Osteopathie im wissenschaftlichen Diskurs
Die Osteopathie erfreut sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und Europa zunehmender Beliebtheit. Während sie von vielen Patienten als sanfte und ganzheitliche Heilmethode geschätzt wird, sehen viele Mediziner die Praxis mit Skepsis. Vor allem der Mangel an standardisierter Ausbildung, die unklare Studienlage und das kommerzielle Potenzial werfen einige kritische Fragen auf. Doch was sind die Ursprünge und Überzeugungen dieses Behandlungskonzeptes?
Historische Entwicklung und Philosophie
Die Osteopathie wurde 1874 von Andrew Taylor Still in den USA begründet. Sie betrachtet den Körper als funktionelle Einheit, in der der körperliche Aufbau (Muskeln, Sehnen, Knochen) und die Funktionen (Beweglichkeit, Durchblutung) untrennbar miteinander verbunden sind. Still entwickelte die Osteopathie als Reaktion auf die damalige medizinische Praxis, die er als ausgebildeter Landarzt als unzureichend empfand. Die damalige Medizin agierte im Sinne der Humorallehre und konnte in vielen Fällen gar nicht oder nur ungenügend Krankheiten heilen und Beschwerden lindern. Meist wurden Aderlässe oder die Einnahme von Mineralien zum Ausgleich der „pathologischen Körperchemie“ empfohlen.
Still hingegen postulierte, dass der Körper nicht auf externe Hilfe angewiesen sei, sondern über Selbstheilungskräfte verfüge. Mit diesen sind geistige Kräfte gemeint, die mittels bestimmter Techniken im Körper mobilisiert werden sollen. Die Osteopathie umfasst in der Lehre von Still manuelle Techniken wie beispielsweise Massagen oder spezielle Handgriffe, die Blockaden lösen sollen. Still war etwa davon überzeugt, dass das Haarwachstum durch Bestreichen der Wirbelsäule angeregt werden kann oder sich Krankheiten wie Diabetes mellitus und Malaria durch Manual-Therapie heilen lassen., Dieser Ansatz, den er als ganzheitlich bezeichnet, unterscheidet sich von der traditionellen Schulmedizin, die kausal und symptomorientiert arbeitet. Still distanzierte sich zeitlebens von Louis Pasteurs und Robert Kochs Forschungen zu Mikroorganismen als Auslöser von Krankheiten. Er vertrat die Ansicht, dass Körpersäfte durch Blockaden an Nerven oder durch anatomische Fehlstellungen in ihrem Fluss gehindert werden. Wenn man diese Blockaden manuell bekämpfe, käme der Körper in seinen gesunden Zustand zurück. Die Osteopathie beansprucht, ganzheitlich vorzugehen und die Behandlung nicht auf einzelne Symptome zu reduzieren. Dass die Schulmedizin lediglich Symptome lindern würde, ist der ihr bis heute entgegengebrachte Vorwurf. Ganzheitlich vorzugehen bedeutet also aus der Sicht des Osteopathen, dass stets der gesamte Körper betrachtet wird, nicht nur das betroffene Areal. Die Ganzheitlichkeit impliziert dabei ein nicht wissenschaftliches Konzept, bei dem der Körper in seinen Strukturen und Funktionen durch „falsche“ Körpersäfte und Blockaden krankhaft verändert sei.
Die Begriffe „Osteopathie“ und „Chiropraktik“ werden oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche therapeutische Ansätze repräsentieren. Die Osteopathie basiert auf der Annahme, dass der Körper in der Lage ist, sich selbst zu heilen. Die Chiropraktik hingegen wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Daniel David Palmer entwickelt und fokussiert sich insbesondere auf Störungen der Wirbelsäule. Obwohl beide Therapieformen manuelle Techniken einsetzen, unterscheiden sie sich in ihrer Philosophie und Methodik. Die Osteopathie verfolgt einen esoterischen Ansatz, während sich die Chiropraktik stärker auf biomechanische Korrekturen konzentriert.
Hohe Nachfrage – trotz geringer wissenschaftlicher Fundierung
In Deutschland haben laut einer Forsa-Umfrage 27 % der Bevölkerung bereits osteopathische Behandlungen in Anspruch genommen, die meisten aufgrund chronischer Rückenschmerzen. Ein Behandlungserfolg über den Placebo-Effekt lässt sich lediglich für Kreuzschmerzen verzeichnen, die jedoch oft nicht somatischer Genese sind. Das bedeutet, dass keine körperliche Ursache hinter den Beschwerden steht, sondern zum Beispiel Stress. Ähnliche Erfolgsraten berichteten Dal Farra et al. in ihrer kontrollierten Studie aus dem Jahr 2021. Für andere Indikationen wie Säuglingskoliken, Asthma oder Migräne ist die Evidenzlage hingegen sehr schwach. Eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration von Franke et al. fand keine ausreichende Evidenz zur Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Säuglingen. Auch ein Review von Guillaud et al. wies auf die geringe methodische Qualität vieler Studien hin. Insbesondere kleine Stichprobengrößen und fehlende Verblindung werden bemängelt.
Patienten erhoffen sich von der Osteopathie vor allem Schmerzlinderung, Verbesserung der Beweglichkeit und eine ganzheitliche Behandlung. Die individuelle Zuwendung und die Zeit, die Osteopathen für ihre Patienten aufbringen, werden dabei oft als besonders positiv wahrgenommen.
Ausbildung und Regulierung – ein zentrales Problem
Im Gegensatz zu approbierten medizinischen Berufen ist der Begriff „Osteopath“ in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Jeder Heilpraktiker oder Physiotherapeut darf sich nach einer Fortbildung als Osteopath bezeichnen. Das Deutsche Ärzteblatt kritisiert in einem Artikel aus dem Jahr 2020 diese rechtliche Grauzone, da Patienten kaum nachvollziehen können, auf welcher Grundlage ihr Behandler arbeitet. Der Berufsverband der Osteopathen Deutschland (VOD) fordert zwar seit Jahren eine staatliche Anerkennung mit standardisierter Ausbildung, bislang jedoch ohne Erfolg. In Ländern wie Frankreich oder Großbritannien ist die Osteopathie hingegen stärker reguliert, was zumindest einen gewissen Qualitätsstandard gewährleistet. Auch die Chiropraktik ist in Deutschland nicht eigenständig gesetzlich geregelt. In anderen Ländern hingegen sehr wohl – dort erfolgt die Ausbildung an medizinischen Hochschulen oder Universitäten mit Abschluss eines Doctor of Chiropractic.
Kommerzialisierung und Fehlanwendungen
Ein weiteres Problem: Die Osteopathie ist ein lukratives Geschäft. Behandlungen kosten zwischen 80 und 150 Euro pro Sitzung, oft werden fünf bis zehn Sitzungen empfohlen – auch ohne klare medizinische Indikation. Private Krankenkassen und einige gesetzliche übernehmen Teile der Kosten, obwohl der Nutzen in vielen Fällen nicht wissenschaftlich belegt ist.
Die Bundesärztekammer warnt wiederholt vor der osteopathisch manipulativen Behandlung bei Kindern, da Risiken wie Frakturen oder neurologische Schäden bei unsachgemäßer Technik auftreten können. Ich selbst kenne mehrere Patienten, die aufgrund mangelnder Fachkenntnis von Osteopathen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Ein Schicksal ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Eine junge Mutter wollte sich beim Chiropraktiker aufgrund ihrer Nackenschmerzen behandeln lassen. Beim „Einrenken“ kam es zu einer Dissektion einer hirnversorgenden Arterie, weshalb die Patientin einen schweren Schlaganfall erlitt und bis heute mit neurologischen Ausfällen zu kämpfen hat.
säkulare Vor- und Nachteile der Osteopathie
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| sanfte, manuelle Behandlungsmethode (im Gegensatz zur Chiropraktik) |
fehlende wissenschaftliche Evidenz für viele Anwendungsgebiete |
| individuelle Betreuung des Patienten | hohe Kosten, oft nicht vollständig von Krankenkassen übernommen |
| viel Zeit pro Behandlungseinheit | Risiko von Fehlbehandlungen |
| keine gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung in Deutschland |
Osteopathie – eine Option für Christen?
Die Bibel warnt deutlich vor Praktiken, die sich auf verborgene „Kräfte“ oder energetische Prinzipien berufen, ohne sich auf Gott zu stützen. Die christliche Ethik verlangt eine kritische Unterscheidung: Unterstützt eine Methode den Heilungsprozess des Individuums auf Grundlage naturwissenschaftlicher Prinzipien oder bewegt sie sich im spirituellen Rahmen, der den Gott der Bibel ausklammert?
In der Bibel ist Heilung letztlich immer Gnade – ein Geschenk Gottes. Jesus heilte Kranke nicht durch Techniken, sondern durch göttliche Autorität. Die Bibel macht deutlich, dass sie medizinische Behandlungen an sich bestätigt. Dort, wo jedoch Heilungskräfte aus dem spirituell-esoterischen Bereich postuliert werden, ist für Christen eine klare Grenze überschritten. Des Weiteren widerspricht der sogenannte ganzheitliche Ansatz der Osteopathie der biblischen Lehre. Die Osteopathie suggeriert, dass Heilung durch Aktivierung verborgener Kräfte erreichbar ist. Das Heilungsverständnis der Homöopathie nach Hahnemann weist an dieser Stelle einige Parallelen auf. Ein solches Verständnis widerspricht dem biblischen Zeugnis. Ganzheitliche Heilung schließt Versöhnung mit Gott, geistliche Erneuerung und Gemeinschaft mit dem Schöpfer ein – nicht nur körperliche Wiederherstellung. Zuletzt haben wir als Christen den Auftrag, für die Wahrheit einzustehen. Auch auf naturwissenschaftlicher Ebene ist das Osteopathie-Konzept nicht schlüssig. Ein Behandlungskonzept, das Krankheit als Blockade von Körpersäften voraussetzt und diese Blockaden durch bestimmte manuelle Techniken lösen will, lässt sich definitiv nicht in die Erkenntnisse der aktuellen naturwissenschaftlichen Forschung einordnen und sollte daher nicht unterstützt werden.
[1] Die Humorallehre versteht sich als medizinisches Behandlungskonzept des 19. Jahrhunderts, bei der man die Entstehung von Krankheit auf eine Dysbalance der körpereigenen Säfte zurückführte.
[2] https://www.rancholoscerritos.org/medicine-and-health-from-the-mid-19th-to-early-20th-century/ zuletzt abgerufen am 21.07.2025
[3] Mit Selbstheilungskräften können einerseits physiologische Vorgänge im Körper beschrieben werden, die jederzeit aktiv sind, um beispielsweise Infektionen zu bekämpfen oder geschädigtes Erbgut zu reparieren. Meist werden jedoch, wie bei der Osteopathie, geistige Kräfte gemeint.
[4] Still, A.T. (1899). The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy.
[5] Andrew Taylor Still: Autobiography of Andrew T. Still: With a history of the discovery and development of the science of osteopathy, together with an account of the founding of the American School of Osteopathy. 1897, S. 181.
[6] Andrew Taylor Still: OSTEOPATHY, Research and Practice. 1910.
[7] Dieser Vorwurf kann bei genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten werden. Ein guter Arzt beachtet die Zusammenhänge unterschiedlicher Körperfunktionen und handelt, wann immer möglich, kausal. Er strebt also danach, die Ursache der Symptome zu finden und zu beheben.
[8] Chila, A.G. (2011). Foundations of Osteopathic Medicine. 3. Auflage.
[9] Gatterman, M.I. (2005). Foundations of Chiropractic. Mosby.
[10] Johnson, C. (2008). Comparing chiropractic and osteopathy: What are the differences?
[11] Forsa-Umfrage im Auftrag des VOD (2018). https://www.osteopathie.de/up/datei/forsa_umfrage_osteopathie_2021.pdf zuletzt abgerufen am 21.07.2025
[12] Licciardone, J.C. et al. (2013). Osteopathic manipulative treatment for low back pain: A systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskelet Disord. 14: 265.
[13] Dal Farra, F. et al. (2021). Osteopathic manipulative treatment in patients with chronic low back pain: A randomized controlled trial. Complement Ther Med. 58:102686.
[14] Franke, H. et al. (2014). Osteopathy for children: A systematic review. Cochrane Database Syst Review.
[15] Guillaud, A. et al. (2016). Osteopathic manipulative treatment for chronic nonspecific low back pain. BMJ Open, 6(5): e010512.
[16] Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin (DGOM). Ausbildungsrichtlinien.
[17] Deutsches Ärzteblatt (2020). Berufsbild Osteopath: Zwischen Anspruch und Realität.
[18] World Federation of Chiropractic (WFC). Educational Guidelines.
[19] Stiftung Warentest (2017). Osteopathie – was bringt sie wirklich?
[20] Bundesärztekammer (2020). Stellungnahme zur Anwendung von OMT.
[21] Eine Dissektion bezeichnet den Einriss einer Schicht der Gefäßwand, weshalb es zur Verlegung und damit zum unterbrochenen Blutfluss im Blutgefäß kommt.
[22] Siehe 5.Mose 18,10–12.
[23] Siehe dazu auch den Artikel „Homöopathie“ auf Seite 05
Ist die Schulmedizin überholt?
Die Ärzteschaft befindet sich spätestens seit den Corona-Maßnahmen in einer Vertrauenskrise. Die Maßnahmen wurden als einzig mögliche und medizinisch untermauerte Vorgehensweise deklariert, die tödliche Erkrankungsverläufe verhindern sollte. Die RKI-Files zeigen, dass die nach außen propagierte medizinische Notwendigkeit und Alternativlosigkeit dieses Vorgehens die Folge politischer Vorgaben war. Einige Mediziner des RKIs waren zu Recht kritisch, leider jedoch auch nicht mutig und entschlossen genug, diese Position öffentlichkeitswirksam zu vertreten.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass dort, wo im Namen medizinischer Rahmenbedingungen mit dem Ziel gehandelt wird, das „Beste für die Gesundheit des Patienten zu bewirken“ nicht unbedingt von medizinisch wissenschaftlichen Grundlagen, sondern höchst politisch motivierten Grundsätzen ausgegangen wird, ist die neue Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter. Viele Länder ziehen beim Einsatz von Pubertätsblockern die Notbremse, indem sie diese entweder verbieten oder zumindest stark einschränken. Sie tun es, weil Studien zeigen, dass die Pubertätsblocker nicht den erhofften positiven Effekt erbrachten. Vielmehr sind sie mit zahlreichen und mutmaßlich unumkehrbaren Nebenwirkungen behaftet. Die deutsche Leitlinie empfiehlt die Pubertätsblocker im Gegensatz zum ausländischen Vorgehen nicht nur an sich als großartige Möglichkeit, Leiden zu lindern. Sie heben sogar jegliche Altersgrenze für deren Einsatz auf. Die Leitlinie liest sich wie ein Echoraum der Genderideologie statt einer klaren medizinisch-naturwissenschaftlichen Empfehlung.
Auch die Erfahrung im Sprechzimmer von Ärzten geht häufig mit dem Erleben einher, als Patient lediglich auf körperliche Symptome reduziert zu werden. Wer beispielsweise über Schlafstörungen klagt, erhält häufig nach kurzer Zeit ein Rezept mit Schlafmedikamenten und allgemeine Ratschläge zur Schlafhygiene, mit denen man die Praxis verlässt. Genauere Ursachen, die zur Schlafstörung führen können, werden selten erörtert. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Beschwerden wird – auch in Anbetracht des Zeitdrucks, unter dem der Arzt zu arbeiten hat – selten angestrebt.
Die Antwort auf diese Entwicklungen in der Medizin besteht mehrfach darin, sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Das Versprechen: Zeitintensive und ganzheitliche Betrachtung der jeweiligen Beschwerden und eine den gesamten Menschen umfassende Therapie. Sind die Grundlagen der Schulmedizin nicht mehr als plausible Erklärungsmuster anzuerkennen und müssten durch einen anderen, ganzheitlicheren medizinischen Ansatz überholt oder ersetzt werden? Dieser Frage soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden. Dazu müssen wir zunächst betrachten, woher der bisherige medizinisch wissenschaftliche Ansatz stammt und worin er ideengeschichtlich seinen Ursprung hat. In einem zweiten Schritt wird dann der Frage nachgegangen, ob sich dieser Grundsatz mit dem biblischen Verständnis von Naturwissenschaft deckt und welche Konsequenzen dies für uns als Christen im Umgang mit Medizin und Alternativmedizin hat.
Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung
Ein Blick in die Ursprünge der naturwissenschaftlichen Forschung gibt erste Antworten auf die Frage, warum wir Medizin so wie bisher betreiben. Der Beginn der naturwissenschaftlich-systematischen Grundlagenforschung fällt in die Zeit der Reformation und des Humanismus. Dieser Zeit war die Forderung des Philosophen Roger Bacon (ca. 1220–1292) vorausgegangen, „nach einer Wissenschaft und Philosophie [zu streben], die sich unter Zurückweisung jeder anderen Autorität allein auf unmittelbare Erfahrung und Beobachtung der Natur gründet, [sie ist] ein Fanfarenstoß, der das gewaltige Drama der Entfaltung moderner abendländischer Naturwissenschaft einleitet.“ Der deutsche Universalforscher, Mathematiker und evangelische Theologe Johannes Kepler (1571–1630) fasst es mit folgender Formel zusammen: „Ubi materia, ibi geometria“ – wo Materie ist, da ist Mathematik und „formuliert damit zum ersten Mal das für alle folgende Naturwissenschaft bestimmende mathematische Erkenntnisideal.“
Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind dann im weiteren Verlauf die Basis für die moderne Medizin.
Was befeuerte die naturwissenschaftliche Forschung ab dem
16. Jahrhundert? Es war die tiefe Überzeugung, dass die Welt durch einen intelligenten und überaus weisen Schöpfer ins Dasein gerufen wurde.
Hinzu kam die Überzeugung, dass es Regelmäßigkeiten und mathematisch erfassbare Gesetzmäßigkeiten zu entdecken gibt. Eine Vielzahl der Forscher war der Ansicht, dass die Natur-Erforschung denjenigen ehrt, der die Schöpfung kreiert hat, nämlich Gott selbst. Der englische Philosoph und Arzt Thomas Browne formuliert es im 17. Jahrhundert folgendermaßen: „Die Weisheit Gottes erfährt geringe Ehre von solch gewöhnlichen Köpfen, die ordinär herumstarren und sich über Seine Werke mit dörflicher Plumpheit wundern: jene aber verherrlichen Ihn, deren besonnene Untersuchung Seiner Taten und bewusste Erforschung Seiner Kreaturen ihm die Pflicht gottesfürchtiger und gebildeter Bewunderung wiederzugeben.“ Genauso, wie die Bibel studiert und verstanden werden kann, so liegt auch das Buch der Natur offen da: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündigt das Werk seiner Hände.“ (Psalm 19,2) Ursache-Wirkungs-Prinzipien hinsichtlich der Erforschung der Natur sind deshalb zielführend, weil Gott die Welt den Gesetzen der Logik folgend erschaffen hat. Die Eigenschaften der Logik sind abstrakt, immateriell, universell, unveränderlich und ausnahmslos. Diese Eigenschaften sind nur unter der Annahme eines ewigen Absolutums möglich. Mit anderen Worten: Logik lässt sich nur begründen, wenn Gott existiert.
Gesetzmäßigkeit bedeutet außerdem Uniformität in der Natur. Weil Gott die Welt in einer geordneten, gesetzmäßigen Weise erschaffen hat, läuft sie nach den immer gleichen Gesetzmäßigkeiten ab und kann daher verstanden und beschrieben werden, ja sogar vorhergesagt werden. Die Überzeugung, dass alles einer einheitlichen Gesetzmäßigkeit gehorcht, bewegte beispielsweise Johannes Kepler „bei allen seinen Entdeckungen, man kann geradezu sagen, dass diese geboren sind aus dem Bestreben, seine metaphysische Überzeugung von der harmonischen Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit alles Geschaffenen exakt zu begründen.“ So nutzte Kepler seine neuesten Erkenntnisse, um zukünftige Planetenkonstellationen exakt vorhersagen zu können.
Zudem unterstützte die wiederentdeckte theologische Erkenntnis, dass der Mensch in Sünde geboren ist, die naturwissenschaftliche Forschung. Sünde bedeutet, dass der Mensch fehlerhaft ist. Er ist für das ewige Leben auf Rettung angewiesen und im alltäglichen Leben bedarf er ständiger Korrektur und Hilfsinstrumente. Wissenschaft war fortan ein ständiges Suchen und Revidieren von Hypothesen, ein Optimieren von Hilfsinstrumenten, ein Verwerfen alter Überzeugungen. Mit diesem erkenntnistheoretischen Hintergrund wurden alte Denkmuster revidiert und unter anderem folgende Theorien entwickelt: Die Erde als Kugel (und nicht als Scheibe), die nicht sichtbare Gravitationskraft nach Newton, die Relativitätstheorie nach Einstein, die Heisenbergsche Unschärferelation, der Welle-Korpuskel-Dualismus des Lichts, das menschliche Genom als komplexe Informationsverarbeitung. Damit waren entscheidende Weichenstellungen für die systematische Erforschung der materiellen Welt gestellt. Francis Bacon (1561–1626) fasst die Arbeitsweise der empirischen Wissenschaft wie folgt zusammen: „Arbeitshypothese als Ausgangspunkt; Sammeln einschlägiger Erfahrung mittels des zweckmäßig angeordneten Experiments; Ziehen der Folgerungen und Formulierungen allgemeiner Sätze, Nachprüfung dieser durch erneute Experimente usw.“ Nachdem wir diese grundsätzlichen Ansätze zur naturwissenschaftlichen Forschung nachvollzogen haben, soll anscheinend gefragt werden, welche weiteren Herausforderungen hinzukommen, wenn der Mensch nun zum Mittelpunkt von wissenschaftlichen Untersuchungen wird.
Grundlagen medizinischer Forschung
Wird die Krone der Schöpfung zum Forschungsobjekt, tun sich einige Herausforderungen auf, die wir in den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern der Physik und Chemie nicht vorfinden. Der Mensch ist mehr als nur Materie und kann nicht im Labor mittels Experiment erforscht werden. Der Mensch ist nach biblischem Zeugnis sowohl Leib als auch Seele, sowohl materiell als auch immateriell. Der sichtbare Leib kann entsprechend seiner Gesetzmäßigkeiten naturwissenschaftlich erforscht werden. Die Pumpleistung des Herzens kann nach physikalischen Grundsätzen erklärt werden. Die Aktivitäten der Neuronen lassen sich elektrisch und chemisch genauer nachvollziehen. Das sich in unseren Genen befindliche hochkomplexe Informationssystem kann ebenso naturwissenschaftlich untersucht werden.
