen dem Spielen mit Kameraden und Gegenständen und dem einsamen, unbeweglichen Ansehen von YouTube-Videos im Autoplay-Modus ist enorm. Digitale Medien sind „Erfahrungsblocker“. Selbst wenn Kinder stundenlang gefesselt Filme über Fußball, Fußballer und Fußballtricks ansehen, werden sie dadurch nie das Spielen selbst erlernen. Ein Säugling lernt das Gehen nur durch Übung und nicht am Bildschirm. Für jede Stunde, die ein Kind am Bildschirm verbringt, nimmt seine Interaktion mit Eltern und Geschwistern um circa 1,5 Stunden ab. Offensichtlich benötigt die Verarbeitung des Gesehenen auch Zeit, in der das Kind nicht interagiert. Im Kleinkindalter sind zahlreiche nachteilige Folgen des Konsums von Bildschirmmedien dokumentiert. Kleinkinder können Emotionen schlechter regulieren, neigen zu autistischen Verhaltensweisen und ihre soziale Interaktion ist beeinträchtigt. Das Schlafmuster ist gestört: Widerstand beim Schlafengehen, nächtliches Erwachen und Tagesschläfrigkeit treten häufiger auf. Die Eltern-Kind-Beziehung ist beeinträchtigt und es treten mehr Verhaltensstörungen auf. Kognitive, sprachliche und motorische Verzögerungen bei Kleinkindern hängen signifikant mit der Bildschirmzeit zusammen. Das Vokabular ist geringer und exekutive Funktionen (zum Beispiel Planen und Entscheidungsfindung) bilden sich schlechter aus. Für die Computerspielsucht im Schulalter wird der Grundstein schon im Kleinkindalter gelegt. Auch wird der spätere Schulerfolg negativ beeinflusst und der BMI dieser Kinder ist nachhaltig höher. Außerdem muss die elterliche Seite beachtet werden. Durch die Mediennutzung der Eltern im Beisein der Kinder sinken die Zahl und die Qualität der Interaktionen mit den Kindern, welche die Grundlage für die Sprachentwicklung bilden. Kleinkinder, deren Eltern gestresst sind, nutzen Bildschirmmedien intensiver. Die Kinder lernen hier am Modell. Im Gegensatz zu den negativen Effekten von Bildschirmmedien zeigen zahlreiche Studien positive Effekte des Spiels im Grünen auf die physische und psychische Gesundheit in dieser Altersgruppe. Beispielsweise werden traurige Emotionen, Aggressionen und Unaufmerksamkeit reduziert. Es ist Konsens, dass die Dauer der Bildschirmzeit Auswirkung auf die Kognition hat. Je mehr Zeit mit Bildschirmmedien verbracht wird, desto größer sind die Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung. Bisher ist noch nicht geklärt, ob das Betrachten von Bildschirmen an sich eine direkte schädliche Wirkung hat, oder ob andere wichtige tägliche Aktivitäten wie Schlafen, sportliche Aktivität und soziale Interaktion verdrängt werden, die Bildschirmzeit also als Zeiträuber fungiert. In einigen Studien wurde eine Unterscheidung zwischen sitzendem Verhalten am Bildschirm und sitzendem Verhalten ohne Bildschirm (zum Beispiel Lesen) getroffen, wobei nur das Sitzen am Bildschirm mit psychischen Auffälligkeiten verbunden war. Zusammengefasst spricht vieles dafür, dass es direkte Effekte vom Bildschirmkonsum gibt. Die Auswirkungen auf lebenswichtige Fähigkeiten wie Einfallsreichtum, Handlungskompetenzen, handwerkliches Geschick sowie künstlerische, sportliche und musikalische Fähigkeiten und Neigungen sind derzeit nur schwer abschätzbar. Es ist jedoch zu befürchten, dass diese erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. In der Zusammenstellung der Studienlage bleiben inhaltliche Aspekte, welche durch die Medien transportiert werden, unbeachtet. Viele Medienschaffende richten ihre politischen Botschaften mit Eifer speziell an Kinder, die sich als Heranwachsende in einer besonders sensiblen Phase befinden. Dies spielt beispielsweise bei von Genderdysphorie betroffenen Kindern eine nachgewiesene Rolle. Hierbei sollte der Einfluss von Medien auf die Entwicklung von Überzeugungen und Verhaltensweisen nicht unterschätzt werden.