Im Wissen darum, dass der Mensch mehr ist als nur Materie, soll hier bewusst der Bereich der materiellen Seite des Menschen, also sein Körper, ausführlich thematisiert werden. Beispiele für naturwissenschaftliche Erklärungen von somatischen (körperlichen) und somato-psychischen (durch körperliche Ursachen verursachte psychische Erkrankungen) sind Folgende:
- Genetische Erkrankungen (vererbt, erworben)
- Infektionskrankheiten (Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten)
- Autoimmunerkrankungen (Immunsystem richtet sich gegen körpereigene Zellen)
- Mechanische Einwirkungen (Unfälle, Verletzungen)
- Chemische oder physikalische Einwirkungen (Vergiftungen, Verätzungen, Verbrennungen)
- Mangelzustände (Vitamine, Mineralstoffe)
- Degenerative Erkrankungen (Abnutzung von Organen, Zellen)
- Tumorkrankheiten (Zellen entarten und wachsen unkontrolliert)
- Iatrogene Erkrankungen (durch ärztliche Behandlung verursacht)
Die medizinische Forschung unterliegt dabei einigen Besonderheiten, die sie von den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern abgrenzt. Einige Erkenntnisse in der Medizin haben eine kurze Halbwertszeit, die Empfehlungen ändern sich laufend und es kommt zu einer raschen Weiterentwicklung von Medikamenten und Medizintechnik. Der Mediziner William Osler sagte zu seinen Medizinstudenten zugespitzt: „Meine Herren, ich muss ein Geständnis bei Ihnen ablegen. Die Hälfte dessen, was wir Ihnen beigebracht haben, war falsch. Aber wir wissen nicht, welche Hälfte.“ Die kurze Halbwertszeit der medizinischen Erkenntnisse ist zu einem großen Teil durch das Forschungsobjekt bedingt. Der Mensch kann nicht einfach in seine Einzelbestandteile zerlegt und dann erforscht werden. Dies führt dazu, dass bei der medizinischen Forschung und den pharmakologischen Studien unzählig viele Parameter den Ausgang der Ergebnisse beeinflussen können. Während bei einem physikalischen oder chemischen Experiment im Labor die einzelnen Einflussfaktoren gut voneinander getrennt werden können, funktioniert dies beim lebendigen Menschen nicht. Hier spielen unzählige physikalische, chemische, elektrische, biochemische, umweltbedingte Prozesse und Reaktionen hinein, die nicht voneinander separiert werden können. Kurz gesagt, lässt sich der Mensch nicht in ein Reagenzglas stecken. Um dieser Problematik Herr zu werden und dennoch eine möglichst hohe Aussagekraft zu erreichen, ist es wichtig, Studien durchzuführen, die einen hohen Grad an Gewissheit und Vorhersagekraft ermöglichen. Hierfür sind hohe Qualitätsanforderungen einzufordern. Leider erfüllen insgesamt betrachtet nur wenige Studien die hohen Qualitätsanforderungen, die für eine aussagekräftige Ergebnislage nötig wären.
Eine weitere Besonderheit der medizinischen Forschung liegt darin begründet, dass sie von moralischen Leitplanken begrenzt ist. Medizinische Forschung an Kindern, Schwangeren oder Embryonen ist nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Aussagekräftige Studien für dieses Patientenkollektiv lassen sich demnach schwerlich durchführen und finden.
Um eine wissenschaftliche Vorgehensweise in der Medizin zu untermauern, hat sich in der medizinischen Forschung das Prinzip der Falsifikation bewährt. Das Prinzip wurde dank des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper zum Goldstandard. Eine medizinisch-wissenschaftliche These grenzt sich demnach von einer nicht-wissenschaftlichen These dadurch ab, dass sie widerlegbar, also falsifizierbar ist. Ein klassisches Beispiel einer nicht-wissenschaftlichen These ist die psychotherapeutische These, dass „die aktuell empfundene Angst durch eine Kindheit bedingt ist, in der negative Erfahrungen ins Unterbewusstsein verdrängt wurden.“ Diese Aussage lässt sich prinzipiell nicht mittels Untersuchungen oder Studien widerlegen und ist daher nicht falsifizierbar. Die These „das Medikament X senkt den Blutdruck bei regelmäßiger Einnahme um 20mmHg innerhalb von einem Monat“ ist falsifizierbar. Die Falsifizierbarkeit einer These ist das entscheidende Kriterium, um wissenschaftliche von nicht-wissenschaftlichen medizinischen Erklärungen und Therapieansätzen zu unterscheiden.
Alternative Erklärungsansätze
Wer wissenschaftliche Erklärungen von Krankheiten ablehnt, stützt sich häufig auf eigene Erklärungsmuster. Ich nenne sie isolierte Erklärungsansätze, auch Laienätiologie genannt. Dies sind Erklärungen, die jeder für seine eigenen Beschwerden automatisch erstellt, bevor eine reflektierte naturwissenschaftlich fundierte Überprüfung durchgeführt wird. Hierzu gehört beispielsweise die Überzeugung, dass Verdauungsbeschwerden von zu vielen giftigen Lebensmitteln verursacht werden. Oder die Überzeugung, dass Schielen durch eine Fehlstellung der Halswirbelsäule entstehe. Hierfür lässt sich neuroanatomisch keine Erklärung finden.
Die Antwort auf die eingangs erwähnte Vertrauenskrise in Bezug auf die Schulmedizin besteht häufig darin, alternative Behandlungen aufzusuchen. Dahinter steckt selten eine reflektierte Ablehnung der Grundannahmen der Schulmedizin, sondern häufiger negative Erfahrungen im Arztkontakt oder auch Erfahrungen mit eingenommenen Medikamenten, die nur unzureichend wirkten, dafür aber zahlreiche Nebenwirkungen hervorriefen. So wird in einem ersten Schritt zunächst auf Schulmedizin verzichtet, beispielsweise auf Vorsorgeuntersuchungen oder kurative Chemotherapien, und dann in einem zweiten Schritt eine alternative Behandlungsmethode (durch Internet-Recherche oder persönliche Weiterempfehlung) gesucht. Der oftmals als sehr hoch empfundene eigene Leidensdruck ist dabei ein Faktor, der eine objektive Einschätzung der alternativen Methode erschwert und eine hohe Bereitschaft bewirkt, auch ungewöhnliche, wenig erforschte Ansätze in Betracht zu ziehen.
Von der Laienätiologie abzugrenzen sind nicht-naturwissenschaftliche Erklärungsansätze, die monokausal arbeiten. Das bedeutet, dass sämtliche unterschiedliche Beschwerden und Symptomkomplexe auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden. Der Klassiker hierfür ist die Ernährung. Für die unterschiedlichsten Beschwerden wird eine falsche Ernährung als Ursache angeführt. Zum Beispiel werde der Mensch durch eine falsche Ernährung übersäuert, wodurch dann entsprechende Symptome aufträten. Die monokausalen Erklärungsansätze simplifizieren die hochkomplexe Welt des menschlichen Körpers und kreieren so eine vermeintlich einfache Lösung.
Ein weiterer großer Bereich alternativer Erklärungen von somatischen und psychischen Beschwerden, die sich bewusst von einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise distanzieren, sind metaphysische Erklärungsansätze. Hierzu zählen unter anderem die Homöopathie und die Anthroposophie, die Erkrankungen als Energiestörung deuten, und viele weitere. Die Gedankengebäude der metaphysischen Erklärungsansätze widersprechen biblischen Grundaussagen. Unter Berufung auf andere Kräfte (in der Homöopathie die vis vitalis) oder Seins-Zustände (in der Anthroposophie die sogenannten Wesensglieder) werden immaterielle Wirkprinzipien aufgerufen, die nicht mit dem biblischen Verständnis von der Zweiteilung der Welt zwischen Schöpfer und Geschöpf vereinbar sind. Die biblische Lehre von der geschaffenen unsichtbaren Welt kennt neben den Engel- und Dämonenwesen keinen dritten Bereich.
Fazit
Ist die Schulmedizin angesichts dieser beschriebenen Vertrauenskrise also reformbedürftig oder vielleicht sogar bereits überholt? Wir haben im Verlauf feststellen können, dass die naturwissenschaftliche Methodik auf biblischen Grundprinzipien basiert.
Die Schulmedizin ist die einzige Denkrichtung innerhalb der
Medizin, die im Sinne der ausgeführten biblisch begründeten Grundannahmen arbeitet.
Sie ist dennoch wenig überraschend äußerst fehleranfällig und damit auf ständige Korrektur angewiesen. Entsprechend sollten wir keine falschen und zu hohen
Erwartungen an sie haben. Und doch sind die Grundannahmen der Schulmedizin der beste Weg, um in einer Welt, die von Sünde, Leid, Krankheit und begrenztem Wissen gezeichnet ist, den Leib des Menschen zu versorgen und zu behandeln. Auch innerhalb der Schulmedizin müssen die Kosten der Nebenwirkungen und der Nutzen der Behandlung immer wieder gut abgewogen und überdacht werden – hier gibt es keine leichten Patentantworten. Sich als Folge der eigenen frustrierenden Erfahrungen im Bereich der Schulmedizin den beschriebenen alternativen Behandlungsmethoden unhinterfragt auszusetzen, ist jedoch für Christen keine Lösung. Wie dargelegt wurde, sind hier oftmals bereits die Grundannahmen fehlgeleitet und gegen die Bibel gerichtet, sodass sie von vornherein abzulehnen sind.
Auch in der Schulmedizin wird es immer Grenzen und Fragestellungen geben, die nicht einfach aufzulösen sind. Leider steht die tägliche medizinische Praxis in großen Interessenskonflikten. Der Arzt steht durch die zunehmende Ökonomisierung unter ständigem wirtschaftlichem Druck. Durch die zunehmende Spezialisierung hat er sich vielfach von einem empathischen Begleiter zu einem Dienstleister gewandelt. Eine weitere grundsätzliche Grenze der Schulmedizin besteht darin, dass sie keine validen Antworten auf seelische Nöte geben kann. Die unsichtbare Seele lässt sich nicht naturwissenschaftlich erfassen. Woher kommt das Leid? Was kommt nach dem Tod? In welcher Relation steht der Mensch zu seinem Schöpfer? Diese Fragen sind dem naturwissenschaftlichen Zugang prinzipiell verwehrt, da sie sich auf Fragen des immateriellen Menschen beziehen. Wer auf diese Fragen echte Antworten in medizinischen Lehrwerken sucht, wird enttäuscht werden. Wer sie jedoch bei dem sucht, der den Leib und die Seele ins Dasein gerufen hat, wird fündig werden. Jeder Körper wird einmal aufhören zu leben, keine medizinische Intervention kann den Tod endgültig aufhalten. Aber es gibt Hoffnung. Jesus verheißt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Johannes 11,25) Darin liegt die große Chance von Christen im Gesundheitswesen. Sie sehen den Menschen in seiner gesamten Dimension, in seiner leiblichen und seiner seelischen. Nicht nur die leiblichen Nöte, sondern auch und vor allem die seelischen wollen in den Blick genommen werden.
[1] Vgl. https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fuenf-gruende-die-rki-files-nicht-zu-ignorieren/ abgerufen am 21.07.2025
[2] Vgl. https://www.die-tagespost.de/leben/familie/kritik-an-neuer-transgender-leitlinie-art-261407 abgerufen am 21.07.2025 Zur inhaltlichen Auseinandersetzung u. a. zum Thema Pubertätsblocker s. den Artikel „Kein Weg zurück!“ auf Seite 39 in dieser CDK-Magazin Ausgabe
[3] Hinzu kommt die sich aktuell zuspitzende Problematik der Ökonomisierung und der Kassenfinanzierung, die ebenfalls ein wichtiger Faktor ist, jedoch nicht Gegenstand dieses Artikels sein soll und an anderer Stelle weiter zu behandeln ist.
[4] Hans Joachim Sötrig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer. 6. Auflage 2011. S. 317.
[5] Ebd. S. 320.
[6] Zitiert und übersetzt in Birkett, Kirsten: Das Verhältnis von Reformation und Wissenschaft. Konkurrenz oder Symbiose? https://www.iguw.de/textsammlung/2017/das-verhaeltnis-von-reformation-und-wissenschaft/ abgerufen am 20.05.25; S. 8.
[7] Damit sind kausalanalytische Grundannahmen gemeint.
[8] Vgl. Jason Lisle: Eine Frage der Logik und die Frage nach dem Ursprung. Bielefeld: CLV. 2022. S. 83ff.
[9] Hans Joachim Sötrig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer. 6. Auflage 2011. S. 320
[10] Ebd. S. 348.
[11] William Osler, Aequanimitas (1904), zitiert in: Harvey Cushing, The Life of Sir William Osler (1925), und zitiert von Kenneth M. Ludmerer, Time to Heal: American Medical Education from the Turn of the Century to the Era of Managed Care (1999).
[12] Hierzu gehören unter anderem eine hohe Probandenzahl, ein hochwertiges Studiendesign (Goldstandard doppelt-verblindet und randomisiert), ein ausreichend langer Beobachtungszeitraum.
[13] Karl R. Popper: Die Logik der Forschung. Tübingen: J. C. B. Mor (Paul Siebeck). 6. Auflage. 1976. S. 15.
[14] Vgl. hier den Artikel „Sauer macht krank?“ auf Seite 26.
[15] s. Artikel „Homöopathie“ auf Seite <?>; zudem https://cdkev.de/alternativmedizin.
[16] Hier sind die somato-physischen Genesen ausgenommen.
Homöopathie – sanfte Medizin
Die Homöopathie ist eine heute weit verbreitete Heilmethode, die dem Spektrum der Alternativmedizin zugerechnet wird. Ihr Ansatz gilt so manchem als harmlos, schonend und doch wirksam. Dabei sind das Wirkprinzip und die Hintergründe dieser Methode vielen Zeitgenossen unbekannt. Von Verfechtern werden oft individuelle positive Erfahrungen als Argument für die Homöopathie angeführt. Gerade der angeblich natürliche und ganzheitliche Ansatz mit wenigen Nebenwirkungen vermag es, Begeisterung zu erwecken.
Ursprung der Homöopathie
Begründet wurde die Homöopathie von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843). Neben seinem Arztberuf war er als Naturforscher und begabter Übersetzer tätig. Als Arzt kritisierte er zunehmend die Schulmedizin seiner Zeit und entwickelte mit der Homöopathie eine eigene Krankheitslehre. Er nahm die Missstände der damaligen Medizin deutlich wahr und distanzierte sich aus tiefer Unzufriedenheit zunehmend von der Schulmedizin und der Mehrheit seiner Kollegen. Aus heutiger Sicht ist Hahnemanns Kritik an der damaligen ärztlichen Kunst durchaus nachzuvollziehen. Er lebte in einer Zeit, in der die Schulmedizin noch lange nicht so weit fortgeschritten war wie heutzutage. Die ärztlichen Behandlungen jener Zeit bestanden zu großen Teilen aus Aderlässen und anderen ausleitenden Verfahren wie der Gabe von Brech- und Abführmitteln. Das Krankheitsverständnis beruhte noch auf der Lehre der Körpersäfte, die von griechischen Denkern wie Galenos von Pergamon (ungefähr 129–199 n. Chr.) formuliert wurde. Man war der Ansicht, Krankheiten würden durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte wie Blut, Galle oder Schleim entstehen. Die Aufgabe des Arztes war es, dieses angebliche Ungleichgewicht durch Arzneimittel, spezielle Diäten oder chirurgische Maßnahmen wieder auszubalancieren. Oft waren solche Maßnahmen aber eher kontraproduktiv und bewirkten eine Zustandsverschlechterung des Patienten. Beispielsweise führten strenge Diäten zu Schwächezuständen und Aderlässe zu Blutarmut. Nicht wenige fanden durch solche Behandlungen den Tod. Ein prominentes Beispiel hierfür finden wir in Kaiser Leopold II., der nicht zuletzt aus dem Grund starb, weil seine Ärzte ihm vier Mal hintereinander einen Aderlass verordnet hatten. Heute gilt die Körpersäftelehre als überholt und unwissenschaftlich. Seine eigens entworfene Methode der Homöopathie bezeichnete Hahnemann als einzig gültige alternative Heilmethode. Sein Hauptwerk ist das „Organon der Heilkunde“, welches auch heute noch als das Grundlagenwerk der Homöopathie angesehen wird. Obwohl einige Grundprinzipien der Homöopathie in abgewandelter Form schon früher in der Medizingeschichte propagiert wurden, muss Hahnemanns Heilverfahren doch als eigenständige Behandlungsmethode eingeordnet werden.
Grundlagen der Homöopathie
Am Anfang von Hahnemanns Ausführungen steht das Konzept der Lebenskraft. Mit Lebenskraft meint Hahnemann das Innerste des Menschen, das seinen materiellen Körper belebt. Hahnemann hat seine Vorstellung so ausgedrückt: „Während der Gesundheit belebt eine geistartige Kraft (Lebenskraft) den Organismus und hält ihn in harmonischer Ordnung. Ohne diese belebende, geistartige Kraft ist der Organismus tot.“ Laut Hahnemann sorgt die Lebenskraft also für eine Aufrechterhaltung der körperlichen und seelischen Funktionen und der Gesundheit. Im Gegenzug verursache eine gestörte Lebenskraft eine Krankheit. Materielle Ursachen für Krankheiten, beispielsweise auf Molekülebene, lehnt Hahnemann strikt ab. Stattdessen betont er, dass Krankheiten „einzig geistartige (dynamische) Verstimmungen der den Körper bestimmenden Lebenskraft sind.“ Um einen Kranken zu heilen, müsse man zwingend die geistartige Lebenskraft wieder ins Gleichgewicht bringen. Auf der Hypothese, dass Krankheit immer vom geistigen, immateriellen Bereich des Menschen ausgeht und sich dann nach außen ausbreitet, baut auch der Heilansatz der Homöopathie auf. Es ist zu beachten, dass es sich bei der Lebenskraft um ein eigens geschaffenes Konzept Hahnemanns handelt, das sich von der biblischen Sicht auf den Menschen unterscheidet.
Das Simile-Prinzip
Ein grundlegendes Prinzip in der Homöopathie ist das Simile-Prinzip oder auch Ähnlichkeitsprinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man eine Krankheit mit dem Medikament behandeln soll, bei einem gesunden Menschen die gleichen Symptome hervorruft, die im Rahmen der Krankheit auftreten. Dass man Gesundheitsleiden (altgriechisch páthos) mit einer Arznei heilt, welches die gleichen (altgriechisch homóios) Beschwerden wie die Krankheit selbst verursacht, schlägt sich auch im Namen der Homöopathie nieder. Hahnemann entwickelte dieses Prinzip aufgrund eines medizinischen Selbstversuches. Im Jahr 1790 experimentierte er mit Chinarinde. Dieser Baum enthält den Wirkstoff Chinin. Hahnemann sagt über seinen Versuch: „Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedes Mal vier Quäntchen gute China ein; die Füße, die Fingerspitzen und so weiter wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls wurde hart und geschwind.“ Er deutete seine Symptome als Schüttelfrost, Anstieg der Körpertemperatur, Anstieg der Herzfrequenz und somit als typische Fiebersymptomatik. Auch zu damaliger Zeit war jedoch schon bekannt, dass die Chinarinde bei Fieberkranken eingesetzt werden konnte, beispielsweise gegen das Malaria-Wechselfieber. Jahrzehntelang war Chinin sogar Mittel der Wahl gegen Malaria, bis Mitte des letzten Jahrhunderts wirksamere Medikamente verfügbar wurden.
Hahnemann interpretierte seinen Versuch dahingehend, dass das eingenommene Chinin in ihm eine Fieberkrankheit hervorgerufen habe. In Verbindung mit der Beobachtung, dass Fieberkranke hingegen gesunden, wenn sie mit Chinin behandelt werden, formulierte er eine Regel, die er auf alle seine Arzneimittel ausweitete: „Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigener Krankheit. Man […] wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche künstliche Krankheit zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden; Similia similibus (Ähnliches mit Ähnlichem).“ Ein wahres Medikament zeichnet sich Hahnemann zufolge also dadurch aus, dass es einen Krankheitszustand im Patienten auslöst. Dadurch werde die Lebenskraft gezwungen, gegen diesen herbeigeführten Krankheitszustand „eine erhöhte Energie zu richten“, wodurch die ursprüngliche Erkrankung geheilt werde.
In der Praxis angewendet, bedeutet dies, dass ein Patient mit Fieber ein Arzneimittel verabreicht bekommen soll, das bei einem Gesunden Fieber auslöst. Laut Hahnemann war das Chinin. Einem Patienten, der von einer Biene gestochen wurde, wird Bienengift gegeben. Bei jemandem, der nicht schlafen kann und innere Unruhe hat, kommt ein anregendes Mittel zur Anwendung, zum Beispiel Kaffee. An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Hahnemanns Beobachtung so nicht bestätigt werden konnte. Chinin löst im Allgemeinen bei Gesunden nur selten Fieber aus. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass nur eine von 1000 Personen mit fieberähnlichen Symptomen auf Chinin reagiert. Meist handelt es sich hierbei um allergische Reaktionen auf diesen Stoff. Höchstwahrscheinlich war eine allergische Reaktion auf Chinin ebenfalls der Grund für Hahnemanns Symptomkomplex. Es muss Hahnemann zugutegehalten werden, dass er beobachtende Wissenschaft betreiben wollte. Besonders die Prüfung von Arzneimitteln an Gesunden, die damals keinesfalls üblich war, zeugt von Hahnemanns fortschrittlichem Denken und ist heute Standard in klinischen Phase-I-Studien. Allerdings sind die Interpretationen seiner Beobachtungen aus heutiger Sicht nicht nachzuvollziehen. Nach weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich das Simile-Prinzip auch nicht bestätigen.
Die Potenzierung
Es muss klargestellt werden, dass in der Homöopathie Mittel in besonderen Dosierungsformen angewendet werden – und zwar in potenzierter Form. So würden auch homöopathisch tätige Ärzte einem Patienten nicht empfehlen, vor dem Einschlafen einen Kaffee zu trinken, wenn dieser unter Schlaflosigkeit leidet. Man würde auch nicht reines Bienengift verabreichen, um einen Insektenstich zu kurieren. Stattdessen werden vielmehr verdünnte Formen dieser Stoffgemische angewendet. Dabei ist aber wichtig zu verstehen, dass die Homöopathie davon ausgeht, dass Arzneimittel umso stärker wirken, je stärker sie verdünnt werden. Wie bereits erwähnt, war Hahnemann davon überzeugt, dass eine Krankheit nur vollständig geheilt werden könne, wenn man eine Arznei verwende, die eine künstliche, stärkere Krankheitsaffektion im Menschen auslöse. Die zu heilende Krankheit bezeichnet er als schwächere Krankheit, die durch das Medikament künstlich erzeugte Krankheit als stärkere Krankheit: „Eine schwächere dynamische Affektion wird im lebenden Organismus von einer stärkeren dauerhaft ausgelöscht, wenn diese jener sehr ähnlich in ihrer Äußerung ist. So werden auch physische Affektionen und moralische Übel geheilt.“ Laut Hahnemann ist die Wirkpotenz eines homöopathischen Medikamentes umso stärker, je höher es verdünnt wird. Wie nun aber werden homöopathische Arzneien verdünnt? Die Herstellung eines homöopathischen Medikamentes beginnt mit einer sogenannten Urtinktur. Diese kann ein Wirkstoffextrakt pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder ein anorganischer Stoff wie Quecksilber sein. In den nachfolgenden Schritten wird diese Tinktur wiederholt verdünnt. Der Vorgang dieser Verdünnungsschritte wird Potenzierung genannt, da die Wirkpotenz mit jedem Verdünnungsschritt gesteigert werden soll. Üblich sind beispielsweise mehrere Verdünnungsschritte vom jeweiligen Verhältnis 1:10. Dabei wird ein Teil der Tinktur mit neun Teilen eines reinen Lösungsmittels wie Wasser oder Alkohol vermischt. Diese Art der Verdünnung wird aufgrund ihres Aufbaus in Zehnerschritten auch Dezimalverdünnung genannt. Aus dem ersten Verdünnungsschritt ergibt sich die erste Potenzstufe, die dann D1 genannt wird. Um die nächste Potenzstufe D2 zu erreichen, wird ein Teil der Potenz D1 wieder mit neun Teilen reinen Lösungsmittels vermischt. Dieses Prozedere kann etliche Male wiederholt werden, bis man Potenzen wie D30 erhält. Im Laufe seines Lebens arbeitete Hahnemann mit immer größer werdenden Verdünnungsschritten von 1:100 (C-Verdünnung) bis zu 1:50 000 (LM-Verdünnung).
Zur Veranschaulichung der Wirkstoffkonzentrationen der verschiedenen Potenzen kann folgendes Beispiel dienen: Wenn man ein Gramm Kochsalz (also ungefähr einen Teelöffel) im Wasser des Bodensees auflöst, entspricht das bezüglich der Wirkstoffkonzentration in etwa der Potenzierung von D12. Eine Potenz von D20 entspräche der Menge von einem Gramm Kochsalz aufgelöst im Wasser des Atlantiks. Ab einem bestimmten Verdünnungsschritt (D24) ist dann in der Lösung nahezu kein Wirkstoffmolekül mehr vorhanden. Eine Wirkung auf biochemischer Ebene ist spätestens ab diesem Punkt nicht mehr plausibel. Wie oben erwähnt, war es aber auch nicht die Absicht Hahnemanns, eine Heilung auf materieller, stofflicher Ebene herbeizuführen. Vielmehr soll die Heilung auf immaterieller, geistartiger Ebene der vermeintlich gestörten Lebenskraft erfolgen. Entgegen manchen zeitgenössischen Vorstellungen beansprucht die Homöopathie also gar nicht für sich, auf einer nachweisbaren biochemischen Ebene zu wirken.
Hahnemann hat es so ausgedrückt: „Die Lebenskraft kann nur durch geistartige Einwirkung der Arzneien wieder zur Gesundheit hergestellt werden.“
Die einer Arznei innewohnende Kraft muss Hahnemann zufolge erst durch eine bestimmte Prozedur aktiviert werden, die sich Dynamisation nennt. Diese Dynamisation geschieht durch mehrmaliges Verschütteln der Lösung während des Verdünnens, beispielsweise durch das Schlagen auf ein Lederbrett. Der Schritt der Dynamisation sei dabei unabdingbar. Nicht dynamisierte, verdünnte Arzneien sah Hahnemann als wirkungslos an. Moderne Homöopathen sprechen teilweise anstelle von einer geistartigen Kraft eher von Information, die beim Potenzieren übertragen wird. Allerdings gibt es kein nachweisbares Korrelat für diese angeblich durch Verschütteln übertragene Information auf biochemischer Ebene.
Bewertung der Homöopathie
In der Einordnung der homöopathischen Methode sollen im Folgenden zunächst naturwissenschaftliche Aspekte und Argumente betrachtet werden. Zuerst muss klargestellt werden, dass es sich bei der Homöopathie nicht um eine naturheilkundliche Medizin handelt, da sie auf einem geistartigen Wirkprinzip beruht. Naturheilkunde hingegen beruht auf physikalischen Verfahren oder pflanzlichen Wirkstoffen. Ein erster Kritikpunkt betrifft die potenzielle Schädlichkeit mancher homöopathischer Medikamente. Dies betrifft vor allem Mittel, die Schwermetalle wie Quecksilber oder Blei in niedrigen Potenzierungen, also verhältnismäßig hoher Dosierung, enthalten. Die Einnahme von Schwermetallen kann zu ernsthaften Vergiftungen führen.
Ein anderer Aspekt betrifft die Versuche, die Hahnemann an sich selbst und einigen Studenten durchführte. Wie bereits erwähnt, testete Hahnemann seine Medikamente an gesunden Probanden in der Überzeugung, dass die Homöopathika künstliche Krankheiten hervorrufen würden. Nach Einnahme von homöopathischen Medikamenten wurde jedes kleinste Symptom notiert und als Reaktion auf das Medikament gedeutet. Hahnemann war der Überzeugung, dass jedes subjektive Symptom während des Untersuchungszeitraums auf das Medikament zurückzuführen sei. Zu Belladonna (Tollkirsche) hielt Hahnemann ganze 1422 Prüfungssymptome fest. Dabei ging jeder Kopfschmerz, jedes Hautjucken, Gliederzucken oder auch psychische Verstimmung als unmittelbare Arzneimittelwirkung in die Wertung ein. Auf Basis dieser Symptome wurden dann die Listen der Krankheiten erstellt, gegen die die Mittel wirken sollen. Dass nicht jedes subjektive Empfinden im Untersuchungszeitraum kausal auf die Medikamentengabe zurückzuführen sein muss, ist offenkundig. Eine Versuchsperson Hahnemanns erhielt einmal ein Homöopathikum aus Schwertlilienextrakt und klagte während des Frühstücks über Schmerzen in einem rechtsseitigen, hohlen Zahn. Eine Reizung liegt hier als wahrscheinlichste Ursache nahe. Da die Schmerzen aber im Versuchszeitraum auftraten, wurden sie als Arzneiwirkung gedeutet, sodass noch heute in manchen homöopathischen Verzeichnissen die Schwertlilie als besonders rechtsseitig wirksames Medikament, beispielsweise gegen Kopfschmerzen, gilt.
Die Homöopathie differenziert nur unzureichend zwischen verschiedenen körperlichen Ursachen für ein Symptom. So kann Kopfschmerz beispielsweise durch Migräne, Bluthochdruck, eine Hirnhautentzündung oder durch einen Hirntumor bedingt sein. Da die Homöopathie im Kern aber symptomorientiert aufgebaut ist, käme für die verschiedenen Erkrankungen potenziell das gleiche Medikament in Frage, wobei sich die Auswahl eines Homöopathikums im individuellen Fall sehr komplex gestaltet. Obwohl also die klassische Homöopathie beansprucht, den Menschen ganzheitlich mit Körper und Geist behandeln zu können, fragt sie nicht nach der Ursache einer Erkrankung, sondern achtet vielmehr bloß auf Symptomkonstellationen.
Ein weiteres logisches Problem betrifft das Prinzip der Potenzierung. Innerhalb der Homöopathie geht man davon aus, dass nur die eigentlich erwünschte Wirksubstanz bei jedem Verdünnungsschritt potenziert wird. Wirkstofflösungen enthalten aber immer auch kleinste Verunreinigungen, die von Anfang an in viel niedrigeren Konzentrationen vorliegen als die eigentliche Wirksubstanz. Wendet man die Prinzipien der Homöopathie aber konsequent an, dann müsste die Wirkung der Verunreinigungen die der eigentlichen Wirksubstanz deutlich übersteigen, wenn sie mitpotenziert werden.
Es ist zudem zu beachten, dass Homöopathika oft bei Erkrankungen eingesetzt werden, die eine hohe Neigung zur Spontanheilung aufweisen wie Erkältungen, Schlafstörungen oder Beschwerden des Verdauungstrakts. Für die Einordnung von individuellen Berichten über eine homöopathische Heilung ist dies nicht ganz unerheblich.
Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneimitteln untersucht haben. Besonders bedeutsam sind sogenannte Metaanalysen. Bei diesen werden viele einzelne Studien zu einem gemeinsamen Thema analysiert. Diese Studien und Analysen kommen durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einigen Studien haben homöopathische Heilmittel einen signifikanten Effekt für verschiedene Indikationen gezeigt, der über den Placebo-Effekt hinausging., Es ist allerdings oft bemängelt worden, dass Studien zum Thema Homöopathie mit signifikanten Ergebnissen häufig Endpunkte enthielten, die subjektiv und schwer zu quantifizieren waren. Beispielsweise sind Schmerzen, Lebensqualität oder Symptome wie Harndrang Endpunkte, die starken intraindividuellen Schwankungen unterliegen und von der Tagesform und anderen Faktoren abhängen. Zudem handelt es sich bei vielen Untersuchungen um Studien mit einer relativ kleinen Stichprobengröße und schlechter methodischer Qualität., , Andere Analysen, die homöopathische Medikamente mit schulmedizinischen Arzneien verglichen, kamen zu dem Schluss, dass die Wirkung von Homöopathika maßgeblich auf dem Placebo-Effekt beruht.
Bislang besteht ein großer Mangel an verlässlichen, methodisch korrekten Studien zu homöopathischen Medikamenten. Vom Standpunkt der evidenzbasierten Medizin reichen die Daten aus den vorhandenen Studien zum derzeitigen Zeitpunkt nicht aus, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch in der deutschen Ärzteschaft ist die Homöopathie ein viel diskutiertes Thema. So plädierte der 128. Deutsche Ärztetag im Mai 2024 für eine Streichung der Abrechnungsziffern für homöopathische Leistungen in der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), allerdings nur mit knapper Mehrheit. Auch als Kassenleistung sollen homöopathische Behandlungen nicht mehr zur Abrechnung kommen. Als Begründung wurde vorgebracht, dass eine Anwendung der Homöopathie mit den Prinzipien evidenzbasierter Medizin nicht vereinbar sei.
Eine alleinige medizinisch-naturwissenschaftliche Bewertung der Homöopathie greift jedoch zu kurz, da wissenschaftliche Maßstäbe für Hahnemann zweitrangig waren. Für ihn war, wie für viele Menschen heutzutage, vor allem der therapeutische Erfolg von Bedeutung.
Der Bibel nach kann Heilung entweder durch den Gebrauch von Heilmitteln geschehen, die auf naturwissenschaftlichen Prinzipien (Jesaja 1,6; Jeremia 8,22; Lukas 10,34) beruhen, oder aber durch das direkte Eingreifen Gottes in seine Schöpfung (Lukas 4,39; 5,12–13). Die Bibel macht außerdem deutlich, dass nicht nur Gott übernatürlich in die Gesundheit eingreifen kann, sondern in bedingtem Maße auch böse Mächte Wunder vollbringen können (2. Mose 7–8; Matthäus 7,22; 24,24; 2. Thessalonicher 2,9). Eine auf übernatürlichem Wege entstandene Heilung ist nie ein automatischer Beweis für ein Eingreifen Gottes. Zahlreiche Berichte zeugen von Heilungserfahrungen durch Wege und Methoden, die nicht unter Gottes Legitimation stehen wie zum Beispiel Schmerzfreiheit nach Anwendung schamanischer Bräuche, Reiki oder Yoga. Christen müssen eine Heilung immer nach ihrem Ursprung und dem dahinterstehenden Wirkprinzip beurteilen. Das gilt auch für die Homöopathie. Eine körperliche Heilung durch geistliche beziehungsweise übernatürliche Kräfte darf ein Christ nur von Gott erwarten und nicht von anderen geistlichen Mächten. Obige Ausführungen haben gezeigt, dass die Homöopathie nicht auf den naturwissenschaftlichen Wirkprinzipien, die Gott in seine Schöpfung gelegt hat, basiert. Kann eine Heilung auf naturwissenschaftlicher Ebene weitgehend ausgeschlossen werden, wie dies bei Homöopathika der Fall ist, besteht entweder die Möglichkeit, dass eine Heilung über den Placebo-Effekt oder über die propagierte immaterielle, übernatürliche Wirkung zustande kommt. Es wäre sicher nicht haltbar zu behaupten, dass jemand prompt unter den Einfluss okkulter Mächte gerät, sobald er Homöopathika einnimmt. Eine immaterielle, geistartige Heilung, wie sie der klassischen Homöopathie zugrunde liegt, ist aus christlicher Sicht jedoch entschlossen abzulehnen.
Der bedachte Leser sollte argwöhnisch werden ob des Absolutheitsanspruchs Hahnemanns für seine Heilmethode, nannte er sie doch sogar „göttlich“. Hinter Hahnemanns Gottesvorstellung verbirgt sich allerdings nicht der Gott der Bibel, sondern eher ein deistischer, mystischer Gott, den er als Mittel zum Zweck für eigene intellektuelle Erleuchtung versteht. Mit dem christlichen Glauben konnte er nicht viel anfangen, hat er doch Jesus einmal als den „Erzschwärmer“ bezeichnet. Er kam zudem früh mit der Bewegung der Freimaurer in Kontakt und war ein glühender Verehrer von fernöstlicher Philosophie, besonders von Konfuzius. Und auch wenn man die Homöopathie nicht als „konfuzianistische Medizin“ darstellen kann, prägte dieser Einfluss nachweislich Hahnemanns Denken. Beispielsweise gab es schon in der alten chinesischen Medizin eine Art Simile-Prinzip: Man solle Krankheiten des Gehirns mit Walnüssen behandeln, da die Oberfläche des Gehirns der Walnuss ähnele. Für eine biblische Bewertung muss daher berücksichtigt werden, dass die Homöopathie eine Heilmethode ist, die auf anderen Grundannahmen beruht als auf dem biblischen Menschenbild. Es liegt nahe, dass Hilfesuchende bewusst oder unbewusst mit der Philosophie der Homöopathie in Berührung kommen und davon beeinflusst werden. Eine mögliche Gefahr der Homöopathie liegt sicherlich in der schleichenden Übernahme des zugrundeliegenden Gedankengutes und einer sich entwickelnden Akzeptanz für spirituelle Wirkprinzipien. So hat beispielsweise Patric Warten in einer Umfrage unter christlichen Ärzten festgestellt, dass viele über die Jahre die Idee von einer geistartigen Heilung übernommen hatten. An dieser Tatsache lässt sich erkennen, dass die homöopathische Methode Patienten sowie Ärzte vom christlichen Krankheits- und Glaubensverständnis wegführen kann. Wenn Christen sich auf eine solche geistartige Heilung berufen, handeln sie im Widerspruch zu Gottes Maßstäben von Heilung. Aus den obigen Darstellungen lässt sich für Christen keine Empfehlung für homöopathische Medikamente aussprechen, vielmehr deutlich davon abraten.
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[1]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 135, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[2]Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte, Medizingeschichte – Eine Einführung, S. 66, 2. Auflage, Böhlau Verlag, Köln, 2014
[3]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 7, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[4]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 133, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[5]Ebd., S. 8
[6]Ebd., S. 3
[7]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 19, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[8]Ebd., S. 22
[9]Jutta Hermann, Chinarinde – Eine historische Reise um die Erde, abrufbar unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-18-2001/, zuletzt abgerufen am 12.05.2025
[10]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 20, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[11]Ebd., S. 22
[12]Klaus Stemmler, Homöopathie – Religion der sanften Macht, S. 80, 2. Auflage, Verlag 7000, Marienheide,1996
[13]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 108, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[14]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 9, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[15]Klaus Stemmler, Homöopathie – Religion der sanften Macht, S. 74, 2. Auflage, Verlag 7000, Marienheide,1996
[16]Ebd., S. 75; Ulrike Schlüter, Iris versicolor in der Homöopathie, abrufbar unter: https://www.hallo-homoeopathie.de/mittel/iris-versicolor, zuletzt abgerufen am 15.05.2025
[17]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 79, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[18]Ebd., S. 87
[19]Hamre HJ, Glockmann A, von Ammon K, Riley DS, Kiene H. Efficacy of homoeopathic treatment: Systematic review of meta-analyses of randomised placebo-controlled homoeopathy trials for any indication. Syst Rev. 2023 Oct 7;12(1):191. doi: 10.1186/s13643-023-02313-2. PMID: 37805577; PMCID: PMC10559431
[20]Ghosh P, Ganguly S, Mukherjee SK, Dutta S, Shaikh AR, Ali SS, Singh NK, Bhattacharya P, Koley M, Saha S. Individualized Homeopathic Medicines in Treatment of Hyperuricemia: Evaluation by Double-Blind, Randomized, Placebo-Controlled Trial. Homeopathy. 2023 May;112(2):85-96. doi: 10.1055/s-0042-1751272. Epub 2022 Sep 19. PMID: 36122588
[21]Chattopadhyay A, Koley M, Saha S. Clinical trials of homeopathy in urological disorders: a systematic review. J Complement Integr Med. 2020 Jul 14;18(1):23-28. doi: 10.1515/jcim-2020-0068. PMID: 32663171
[22]Wagenknecht A, Dörfler J, Freuding M, Josfeld L, Huebner J. Homeopathy effects in patients during oncological treatment: a systematic review. J Cancer Res Clin Oncol. 2023 May;149(5):1785-1810. doi: 10.1007/s00432-022-04054-6. Epub 2022 Jun 22. PMID: 35731274; PMCID: PMC10097733
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[24]Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet. 2005 Aug 27-Sep 2;366(9487):726-32. doi: 10.1016/S0140-6736(05)67177-2. PMID: 16125589
[25]Ärzteblatt, Ärztetag plädiert für Einschränkung der Homöopathie, abrufbar unter:
https://www.aerzteblatt.de/news/aerztetag-plaediert-fuer-einschraenkung-der-homoeopathie-46b80a4f-43ad-4a14-84a9-dfdbcdd213a1, zuletzt abgerufen am 18.07.2025
[26]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 78, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[27]Els Nannen, Akupunktur aus wissenschaftlicher und biblischer Sicht, S. 15., CDK e.V., 1996
[28]Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunde, S. 133, 6. Auflage, K. Haug Verlag, Heidelberg, 1996
[29]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 36, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[30]Michael Kotsch, Homöopathie – Wie gehe ich mit alternativen Heilmethoden um?, S. 91, 4. Auflage, Lichtzeichen Verlag, Lage, 2011
[31]Georg Müller, Heilkraft durch Verdünnen, S. 39, 5. Auflage, clv, Bielefeld, 2010
[32]Patric Warten, Naturheilverfahren biblisch hinterfragt, S. 54, Rechte beim Verfasser, 1. Auflage, Oberstenfeld, 2013
Verstrahlt oder verunsichert?
Verstrahlt oder verunsichert?
„Was elektromagnetische Strahlung mit uns macht – und was wir daraus machen“
Im südöstlichen Frankreich gelegenen Departement Drôme scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch im bergigen Osten des verschlafenen Departements hat sich eine eigentümliche Gemeinschaft gebildet. Mitten im Wald leben in Zelten und Wohnwägen etwa ein Dutzend Menschen völlig abgeschottet vom Rest der Zivilisation. Jean Revillard hat die Gruppe in seinem Fotoprojekt „Ondes“ thematisiert. Zu ihrer Ausrüstung gehören weder Telefon noch Kühlschrank. Sie besitzen keinen Zugang zum Internet und wärmen das Essen des letzten Tages nicht in der Mikrowelle auf. Spartanisch, möchte man meinen, doch das Exildasein dieser Gruppe, von denen es in den Alpes-Maritimes noch einige weitere mit etwa 50 Bewohnern geben soll, ist eine Flucht vor quälenden Symptomen. All diese Menschen bezeichnen sich als elektrosensibel, berichten also, auf die elektromagnetische Strahlung ihrer Umwelt so heftig zu reagieren, dass die normale gesellschaftliche Teilhabe nicht mehr möglich ist. Strombetriebene Geräte sollen für den sogenannten schädlichen Elektrosmog verantwortlich sein. Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt die Zahl Elektrosensibler auf etwa ein Prozent der Bevölkerung[i], wobei die Ausprägung der Symptome und der Leidensdruck ein großes Spektrum darstellen. Die Erhebung dieser Zahl basiert vor allem auf subjektiven Angaben – wie stark jemand Symptome erlebt, ist schwer objektivierbar.
Alles strahlt
Das Beispiel aus Drôme verdeutlicht: Elektrosensibilität kann Menschen derart belasten, dass sie sich selbst grundlegender Annehmlichkeiten, wie der Elektrizität, völlig entziehen. Doch bevor wir uns den möglichen Ursachen der Elektrosensibilität zuwenden, lohnt es sich, kurz zu verstehen, was Elektrosmog eigentlich ist und wie Strahlung grundsätzlich wirkt. Elektromagnetische Strahlung (EMS) gehört ganz natürlich zu unserer Umwelt und ist auch aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Es handelt sich um eine Form der Energie, die sich mit Lichtgeschwindigkeit wellenförmig ausbreitet. Dabei sind masselose Teilchen, sogenannte Photonen, die Energieträger. Eine Unterscheidung der einzelnen Strahlungsarten wird durch die unterschiedlichen Wellenlängen und die Energie der Photonen möglich. Extrem kurzwellige und hochenergetische Strahlung ist dabei besonders gefährlich, da sie direkt schädigenden Einfluss auf das Erbgut haben kann. Deshalb gelten im Zusammenhang mit der Nutzung dieser sogenannten ionisierenden Strahlung, zum Beispiel im Rahmen der Röntgendiagnostik, auch strenge Grenzwerte. Doch nicht alle Strahlungstypen sind ionisierender Natur. Je höher die Wellenlänge und je weniger energetisch das Photon, desto geringer ist der direkt zellschädigende Effekt. Sichtbares Licht hat vor allem eine photochemische Wirkung, verursacht also beispielsweise Sonnenbrände. Alle Strahlungsarten haben auch die Fähigkeit, Stoffe zu erwärmen, wie es sich etwa bei Mikrowellenstrahlung zur Erwärmung von Speisen zunutze gemacht wird. Zu beachten ist ebenso, dass durch entsprechende Schutzmaßnahmen, vor allem Abstand, aber auch Abschirmung und Zeitminimierung, die schädigende Wirkung ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung fast komplett verhindert werden kann. Darüber hinaus besitzt der menschliche Körper ein komplexes Reparaturprogramm für geschädigte Zellen, egal ob durch Erbgut- oder Hitzeeinflüsse.