5. Positive Effekte mit Nebenwirkungen

Aber was ist mit den positiven Effekten? Wie steht es um Lernprogramme und Lernvideos? Es gibt Nachweise, dass altersgerechte, hochwertige Videos das Vokabular und Wissen fördern. Dieser Effekt tritt jedoch erst ab einem Alter von etwa 2,5 Jahren ein und beschränkt sich auf hochwertige Inhalte, die unter elterlicher Begleitung genutzt werden. Die meisten angebotenen Programme sind jedoch stark auf Unterhaltung ausgerichtet und fördern antisoziales und aggressives Verhalten. Für Kinder unter 2,5 Jahren sind keine positiven Effekte von Lernvideos erkennbar. Sie können jedoch davon profitieren, über Videotelefonie Kontakt zu ihren Bezugspersonen zu halten. Jugendliche können durch die Nutzung digitaler Medien Fähigkeiten erlangen, die in ihrem späteren Berufsleben sonst schwerer zu erlernen wären. Beispielsweise zeigt sich ein verbessertes räumliches Verständnis. Dies bietet Chirurgen Vorteile beim Erlernen minimalinvasiver Verfahren, da das Gehirn auf eine gute Koordination von Hand und Bildschirm zurückgreifen kann. Dasselbe gilt auch für Piloten und Architekten. Sehr spezifische Fähigkeiten können an digitalen Geräten gut erlernt werden. Für Kleinkinder, die vor allem mit dem Erlernen von Motorik, Sprache und Verhalten beschäftigt sind, sind dies jedoch keine Bildungsziele, die zu ihren Schlüsselkompetenzen gehören und den Raum für neues Lernen eröffnen. Der Begriff „Medienkompetenz“ wird oft als wichtiger Bildungsbaustein in der modernen Welt propagiert. Er umfasst die Fähigkeit, Medien bewusst und kritisch zu nutzen, zu verstehen und selbst zu gestalten. Doch bei Kleinkindern fehlen die kognitiven Voraussetzungen, um Fiktion von Realität zu unterscheiden und eine kritische Distanz zum Medium zu entwickeln. Das Bedienen eines Touchscreen-Geräts ist keine Medienkompetenz im eigentlichen Sinne. Im Gegenteil, zu frühes Heranführen an digitale Medien kann dazu führen, dass ein tieferes Verständnis ausbleibt.

6. Die Empfehlungen der Fachgesellschaften

Die deutsche AWMF-Leitlinie „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ empfiehlt:11

– Kinder unter drei Jahren sollten von jeglicher passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien ferngehalten werden.
– Wenn Eltern ihre Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren an die Nutzung von Bildschirmmedien heranführen möchten, sollte dies höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen gestattet werden und stets in Anwesenheit der Eltern erfolgen.
– Für Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren sollte die freizeitliche Nutzung von Bildschirmmedien auf höchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen beschränkt sein.
– Bildschirmmedien sollten weder zur Belohnung,
Bestrafung noch zur Beruhigung eingesetzt werden.
– Während des Essens, insbesondere bei gemeinsamen Mahlzeiten, sollten keine Bildschirmmedien genutzt werden und es sollte auch nicht während der Nutzung von Bildschirmmedien gegessen werden.
– Eltern sollten sich für die digitalen Aktivitäten ihrer Kinder interessieren und diese kritisch begleiten. Die Fachgesellschaften aus dem angelsächsischen Raum sind in ihren Empfehlungen etwas liberaler, empfehlen aber, dass Kinder unter zwei Jahren grundsätzlich auf Bildschirme verzichten, und Kinder bis fünf Jahre nur hochwertige pädagogische Programme mit maximaler Dauer von 30 bis 60 Minuten pro Tag nutzen sollten.

Die Canadian Pediatric Society hat im Januar 2024 eine explizite Empfehlung zum riskanten Spiel herausgegeben und benennt dabei folgende Situationen, denen Kinder ausgesetzt werden sollen:12

– Höhe: Klettern, Springen, Balancieren in der Höhe
– Geschwindigkeit: Radfahren mit hoher Geschwindigkeit, Rodeln, Rutschen, Rennen
– Werkzeuge: Überwachte Aktivitäten mit Axt, Säge, Messer, Hammer oder Seilen (zum Beispiel Bau eines Unterschlupfs oder Schnitzen)
– potenziell gefährliche Elemente: Spielen in der Nähe von Feuer oder Wasser
– Raues und turbulentes Spiel: Ringen, spielerische Kämpfe, Fechten mit Stöcken
– Spiel mit Risiko des Verschwindens oder Verlorengehens: Erkunden von Spielplätzen, Nachbarschaften oder Wäldern ohne Aufsicht durch Erwachsene, oder im Fall von Kleinkindern mit begrenzter Aufsicht (zum Beispiel Verstecken hinter Büschen)