Harter Weg zu harten Antworten
„Elektrosmog“ bezeichnet meist elektromagnetische Felder großer Wellenlängen und verschiedener Frequenzen – von Hochfrequenz (Mobilfunk, WLAN) bis hin zu Niederfrequenz (Stromleitungen). Elektrosmog umfasst also ausschließlich nicht-ionisierende Strahlung, die wie alle Arten der Strahlung thermische Wirkungen auf den Organismus haben. Die oftmals diffusen Symptome wie Schwitzen, Schwindel, Übelkeit und Schmerzen, die Elektrosensible beschreiben, sollen auf sogenannten athermischen Effekten beruhen, also der nicht erwärmenden Wirkungen von Strahlen. Bezüglich der Existenz athermischer Effekte entbrannten in den letzten Jahrzehnten hitzige Debatten. Postuliert werden hierbei beispielsweise Effekte auf die Melatoninsynthese und -freisetzung, etwa durch Russel J. Reiter[ii] oder Barry W. Wilson[iii]. Aber auch genomschädigende Effekte, wie sie Franz Adlkofer[iv] oder Henry Lai und Narendra Singh[v] beschreiben, sind immer wieder Diskussionsgrund. All diese Effekte treten mit teils erheblicher Latenz nach mehreren Jahren auf. Zu den thermischen und athermischen Wirkungen der EMS existiert eine Fülle an Primärliteratur, die allen voran in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts publiziert wurde und die Regulationsmaßnahmen beim Umgang mit elektromagnetischer Strahlung maßgeblich beeinflusst hat.[vi] Denn eine potenziell schädigende Wirkung der EMS hat auch Konsequenzen für den Bevölkerungsschutz, müssen doch Grenzwerte definiert und Schutzmaßnahmen formuliert werden, wenn ein gefährlicher Einfluss nicht auszuschließen ist.[vii]
Doch eine große Menge an Primärliteratur führt noch längst nicht zum abschließenden Urteil. Jede einzelne Arbeit muss nicht nur in Bezug auf ihr Ergebnis, sondern auch auf ihre Fragestellung, die Methodik, ihren Umfang, ihre Aussagekraft und ihre Reproduzierbarkeit hin bewertet werden. Den Goldstandard stellen hier hochwertige randomisierte kontrollierte Studien dar. Nur ist die Durchführung dieser Studien extrem aufwendig und auch ethisch nicht vertretbar. Wie randomisiert und verblindet man beispielsweise Menschen bezüglich ihrer Strahlenbelastung? Die Effektgruppe kann unmöglich sozial abgeschnitten in einem Funkloch isoliert werden. Ist es legitim die Probanden potenziell gesundheitsschädigenden Bestrahlungen auszusetzen? Auch das ist nicht vertretbar. Also muss man auf andere Studiendesigns zurückgreifen, die in ihrer Aussagekraft eingeschränkt sind. Studien können von verschiedenen zeitlichen Beobachtungsstandpunkten aus konzipiert werden und bestimmte Sachverhalte an unterschiedlichen Orten analysieren. In prospektiven Studien untersucht man einen Zeitraum, der in der Zukunft liegt. Sie eignen sich schlechter für das Untersuchen seltener Erkrankungen, wie sie in der Diskussion um EMS oft thematisiert werden. Bei retrospektiven Analysen wird auf bereits vorhandene Datenmengen zurückgegriffen, die rückblickend analysiert werden. Leider neigen sie zur Anfälligkeit für unbekannte Störfaktoren. Dies sind jegliche Einflüsse, unter denen die Probanden während des Beobachtungszeitraumes standen und sie können im Nachhinein nicht mehr herausgefiltert werden. In der Elektrosmog-Thematik wären dies beispielsweise die unterschiedliche natürliche Strahlenexposition sowie eine gegebenenfalls berufliche Strahlenexposition, die nicht mehr quantifiziert werden können. Außerdem zeigen Studienergebnisse, die in Tierversuchen gewonnen wurden, oft eine mangelnde Übertragbarkeit auf die menschliche Physiologie. Die vorliegenden Studien müssen also kritisch und im Dialog gelesen und gewertet werden und die Ergebnisse müssen reproduzierbar sein. Bloß weil eine Studie eine Korrelation, also einen Zusammenhang, feststellt, bedeutet das noch längst keine Kausalität, sprich die gegenseitige ursächliche Bedingung der beobachteten Faktoren. Beispiele zum kritischen Hinterfragen von Studienergebnissen finden sich in der Tabelle unten. Endgültige Antworten sind demnach schwer zu formulieren. Jedoch steht fest: Bis zum heutigen Tage ist die athermische Wirkung niedrigenergetischer elektromagnetischer Strahlung nicht nachgewiesen.[viii] Da es sich aber um eine potenzielle Gesundheitsbedrohung von Millionen von Menschen handelt, werden regelmäßig Grenzwerte zur Nutzungsdauer von und zum Abstand zu elektromagnetischen Strahlungsquellen definiert. Außerdem unterliegt elektromagnetische Strahlung einer kontinuierlichen Risikobewertung, unter anderem durch das nationale Bundesamt für Strahlenschutz oder die Internationale Kommission für den Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung. Die Vorsicht, mit der hier agiert wird, zeigt sich beispielsweise in der von der Internationalen Agentur für Krebsforschung vorgenommenen Einstufung von EMS als „potenziell krebserregend für Menschen“ (Gruppe 2b). Diese Einstufung stützt sich auf eine limitierte Beweislage der Karzinogenität beim Menschen und eine nicht als ausreichend zu bezeichnende Förderung der Tumorentwicklung im Tiermodell.[ix] In derselben Gruppe finden sich, nebenbei bemerkt, auch Nickel, Aloe Vera, Abgase von Benzin-Motoren und nach asiatischer Art fermentiertes Gemüse. Auch Kaffee wurde zum Zeitpunkt der Einstufung 2011 noch als potenziell krebserregend eingeordnet, ist aber inzwischen durch weitere Forschung in dieser Hinsicht rehabilitiert. Und auch bezüglich elektromagnetischer Strahlung sind seit der Erstklassifizierung viele neue Bestätigungsstudien erschienen. Eine Reevaluation ist in den nächsten Jahren zu erwarten.
Furcht und Finanzen
Während also in Bezug auf die Wissenschaft ein fortwährend abwägender und vorsorglicher Weg eingeschlagen wird, scheint die Angelegenheit für manche Blogschreiber, wie etwa auf der einladend daherkommenden Website von „diagnose:funk“, deutlich geradliniger: Elektrosmog sei der Auslöser für eine riesige Palette an Symptomen und Erkrankungen. Angefangen bei Krebs sei EMS für Bluthochdruck, ADHS, Depressionen, Impotenz, Multiple Sklerose, Tinnitus und frühzeitige Geburten verantwortlich. Nicht selten finden sich in der Websuche auch grauenvolle Darstellungen in Bild und herzzerreißende Krankheitsgeschichten in Wort wieder, etwa bei dem amerikanischen Truther David Dees. Betroffene berichten von schicksalshaften Tumorerkrankungen bei Kindern nach der Installation eines Funkmastes und manch einen Elektrosensiblen treibt die EMS bis zum Suizidversuch. Doch die Lösung findet sich für die meisten Betroffenen nicht wie bei den Exilanten von Drôme im Rückzug in die Natur. Das erkennen auch die vielen einschlägigen Websites an. Um diesen Spagat zwischen sozialer Teilhabe mit dem Komfort der EMS-emittierenden Geräte und der geschürten Angst zu bewältigen, findet sich ein ebenso vielfältiges Angebot an Schutzartikeln – manchmal sogar im websiteeigenen Shop: ein Entstörungsaufkleber für digitale Harmonie – 23 € pro elektrisches Gerät, ein stylischer Abschirm-Ring rabattiert für nur 164 €, sogar mit der Möglichkeit für Ratenzahlung, oder für den Komplettschutz eine mit 24 Karat beschichtete und mit Edelsteinen ausgestattete Eliminationsstation für das ganze Haus, die eine „vielschichtige transformatorische Entgiftung“ ermöglicht und zum schlappen Preis von 5 100 € zu haben ist. Häufig anzutreffende Baubiologen arbeiten mit fragwürdigen Messgeräten und raten zu oftmals kostspieligen Umbaumaßnahmen. Ein physikalisch begründetes Wirkprinzip findet man bei all diesen Gerätschaften nicht. Vielmehr soll man sich auf die wagen Formulierungen, esoterisch anmutende Erklärungen und höchst zufriedene Kundenstimmen verlassen. Für die Produzenten und Vertreiber solcher Produkte sind Menschen mit Angst und Beschwerden in Bezug auf elektromagnetische Strahlung nur eines – ein profitables Geschäft.
Sensibel sein – sensibel bleiben?
Welche Möglichkeiten gibt es also, um in diesen belastenden Situationen Hilfe zu erfahren und zu geben? Zunächst müssen Betroffene von Elektrosensibilität ernst genommen werden. Die Symptome, die sie äußern, sind oft sehr diffus und belastend: Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindel, Schwitzen und Schlafprobleme werden häufig genannt, bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt eines großen Spektrums. Die Exilanten in Drôme zeigen eindrucksvoll, welches Ausmaß die Leiden in seltenen Fällen annehmen können. Um dies zu verhindern, gehört zunächst eine fundierte Befunderhebung und Untersuchung Betroffener dazu. Andere möglicherweise zugrunde liegende körperliche Erkrankungen sollten zunächst ausgeschlossen werden. Des Weiteren müssen Überschneidungen aus dem Formenkreis der psychosomatischen Erkrankungen, sowie die Beeinflussung durch geschürte Ängste mit in Betracht gezogen werden, da auch bei diesen Krankheiten unspezifische, plagende Symptome ein häufiges Merkmal sind. Auch die ehrliche Aufklärung über den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist Teil der Betreuung dieser Patienten. Elektrosensibilität ist aus guten Gründen nicht als selbstständige Erkrankung anerkannt. Bis heute fehlen systematische Beweise, dass Elektrosensible zweifelsfrei elektromagnetische Strahlung identifizieren können. Im Gegenteil – in Übersichtsarbeiten, sogenannten Metaanalysen, die Studien zusammenfassen, konnten keine konstanten Effekte durch EMS bei Elektrosensiblen beobachtet werden[x]. Auch fehlt die physiologische Erklärung zur Wahrnehmung der EMS.
Eine erste Hilfe können beruhigende niederschwellige Basismaßnahmen (WLAN-Router aus dem Schlafzimmer entfernen, Smartphone im anderen Zimmer laden et cetera) sein, auch wenn es für diese keine Evidenz gibt. Sie wirken ausschließlich beruhigend. Außerdem sind die symptomatische Behandlung (beispielsweise Schmerzmittel, Stressreduktion) und die Aufklärung vor allem bezüglich der unbegründeten Ängste vor schädlicher Wirkung und die intensive Begleitung essenziell für den Behandlungserfolg. Letztere muss für Christen im Rahmen einer seelsorgerlichen und gemeindlichen Einbindung erfolgen. Ein Leben, das von Angst und möglicherweise Rückzug geprägt ist, schadet nicht nur der körperlichen und geistigen, sondern auch der geistlichen Gesundheit, indem sie die gemeinschaftliche Auslebung des Glaubens schier verunmöglichen. Eindrücklich ruft der Autor des Hebräerbriefes auf, die gemeinschaftlichen Zusammenkünfte nicht zu versäumen, um gegenseitige Korrektur zu erfahren (Hebräer 10,24-25). Das Schriftzeugnis anerkennt die Ängste, die unser Leben begleiten und zeigt gleichzeitig auf, die Lösung nicht in fadenscheinigen, hochpreisigen Präventionsartikeln oder sozialer Absonderung zu suchen, sondern in dem, der gemäß Johannes 16,33 „die Welt überwunden hat“. Dieser Sieg über die Macht der Sünde darf uns getrost machen und Frieden schenken in den Ängsten, die jeden Einzelnen ganz individuell beschäftigen – auch bezüglich elektromagnetischer Strahlung.
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Quellen-Nachweis
[i] http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0221-201108036032 S. 58, letzter Zugriff am 20.07.2025
[ii] Reiter, R.J. (1995): Reported biological consequences related to the suppression of melatonin by electric and magnetic field exposure in Integrative Physiological and Behavioral Science
[iii] Wilson B.W., Chess E.K., Anderson L.E. (1986): 60-Hz electric-field effects on pineal melatonin rhythms: time course for onset and recovery in Bioelectromagnetics
[iv] VerUm-Stiftung (Hrsg.). (2004). Risk Evaluation of Potential Environmental Hazards From Low Energy Electromagnetic Field Exposure Using Sensitive in vitro Methods (REFLEX): Final Report. Europäische Union, 5. Forschungsrahmenprogramm, Vertrag QLK4-CT-1999-01574
[v] Lai, H.; Singh, N.P. (1995): Acute low-intensity microwave exposure increases DNA single-strand breaks in rat brain cells. in Bioelectromagnetics
[vi] Die ICNIRP (International Comission on Non-Ionizing Radiation Protection) veröffentlichte erstmals 1998 Guidelines, auf denen die meisten nationalen und internationalen Grenzwerte basieren. Allen voran wurden hier zunächst die thermischen Effekte einbezogen. In den konstanten Updates werden auch neuere Arbeiten zu sogenannten athermischen Effekten mit einbezogen. Siehe ICNIRP (2020) Guidelines for Limiting Exposure to Electromagnetic Fields (100kHz to 300 GHz) und ICNIRP (2025) Gaps in Knowledge Relevant to the “Guidelines for Limiting Exposure to Electromagnetic Fields (100kHz to 300 GHz)” als kritische in-house Debatte mit den eigenen Richtlinien
[vii] In der 26. Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz ist mehrfach novelliert festgehalten, welche Grenzwerte bei elektromagnetischen Feldern einzuhalten sind. Sie umfassen einen Sicherheitsfaktor von 50. Das bedeutet, dass die niedrigste nachgewiesen schädliche Dosis elektromagnetischer Strahlung noch um das 50-fache unterschritten werden muss.
[viii] Ein zentrales Problem liegt hier in der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Karipidis et al. ist als eine der neuesten Übersichtsarbeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass, auch wenn es Studiendaten zu erhöhten Raten von verschiedenen Tumoren gibt, diese nicht konstant nachweisbar sind. Karipidis et al. (2024) The effect of exposure to radiofrequency fields on cancer risk in the general and working population: a systematic review of human observational studies – Part I: Most researched outcomes. Auch Feychting et al. (2024) in der prospektiven Kohorten-Studie COSMOS sehen aktuell keinen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Krebs-Inzidenz und Handynutzung. Hier reihte sich Anthony Swerdlow bereits 2011mit seiner Übersichtsarbeit ein: Swerdlow et al. (2011) Mobile Phones, Brain Tumors, and the Interphone Study: Where Are We Now? In einer Meta-Analyse, die auch die experimentelle Forschung mit beachtet, kommt Xavier Bosch-Capblanch zu folgendem Resümee: die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass elektromagnetische Strahlung unter den gängigen Grenzwerten keine Symptome hervorrufe. Bosch-Capblanch et al. (2024) The effects of radiofrequency electromagnetic fields exposure on human self-reported symptoms: A systematic review of human experimental studies. Dass solche Grenzwerte in aller Regel eingehalten werden, untersuchte beispielsweise Ramirez-Vazquez et al. (2024) Systematic Review of Exposure Studies to Radiofrequency Electromagnetic Fields: Spot Measurements and Mixed Methodologies
[ix] In diese Einschätzung flossen beispielsweise die INTERPHONE-Studie und die Dänische Kohortenstudie ein, die im Info-Kasten näher beleuchtet werden. Auch die Arbeiten von Lennart Hardell haben die Entscheidung zu dieser Einstufung maßgeblich mit beeinflusst. Siehe hierzu beispielsweise Hardell et al. (2013). Use of mobile phones and cordless phones is associated with increased risk for glioma and acoustic neuroma
[x] Rubin, G. J., Nieto-Hernández, R., & Wessely, S. (2005). Electromagnetic hypersensitivity: a systematic review of provocation studies. Occupational and Environmental Medicine.
Screentime statt Greentime – der Verlust der spielenden Kindheit und die Folgen
Screentime statt Greentime – der Verlust der spielenden Kindheit und die Folgen
Autoren: Alexander und Liane Blank
Ich (Alexander) war fünf Jahre alt, als ich mit meinem achtjährigen Bruder beim Spielen in Schwierigkeiten geriet. Wir wuchsen im Zentrum einer deutschen Großstadt auf, aber unsere Eltern trauten uns zu, draußen alleine zurechtzukommen. Wir fuhren mit dem Aufzug aus dem Hochhaus in die Fußgängerzone, nahmen die Rolltreppe hinaus aus dem Zentrum, überquerten eine Brücke über den Fluss und dort begann unser Abenteuer. Wir schauten über das Brückengeländer und sahen unten ein dichtes Gebüsch. Es war dunkel und dicht, aber wir entdeckten einen freien Platz, der irgendwie gemütlich wie ein Nest aussah. Also hüpften wir über das Geländer, ließen uns an der Betonwand herunterhängen, ein Sprung und dann saßen wir in unserer „Höhle". Der Bewegungsraum war ziemlich begrenzt und wir hatten nicht darüber nachgedacht, wie wir wieder herauskommen würden. Die Betonwand bot keinen Halt und das Gebüsch war zu dicht und stachelig, um hindurch zu klettern. Also machte ich eine Räuberleiter und schob meinen Bruder hoch. Er konnte nach dem Geländer greifen und sich hochziehen. Er war wieder auf der Brücke, aber ich saß fest. Mein Bruder lief nach Hause und holte unseren Vater zu Hilfe. Auch über 30 Jahre später erinnere ich mich gut daran, wie ich ununterbrochen nach oben schaute, nur ein kleiner Fleck Himmel über mir, und auf Rettung wartete.
1. Vom Spielen zum Glotzen
Eine Kindheit, wie wir sie in den 90er Jahren erlebten, ist heutzutage für die meisten Kinder in Städten und Vororten sehr weit von der Realität entfernt. Eltern bevorzugen es, ihre Kinder in professionelle Obhut zu geben oder zu Hause mit digitalen Medien zu beschäftigen. Im letzten Jahrzehnt haben Gesundheit und Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen in fast allen Bereichen abgenommen. Das Übergewicht hat um 50 % zugenommen. Die psychische Gesundheit der jungen Generation ist so stark beeinträchtigt, dass von einer Krise gesprochen wird: Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) werden häufiger diagnostiziert, Ängstlichkeit und die Suizidrate bei Jugendlichen steigen an. Depressionen haben sich bei 15- bis 19-Jährigen in Deutschland im Zeitraum von 2009 bis 2017 verdoppelt. Auch die kognitiven Leistungen sind beeinträchtigt. Der Intelligenzquotient nimmt in den westlichen Staaten ab, und laut PISA-Studie werden Lese- und Rechenfähigkeiten schlechter. Die Ursachen dafür sind bisher nicht vollständig verstanden, aber da diese Entwicklungen so rasant voranschreiten, geraten Umweltfaktoren der letzten 10 bis 15 Jahre in den Blick: Das Internet wurde um die Jahrtausendwende für den Normalbenutzer zugänglich, kurz darauf entstanden die großen Social-Media-Plattformen. Das iPhone wurde 2007 vorgestellt, und 2010 wurde die Frontkamera für Selfies eingeführt. Und obwohl die noch jüngeren Kinder meistens kein eigenes Gerät besitzen, sind sie täglich digitalen Medien ausgesetzt. Manche Eltern halten es bereits im Alter von wenigen Monaten für eine gute Idee, ihre Kinder mit Medienkonsum zu beruhigen, oder besser gesagt zu sedieren. Die Sicherheit der Mediennutzung für die physische und psychische Gesundheit sowie die Entwicklung wurde vor der Einführung nicht systematisch oder experimentell untersucht, wie es beispielsweise bei Medikamenten, Chemikalien oder technischen Geräten üblich ist. In den letzten Jahren häufen sich jedoch Hinweise auf negative Folgen.
2. Wieso sind digitale Medien so erfolgreich?
Die ständige Verfügbarkeit eines Geräts in der Hosentasche, das sofort einsatzbereit ist und keine Hürden bei der Nutzung aufweist, ist ein verlockender Grund dafür, dass Eltern es in herausfordernden Situationen als Babysitter verwenden und bereits Säuglingen und Kleinkindern anbieten. Die Wahrnehmung anderer Eindrücke, auch negativer, nimmt messbar ab. In der Medizin wird dieser Effekt beispielsweise genutzt, um Patienten bei schmerzhaften Interventionen abzulenken. Es funktioniert hervorragend als „Stillhalter“. Wird dem Kind der Bildschirm angeboten, können sich die Erwachsenen plötzlich in Ruhe unterhalten. Diese „positiven“ Erfahrungen üben auf beide Seiten, bei Eltern und Kindern, einen starken Wiederholungsreiz aus. Wenn Kinder selbstständig beginnen, mit Smartphones und Tablets zu interagieren, haben sie bei digitalen Geräten ein intensives, unmittelbares Erleben und nur ein geringes Frustrationsrisiko. Während beim Spielen mit Bausteinen der Turm immer wieder bei Ungeschicklichkeit zusammenfällt, rufen die intuitiv gestalteten Basisfunktionen von Smartphone und Tablet schnelle Erfolgserlebnisse hervor. Das digitale Spielen übt einen noch größeren Reiz aus, weil die Erfahrungen von Macht, Schönheit und Größe in der realen Welt in diesem Alter nicht zu erleben sind. Ein behüteter Alltag, der zunehmend als langweilig empfunden wird, wo Kinder natürlicherweise mit Frust, Niedergeschlagenheit und Hilflosigkeit zurechtkommen müssen, ist eine schwache Alternative. Die negativen Gefühle aus der Realität können am digitalen Gerät herabreguliert werden, da großartige Erfahrungen schnell erreicht werden. Unangenehme Dinge werden durch digitales Erleben schnell vergessen gemacht. Dies führt zu selbstverstärkendem Verhalten. Kinder fühlen sich nur noch wohl, wenn sie vor dem Gerät sitzen.