7. Unsere Empfehlung für Eltern

Wie lassen sich diese Empfehlungen konkret in den Alltag integrieren? Beginnen Sie mit der Reflexion Ihres eigenen Medienkonsums. Interessieren Sie sich für die Gedanken und Ideen Ihrer Kinder. Schaffen Sie Möglichkeiten zum Erleben von Abenteuern und Unabhängigkeit, zum Beispiel durch das Klettern auf Bäume oder das Schnitzen mit einem Taschenmesser. Wenn bereits eine problematische Mediennutzung vorliegt, schaffen Sie attraktive Alternativen. Klare Familienregeln, die alle Familienmitglieder kennen und einhalten, sind für Kinder leichter zu akzeptieren, als wenn täglich neue Bildschirmzeiten ausdiskutiert werden müssen. Wenn Sie Bildschirmmedien zulassen, setzen Sie sich zu Ihrem Kind und begleiten Sie die Nutzung. Videotelefonate mit Bezugspersonen, wie den Großeltern, oder das Anschauen von Fotos vergangener Ereignisse sind unproblematisch. Aber auch hier sehen wir bei unseren Kindern einen kaum zu sättigenden Hunger. Eine Zeitbegrenzung ist auch bei diesen harmlosen Tätigkeiten sinnvoll. Verwenden Sie Medien nicht als Trost- oder Beruhigungsmittel. Kinder verinnerlichen, dass negative Emotionen mit digitalen Medien in den Hintergrund gedrängt werden können, sollen aber andere Bewältigungsstrategien entwickeln.

8. Fazit

Es besteht in unserer Gesellschaft für Mediennutzung im Kindesalter erstaunlich wenig Problembewusstsein. Die Datenlage ist gerade für das Kleinkindalter eindeutig und die Folgen auf das kindliche Gehirn sind beklemmend. Das Narrativ von früh erlernter Medienkompetenz hält sich aber selbst unter sonst kritischen und reflektierten Eltern aufrecht. Es ist höchste Zeit, dass wir den Wert des freien Spiels wiederentdecken und den Bildschirm gegen das echte Leben eintauschen.

1 Norddeutscher Rundfunk, Krankhaftes Übergewicht bei Kindern nimmt zu. [Online]. Verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/ wissen/gesundheit/kinder-uebergewicht-101.html.
2 Ärzteblatt, Depressionen machen Kindern und Jugendlichen zunehmend zu schaffen. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/105287/Depressionen-machen-Kindern-und-Jugendlichen-zunehmend-zu-schaffen.
3 Deutschlandfunk, Deutsche Schulleistungen sinken weiter. [Online]. Verfügbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/pisa-studie-2022-102.html.
4 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie & KIM-Studie. [Online]. Verfügbar unter: mpfs.de (Zugriff am: 21. Juli 2024).
5 M. Brussoni et al., "What is the Relationship between Risky Outdoor Play and Health in Children? A Systematic Review" (eng), International journal of environmental research and public health, Jg. 12, Nr. 6, S. 6423–6454, 2015, doi: 10.3390/ijerph120606423.
6 J. Haidt, The anxious generation: How the great rewiring of childhood is causing an epidemic of mental illness. New York: Penguin Press, 2024. Inzwischen in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Generation Angst“ erhältlich Online-Ressourcen mit den kollaborativen Reviews zu diesem Buch sind ein wahrer Schatz. Zu finden unter: https://www.anxiousgeneration.com/research/collaborative-review-docs
7 T. K. Oswald, A. R. Rumbold, S. G. E. Kedzior und V. M. Moore, "Psychological impacts of "screen time" and "green time" for children and adolescents: A systematic scoping review" (eng), PloS one, Jg. 15, Nr. 9, e0237725, 2020, doi: 10.1371/journal.pone.0237725.
8 B. Guellai, E. Somogyi, R. Esseily und A. Chopin, "Effects of screen exposure on young children's cognitive development: A review" (eng), Frontiers in psychology, Jg. 13, S. 923370, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.923370.
9 S. P. Suggate und P. Martzog, "Screen-time influences children's mental imagery performance" (eng), Developmental science, Jg. 23, Nr. 6, e12978, 2020, doi: 10.1111/desc.12978).
10 A. Leonhardt, M. Fuchs, M. Gander und K. Sevecke, "Geschlechtsdysphorie in der Adoleszenz: Die Rapid-Onset-Hypothese auf dem Prüfstand" (eng), Neuropsychiatrie: Klinik, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation: Organ der Gesellschaft Österreichischer Nervenärzte und Psychiater, 2024, doi: 10.1007/s40211-024-00500-8.
11 Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend. [Online]. Verfügbar unter: https://leitlinie.bildschirmfrei-bis-3.de/.
12 E. Beaulieu und S. Beno, Healthy childhood development through outdoor risky play: Navigating the balance with injury prevention. [Online]. Verfügbar unter: https://cps.ca/en/documents/position/outdoor-risky-play.


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