3. Freies und riskantes Spiel ist gesund
In den ersten drei Lebensjahren durchläuft das kindliche Gehirn wesentliche Prozesse der neuronalen Reifung und Strukturierung, die in vielen Bereichen, insbesondere in der sensomotorischen Entwicklung, abgeschlossen werden. Kinder benötigen daher umfassende Gelegenheiten, sich kreativ in der dreidimensionalen Welt zu betätigen und vielfältige reale Erfahrungen mit allen Sinnen zu sammeln. Die Effekte des zunehmenden digitalen Medienkonsums und des Verlusts von freiem Spiel sind schwer voneinander zu trennen, da sie sich gegenseitig bedingen. Unstrukturiertes und unbeaufsichtigtes Spiel wird zusätzlich durch professionelle Betreuung und ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis der Eltern reduziert. Freies Spiel ist jedoch für die Entwicklung von Kindern sowie für ihre körperliche, geistige und soziale Gesundheit essenziell. Der Drang, auf riskante Weise zu spielen, ist für Kinder entscheidend, um Mut, Selbstvertrauen und körperliche Fähigkeiten zu entwickeln. Mit diesem Wissen können sie die Herausforderungen und Notfälle des Lebens meistern. Diese Fähigkeit wird als Resilienz bezeichnet. In den letzten Jahrzehnten wurde Kindern im Westen zunehmend die Freiheit genommen, auf eigene, selbstbestimmte und riskante Weise zu spielen, fernab der Kontrolle durch Erwachsene. Dies liegt zum Teil daran, dass Sicherheitsmaßnahmen darauf abzielen, alle spielbezogenen Verletzungen zu verhindern, anstatt sich auf ernsthafte und tödliche Verletzungen zu konzentrieren. Langfristig sind Kinder jedoch einem größeren Risiko ausgesetzt, wenn wir ihnen riskantes Spiel vorenthalten, als wenn wir es zulassen. Das Verletzungsrisiko unstrukturierten Spiels ist niedriger als bei Sportarten, die von Erwachsenen angeleitet werden, zum Beispiel beim Fußballtraining. Während Eltern, Pädagogen und Ärzte in den letzten Jahren immer mehr und sehr erfolgreiche Regeln zur Risikoreduktion vor Verletzungen eingeführt haben, wurde der Medien- und Onlinebereich, wo es viele Gefahren für Kinder gibt, vernachlässigt. Ein 14-jähriges Mädchen beschrieb im Rückblick ihre unbeaufsichtigte Onlinezeit als Zehnjährige in einem Essay für eine amerikanische Zeitung folgendermaßen: „Wo war meine Mutter? Im Raum nebenan, und sorgte dafür, dass ich täglich neun unterschiedlich gefärbte Früchte und Gemüsesorten aß. Sie war aufmerksam, fast eine Helikoptermutter, aber trotzdem stieß ich im Internet zufällig auf Pornographie. Meine Freunde auch.“ Dies ist ein Beispiel für den beschriebenen Sachverhalt, dass wir unsere Kinder in der realen Welt zu sehr schützen, während wir es online zu wenig tun.
4. Die negativen Effekte von audiovisuellen Medien
Der Unterschied zwischen dem Spielen mit Kameraden und Gegenständen und dem einsamen, unbeweglichen Ansehen von YouTube-Videos im Autoplay-Modus ist enorm. Digitale Medien sind „Erfahrungsblocker“. Selbst wenn Kinder stundenlang gefesselt Filme über Fußball, Fußballer und Fußballtricks ansehen, werden sie dadurch nie das Spielen selbst erlernen. Ein Säugling lernt das Gehen nur durch Übung und nicht am Bildschirm. Für jede Stunde, die ein Kind am Bildschirm verbringt, nimmt seine Interaktion mit Eltern und Geschwistern um circa 1,5 Stunden ab. Offensichtlich benötigt die Verarbeitung des Gesehenen auch Zeit, in der das Kind nicht interagiert. Im Kleinkindalter sind zahlreiche nachteilige Folgen des Konsums von Bildschirmmedien dokumentiert. Kleinkinder können Emotionen schlechter regulieren, neigen zu autistischen Verhaltensweisen und ihre soziale Interaktion ist beeinträchtigt. Das Schlafmuster ist gestört: Widerstand beim Schlafengehen, nächtliches Erwachen und Tagesschläfrigkeit treten häufiger auf. Die Eltern-Kind-Beziehung ist beeinträchtigt und es treten mehr Verhaltensstörungen auf. Kognitive, sprachliche und motorische Verzögerungen bei Kleinkindern hängen signifikant mit der Bildschirmzeit zusammen. Das Vokabular ist geringer und exekutive Funktionen (zum Beispiel Planen und Entscheidungsfindung) bilden sich schlechter aus. Für die Computerspielsucht im Schulalter wird der Grundstein schon im Kleinkindalter gelegt. Auch wird der spätere Schulerfolg negativ beeinflusst und der BMI dieser Kinder ist nachhaltig höher. Außerdem muss die elterliche Seite beachtet werden. Durch die Mediennutzung der Eltern im Beisein der Kinder sinken die Zahl und die Qualität der Interaktionen mit den Kindern, welche die Grundlage für die Sprachentwicklung bilden. Kleinkinder, deren Eltern gestresst sind, nutzen Bildschirmmedien intensiver. Die Kinder lernen hier am Modell. Im Gegensatz zu den negativen Effekten von Bildschirmmedien zeigen zahlreiche Studien positive Effekte des Spiels im Grünen auf die physische und psychische Gesundheit in dieser Altersgruppe. Beispielsweise werden traurige Emotionen, Aggressionen und Unaufmerksamkeit reduziert. Es ist Konsens, dass die Dauer der Bildschirmzeit Auswirkung auf die Kognition hat. Je mehr Zeit mit Bildschirmmedien verbracht wird, desto größer sind die Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung. Bisher ist noch nicht geklärt, ob das Betrachten von Bildschirmen an sich eine direkte schädliche Wirkung hat, oder ob andere wichtige tägliche Aktivitäten wie Schlafen, sportliche Aktivität und soziale Interaktion verdrängt werden, die Bildschirmzeit also als Zeiträuber fungiert. In einigen Studien wurde eine Unterscheidung zwischen sitzendem Verhalten am Bildschirm und sitzendem Verhalten ohne Bildschirm (zum Beispiel Lesen) getroffen, wobei nur das Sitzen am Bildschirm mit psychischen Auffälligkeiten verbunden war. Zusammengefasst spricht vieles dafür, dass es direkte Effekte vom Bildschirmkonsum gibt. Die Auswirkungen auf lebenswichtige Fähigkeiten wie Einfallsreichtum, Handlungskompetenzen, handwerkliches Geschick sowie künstlerische, sportliche und musikalische Fähigkeiten und Neigungen sind derzeit nur schwer abschätzbar. Es ist jedoch zu befürchten, dass diese erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. In der Zusammenstellung der Studienlage bleiben inhaltliche Aspekte, welche durch die Medien transportiert werden, unbeachtet. Viele Medienschaffende richten ihre politischen Botschaften mit Eifer speziell an Kinder, die sich als Heranwachsende in einer besonders sensiblen Phase befinden. Dies spielt beispielsweise bei von Genderdysphorie betroffenen Kindern eine nachgewiesene Rolle. Hierbei sollte der Einfluss von Medien auf die Entwicklung von Überzeugungen und Verhaltensweisen nicht unterschätzt werden.
5. Positive Effekte mit Nebenwirkungen
Aber was ist mit den positiven Effekten? Wie steht es um Lernprogramme und Lernvideos? Es gibt Nachweise, dass altersgerechte, hochwertige Videos das Vokabular und Wissen fördern. Dieser Effekt tritt jedoch erst ab einem Alter von etwa 2,5 Jahren ein und beschränkt sich auf hochwertige Inhalte, die unter elterlicher Begleitung genutzt werden. Die meisten angebotenen Programme sind jedoch stark auf Unterhaltung ausgerichtet und fördern antisoziales und aggressives Verhalten. Für Kinder unter 2,5 Jahren sind keine positiven Effekte von Lernvideos erkennbar. Sie können jedoch davon profitieren, über Videotelefonie Kontakt zu ihren Bezugspersonen zu halten. Jugendliche können durch die Nutzung digitaler Medien Fähigkeiten erlangen, die in ihrem späteren Berufsleben sonst schwerer zu erlernen wären. Beispielsweise zeigt sich ein verbessertes räumliches Verständnis. Dies bietet Chirurgen Vorteile beim Erlernen minimalinvasiver Verfahren, da das Gehirn auf eine gute Koordination von Hand und Bildschirm zurückgreifen kann. Dasselbe gilt auch für Piloten und Architekten. Sehr spezifische Fähigkeiten können an digitalen Geräten gut erlernt werden. Für Kleinkinder, die vor allem mit dem Erlernen von Motorik, Sprache und Verhalten beschäftigt sind, sind dies jedoch keine Bildungsziele, die zu ihren Schlüsselkompetenzen gehören und den Raum für neues Lernen eröffnen. Der Begriff „Medienkompetenz“ wird oft als wichtiger Bildungsbaustein in der modernen Welt propagiert. Er umfasst die Fähigkeit, Medien bewusst und kritisch zu nutzen, zu verstehen und selbst zu gestalten. Doch bei Kleinkindern fehlen die kognitiven Voraussetzungen, um Fiktion von Realität zu unterscheiden und eine kritische Distanz zum Medium zu entwickeln. Das Bedienen eines Touchscreen-Geräts ist keine Medienkompetenz im eigentlichen Sinne. Im Gegenteil, zu frühes Heranführen an digitale Medien kann dazu führen, dass ein tieferes Verständnis ausbleibt.
6. Die Empfehlungen der Fachgesellschaften
Die deutsche AWMF-Leitlinie „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ empfiehlt:11
– Kinder unter drei Jahren sollten von jeglicher passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien ferngehalten werden.
– Wenn Eltern ihre Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren an die Nutzung von Bildschirmmedien heranführen möchten, sollte dies höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen gestattet werden und stets in Anwesenheit der Eltern erfolgen.
– Für Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren sollte die freizeitliche Nutzung von Bildschirmmedien auf höchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen beschränkt sein.
– Bildschirmmedien sollten weder zur Belohnung,
Bestrafung noch zur Beruhigung eingesetzt werden.
– Während des Essens, insbesondere bei gemeinsamen Mahlzeiten, sollten keine Bildschirmmedien genutzt werden und es sollte auch nicht während der Nutzung von Bildschirmmedien gegessen werden.
– Eltern sollten sich für die digitalen Aktivitäten ihrer Kinder interessieren und diese kritisch begleiten. Die Fachgesellschaften aus dem angelsächsischen Raum sind in ihren Empfehlungen etwas liberaler, empfehlen aber, dass Kinder unter zwei Jahren grundsätzlich auf Bildschirme verzichten, und Kinder bis fünf Jahre nur hochwertige pädagogische Programme mit maximaler Dauer von 30 bis 60 Minuten pro Tag nutzen sollten.
Die Canadian Pediatric Society hat im Januar 2024 eine explizite Empfehlung zum riskanten Spiel herausgegeben und benennt dabei folgende Situationen, denen Kinder ausgesetzt werden sollen:12
– Höhe: Klettern, Springen, Balancieren in der Höhe
– Geschwindigkeit: Radfahren mit hoher Geschwindigkeit, Rodeln, Rutschen, Rennen
– Werkzeuge: Überwachte Aktivitäten mit Axt, Säge, Messer, Hammer oder Seilen (zum Beispiel Bau eines Unterschlupfs oder Schnitzen)
– potenziell gefährliche Elemente: Spielen in der Nähe von Feuer oder Wasser
– Raues und turbulentes Spiel: Ringen, spielerische Kämpfe, Fechten mit Stöcken
– Spiel mit Risiko des Verschwindens oder Verlorengehens: Erkunden von Spielplätzen, Nachbarschaften oder Wäldern ohne Aufsicht durch Erwachsene, oder im Fall von Kleinkindern mit begrenzter Aufsicht (zum Beispiel Verstecken hinter Büschen)
7. Unsere Empfehlung für Eltern
Wie lassen sich diese Empfehlungen konkret in den Alltag integrieren? Beginnen Sie mit der Reflexion Ihres eigenen Medienkonsums. Interessieren Sie sich für die Gedanken und Ideen Ihrer Kinder. Schaffen Sie Möglichkeiten zum Erleben von Abenteuern und Unabhängigkeit, zum Beispiel durch das Klettern auf Bäume oder das Schnitzen mit einem Taschenmesser. Wenn bereits eine problematische Mediennutzung vorliegt, schaffen Sie attraktive Alternativen. Klare Familienregeln, die alle Familienmitglieder kennen und einhalten, sind für Kinder leichter zu akzeptieren, als wenn täglich neue Bildschirmzeiten ausdiskutiert werden müssen. Wenn Sie Bildschirmmedien zulassen, setzen Sie sich zu Ihrem Kind und begleiten Sie die Nutzung. Videotelefonate mit Bezugspersonen, wie den Großeltern, oder das Anschauen von Fotos vergangener Ereignisse sind unproblematisch. Aber auch hier sehen wir bei unseren Kindern einen kaum zu sättigenden Hunger. Eine Zeitbegrenzung ist auch bei diesen harmlosen Tätigkeiten sinnvoll. Verwenden Sie Medien nicht als Trost- oder Beruhigungsmittel. Kinder verinnerlichen, dass negative Emotionen mit digitalen Medien in den Hintergrund gedrängt werden können, sollen aber andere Bewältigungsstrategien entwickeln.
8. Fazit
Es besteht in unserer Gesellschaft für Mediennutzung im Kindesalter erstaunlich wenig Problembewusstsein. Die Datenlage ist gerade für das Kleinkindalter eindeutig und die Folgen auf das kindliche Gehirn sind beklemmend. Das Narrativ von früh erlernter Medienkompetenz hält sich aber selbst unter sonst kritischen und reflektierten Eltern aufrecht. Es ist höchste Zeit, dass wir den Wert des freien Spiels wiederentdecken und den Bildschirm gegen das echte Leben eintauschen.
1 Norddeutscher Rundfunk, Krankhaftes Übergewicht bei Kindern nimmt zu. [Online]. Verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/ wissen/gesundheit/kinder-uebergewicht-101.html.
2 Ärzteblatt, Depressionen machen Kindern und Jugendlichen zunehmend zu schaffen. [Online]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/105287/Depressionen-machen-Kindern-und-Jugendlichen-zunehmend-zu-schaffen.
3 Deutschlandfunk, Deutsche Schulleistungen sinken weiter. [Online]. Verfügbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/pisa-studie-2022-102.html.
4 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie & KIM-Studie. [Online]. Verfügbar unter: mpfs.de (Zugriff am: 21. Juli 2024).
5 M. Brussoni et al., "What is the Relationship between Risky Outdoor Play and Health in Children? A Systematic Review" (eng), International journal of environmental research and public health, Jg. 12, Nr. 6, S. 6423–6454, 2015, doi: 10.3390/ijerph120606423.
6 J. Haidt, The anxious generation: How the great rewiring of childhood is causing an epidemic of mental illness. New York: Penguin Press, 2024. Inzwischen in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Generation Angst“ erhältlich Online-Ressourcen mit den kollaborativen Reviews zu diesem Buch sind ein wahrer Schatz. Zu finden unter: https://www.anxiousgeneration.com/research/collaborative-review-docs
7 T. K. Oswald, A. R. Rumbold, S. G. E. Kedzior und V. M. Moore, "Psychological impacts of "screen time" and "green time" for children and adolescents: A systematic scoping review" (eng), PloS one, Jg. 15, Nr. 9, e0237725, 2020, doi: 10.1371/journal.pone.0237725.
8 B. Guellai, E. Somogyi, R. Esseily und A. Chopin, "Effects of screen exposure on young children's cognitive development: A review" (eng), Frontiers in psychology, Jg. 13, S. 923370, 2022, doi: 10.3389/fpsyg.2022.923370.
9 S. P. Suggate und P. Martzog, "Screen-time influences children's mental imagery performance" (eng), Developmental science, Jg. 23, Nr. 6, e12978, 2020, doi: 10.1111/desc.12978).
10 A. Leonhardt, M. Fuchs, M. Gander und K. Sevecke, "Geschlechtsdysphorie in der Adoleszenz: Die Rapid-Onset-Hypothese auf dem Prüfstand" (eng), Neuropsychiatrie: Klinik, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation: Organ der Gesellschaft Österreichischer Nervenärzte und Psychiater, 2024, doi: 10.1007/s40211-024-00500-8.
11 Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend. [Online]. Verfügbar unter: https://leitlinie.bildschirmfrei-bis-3.de/.
12 E. Beaulieu und S. Beno, Healthy childhood development through outdoor risky play: Navigating the balance with injury prevention. [Online]. Verfügbar unter: https://cps.ca/en/documents/position/outdoor-risky-play.
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Ich bin krank gewesen & ihr habt mich besucht
Ich bin krank gewesen & ihr habt mich besucht
Autor: Inge Fischer
Innerhalb meiner Beschäftigung mit dem Christentum in der Antike, insbesondere mit der damaligen Krankenversorgung, beeindruckte mich sehr, wie unerschrocken Christen auch angesichts eigener Gefährdung für Leib und Leben Kranke und Schwache pflegten. Der damalige Staat hatte nichts für diese Menschen übrig. Kranke oder schwache Menschen galten als wert- und nutzlos. Doch in der Bibel in Matthäus 25,36b finden wir die entgegenstehende Aussage: „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.“ Christen füllten durch ihre Hingabe an Gott Lücken aus, die ein gottloser Staat zu schließen nicht willens und auch nicht fähig war. Die Angst vor Ansteckung und Gefahr war für die Menschen oft zu groß, um ans Helfen Schwacher überhaupt zu denken. Das praktische Zeugnis der Christen für ihren Gott der Liebe dagegen, nämlich sogar das Risiko in Kauf zu nehmen, selber krank zu werden oder zu sterben, war immens und beeindruckend. Die Christen setzten praktisch um, was es heißt, Gott und den Nächsten zu lieben. Sie hatten eine Antwort auf aussichtslose Situationen. Wie ist es heute? Sind Christen heute nicht genauso aufgerufen, Lücken zu füllen, die sich auftun? Dieser Gedanke beschäftigte mich so sehr, dass ich den Entschluss fasste, Patienten im Krankenhaus zu besuchen. Denn sie erleben immer mehr, wie hektisch die Behandlungsprozesse ablaufen und wie kaum noch Zeit für ihre innere Not aufgebracht werden kann. Barmherzigkeit und Nächstenliebe in der Pflege sind heute nicht die ersten Prämissen, die in der Ausbildung vermittelt werden. Wachsender Personalmangel und Zeitdruck erschweren eine notwendige Zuwendung zusätzlich. Die starke ökonomische Ausrichtung in den Gesundheitseinrichtungen sorgt dafür, dass eine adäquate und für beide Seiten zufriedenstellende empathische Begleitung durch die Mitarbeiter oft unmöglich ist. Sie verstellt auch die Tatsache, dass Kranke niemals und schon gar nicht primär mit der betriebswirtschaftlichen Sicht des Kunden in Verbindung gebracht werden können, was leider zunehmend der Fall ist. Aber sind diese genannten Entwicklungen die alleinigen Gründe für diese Zustände? Fehlt nicht auch der Blick für die wahre Situation vieler Patienten? Denn Krankheit und gesundheitliche Einschränkungen stellen oft lebensverändernde Einschnitte dar, die Angst machen. Das bisher gewohnte Leben kann manchmal ganz schnell aus den Fugen geraten und Fragen brechen auf, zum Beispiel nach Sinn und Ziel des Lebens. Manche Patienten sehnen sich gerade deshalb nach Zuwendung, Trost und Ermutigung. Wenn nicht mehr das Essen und die Zimmerqualität die erste Rolle spielen, was können Beschäftigte im Gesundheitswesen darüber hinaus geben? Sind sie selber getröstete und hoffnungsvolle Menschen? Woher beziehen sie Hoffnung? Welchen Trost haben sie, wenn Medizin nicht mehr helfen kann und Pflegekräfte ohnmächtig vor manchen Situationen stehen? Nach Beendigung meines langen Berufslebens in verschiedenen Funktionen des Pflegedienstes (Praxis, Lehre, Leitung), entschloss ich mich, am ehrenamtlichen Besuchsdienst im Krankenhaus meiner Region teilzunehmen. Die Organisation und das Tätigkeitsspektrum dieser sogenannten Grünen Damen können sich innerhalb der Krankenhäuser unterscheiden – je nach Leitung und Ausgestaltung vor Ort. Bei uns ist es so, dass jede Mitarbeiterin eine feste Station bekommt und sich auf einen bestimmten Wochentag festlegt. Wir sind völlig frei in unserem Einsatz, auch zu welcher Uhrzeit wir kommen oder wie lange wir bleiben. Genau das hat mich ermutigt und mir entsprochen! In einem Informationspapier, das mir die Leiterin in der Einführung aushändigte, stand zum Profil des Dienstes: kleine Handreichungen, Hilfe zur Selbsthilfe, bei essen und trinken unterstützen, uns Zeit nehmen für die Kranken, mit ihnen sprechen, zu schweigen, zu beten, Angehörige begleiten und zeitweise entlasten, Mut machen. „Beten“, das ermutigte mich. Denn ich hatte bereits davon gehört, dass es in manchen Einrichtungen verboten sei, zu missionieren. Man müsse sich „neutral“ verhalten. Und nun sah ich sozusagen grünes Licht dafür, nämlich wenn Gott es schenken würde, auf ihn hinzuweisen und sein Wort weiterzugeben. So gehe ich über die Station, ausgerüstet zum Beispiel mit schönen Bildkarten mit Bibelvers und Texten oder kleinen Broschüren. Das alles befindet sich in meiner Kitteltasche. Gerüstet zu sein heißt aber auch, im Vertrauen auf den Herrn zu gehen und zu beten. Deshalb bin ich für Gebetsunterstützung dankbar. Nach einem Dreivierteljahr als Grüne Dame konnte ich feststellen, dass dieses Ehrenamt überwiegend positiv auf- und angenommen wird. Auch wenn natürlich nicht alle Patienten den Dienst in Anspruch nehmen, so begrüßen es bisher die meisten, dass es ihn überhaupt gibt. Ich weiß nie, was mich erwartet, wenn ich auf der Station beginne. Vom Pflegepersonal darf ich eine Patientenliste erbitten. Darauf stehen Name, Zimmernummer und Alter der Patienten. Zusätzlich auch manche Hinweise, wie zum Beispiel, dass eine Reha oder eine bestimmte Untersuchung geplant ist. Das Pflegepersonal selbst äußert sich mir gegenüber so gut wie nicht. Aber die Anwesenheit der Grünen Dame ist es gewohnt und lässt sie frei gewähren. Die Fluktuation der Pflegekräfte nehme ich als hoch und die Verweildauer der Patienten als kurz wahr. Selten sehe ich einen Patienten zweimal. Ich bin auf einer großen chirurgischen Station tätig. Dort gibt es 33 Zimmer mit jeweils zwei bis drei Betten. Die Station ist fast immer voll belegt und nicht immer schaffe ich es, in alle Zimmer zu gehen. Bevor ich anklopfe, bete ich kurz still. Dann trete ich ein und begrüße die Patienten. Mir ist es wichtig, einen ruhigen, freundlichen, aber auch einen munteren Ton zu finden. Manchmal gibt es bereits eine Reaktion eines Patienten und ich stelle mich darauf ein, so gut ich kann. Augenkontakt ist sehr wichtig und wenn ich merke, dass mir der Patient vertraut, ist das eine gute Ausgangssituation für alles Weitere. Ich laufe nicht zu schnell von Bett zu Bett, sondern bleibe vor den Betten stehen und schaue in die Gesichter der Patienten. Nie geht es nach Schema F und das ist sehr interessant und abwechslungsreich. Manche Patienten fragen etwas oder wollen Näheres zu meinem Dienst wissen. Manchmal frage ich etwas oder ich entdecke einen Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. Zum Beispiel nehme ich wahr, dass etwas auf dem Boden liegt, dass der Patient nicht gut liegt, dass gelüftet werden müsste, dass die Wasserflaschen (die jeder Patient bekommt) leer sind, und so weiter. Oder ich sehe Hilfsmittel und Verbände am Körper, die mir als gelernte Krankenschwester vermitteln, um welches Gesundheitsproblem es sich handeln könnte. Ich staune oft, wie bereitwillig mir viele Patienten dann auf eine Frage von mir zu erzählen beginnen. So entwickelt sich manchmal ein Gespräch, in dem ich mehr über den Patienten, seine Situation und seine Empfindungen erfahre. Von einigen Begegnungen will ich berichten: Da war ein selbstständiger Unternehmer, der nach einem Unfall nun einige Monate ausfallen wird. Meine erste Vermutung war, dass er als jüngerer, auf mich modern wirkender Mann möglicherweise nichts mit Glauben am Hut haben könnte. Nachdem ich ihm zuhörte, welche Auswirkungen sein Unfall für sein Geschäft haben würde, schaute er auf das Kreuz im Patientenzimmer und meinte, dass Gott wohl wisse, was er täte. So konnte ich anknüpfen und er nahm auch eine Karte mit einem biblischen Wort an. Ein anderer Patient saß am Tisch vor seinem Laptop. Es schien so, dass er kein Interesse an einem Besuch hatte. Eine banale Frage meinerseits, ob er beruflich am Laptop arbeiten würde, führte dann doch dazu, dass er anfing von seiner Situation zu erzählen. Er wurde von einer schlechten Diagnose überrascht und war nun beschäftigt damit, ein aus seiner Sicht dafür besser geeignetes Krankenhaus zu finden. Auch sagte er mir, dass er selbst keinen Glauben an Gott brauche. Wenn den jemand brauche, dann würde er das akzeptieren, aber er selbst brauche das nicht. Er lasse die anderen leben, wie sie wollen und so wünsche er auch behandelt zu werden. Ich stockte innerlich. Was kann ich jetzt sagen? Und dann erlebte ich, dass ich doch Worte finden durfte, um ihn „vorsichtig“ dafür zu gewinnen, dass es ernst damit sei, wie Gott der Schöpfer über unser Leben denken würde. Zum Schluss nahm er dann doch ein Bibelwort an. Er steckte es in seine Handytasche. Ich frage übrigens immer, ob ein Patient die Karte oder das Heft haben will. Aus solchen Situationen lerne ich, wie ich mich in meiner Einschätzung eines Menschen täuschen kann und manch einer doch nicht so sicher ist, wenn er meint, Jesus Christus nicht zu brauchen. Ein anderes Mal stand ich am Bett einer alten Patientin, die sehr schwach war. Ziemlich unvermittelt sagte sie: „Dass Jesus sterben musste, das verstehe ich nicht.“ Darauf durfte ich mir etwas Zeit nehmen und ihr erläutern, warum Jesu Tod für uns notwendig war, und dass wir ihn als Erlöser annehmen müssen. Was sie damit machen wird, konnte ich nicht mehr erfahren. So viele Faktoren spielen eine Rolle dabei. Wen habe ich vor mir? In welcher Situation befindet er sich? Welche Not, welche Frage hat er? Geht es ihm nur um belangloses Reden, etwa, um lediglich Ablenkung zu finden? Oft entdecke ich erst während des Gespräches, was zu sagen ist. Es ist eine Gratwanderung, im Gespräch warten zu können, aber auch im richtigen Moment das Richtige zu sagen. Sowieso ist es unglaublich herausfordernd, Menschen, die man nicht kennt, zu begegnen und hilfreich für sie sein zu dürfen. Und dann dem Herrn zu überlassen, was er mit dem ausgestreuten Wort macht. Ihm und seiner Macht will ich vertrauen. Ich habe mich auch damit beschäftigt, wie Jesus Kranken begegnet ist. Besonders im Lukasevangelium ist viel darüber zu finden. Davon kann ich viel lernen. So hat Jesus zum Beispiel nach dem Willen des Kranken gefragt und er hatte immer seinen geistlichen Zustand im Blick. An einem anderen Tag saß ich am Bett einer schwerkranken älteren Patientin. Vorher fragte ich sie, ob ich mich setzen dürfe. Es war in einem Einzelzimmer. Im Gespräch fasste ich Mut, sie zu fragen, wie sie über Ewigkeit denken würde. Ich war entsetzt, als sie antwortete: „Das lasse ich offen.“ Innerlich bewegt, dass sie von meinem Gesamteindruck her wohl nicht mehr lange zu leben hatte, sagte ich ihr, dass wir alle einmal vor Gott stehen und dass wir die Erlösung durch Jesus Christus brauchen würden, weil wir ohne ihn verloren sind. Sie reagierte nicht darauf. Ich fragte, ob ich ihr etwas vorlesen darf. Das bejahte sie und ich hatte einen passenden Text zu Psalm 23 dabei, den ich las. Mit diesem Psalm habe ich der Patientin erklärt, dass der Herr Jesus dieser gute Hirte ist und die Menschen ruft. Ich betete noch dafür, dass sich die Patientin diesem Herrn zuwenden möge. Bei dieser Situation konnte ich nicht anders, als „steil“ einzusteigen und von der Ewigkeit zu sprechen. Ich sah ja wie schlecht es der Frau ging. Und doch ist es so, dass der Herr mich führen und mir aufs Herz legen muss, was ich sagen soll. Ohne ihn kann ich nichts tun, wie es uns Johannes 15,5 sagt! Einen alten Herrn traf ich fertig angezogen auf seinem Bett sitzend an, seine Tasche war gepackt. Er wartete auf sein Taxi. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er gestern wegen eines Leistenbruchs operiert worden war. Den habe er sich vermutlich beim „Lupfen“ seiner Frau zugezogen, die in der Mobilität eingeschränkt sei. Nun sei die Ehefrau selbst in einem anderen Krankenhaus, weil eine Unterschenkelamputation vorgenommen werden musste. Wie dann die häusliche Situation gemeistert werden könne, sei noch unklar. Er wirkte allerdings nicht niedergeschlagen deswegen. Als ich den Glauben ins Gespräch brachte und ihm ein Bibelwort anbot, lehnte er mit der Begründung ab, dass er die Tasche ja schon gepackt habe. Dann begann er mir zu erklären, dass Gott die Menschen gar nicht vor Gericht ziehen könnte. Millionen von Menschen wären im Krieg verstümmelt worden und es kämen immer wieder Tote hinzu, die er nicht „zusammensetzen“ könne. Unglaublich, dachte ich, was sich Menschen so zurecht denken. Er zeigte sich wenig bereit, zu überlegen, dass der einzige Gott des Himmels und der Erde heilig und allmächtig ist und dass es für ihn kein Problem ist, seine Geschöpfe zur Verantwortung zu ziehen. Später meinte er, er hätte auch ein bisschen Spaß gemacht. Wir wurden unterbrochen. Eine Krankenschwester kam herein, dann eine Ärztin. Ich verabschiedete mich von Erich, so sollte ich ihn anreden. Er meinte noch, es sei schade, dass wir nicht noch weiterreden könnten. Ich ging ins nächste Zimmer. Danach schaute ich aber nochmal bei ihm vorbei. Er war noch da und allein mit dem Mitpatienten. Ich sprach ihn erneut an und verdeutlichte ihm, dass es für mich kein Spaß ist, wenn man über solche ernsten Dinge wie vorhin sprechen würde. Ich legte ihm sehr nahe, die Bibel zu lesen, um zu erfahren, was wirklich wahr ist. Dann wurde er abgeholt, weil das Taxi da war. Ein Mann in einem Dreibettzimmer, der einer Wirbelsäulenoperation entgegensah, erzählte mir bereitwillig von seiner Situation. Ich staunte wieder, dass ein Patient auf eine anteilnehmende Frage von mir so bereitwillig anfängt zu erzählen. Dieser Mann, im Arbeitsleben stehend, geschieden und ohne Anteilnahme seiner Eltern, muss schauen, wer ihm Wäsche bringt. Ich dachte darüber nach, wie viele Scherben es in seinem Leben gibt. Hier fragte ich, wie er denn damit zurechtkommt, wenn so manches in seinem Leben nicht gut läuft. Die Antwort war oberflächlich. Für mich bot dies einen Anlass, um ihm zu sagen, wie ich als Christin mit Niederlagen und Problemen umgehen darf. Dass ich einen Gott und Herrn habe, dem ich vertrauen, den ich um Hilfe bitten darf. Darauf antwortete er: „Ich bin Heide.“ „Wie tragfähig ist das?“, fragte ich zurück. Darauf hatte er eigentlich keine Antwort. Er signalisierte mir gegenüber in Bezug auf den Glauben eher Ablehnung. Wir kamen trotzdem noch über das Leben und über Hoffnung ins Gespräch. Ich erzählte, was mir der Glaube an Jesus bedeutet und dass ich weiß, dass er in allen Situationen meines Lebens dabei ist und immer das Beste will. Was aus dem Gespräch wird, muss ich Gott überlassen. Ich finde es erschreckend, wenn Menschen die wichtigsten Fragen, nämlich, was der Sinn des Lebens ist, was nach dem Tod kommt und das sicherste Ereignis im Leben, nämlich sterben zu müssen, derartig verdrängen oder oberflächlich behandeln. Nicht nur einmal erlebte ich das bei meinen Besuchen. Leider treffe ich immer wieder Oberflächlichkeit an, die mich traurig macht. Manchmal fühle ich mich auch hilflos und mutlos. Deshalb möchte ich nach solchen Begegnungen vor allem für die Menschen beten und sie dem Herrn anbefehlen. Gott ist immer noch mächtig und kann zu ihren Herzen reden. Ein anderes Mal kam ich in ein Einzelzimmer. Die Patientin hatte ein künstliches Kniegelenk bekommen. Ich brachte mein Staunen zum Ausdruck, dass sie so sportlich wirke und doch einen Gelenkersatz gebraucht hätte. Das Gespräch kam in Gang. Sie hätte größeren Blutverlust nach der OP erlitten und fühle sich noch schwach. Ich meinte, dass ich dann doch lieber gehen würde, damit sie zur Ruhe kommen könnte. Doch sie wollte, dass ich einen Stuhl nehme und dableiben sollte. Mir kam es bei ihren Fragen so vor, als wenn sie meine Motivation für den Dienst abtasten wollte. Sie selber könnte Kranke nicht versorgen. Wie man das bewältigen könne? Und dann: „Ohne Glauben an Gott kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.“ Darauf konnte ich antworten „Ich auch nicht“. Sie reichte mir die Hand. Wir sprachen über Jesus, der der Herr unseres Lebens geworden ist. Ich freute mich, dass sie darum bat, gemeinsam zu beten. Kranke Glaubensgeschwister zu ermutigen ist ebenfalls ein wichtiger Dienst. Bis jetzt habe ich allerdings erst zwei gläubige Patienten kennenlernen dürfen. Bei einem anderen Gespräch hielt ich mich gerade auf dem Flur der Station auf, als mich ein Angehöriger ansprach. Er erzählte mir, wie lange er mit seiner kranken Frau in der Notaufnahme warten musste, bis man sich ihr zuwandte. Weiterhin erzählte er, dass er katholisch sei und dann im Zusammenhang mit den Problemen unserer Zeit meinte er: „Der liebe Gott war vielleicht etwas müde, als er den Menschen ja erst zum Schluss der Schöpfung geschaffen hat, weil der Mensch doch nicht so gut ausgefallen ist.“ Wie wenig wissen Menschen der Kirche vom Wort Gottes, kam es mir in den Kopf. Ich sagte ihm, dass Gottes Wort berichtet, dass der Schöpfer die Erschaffung des Menschen sogar als „sehr gut“ bezeichnet hat. Dass aber danach ein schreckliches Ereignis passiert ist, nämlich der Sündenfall und dann war der Mensch leider nicht mehr sehr gut. Wir brauchen deshalb die Erlösung von der Sünde und das hat Gott auch für uns „geregelt“, durch seinen Sohn, der für uns am Kreuz gestorben ist. Immer wieder lassen sich einzelne Patienten trösten. Ich wurde schon davon überrascht, dass mir Patienten zunächst nicht so vorkamen, als wenn sie innere Nöte hätten. Erst nach ein paar Sätzen, meinem Blick in ihre Augen, meiner vorsichtigen Nachfrage, öffnete sich manch einer dann doch. Dafür bin ich dann immer besonders dankbar und biete ein Bibelwort an. Immer wieder wird es im Anschluss an ein Gespräch angenommen. Einzelne Patienten fragen auch, wann und ob ich wiederkomme. Ich lerne bei diesem Besuchsdienst viel – über die Menschen, aber auch über mich. So wird mir deutlich, dass ich ohne meinen Herrn gar nicht wüsste, wie ich den mir fremden Menschen weise begegnen könnte. Und dass ich vor Augen habe, dass sie Gottes geliebte Geschöpfe sind, die er ruft. Wenn ich viele ältere Patienten treffe, dann steht mir sehr klar vor Augen, wie schnell das Leben vergeht und wie es treffsicher im Buch des Predigers Salomo heißt: „Und gedenke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre herzutreten, da du wirst sagen: sie gefallen mir nicht.“ (Prediger 12,1) Zeiten der Krankheit und Not sind Gelegenheiten, sein Leben vor Gott zu ordnen, ihn zu suchen, die eigene Erlösungsbedürftigkeit und das Heil in Christus zu erkennen und anzunehmen. Möge Gott schenken, dass verlorene Menschen die Chance bekommen, im Krankenhaus von Christus hören. Deshalb bin ich froh, wenn diese Möglichkeit der Krankenbesuche noch lange bestehen bleibt und Gott diesen Dienst zu seiner Ehre gebrauchen kann.
1 Schmidt, Alvin J., Wie das Christentum die Welt veränderte, Resch Verlag, S. 147 ff, S. 179 ff.
2 Bei Grünen Damen oder Grünen Herren handelt es sich um Ehrenamtliche, die in der Evangelischen Kranken- und Alten-Hilfe e. V. (eKH) in Deutschland organisiert sind. Sie unterstützen Patienten und Pflegebedürftige sowie deren Angehörige in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Der Name Grüne Damen/Herren bezieht sich auf die Farbe der Kittel, welche die Ehrenamtlichen tragen.
Viel hilft viel – maximale Erfolge durch maximale Therapie?
Viel hilft viel – maximale Erfolge durch maximale Therapie?
Autor: Markus Vogel
Eine der vielen Spritzenpumpen gibt lautstark Alarm, bald muss das in ihr befindliche Medikament erneuert werden. Es dient der Kreislaufunterstützung und wird als eines von vielen Medikamenten kontinuierlich in einen Zugang am Hals des Patienten geleitet. Am Kopfende des Bettes meldet sich das Beatmungsgerät, denn die Beatmungsdrücke, mit denen der Apparat Luft in die Lunge drückt, müssen angepasst werden. An der anderen Seite übernimmt eine große Maschine den Nierenersatz, indem sie stetig das Blut von Schadstoffen befreit. Der Patient bekommt von alldem wenig mit, er befindet sich in einem tiefen künstlichen Koma. Ein solches Szenario ist wohl für die meisten Menschen hierzulande eine schreckliche Vorstellung, sowohl als Patient als auch als Angehöriger. Viele wünschen sich, nie eine Intensivstation betreten zu müssen. Und doch kann es für viele Menschen plötzlich zur Realität werden. Diese Station gilt als Schnittstelle zwischen Leben und Tod und als Inbegriff des medizinischen Konzepts der Maximaltherapie, in der das komplette medikamentöse und technische Repertoire moderner Medizin ausgenutzt wird. Seit Jahren und spätestens seit der Coronapandemie ist diese „Höchstform“ der Medizin heiß diskutiert worden. Wer soll eine Maximaltherapie erhalten? Wann ist Maximaltherapie sinnvoll? Wie lässt sich Übertherapie als Abgrenzung zur Maximaltherapie verhindern? Und was genau ist unter Maximaltherapie überhaupt zu verstehen? Solche und viele weitere Fragen stellen sich in der Diskussion um das Prinzip der Maximaltherapie.
1. Großes Spektrum
Der Begriff legt es bereits nahe: Bei der Maximaltherapie handelt es sich um die Ausschöpfung der am Patienten anwendbaren Therapiemöglichkeiten, seien sie medikamentös, maschinell oder interventionell. Im Allgemeinen wird Maximaltherapie mit intensivmedizinischer Behandlung gleichgesetzt, jedoch gibt es auch hier wichtige Aspekte zur Einordnung des Begriffs. Zum einen ist Maximaltherapie oft standortabhängig. In der Coronapandemie bestand die Maximaltherapie beim schweren Lungenversagen aus dem Lungenersatz mittels ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung), bei der das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert wird. Diese Therapie können nur große Kliniken mit ausreichend erfahrenem Personal in begrenzter Menge anbieten. Deshalb war es durchaus möglich, dass Patienten mit Lungenversagen eben nicht immer die Maximaltherapie erhielten, auch wenn es die maximale Intensivtherapie des behandelnden Krankenhauses war. Zum anderen ist Maximaltherapie auch ein situativer Begriff, denn nicht nur Patienten auf Intensivstationen nehmen eine Maximaltherapie in Anspruch, auch viele andere Fachgebiete setzen dieses Konzept um. In der Onkologie existieren beispielsweise viele für den Patienten sehr belastende maximale Therapieansätze. Ein Blasenkrebs, der die Muskelschicht des Organs befallen hat, wird in der Regel mit einer relativ nebenwirkungsreichen Chemotherapie vor- und nachbehandelt und zieht die komplette Entfernung der Blase mit kompliziertem und funktionell eingeschränktem Blasenersatz nach sich. Auch Strahlentherapien können zum Einsatz kommen. Ein Patient, der eine Maßnahme dieses Therapieschemas ablehnt, erhält formal keine Maximaltherapie seiner Erkrankung mehr. Ebenso ein sehr betagter Patient mit weit fortgeschrittener Nierenerkrankung, der eigentlich eine dauerhafte Dialysetherapie erhalten müsste, sich aber dagegen entscheidet. Auch er lehnt die Maximaltherapie in seiner Situation ab. Es wird deutlich, dass Maximaltherapie ein sehr vielgestaltiger Begriff ist und vorrangig, aber nicht ausschließlich, für die Intensivtherapie verwendet wird. Große Leistungen Die Medizin hat in den letzten 100 Jahren große Fortschritte gemacht. Viele Verfahren wurden entwickelt, um Krankheiten zu behandeln, hinauszuzögern und Symptome zu lindern. Es darf als Geschenk Gottes verstanden werden, in einer Zeit zu leben, in der viele Krankheiten als Banalitäten und nicht lebensverkürzend gelten. Und auch auf dem Gebiet der maximalen Intensivtherapie dürfen wir neben dem kritisch zu hinterfragenden Umfang dankbar sein, dass in schweren Krankheitssituationen ein künstlicher Organersatz flächendeckend zur Verfügung steht. Die Funktion von Lunge, Nieren und dem Herzen können heute unterstützt und ersetzt werden. Dazu steht ein großes Repertoire an hochwirksamen Medikamenten zur Kreislaufunterstützung, Schmerztherapie und Narkose bereit. In kritischen Situationen kann eine maximale Intensivtherapie Großes leisten. Auch wenn nur bei wenigen Patienten eine Restitutio ad integrum, also die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit zu erreichen ist, so hilft die Maximaltherapie oft eine gewisse Lebensqualität wiederherzustellen. Im Mittel verlassen knapp 85 % aller schwerkranken Behandelten die Intensivstation lebend.
2. Großes Konfliktpotential
Jedoch muss ein maximaltherapeutischer Ansatz auch in sinnvollen Grenzen stattfinden. Nicht zuletzt, weil eine Übertherapie, also das Hinausgehen über die für den Patienten in seiner Situation angezeigte Therapie, medizinisch, ethisch und auch wirtschaftlich höchst bedenklich ist. Zum einen ist die richtige Indikation, also die fachgerechte Begründung für eine Maximaltherapie, sorgfältig zu stellen. In diese Entscheidungsfindung sollten einige wichtige Faktoren eingehen, wie etwa die zugrunde liegende Erkrankung, der körperliche und psychische Zustand des Patienten und nicht zuletzt der (manchmal auch nur mutmaßliche) Patientenwille. Gerade letzterer spielt in der Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle, denn hier sind Konflikte im Behandlungsteam und mit Angehörigen nicht selten. Für den Behandler ist es von großer Bedeutung, durch gute Aufklärung und Gespräch eine fundierte Entscheidung mit dem Patienten zu erarbeiten. Denn es kann sowohl sein, dass ein Patient eine mögliche Maximaltherapie, entgegen der ärztlichen Empfehlung ablehnt, als auch eine Maximierung der Therapie entgegen des ärztlichen Rats fordert. Doch ebenso wichtig wie die Entscheidung zum Beginn einer Maximaltherapie, ist die Entscheidung zur Aufrechterhaltung dieser. Im Prozess muss regelmäßig evaluiert werden, ob das gesetzte Ziel noch erreichbar ist und wie der Verlauf der Erkrankung verbessert werden könnte. Gegebenenfalls müssen dann Therapie und Ziele neu angepasst werden und in manchen Fällen die Therapie deeskaliert oder sogar beendet werden.
3. Große Verantwortung
In vielen Szenarien ist es nur schwer möglich, ausführliche Gespräche in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen, denn viele kritische Situationen gehen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit seitens des Patienten einher. Wird dann die medizinische Indikation zur Maximaltherapie gestellt und ist der Standpunkt des Patienten zu dieser nicht eindeutig, wird eine Maximaltherapie regelhaft begonnen, um auch im Zweifelsfall keine lebenserhaltenden Maßnahmen unterlassen zu haben. Hierbei kann eine Patientenverfügung hilfreich sein, um die Ärzte bei der Erörterung des Patientenwillens zu unterstützen. Um diesen Zweck zu erfüllen, sollte das Dokument so unmissverständlich wie möglich formuliert sein. Insbesondere sind in diesem Zusammenhang allgemein gehaltene Aussagen weniger hilfreich. „Ich lehne lebenserhaltende Maßnahmen ab“, ist ebenso ungeeignet wie „ich verweigere jede Form der Maximaltherapie“, um zur Willensbildung beizutragen. Vielmehr sollten konkrete Maßnahmen nach einzelner Prüfung angenommen oder abgelehnt werden (Invasive Beatmung, Dialyse, künstliche Ernährung, et cetera). Eventuell sollte dann auch die Therapie erklärt und die möglichen Konsequenzen der Ablehnung dieser dargelegt werden, um dem Behandlungsteam ein informiertes Bild des Patientenwillens zu verschaffen. Außerdem kann es hilfreich sein, einen Zeitraum zu wählen, in dem zunächst die komplette maximaltherapeutische Bandbreite in Anspruch genommen wird. Dieser Zeitraum kann individuell gewählt werden. Sinnvoll ist hier sicherlich eine Festlegung, die sich am eigenen Gesundheitszustand, dem Verständnis von Lebensqualität und dem Alter orientiert. Nach dieser Zeit soll dann eine Neubewertung der Ziele und der klinischen Situation erfolgen und eventuell eine Anpassung stattfinden. Hier ist es auch wichtig zu betonen, dass ein palliativmedizinischer Ansatz auch bei laufender Maximaltherapie auf einer Intensivstation stattfinden und in der Patientenverfügung gewünscht werden kann. Weiterhin kann man das Behandlungsteam in seinen Entscheidungen unterstützen, indem eigene Überzeugungen über das Leben und den Tod kurz dargelegt werden. Für Christen ist es hier zum Beispiel möglich, die Heiligkeit und den Wert des Lebens zu unterstreichen, aber auf der anderen Seite auch darzustellen, dass das Sterben nicht das Ende, sondern einen Übergang darstellt. Diese Überzeugung sollte nicht nur niedergeschrieben, sondern auch im Kreis der Angehörigen bekannt sein. So kann sich eine differenzierte Vorstellung des Patientenwillens verschafft werden. Überhaupt ist die Vorsorgevollmacht eine Alternative zur Patientenverfügung. Im Gespräch mit dem Vorsorgebevollmächtigten können dann die möglichen medizinischen Szenarien erörtert und besprochen werden und gemeinsam die beste Entscheidung für den Patienten getroffen werden. Außerdem erspart sie die gerichtliche Bestellung eines Betreuers.
4. Großer Gott
Maximaltherapie ist ein medizinischer Ansatz, der zeitlich, örtlich und situativ gedeutet werden muss. Mit den richtigen individuellen Grenzen kann dieses Konzept zum Vorteil des Patienten dienen und Übertherapie vermieden werden. Christen steht die Möglichkeit, eine Maximaltherapie in Anspruch zu nehmen, offen, jedoch sollte die individuelle Entscheidung gut durchdacht und erbetet sein. Dazu gehört zum Beispiel auch das Einholen von Informationen zur gewünschten Therapie und die kritische Betrachtung dieser. Auch ein seelsorgerliches Gespräch kann in der Entscheidungsfindung helfen, die eigenen Wünsche und Ansichten mit dem Wort Gottes abzugleichen und zu einer informierten individuellen Entscheidung zu kommen. Eine Anpassung des Patientenwillens kann jederzeit vorgenommen werden, sobald sich die Ausgangssituation ändert. Im Zweifelsfall überstimmt der aktuell geäußerte Wille die Patientenverfügung. Als Christ darf man vertrauens- und verantwortungsvoll dem uns liebenden Gott die eigene Fügung anbefehlen, in dem Wissen, dass es Seine Gnade ist, die das eigene Leben erhält. Gott steht über den schwierigen Umständen des Einzelnen und verspricht uns Seinen Beistand. Das darf Hoffnung geben: Zum einen den Blick auf das Irdische und die damit verbundenen und verbleibenden Aufgaben und Möglichkeiten zu richten und zum anderen vorausschauend auf das kommende Reich Gottes zu warten. Ein Zwiespalt, den schon Paulus kannte: „Ich werde aber von beidem bedrängt: Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen.“ (Philipper 1, 23–24)
Wer möchte ich sein? Der Angriff auf die Identität
Wer möchte ich sein? Der Angriff auf die Identität
Mit Sicherheit hat sich jeder Mensch schon einmal die Frage gestellt: Wer möchte ich sein? Woher komme ich, wohin gehe ich? Und was ist der Sinn des Lebens? Die meisten Menschen versuchen den Sinn ihres Lebens durch Erfahrungen und Emotionen zu finden. Die einen sehen ihn im Sport und in hartem Training, manche in der Musik, die anderen meinen ihn auf Weltreisen oder in spirituellen Begegnungen zu entdecken. Die Frage nach dem Sein ist in jeder unserer Lebensphasen präsent. Die Rahmendaten unserer menschlichen Existenz sind offenkundig: Name, Beruf, Alter, Herkunft et cetera. Auf Grundlage dieser biografischen Säulen können wir uns der Frage nach dem Sinn unseres Lebens überhaupt nähern. Diese mit der Geburt festgeschriebenen (zum Beispiel der Name) oder dem zeitlichen Wandel unterliegenden Faktoren (zum Beispiel das Alter) sind fundamental für die Identitätsfindung. Doch was ist, wenn diese biografische Identität zerstört wird? Wenn wir uns an bisher festgeschriebenen Tatsachen nicht mehr festhalten können? Wenn wir in eine Sinnkrise geraten? Am 12. April 2024 ist eine dieser identitätsbildenden Konstanten mehr denn je attackiert worden: das Geschlecht.
1. Die Entpathologisierung der Transmedizin
Seit 2018 ist es im Rahmen der sozialen Transition möglich, dass geschlechtsdysphorische Personen durch ein ärztliches Attest nach § 45b des Personenstandgesetzes einen gegengeschlechtlichen Namen beim Standesamt wählen durften. Im ICD-10 kann die Diagnose der Geschlechtsdysphorie (F64.0) gestellt werden, wenn der geschlechtydysphorische Zustand für mindestens 3 bzw. 6 Monate anhält und mit einem Leidensdruck einhergeht. Im neuen ICD-11 wird die Diagnose unter dem Begriff „Geschlechtsinkongrenz“ (HA60.0) geführt, um den semantischen Anschein zu erheben, dass das biologische und das empfundene Geschlecht wirklich inkongruent zueinander seien. Im Vergleich zum biologischen Geschlecht sind Gefühle jedoch wandelbar, wie es auch eine Metaanalyse von Dr. James Cantor zeigt: 60—90 % der geschlechtsdysphorischen Kinder nahmen ihr ursprüngliches Geschlecht im Erwachsenenalter wieder an. Dies widerspricht der derzeitigen Theorie der Gesetzgeber, die von einem anhaltenden, seit Geburt oder Kleinkindalter angelegten Gefühl ausgehen, sich im falschen Körper zu befinden.
Wie bereits erwähnt, findet ein sprachlicher Wandel von "Dysphorie" (griechisch: schwer zu ertragen) zu "Inkongruenz" (lateinisch: nicht übereinstimmend) statt.
Der Begriff Geschlechtsdysphorie oder Geschlechtsidentitätsstörung markiert den Krankheitsaspekt der Diagnose. Man distanziert sich von der Dysphorie als Affektstörung und lässt das Empfinden, biologisches und gefühltes Geschlecht passten nicht zusammen, als festgesetzte Tatsache gelten. Die Diagnose der Geschlechtsinkongruenz wird im ICD-11, der zwar 2022 von der WHO eingeführt wurde, aber noch nicht vollständig übersetzt und bis dato in Deutschland gültig ist, in einem dafür eigens geschaffenen Kapitel namens „Zustand mit Bezug zur sexuellen Gesundheit“ verzeichnet. Die Diagnose der Geschlechtsdysphorie war im ICD-10 hingegen unter F64.0, den psychiatrischen Erkrankungen, gelistet. Mit der Neueinordnung der Begrifflichkeiten findet schlussendlich eine Entpathologisierung der Diagnose und damit eine Annäherung an den Normalzustand, an den physiologischen Zustand, statt. Dieser soll fortan nicht mehr als männlich oder weiblich gelten, sondern abhängig von Gefühlen geändert oder gar offengelassen werden können.
Doch nicht nur der ICD-11 bringt medizin-ethnische Umbrüche mit sich, auch der Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag soll zukünftig mehr Freiheit eingeräumt werden.
2. Das Selbstbestimmungsgesetz
Mit Beschluss des Selbstbestimmungsgesetzes am 12. April 2024 hat der Deutsche Bundestag verfügt, dass geschlechtsdysphorische Kinder und Jugendliche ab dem 1. November 2024 per Selbsterklärung einmal pro Jahr ihr Geschlecht beim Standesamt ändern lassen können, ohne dass es einer ärztlichen oder psychologischen Einschätzung bedarf. Bei Kindern unter 14 Jahren dürfen die Sorgeberechtigten den Antrag stellen, das Kind muss beim Behördengang lediglich anwesend sein. Sollten die Eltern dem Wunsch des Kindes nach Änderung des Geschlechtseintrags nicht nachkommen, kann ein Familiengericht involviert werden, das nach dem Kindeswohl entscheidet. Ab dem Alter von 14 Jahren kann der Jugendliche eigenständig agieren, ohne dass es einer Einwilligung der Eltern bedarf. Die ersten Anträge dürfen ab dem 1. August 2024 gestellt werden. Beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) heißt es dazu: „In der Erklärung hat die antragstellende Person zu versichern, dass die beantragte Änderung ihrer Geschlechtsidentität am besten entspricht und ihr die Tragweite der durch die Erklärung bewirkten Folgen bewusst ist.“ Dabei zeigen Studien sehr eindrücklich: Hat ein Kind die soziale Transition vollzogen, folgt meistens auch die medizinische Transition inklusive Pubertätsblockade, Hormonersatztherapie und geschlechtsangleichender Operationen. Die lebenslangen Konsequenzen einer Transition sind für Kinder und Jugendliche kaum zu überblicken. Das neue „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG)“, wie es offiziell heißt, lädt die verwirrten Kinder ein, ihr biologisches Geschlecht ohne juristische, medizinische und behördliche Hürden aufzugeben und ist damit in der Verharmlosung der Konsequenzen einer Transition kaum zu übertreffen. Nie zuvor gab es ein vergleichbares Ereignis in der deutschen Rechtsprechung, bei dem identitätsbildende Konstanten wie der Name oder das Geschlecht durch „Erklärung mit Eigenversicherung“ geändert werden konnten.
Als Argument für die Transition wird oft angeführt, dass die Betroffenen schließlich im falschen Körper geboren seien und sich dieses Leben im falschen Geschlecht ja nicht ausgesucht hätten. Das stimmt auch, denn niemand kann sich sein biologisches Geschlecht aussuchen, da es mit Verschmelzung von Eizelle und Spermium festgelegt ist. Die Behauptung, dass psychische Erkrankungen oder Suizidgedanken die Folge wären, wenn man die Personen nicht im empfundenen Geschlecht leben lässt, ihnen also die Transition ermöglicht, lässt sich mit zahlreichen Studien entkräften. 71 — 89 % der Jugendlichen sind bereits vor der Diagnose Geschlechtsdysphorie psychisch vorerkrankt. , Die meisten leiden unter Angststörungen und Depressionen. In einer Befragung von Eltern mit geschlechtsdysphorischen Kindern gaben 45 % der Eltern an, selbstverletzendes Verhalten bei ihrem Kind bemerkt zu haben, bevor es den Wunsch nach Transition äußerte. Zudem erleben geschlechtsdysphorische Jugendliche mit 97,5 % signifikant mehr Gewalt in ihrer Kindheit als die durchschnittliche Bevölkerung. Forscher gehen davon aus, dass frühe Bindungstraumata ein wesentlicher Faktor für die Entstehung einer Geschlechtsdysphorie sind. Ferner bestätigen zahlreiche Studien, dass die Raten an Depressionen und Suizidversuchen eben nicht durch ein Leben im anderen Geschlecht beseitigt werden, sondern massiv ansteigen. ,
Einhergehend mit der Änderung des Geschlechtseintrages kann in Zukunft auch ein Bußgeld verhängt werden, wenn man eine Transgender-Person mit ihrem „alten“ Vornamen anspricht. Gerade als Christen, die wir uns zu Gottes Schöpfungsordnung bekennen und dem Zeitgeist nicht beugen wollen, stellt uns dies vor neue Herausforderungen. Wenn man sich weigert, eine Person mit ihrem gegengeschlechtlichen Namen anzusprechen, kann ab dem 01. November „auf Grundlage des Gesetzes […] ein Bußgeld verhängt werden, wenn jemand die Änderung des Geschlechtseintrags von transgeschlechtlichen, nichtbinären oder intergeschlechtlichen Personen gegen deren Willen offenbart und dadurch die betroffene Person absichtlich schädigt“. Wer zukünftig eine männlich anmutende Person mit einem männlichen Vornamen anspricht, kann also damit rechnen, ihre Persönlichkeitsrechte zu verletzen und mit einer Geldstrafe belangt zu werden.
3. Die neue Leitlinie zur Geschlechtsdysphorie
Im März dieses Jahres wurde nach 7 Jahren Formulierungs- und Konsensarbeit die neue Leitlinie zur Geschlechtsinkongruenz vorgestellt. Sie proklamiert, dass psychische Erkrankungen eindeutig die Folge und nicht die Ursache von Geschlechtsdysphorien seien. Dabei wird sich auf 27 Fachgesellschaften und 2 Vertretungsorganisationen berufen. Eine davon ist die World Professional Association for Transgender Health (WPATH), die von mehreren Ländern, u. a. Schweden, als transaktivistische Lobbyorganisation eingestuft wird.
Ursprünglich war die neue Leitlinie als S3-Leitlinie angesetzt, sodass über 50 % der Empfehlungen evidenzbasiert hätten sein müssen. Es konnte jedoch nur eine S2k Einstufung erreicht werden. Diese Einordnung erhält eine Forschungsarbeit, wenn ihre Ergebnisse lediglich auf Konsens und nicht auf evidenzbasierten Studien basieren. Eine „systematische Recherche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Belege (Evidenz) zu den relevanten klinischen Fragestellungen“ wäre bei der Einstufung S2e erforderlich gewesen, die die Leitlinie ebenfalls verfehlte. Die sogenannten Experten räumen ein: „Es liegen derzeit noch wenige randomisiert kontrollierte Studien vor. Die Evidenz verbessere sich aber stetig.“
Eine „erbärmlich unzureichende“ Datenlage stellt auch Dr. Hillary Cass in ihrem 388-seitigen Review vom April 2024 fest. Von über 100 Studien könne man nur 2 Studien wissenschaftliche Qualitätsmerkmale wie Kontrollgruppen, Randomisierung und Follow-up nachweisen. Sie kritisiert, dass „diese nicht schlüssige und inakzeptable Studienlage […] als Grundlage für einflussreiche klinische Leitlinien herangezogen“ wird. Der NHS (National health service) verbot daraufhin den Einsatz von Pubertätsblockern und lobte Dr. Cass für ihre detaillierte Aufarbeitung, die „von großer internationaler Bedeutung“ sei.
Anstatt Konsequenzen aus den neusten Ergebnissen des Cass-Reviews zu ziehen, geht man in Deutschland in die entgegengesetzte Richtung. Unser Staat fördert letztendlich die Identitätskrisen junger Menschen und verharmlost die schwerwiegenden Folgen der Transbehandlung. In der neuen Leitlinie werden sämtliche Altersgrenzen für den Einsatz von Pubertätsblockern gestrichen, obwohl neben England auch andere Länder wie Schweden, Dänemark und einige nordamerikanische Bundesstaaten die Pubertätsblocker längst verboten haben. „Im Vergleich zu der Krisensituation sind die Nebenwirkungen einer Pubertätsblockade für die Betroffenen in aller Regel unerheblich.“ Daher „ist es medizinisch und ethnisch unangemessen […] die Gabe von Pubertätsblockern zu verweigern aus Sorge vor Nebenwirkungen“ , behauptet die Medizinethikerin Prof. Claudia Wiesemann, die als ärztliche Initiatorin der neuen Leitlinie gilt. Fatalerweise gibt es derzeit keine einzige Langzeitstudie, die das Nebenwirkungsprofil abschätzen kann. In kürzeren Beobachtungsstudien konnte bereits eine Abnahme der Knochendichte bis in den Osteoporosebereich und eine Intelligenzminderung bei Kindern unter Pubertätsblocker-Gabe festgestellt werden. , , Auch eine Zunahme an Depressionen und Persönlichkeitsstörungen wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Entgegen der Behauptung, man würde geschlechtsdysphorische Kinder ohne Transition in den Suizid treiben, belegen zahlreiche Studien, dass die Betroffenen bereits vor der Entstehung ihrer Transidentität selbstverletztendes Verhalten zeigen und die Rate an Suiziden nach vollumfänglich stattgehabter Transition um das 20-fache steigt. , Auch der Jugendpsychiater Prof. Alexander Korte hinterfragt die neue Leitlinie und kommt zu dem Schluss, dass sie „eine willkürliche und ideologisch motivierte Zusammenstellung von vermeintlichen Belegen dafür [ist], dass die Behandlung für die Patienten angeblich mit Vorteilen verbunden“ sei. Sogar die Feministin Alice Schwarzer äußerte in einem Interview mit dem SPIEGEL kritisch: „Die Transition ist ein sehr schwerer Eingriff in Psyche und Körper. Darum halte ich dieses Selbstbestimmungsgesetz für verantwortungslos. Mit 14 [Jahren] stecken Jugendliche mitten in der Pubertät, in einer Phase also, in der viele nicht wissen, wer sie sind […]. Jugendlichen in dieser größten Identitätsverwirrung ihres Lebens als vermeintliche Lösung anzubieten, lebenslang Hormone zu nehmen und sich den Körper verstümmeln zu lassen – das ist Wahnsinn. Und irreversibel.“
4. Medizinethische Umbrüche im Jahr 2024
1) Entpathologisierung der Diagnose
• „Geschlechtsdysphorie“ (ICD10) wird zu „Geschlechtsinkongruenz“ (ICD11)
• Gefühle ersetzen wissenschaftliche Tatsachen in der Diagnosefindung
2) Neue S2k-Leitlinie zur Geschlechtsdysphorie
• keine Altersgrenze für Pubertätsblocker
• trotz unzureichender Studienlage bzw. gegenteiliger Indizien (z. B. Cass-Review)
3) Selbstbestimmungsgesetz
• 1x pro Jahr kann das Geschlecht beim Standesamt geändert werden
• es bedarf dafür keiner ärztlichen oder psychologischen Einschätzung
5. Hoffnungsvoller Ausblick
Die geschlechtliche Identität ist jedoch nur ein Teil unserer menschlichen Existenz. Der Sinn des Lebens lässt sich nicht beantworten, indem wir wissen, wie wir heißen, wo wir wohnen, wie alt wir sind und welchen Job wir haben, obwohl dies alles wichtige Eckdaten sind. Auch die Summe all unserer Erinnerungen und Erlebnisse beschreibt einen Menschen nur unzureichend. Natürlich prägen diese Erfahrungen eine Person, jedoch werden sie nie die Frage nach der eigenen Identität klären können. Denn unsere Identität liegt nicht in unserer Hand und ist auch nicht frei wählbar wie es uns der Zeitgeist weis machen will. Identität wird gestiftet, und zwar von dem, der uns geschaffen hat. „So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau.“ (1. Mose 1,27) Mit diesem Vers aus dem Schöpfungsbericht wird klar, dass Geschlechtsidentität nicht gefunden, sondern sie uns mit dem Zeitpunkt der Befruchtung gegeben wird, eben männlich oder weiblich. Folglich kann man seine in Gott gestiftete Identität nicht ändern, nur weil man jemand anderes sein möchte. Was geändert werden muss, ist unser Denken und nicht unser Geschlecht oder unser Vorname. Erst wenn wir unsere von Gott gegebene Identität annehmen und ihm zur Ehre leben, erlangen wir den Sinn des Lebens, der von so vielen Menschen verzweifelt gesucht wird. Dazu gehört auch, dass wir erkennen, dass wir Sünder sind und dass nur Christus uns erretten kann.
Gott lehrt uns in seinem Wort, welche Eigenschaften wir annehmen und welche wir ablegen sollen (1. Petrus 2). Wir erfahren, an welchem Lebenswandel Gott seine Freude hat und welche Taten und Gedanken er verabscheut. Unser HERR hat uns geschaffen, damit wir ihm als seine Kinder dienen, ihn verherrlichen und ihn preisen: "Denn wir sind seine Schöpfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen." (Epheser 2,10) Auch die Antwort auf das Wohin hat Gott uns in seinem Wort geoffenbart. Wenn wir einst sterben, werden wir bei ihm im Himmel sein: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat." – Johannes 3,16.
Es ist der Schöpfer höchstpersönlich, der unserem Dasein einen Sinn und einen Wert verleiht. Wir wissen, dass er uns bewusst so geschaffen hat wie er es sich von jeher erdacht hat. Dieses Bewusstsein kann helfen, wenn Menschen ihre Identität, insbesondere ihr Geschlecht, hinterfragen. Sämtliche Transitionsmaßnahmen werden eine geschlechtsdysphorische Person nur noch weiter in ihre Identitätskrise treiben. Was diese Menschen wirklich brauchen, ist Frieden mit Gott. Diesen Frieden findet man dadurch, dass man seine Knie beugt und bekennt, dass man ein Rebell gegen den HERRN war.
Gott hat seinen Sohn Jesus Christus für unsere Sünden sterben lassen, damit wir Vergebung unserer Schuld haben dürfen. Allein deshalb sind wir unendlich teuer erkauft und von unermesslichem Wert (1. Korinther 6,20).
Als Christen ist es unser Vorrecht, Gottes geniale Schöpfungsordnung zu verteidigen und uns klar zu ihr zu bekennen. Es gibt kein „gefühltes“ Geschlecht, noch kann das biologische Geschlecht im Laufe des Lebens geändert werden. Schon gar nicht durch einen Eintrag beim Standesamt, auch wenn dieser jährlich möglich ist. Die Geschlechtschromosomen werden zum Zeitpunkt der Befruchtung im Mutterleibe festgelegt und lassen sich nicht durch Gefühle noch durch staatliche Behörden ändern. Ein Staat, der sich selbst zum Schöpfer über die Geschlechtlichkeit erhebt, raubt Gott die Ehre und ist damit zum Scheitern verdammt. Denn Identität findet man allein in Christus.
1 Bei Kindern darf die Diagnose Geschlechtsdysphorie nach ICD-10 gestellt werden, wenn diese sich seit mindestens drei Monaten dem anderen Geschlecht zugehörig empfinden und ein Leidensdruck besteht. Bei Erwachsenen muss die Dysphorie mindestens seit sechs Monaten vorliegen. C. Heil, Dorsch Lexikon der Psychologie, Hogrefe Verlag, 2021. Siehe https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/geschlechtsdysphorie abgerufen am 03.06.2024 2 J. Cantor, Do trans- kids stay trans- when they grow up? 2016. http://www.sexologytoday.org/2016/01/do-trans-kids-stay-trans-whenthey-grow_99.html
3 Eine Affektstörung ist eine Verhaltensstörung, in diesem Fall meint Geschlechtsdysphorie die gestörte Stimmung/das beeinträchtigte emotionale Denken in Bezug auf das eigene Geschlecht. Betroffene Personen empfinden, dass ihr biologisches Geschlecht nicht mit ihrem empfundenen Geschlecht übereinstimmt.
4 https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/presse/pressemitteilungen/aenderung-des-geschlechtseintrages-eine-erklaerung-beimstandesamt-soll-reichen224792 abgerufen am 03.06.2024
5 Olsen et al., Gender Identity Five Years after Social Transition. Pediatrics 150, 2. 2022.
6 Als Transition bezeichnet man den Wechsel vom biologischen Geschlecht in das „empfundene Geschlecht“. Man unterteilt die Transition in soziale und medizinische Maßnahmen. Zur sozialen Transition gehört beispielsweise das Tragen von gegengeschlechtlicher Kleidung oder das Annehmen eines anderen geschlechtsspezifischen Namens. Die medizinische Transition umfasst die Einnahme von Pubertätsblockern und Hormonpräparaten sowie geschlechtsangleichende Operationen.
7 Becerra-Culqui et al., Mental Health of Transgender and Gender Nonconforming Youth Compared With Their Peers. Pediatrics 141, 5, 2018.
8 Kozlowska et al., Australian children and adolescents with gender dysphoria: Clinical presentations and challenges experienced by a multidisciplinary team and gender service. Culture and Attachments. Vol. 1, 1, 2021, S. 70-95.
9 Becerra-Culqui et al., Mental Health of Transgender and Gender
Nonconforming Youth Compared With Their Peers. Pediatrics 141, 5, 2018.
10 L. Littman, Parent reports of adolescents and young adults perceived to show signs of a rapid onset of gender dysphoria, PLOS ONE, 2019.
11 Kozlowska et al., Australian children and adolescents with gender dysphoria: Clinical presentations and challenges experienced by a multidisciplinary team and gender service. Culture and Attachments. Vol. 1, 1, 2021, S. 70-95.
12 Giovanardi et al., Attachment Patterns and Complex Trauma in a Sample of Adults Diagnosed with Gender Dysphoria, Frontiers in Psychology, 2018.
13 Bränström et al., Reduction in Mental Health Treatment Utilization after gender-affirming surgeries: A total population study. Am J Psychiatry, 2020.
14 Van Mol et al. Correction: Transgender Surgery Provides No Mental Health Benefit, 2020.
15 Zitat des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-ueber- die-selbstbestimmung-in-bezug-auf-den-geschlechtseintragsbgg-- 224546 abgerufen am 03.06.2024
16 vergleiche https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/150071/ Neue-S2k-Leitlinie-zu-Geschlechtsinkongruenz-und-dysphorie-im- Kindes-und-Jugendalter-vorgestellt abgerufen am 27.05.2024
17 Leitlinien Einstufung siehe https://www.awmf.org/regelwerk/ stufenklassifikationen abgerufen am 04.06.2024
18 Zitat Cecilia Dhejne unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/ 150071/Neue-S2k-Leitlinie-zu-Geschlechtsinkongruenz-unddysphorie- im-Kindes-und-Jugendalter-vorgestellt abgerufen am 28.05.2024
19 Zitat „Studies in gender medicine fall woefully short in terms of methodological rigour. The methodological bar for gender medicine studies was set too low, generating research findings that are therefore hard to interpret.” in K. Abbasi, The Cass review: an opportunity to unite behind evidence informed care in gender medicine, BMJ, 2024.
20 Als Follow-Up bezeichnet man die Kontrolle des zu untersuchenden Studienmerkmals nach einem vorher im Studiendesign festgelegten Zeitraum, zum Beispiel erneute Blutdruck Messung nach zwölf Wochen bei Gabe eines neuen Blutdruckmedikaments.
21 H. Cass, Independent review of gender identity services for children and young people: Final report, 2024. https://cass. independent-review.uk/wp-content/uploads/2024/04/CassReview_Final.pdf abgerufen am 08.06.2024
22 Zitat „Your final report will not just shape the future of healthcare in this country for children and young people experiencing gender distress but will be of major international importance and significance.” unter https://segm.org/Final-Cass-Report-2024-NHS-Response- Summary abgerufen am 08.06.2024
23 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/143851/Genderdysphorie- England-schraenkt-Verordnung-von-Pubertaetsblockern-ein abgerufen am 08.06.2024
24 Zitat Prof. Wiesemann in der Stellungnahme zur neuen S2k-Leitlinie https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/150071/Neue-S2k-Leitlinie-zu-Geschlechtsinkongruenz-und-dysphorie-im-Kindes-und-Jugendalter-vorgestellt abgerufen am 27.05.2024
25 Ebd.
26 M. Twohey, They paused puberty, but is there a cost? 14.11.2022. New York Times.
27 M. Biggs, Revisiting the effect of GnRH analogue treatment on bone mineral density in young adolescents with gender dysphoria. J. Pediatric Endocrinology and Metabol. 2021.
28 P. Hayes, Commentary: Cognitive, Emotional, and Psychosocial Functioning of Girls Treated with Pharmacological Puberty Blockage for Idiopathic Central Precocious Puberty. 2017.
29 vollumfänglich meint in diesem Fall nach stattgefundener sozialer und medizinischer Transition
30 L. Littmann, Maladaptive coping-mechanism, Parent reports of adolescent and young adults perceived to show signs of a rapid onset of gender dysphoria, PLOS ONE, 2018.
31 Dhejne et al., Long-Term Follow-Up of Transsexual Persons Undergoing Sex Reassignment Surgery: Cohort Study in Sweden. PLOS ONE, 2011.
32 Zitat Prof. Korte https://www.emma.de/artikel/trans-kinder-einmedizin- skandal-340959 abgerufen am 05.06.2024
33 Zitat Alice Schwarzer in einem Interview mit dem SPIEGEL am 22.08.2023, https://www.aliceschwarzer.de/artikel/trans-zu-sein-istmode- und-die-groesste-provokation-340581 abgerufen am 03.06.2024
34 vergleiche J. Koberschinski, Frühkindliche Störungen der Geschlechtsentwicklung, CDK Magazin Nr. 88, 2023.
Selbstliebe – Gebot oder Fallstrick?
Selbstliebe – Gebot oder Fallstrick?
Autor: Joel Winter
Das Konzept der Selbstliebe durchdringt viele Bereiche der modernen Gesellschaft. Menschen kommen sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld mit dem Konzept der Selbstliebe in Kontakt, vor allem im therapeutischen Bereich der Psychologie, Psychiatrie und Seelsorge. Der Trend der Selbstliebe prägt viele Bücher und ist zentraler Bestandteil sogenannter Coaching-Sessions sowie von Meditationen und Yoga. Aber auch die christliche Welt ist von diesem Einfluss nicht unerfasst geblieben. Prominente Prediger und Pastoren haben dieses Konzept aufgenommen und tragen es an ihre Zuhörerschaft weiter.
1. HISTORISCHE EINORDNUNG:
Der Begriff der Selbstliebe wurde maßgeblich im letzten Jahrhundert geprägt. Als führender Autor ist hier Erich Fromm (1900-1980), ein humanistischer Psychoanalytiker, zu nennen. Fromm wurde seiner jüdisch-orthodoxen Erziehung zum Trotz in seinen Studien unter anderem stark von Sigmund Freud und Karl Marx geprägt. In seinen Mittzwanzigern nahm er das humanistisch-evolutionistische Weltbild an und schrieb fortan zahlreiche Bücher, zum Beispiel „Psychoanalyse und Ethik“. Das humanistische Menschenbild betrachtet den Menschen als intrinsisch gut und in seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten als nahezu unbegrenzt. Der Mensch könne seiner eigenen Vernunft vertrauen und mithilfe dieser Vernunft gültige, ethische Normen aufstellen. Er sei die oberste Instanz. Fromms Menschenbild wird anhand des folgenden Zitats deutlich: „Vom humanistischen Standpunkt gibt es nichts Höheres und nichts Erhabeneres als die menschliche Existenz.“1 Er wetterte gegen die Vorstellung, dass der Mensch einer innewohnenden Bosheit unterworfen ist und konstatierte, dass die biblische Doktrin von der Verdorbenheit des Menschen Selbsthass und Selbstverachtung als Folge mit sich bringe. Schlussendlich resümiert Fromm, dass die fehlende Liebe zum eigenen Ich für die gesellschaftlichen Probleme seiner Zeit verantwortlich sei: „Das Versagen unserer Kultur liegt […] nicht darin, dass sie zu selbstsüchtig [ist], sondern dass sie sich selbst nicht genug [liebt].“2 Andere Verfechter der Selbstliebe, wie Romano Guardini oder Walter Trobisch, führten diese Gedanken weiter.
2. Was meint Selbstliebe?
Bei genauerer Analyse des modernen Verständnisses von Selbstliebe lassen sich drei Grundvoraussetzungen benennen:
1. Der Mensch hat keine angeborene Selbstliebe, sondern muss sie erst aktiv erlernen.
2. Aus diesem Mangel an Selbstliebe entstehen große seelische Nöte und Probleme.
3. Liebe zur eigenen Person ist die Bedingung für Liebe zu anderen Menschen.3 Die Selbstliebe meint das Hegen von positiven Gefühlen gegenüber dem eigenen Ich unter Vorzeichen eines humanistischen Menschenbildes. Dabei wird die Fokussierung auf das Ich und die eigenen Bedürfnisse besonders betont. Die bewusste Förderung des Selbst biete dabei die Lösung für etwaige seelische Probleme. Die Bewältigung des Lebens geschehe aus eigener Kraft, indem der Einzelne sich das Gute, was vermeintlich in der eigenen Person steckt, bewusst macht und fördert. In der Literatur findet man neben dem Begriff der Selbstliebe zahlreiche weitere Begriffe wie Selbstannahme, Selbstfürsorge oder Selbstakzeptanz, die zwar von Autor zu Autor mit geringfügig divergierenden Bedeutungen versehen werden, aber grundsätzlich für den gleichen Grundgedanken stehen. „bedingungslosen Annahme“. Durch die bedingungslose Akzeptanz des Therapeuten dem Klienten gegenüber, könne der Klient eine gesunde und heile Beziehung zu sich selbst aufbauen.
3. Klientenzentrierte Therapie von Carl Rogers
Über die Jahre entwickelte sich das Konzept der Selbstliebe weiter. Der Psychotherapeut Carl Rogers bildete aus Fromms Theorem eine Methode, die in der Praxis angewendet werden konnte. Entsprechend wird erkennbar: „Fromm hat formuliert, spekuliert, und theoretisiert; Rogers praktiziert.“4 Rogers lehrte, dass jedem Menschen ein Drang zur Selbstverwirklichung innewohnt. In der Folge sei es der Ratsuchende, der am besten wisse, was ihm fehle, und nicht der Therapeut. Der Behandler ist in Rogers Therapie als Hilfesteller tätig, er agiert bewusst nondirektiv, also nicht lenkend. Streng zu vermeiden seien dabei Aufforderungen wie: „Sie sollten jenes tun oder lassen.“5 Besonderes Augenmerk verdient in diesem Zusammenhang der von Rogers geprägte Begriff der
4. Coaching-Hype
In vergleichbarer Weise präsentieren sich die Methoden des sogenannten Coachings. Hierbei handelt es sich um Beratungseinheiten für verschiedene Zielsetzungen, Gruppen und Personen. Während Coaching in Unternehmen zur Führungskräfteschulung schon weit verbreitet ist, hält es auch im privaten Bereich immer mehr Einzug. Das Coaching soll dem Ratsuchenden helfen, sich selbst zu reflektieren und mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu setzen. Der Coach versucht, dem Klienten seine Eigenschaften und Möglichkeiten zu spiegeln, damit der Klient sich der eigenen Stärken bewusst wird und eigene Lösungen entwickeln kann. Der Coach nimmt eine neutrale Position ein und unterstützt sowohl in der Zielsetzung als auch in der Umsetzung von Strategien die Autonomie des Klienten. „Die derzeitigen Coachingkonzepte enthalten zumeist eine Kombination von allgemein-psychologischen, kognitiv verhaltensorientierten, psychodynamischen und systemischen Techniken, modifiziert durch die Lebenserfahrung und Weltanschauung der Coaches.“20 Meditation, Yoga und Alltagspsychologie Nicht nur der therapeutische Bereich, sondern auch das Privatleben wird von der Philosophie der Selbstliebe geprägt. So sind viele Yoga- und Meditationsangebote stark auf das Ich ausgerichtet. Der Meditierende soll „in sich hineinhorchen“ und auf die eigenen Körperfunktionen achten, wie zum Beispiel den Atem.6 Durch die Beschäftigung mit der eigenen Person sollen Spannungen gelöst und innere Veränderungsprozesse angestoßen werden, sodass das vermeintlich Gute im Menschen hervorkommt. Weitere populärpsychologische Ratschläge beinhalten beispielsweise eine Taktik, die an die Geschichte des Narzissus erinnern lässt, soll man doch in den Spiegel schauen und dem Gegenüber dort laut seine Liebe bekunden. Kritik an eigenen Wegen solle vermieden werden, vielmehr seien es Komplimente, die der Einzelne sich geben solle.7
5. Selbstliebe in der Christenheit und biblische Einordnung
Die Philosophie der Selbstliebe konnte sich zunehmend über Predigten, Seelsorge und Bücher in der christlichen Welt ausbreiten. Zu dieser neuen Literatur zählen auch die Werke von Joyce Meyer, einer US-amerikanischen Rednerin mit großer medialer Reichweite. Ein Titel ihrer zahlreichen Online-Predigten lautet zum Beispiel „Selbstannahme – Du bist voll in Ordnung“.8 Folgende Aussagen vermitteln einen Eindruck von Meyers Glaubensverständnis und Menschenbild: „Liebt ihr euch selbst? Habt ihr eine gute Beziehung zu euch selbst?“ oder „Ich erlaube euch, euch selbst zu mögen!“9 Aber auch an anderer Stelle wird Meyers egozentrische Theologie deutlich: „Deshalb will ich unbedingt Menschen helfen, das Leben zu genießen, denn dafür ist Jesus gestorben.“10 Die Stoßrichtung des biblischen Befundes steht dem diametral entgegen, was wir beispielsweise in 2. Korinther 5,15 lesen: „Und Jesus ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist.“ Den Grund, warum dennoch viele begeistert Meyers Vorträgen lauschen, hat bereits der Reformator Johannes Calvin vor 500 Jahren beschrieben: „Und so ist auch jeder, der die Vorzüge der menschlichen Natur mit seinen Reden kräftig herausgestrichen hat, zu allen Zeiten mit gewaltigem Beifall aufgenommen worden.“11 Auch Calvin sah in seiner Zeit Entwicklungen von Eigenliebe in der Gesellschaft: „Denn wir sind ja alle aus furchtbarer Blindheit in Selbstliebe versunken – und deshalb glaubt jeder, einen gerechten Grund zu haben, sich selbst zu erheben […].“12 Ergänzend führt der Theologe Dr. John Stott über christlich „verkleidete“ Selbstliebe aus, dass „ein vielstimmiger Chor heute einstimmig singt, ich müsse mich um jeden Preis lieben, dass Selbstliebe ein Gebot ist, das am meisten vernachlässigt wird, und die der Liebe zu Gott und zum Nächsten hinzugefügt werden muss.“13 So bezeichnet auch Joyce Meyer Selbstliebe als zwingende Bedingung für Nächstenliebe: „Wer andere lieben will, muss sich zuerst selbst lieben.“14 Sie beruft sich auf Matthäus 22,39 (und 3. Mose 19,18), wo es heißt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Interessanterweise war der erste, der mit dieser Bibelstelle die moderne Selbstliebe propagierte, kein Christ, sondern der Psychoanalytiker Erich Fromm.15 Aber auch Walter Trobisch, lutherischer Pastor und Autor, zieht den gleichen Schluss: „Nur wer sich selbst liebt, kann den anderen lieben.“16 Wer die genannten Bibelstellen einer gründlichen Exegese unterzieht, wird feststellen, dass die Verfechter der Selbstliebe ihre Gedanken in die Bibel hineinlegen, statt sich von der Bibel lenken und korrigieren zu lassen. Zum einen spricht Jesus explizit von zwei höchsten, nicht von drei Geboten. Jesus geht also bei uns Menschen davon aus, dass wir eine schon vorhandene Selbstliebe in uns tragen. Zum anderen macht die Bibel klar, dass unsere Fähigkeit, den anderen gottgemäß zu lieben, nicht aus der praktizierten Selbstliebe kommt, sondern daher, dass Gott uns seine Liebe geschenkt hat: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ (1. Johannes 4,19) Der Theologe J. I. Packer hilft bei der Einschätzung der christlichen Selbstliebe-Literatur: „Die modernen Christen verteilen eine dünne Schicht biblischer Lehre über eine Mischung aus volkstümlicher Psychologie und gesundem Menschenverstand, aber ihr allgemeiner Zugang zu der Sache spiegelt ganz klar Narzissmus wider, Egoismus und Selbstbezogenheit, eben die typisch weltliche Art des modernen Westens.“17 Ein weiteres wichtiges Argument gegen Selbstliebe finden wir in der Ankündigung der Bibel, dass in „schlimmen Zeiten“ die Menschen sich selbst lieben werden: „Das aber sollst du wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden. Denn die Menschen werden sich selbst lieben, geldgierig sein, …“ (2. Timotheus 3,2; vergleiche auch Lukas 9,23; Johannes 12,25; Offenbarung 12,11).
5. Wie soll ein Christ von sich denken
Wenn ein Christ aus oben genannten Gründen nicht den Weg der Selbstliebe einschlagen möchte, bleibt ihm dann nur die Alternative des Selbsthasses und das ständige Niedermachen der eigenen Person? Die biblische Alternative stellt eine andere dar. Der berühmte Theologe A. W. Tozer hat es treffend ausgedrückt: „Der siegreiche Christ jubiliert nicht über sich selbst, aber erniedrigt sich auch nicht. Sein Hauptinteresse ist von sich selbst auf Christus übergegangen.“18 Sowohl Selbsthass als auch Selbstliebe sind auf das Ich ausgerichtet.19 Ganz frei von allen Selbstbezügen wird nur derjenige,
der sich um Jesus Christus dreht. Ein Christ kann nach dem Motto des Galaterbriefes leben: „Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Die Lösung besteht also darin, im Blick auf den Erlöser „sich selbst zu vergessen“. Alle übertriebenen Gedanken der Selbstliebe werden verblassen, wenn ein Mensch denjenigen zum Mittelpunkt hat, für den er wirklich erschaffen wurde und sich auf ihn und sein Wort ausrichtet. „Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern auf das des anderen.“ (Philipper 2,3–4) Ein Christ sollte sich nicht im Prachtkleid von durch Selbstliebe gefördertem Hochmut und Stolz zeigen, sondern im schlichten Gewand der Demut: „Ihr alle sollt euch gegenseitig unterordnen und mit Demut bekleiden.“ (1. Petrus 5,5) Der beständige Blick auf Gott ermöglicht es, für die eigenen natürlichen Bedürfnisse zu sorgen, ohne einer Selbstliebe anheim zu fallen, die den Menschen zum Mittelpunkt macht.
[1] Fromm, Erich: Psychoanalyse und Ethik – Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie. München. dtv. 1985. S. 21. [2] Ebd., S. 111.
[3] Trobisch, Walter: Liebe dich selbst. Wuppertal. R. Brockhaus Verlag. 1986. S. 9.
[4] Brownback, Paul: Selbstliebe – Eine biblische Stellungnahme. Asslar. Herold-Bücher im Verlag Schulte+Gerth. 1988. S. 77.
[5] Ebd., S. 78.
[6] Morrison, Mady: Geführte Meditation für Entspannung & Zufriedenheit. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=mn-KTgQnYg0, zuletzt abgerufen am 31.05.2024.
[7] Jeanmaire, Tushita M. in: GlücksPost Nr. 46, 16. November 2006, S. 38.
[8] Meyer, Joyce: Selbstannahme – Du bist voll in Ordnung. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=Gz_R15KJVyc, zuletzt abgerufen am 31.05.2024.
[9] Brenscheidt, Thorsten: Spürst du Gott schon oder liest du noch die Bibel? Lage. Lichtzeichen Verlag. 2014. S. 203-210.
[10] Meyer, Joyce: Mit Leidenschaft und Zielen leben. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=H026DDSz2PA, zuletzt abgerufen am 03.06.2024.
[11] Calvin, Johannes: Institutionen der christlichen Religion. Neukirchen- Vluyn. Neukirchener Verlag des Erziehungsvereins. 1984. S. 134.
[12] Ebd. S. 448.
[13] Nannen, Els: Selbstliebe und Selbstannahme. Abrufbar unter: https://horst-koch.de/selbstliebe-e-nannen/ zuletzt abgerufen am 31.05.2024.
[14] Brenscheidt, Thorsten: Spürst du Gott schon oder liest du noch die Bibel? Lage. Lichtzeichen Verlag. 2014. S. 204.
[15] Fromm, Erich: Psychoanalyse und Ethik – Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie. München. dtv. 1985. S. 104.
[16] Trobisch, Walter: Liebe dich selbst. Wuppertal. R. Brockhaus Verlag. 1986. S. 14.
[17] Hunt, Dave: Rückkehr zum biblischen Christentum. Bielefeld. clv. 1988. S. 182.
[18] Hunt, Dave: Die Verführung der Christenheit. Bielefeld. clv. 1987. S. 201.
[19] Brownback, Paul: Selbstliebe – Eine biblische Stellungnahme. Asslar. Herold-Bücher im Verlag Schulte+Gerth. 1988. S. 133.
[20] Holm-Hadulla, R. Coaching. Psychotherapeut Nr. 47, S. 241-248, 2002. abgerufen am 11.07.2024 unter https://doi.org/10.1007/s00278-002-0236-7
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